Ein Beitrag von Herwig Schafberg

Weihnachten naht und damit das Fest, an dem eigentlich Christi Geburt gefeiert werden sollte. Und es fügt sich, daß nach unserer Zeitrechnung dieses Jahr zu Beginn des Weihnachtsmonats – am 1. Dezember – ein anderer Religionsstifter Geburtstag hat: Mohammed, den die Muslime für den letzten Gesandten Gottes halten.

Jesus Christus wollte sich damit begnügen, seine Anhänger ideell auf das „Reich Gottes“ vorzubereiten, Mohammed hingegen materielle Voraussetzungen für das Reich schaffen, indem er eine Herrschaftsordnung nach den „Gesetzen Gottes (Allahs)“ aufbaute.

Er beseitigte zwar nicht die patriarchalisch strukturierte Sklavenhaltergesellschaft Arabiens und hätte vermutlich auch keinen Erfolg gehabt, wenn er es versucht hätte; doch er setzte für die bis dahin völlig rechtlosen Frauen und Sklaven Rechte durch, von denen weibliche und versklavte Leidensgenossen im christlichen Abendland bestenfalls im Hinblick auf Zustände im Jenseits träumen konnten.

Insofern kann man besonders die Lage der Frauen im Islam, die aus heutiger Sicht rückständig erscheinen mögen, zur Zeit des Wirkens von Mohammed durchaus als fortschrittlich ansehen.

Im übrigen gewährte Mohammed mit dem Abkommen von Medina Andersgläubigen in einem Maße Religionsfreiheit, das christliche Herrscher bis tief in die Neuzeit Andersgläubigen nicht einräumen mochten. Und diese Einschätzung wird nicht dadurch falsch, dass dieser Gründer der islamischen Herrschaftsordnung zur „Verteidigung des Islam“ Repressalien vorsah und so Vorgaben machte, auf die sich islamistische Dschihadisten bis heute in ihrem Kampf gegen „Ungläubige“ berufen.

Während viele Muslime kaum ein Problem damit haben, die kultischen Bräuche Andersgläubiger zu akzeptieren und bei uns teilweise sogar Weihnachten mitfeiern, ist es für manche Glaubenseiferer in ihren Reihen schon eine Sünde, Christen an Weihnachten zu beglückwünschen.

Und das ist eine Tendenz, die zunimmt, seitdem der schwere dunkle Schleier des Islamismus sich über den Orient senkt, die alte kulturelle Vielfalt unter sich begräbt und sich auch in Europa ausbreitet.

1Seine ersten Erfolge in jüngerer Zeit hatte er mit der islamischen Revolution im Iran, wo seitdem religiöse Toleranz vergleichsweise repressiv ausgeübt wird und kaum noch das vorstellbar ist, was Horst Stasius beschert wurde, als er mit seinem Freund Heinz Kaulmann auf der gemeinsamen Weltreise mit dem Tandem Weihnachten 1955 sowie den Jahreswechsel im Iran verbrachte.

Nachzulesen ist es in dem Buch über die „Weltreise auf den Spuren von Entdeckern, Einwanderern und Eroberern“:

 

Am 15. Dezember 1955 fuhren wir über die persische Grenze. ´Jetzt sind wir im Land der Kaiserin Soraya`, sagte Heinz. ´Ob sie uns wohl empfangen wird?`

Immer höher zog sich die Straße hinauf ins verschneite Gebirge. Wir bereuten bitter, keine Winterkleidung mitgenommen zu haben und wickelten uns Tücher um die nackten Knie. An Fahren war bei dem Wetter nicht mehr zu denken. Einen halben Tag lang schoben wir das Rad bergauf durch den Schnee. Wenn wir anhielten, mußten wir vorsichtig die angefrorenen Hände vom Lenker lösen. So kalt war es! Manchmal stießen wir auf kleine Ortschaften, in denen wir Unterschlupf fanden und uns ein wenig ausruhen konnten. In den Lehmhütten der freundlichen persischen Bauern war es zwar rauchig und stickig, aber bedeutend wärmer als in unserem Zelt.

Endlich erreichten wir krank und schwach Teheran. Dort warfen mich Brechdurchfall und hohes Fieber gleich am ersten Tag auf der Straße um. Ehe Heinz sich überlegt hatte, was er mit mir anfangen könnte, hielt neben uns ein Jeep. Ein Offizier der persischen Armee sprang heraus. ´Darf ich helfen? Sind Sie Amerikaner?` fragte er. ´Deutsche`, antwortete Heinz, ´wir sind auf der Durchfahrt. Und nun ist mein Freund krank.` Der Offizier warf einen Blick in mein Gesicht. ´Der Junge muß sofort ins Krankenhaus!` sagte er besorgt, nahm mich unter die Arme und schleppte mich zu seinem Jeep. ´Und Sie fahren mit ihrem komischen Rad zum Sportstadion`, rief er Heinz zu. ´Sagen Sie dort, Colonel Bahamas hätte Sie geschickt. Man wird Sie und Ihr Gepäck dort sicher unterbringen. Morgen kommen Sie ins Krankenhaus und besuchen Ihren Freund,` setzte er hinzu, während er schon den Wagen startete. ´In welches Krankenhaus?` konnte Heinz ihm gerade noch zurufen. ´Das Militärlazarett`, rief der Offizier, ´Abteilung für Offiziere,` und brauste mit mir davon.

Heinz hatte den Eindruck, als ob gerade so etwas ein Wunder geschehen wäre. Ein fremder Mann in einem fremden Land kümmerte sich spontan um seinen Gefährten. ´Heiligabend`, murmelte er, sich plötzlich an das Datum erinnernd, ´heute ist ja Heiligabend!`

Ich hatte Amöbenruhr. Gott sei Dank, daß wenigstens Heinz gesund blieb und mich täglich in der Klinik besuchte. ´Prost Neujahr!` Mit diesen Worten trat Heinz am ersten Januar in mein Zimmer. Überrascht sah er auf den Tannenbaum, der neben meinem Bett stand. ´Stell dir vor`, erzählte ich, ´heute morgen kamen ein paar Schwestern, wünschten mir mit auswendig gelernten Worten Frohe Weihnachten und bauten den Baum hierher.` ´Die guten Leute haben sicher Weihnachten und Neujahr verwechselt,` meinte Heinz. ´Wieso?` fragte ich. ´Ganz einfach, ihr eigenes neues Jahr beginnen und feiern sie am 21. März. Doch sie wußten wohl, daß die christliche Welt am ersten Januar irgend etwas feiert, und da haben sie wohl geglaubt, es sei Weihnachten.`

Eines Tages kam der Arzt in Begleitung des Colonels an mein Bett. ´Morgen werden Sie entlassen`, übersetzte der Colonel. ´Aber nicht sofort weiterfahren, sondern erst in Teheran erholen und die Strenge des Winters vergehen lassen. Sie können wie Ihr Freund so lange im Sporthaus wohnen.` ´Was ist mit der Krankenhausrechnung?` fragte ich besorgt. Der Colonel winkte ab. ´Das bezahlt die iranische Armee.` Ich konnte das kaum glauben und staunte noch mehr, als ich hörte, wie rührend die Armee in der Zwischenzeit rundum für das leibliche Wohl von Heinz gesorgt hatte – einschließlich eines Bordellbesuchs auf Kosten des Colonel.

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Die beiden Weltreisenden mit Colonel Bahamas in Teheran (Quelle und Urheber: Horst Stasius)

Inzwischen hatte auch die Presse von unserer Weltreise erfahren und lud uns zu Interviews ein. Da wir knapp bei Kasse waren, bot ein Zeitungsverlag uns an, daß wir ein paar hundert Ausgaben der Zeitung, in der ein Interview mit uns zu lesen war, auf der Straße verkaufen und das Geld, das wir einnahmen, behalten könnten. Das Angebot nahmen wir gerne an – zum Entsetzen der deutschen Botschaft, die sich Sorgen um das Ansehen Deutschlands im Iran machte, wenn Deutsche nicht wie gewohnt als Wissenschaftler oder als Ingenieure aufträten, sondern als Zeitungs-verkäufer auf der Straße. Doch wir wollten ein bißchen Geld verdienen und nicht nur auf die Großzügigkeit der iranischen Armee angewiesen sein.

Die Armee gehörte zu den verläßlichen Stützen des Schahregimes im Iran. Aus ihr war Reza Schah hervorgegangen, der ähnlich wie Kemal Atatürk im türkischen Nachbarland als hoher Offizier mit ihm ergebenen Truppen das Herrscherhaus gestürzt hatte. So wie Atatürk die Türkei wollte auch er sein Land in einen säkularen Nationalstaat umwandeln, der unter ihm den Namen Iran erhielt. Er wollte wie jener den Einfluß der islamischen Geistlichkeit beseitigen und die Gesellschaft sowie den Staat nach westlichem Muster modernisieren, entschied sich jedoch nicht für eine republikanische Staatsform, sondern ließ sich zum Schah-in-Schah wählen und benannte seine Dynastie nach der mittelpersischen Sprache Pahlavi (1925)…“

Daß der Einfluß der Geistlichkeit stark genug blieb, um ein paar Jahrzehnte später zum Sturz des säkular orientierten Schah-Regimes und zur Konstituierung der Islamischen Republik beizutragen, war noch nicht abzusehen, als Horst Stasius sowie Heinz Kaulmann im Laufe des Jahres 1956 mit Ihrem Tandem durch den Iran nach Pakistan sowie Indien und von dort mit dem Schiff weiter nach Indonesien fuhren.

Der indonesische Islam galt lange Zeit als relativ gemäßigt; doch insbesondere auf der Insel Sumatra setzte sich in jüngster Zeit der Islamismus und mit ihm ein strenger Sittenkodex sowie ein daraus abgeleitetes Strafrecht durch, das unter anderem Strafen für diejenigen vorsieht, die sich „unsittlich“ im Sinne dieses Kodex verhalten. So können etwa unverheiratete Paare, die auf einer Parkbank zu nahe beieinander sitzen und dabei von amtlich bestellten Hosenstallschnüfflern erwischt werden, mit einer öffentlich vollzogenen Auspeitschung bestraft werden.

Unsittlich“ in diesem Sinne sind vermutlich vor allem die Zustände, die Horst Stasius sowie Heinz Kaulmann auf der nichtislamischen Insel Bali vorfanden, wo sie in Begleitung von zwei anderen jungen Deutschen Ende 1956 landeten und dort Weihnachten feierten:

Wir nahmen unsere Rucksäcke und zogen los in einen Wald voller Palmen. Wir brauchten nicht lange zu gehen, bis wir die ersten Hütten sahen. Sie waren aus Palmenblättern gebaut. Ein braungebranntes nacktes Kind sah uns und schrie erstaunt auf. Ein Mann erschien und starrte uns verwundert an – und dann noch einer. Bald darauf erschienen zwei Frauen, deren Oberkörper unverhüllt waren. Die Balinesen verbeugten sich. Wir verbeugten uns ebenfalls und sagten im Chor: ´Selamat siang (Friede Eurem Tag)`. ´Selamat siang`, antworteten sie. Nun erschien eine dritte Frau – ihr Kind stillend, während sie uns bestaunte. Und wir staunten auch.

Heinz versuchte, durch Zeichen anzudeuten, daß wir Durst hätten. Die Dorfbewohner lachten, schienen aber verstanden zu haben; denn ein Mann lief los und kam mit Kokosnüssen zurück, in die er mit einem scharfen Haumesser jeweils ein Loch schlug. Dann reichte er uns die Nüsse, und wir tranken die köstlich erfrischende Milch daraus.

Anschließend begann ein Palaver, bei dem die einen wie die anderen kein Wort verstanden, aber die Balinesen taten so, als ob sie nun über uns Bescheid wüßten, und brachten uns zum Kapaladessa, dem Dorfältesten, der uns mit Abendessen und einer Unterkunft zum Schlafen versorgte.

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Zwei landestypisch barbusige Balinesinnen (Quelle und Urheber: Horst Stasius)

Wir legten uns zeitig zum Schlafen hin, denn wir waren sehr müde. Aber schon nach kurzer Zeit wurden wir von Musik geweckt und blickten aus der Hütte, die man uns gegeben hatte. Schräg gegenüber spielte eine balinesische Kapelle. Im Schein der Öllampen sahen wir ein junges Mädchen tanzen. Im Nu waren wir hellwach und gingen hinüber. Um die Tanzfläche saßen die Dorfbewohner auf dem Boden. Als wir erschienen, besorgten sie uns eine Bank.

Das Mädchen tanzte allein, versuchte aber, einen jungen Burschen zum Mittanzen zu bewegen. Ihr folgten andere Mädchen, die nacheinander tanzten und sich ebenso jeweils einem der am Boden hockenden Burschen zuwandten, ihm mit dem Fächer auf die Schulter tippten. Das war eine Aufforderung zum Tanzen, der manche folgten. Sie durften das Mädchen aber während des Tanzes nicht berühren.

Der Höhepunkt kam, als eine hübsche Balinesin auf Heinz zutanzte. ´Damenwahl`, rief Alfred und stieß Heinz in die Rippen. ´Um Himmels willen`, wollte der abwehren. Aber die Balinesin stand schon vor ihm und schlug ihm leicht mit dem Fächer auf die Schulter. Alle starrten auf Heinz. Konnte er ablehnen und würde sie beleidigt sein, falls er ihr einen Korb gab? Doch Heinz kam der Aufforderung zum Tanzen nach und die Eingeborenen klatschten Beifall. Solche Annäherungen wären in den muslimisch sozialisierten Männergesellschaften auf den Nachbarinseln kaum vorstellbar.

Es wurde ja schon im Zusammenhang mit der Hochzeit in Haidarabad darauf hingewiesen, daß Shiva Liebhaber der Göttin Shakti (Sati) war. Er war es, der von der Göttin offen umworben wurde wie in diesem balinesischen Dorf die jungen Männer von den Tänzerinnen. Und Shiva wurde von der Göttin verführt wie die Männer von den Musuo-Frauen im Süden Chinas, der Urheimat austronesischer Einwanderer auf den Inseln des malaiischen Archipels einschließlich Bali. Musuo-Frauen haben bis zur Moderne den alten Brauch gepflegt, sich einem Mann tanzend zu nähern und ihn mit solcher Kunst der Erotik auf ihre Matte zu locken. Ob bzw. inwieweit die balinesische Schönheit den blondgelockten Heinz ebenfalls so weit verführen wollte, werden wir nie erfahren; denn er setzte sich nach einigen Takten.

Am nächsten Tag wurden wir in einem anderen Dorf Augenzeuge eines Tanzes im Tempel, bei dem ein etwa neunjähriges Mädchen dem Gott Shiwa Opfer darbrachte. Wie uns erzählt wurde, fände man solche Tempeltänze hauptsächlich im Süden der Insel.

Wir wollten jedoch nach Singaradja im Norden von Bali; denn dort gab es eine kleine christliche Gemeinde, mit der wir auf Einladung des dortigen Bischofs Weihnachten feiern wollten. Das hatten wir schon seit zwei Jahren nicht mehr getan…

Das Weihnachtsfest in Singaradja war wunderschön: Ein Weihnachtsbaum, Gebäck, Mitternachtsmesse und Krippenspiel – es fehlte nichts davon. Die balinesischen Christen konnten sogar Weihnachtslieder auf Deutsch singen. Doch am meisten beeindruckte uns das Krippenspiel der Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren. Sie spielten mit der gleichen Hingabe, mit der andere Kinder in den Tempeln ihrer Götter tanzten. Wenn es im Spiel fröhlich zuging, lachten sie. Und wenn sie traurig sein sollten, dann weinten sie. Dieses ´grüne Weihnachten` mit Sonne, Palmen und Bananenstauden statt Kälte und Schnee wurde für uns zu einem unvergeßlichen Erlebnis.

Am zweiten Weihnachtstag verabschiedeten wir uns… Auf dem weiteren Weg kamen wir wie zuvor an Tempeln mit in Stein gehauenen Dämonen vorbei, die schaurig aussahen.

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HinduistischerTempel auf Bali (Quelle und Urheber: Horst Stasius)

Auf Bali sind die Dächer vieler Tempel wie Stufenpyramiden angelegt. Sie sollen symbolisch einen ´heiligen Berg` darstellen, der in der balinesischen Mythologie von herausragender Bedeutung ist. In der weit verbreiteten Heiligung von Bergen verbindet sich der Götterglaube mit dem Ahnenkult, nach dem in ´heiligen Bergen` die Seelen Verstorbener ruhen…

Auf dem Weg nach Karangasem kamen wir an einem vulkanischen Berg vorbei, dessen Spitze bis in die Wolken hineinragte. Da Heinz eine Landkarte dabei hatte, wußte er: ´Das ist der Gunung Agung, fast dreitausendzweihundert Meter hoch. Er ist für die Balinesen der Nabel der Welt.` In der balinesischen Mythologie steht der Gunung Agung symbolisch für den Berg Meru und insoweit als Mittelpunkt der Welt. Die Paläanthropologie nahm das zwar nicht an, vermutete jedoch nach dem Fund des Urmenschen auf Java lange Zeit die Wiege der Menschheit in der indonesischen Inselwelt.

´Bali war der Legende nach ursprünglich eine flache Insel`, erzählte Heinz weiter. ´Als Java vom Islam erobert wurde, zogen die dort nicht mehr geachteten Hindu-Götter nach Bali um. Da Götter aber hohe Throne brauchen, bauten sie Vulkane, von denen der Gunung Agung der höchste und den Balinesen heilig ist. Auf halber Höhe steht der große Besakih, ein Tempel mit hundert Türmen und einem großen Felssteintor`…“

Wenn diese Legende wahr wäre, hätte man zu befürchten, daß die Götter zürnten; denn der Gunung Agung steht derzeit anscheinend kurz vor einem Vulkanausbruch, wie riesige Rauchwolken über dem Berg andeuten. Möge der Zorn der Götter bald verraucht sein!

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5Zum Autor:

Herwig Schafberg ist Historiker, war im Laufe seines beruflichen Werdegangs sowohl in der Balkanforschung als auch im Archiv- und Museumswesen des Landes Berlin tätig, arbeitet seit dem Eintritt in den Ruhestand als freier Autor und ist besonders an historischen sowie politischen Themen interessiert.

Sein letztes Buch erschien bei BoD unter dem Titel „Weltreise auf den Spuren von Entdeckern, Einwanderern und Eroberern“ (ISBN 978-3-7412-4491-9) –

Das Buch kann hier bestellt werden:  Weltreise auf den Spuren von Entdeckern, Einwanderern und Eroberern