TUMULT-Autor Horst G. Herrman hat ein neues Buch bei Manuscriptum veröffentlicht. Hier eine Einstimmung: 

Es gibt eine postreformatorische Belastungsstörung. Sie ist ein Tabu. Wir alle in Deutschland sind Menschen mit Reformationshintergrund; sind – ob protestantisch oder katholisch, gläubig oder ungläubig – angesteckt und infiziert mit Luthers Rechtfertigungslehre:

Fünfhundert Jahre nach ihrer Inkubationszeit ist im fortschreitenden Verlauf natürlich nicht mehr von einer »vollständigen Verworfenheit des Menschen« und einer »geschenkten Gerechtigkeit« die Rede; auch die angemaßte Gottesperspektive dieser Lutherlehre hat nach dem »Tod Gottes« (Nietzsche) viel von ihrer Auto-Suggestivität verloren.

Mit der Apoptose der Rechtfertigungsidee, ihrer gutartigen Selbstauslöschung, ist aber weiterhin nicht zu rechnen, denn der Reformations-Erreger ist Shapeshifter; er wechselt seine Gestalt, das politische Regime, zur Not auch die Konfession; will einfach nicht sterben und freut sich, in der allgegenwärtigen Selbst-Rechtfertigungs-Praxis mit der (de)konstruktivistischen anthropologischen Vorgabe anything goes – der Selbstermächtigung des Menschen – weiterhin quicklebendig zu sein; als konvertierte DNA der Reformation.

23632723_814257828753130_1664665186407081429_oEs ist lohnend, an Nietzsches Anamnese zu erinnern, der im Protestantismus »die halbseitige Lähmung des Christentums – und der Vernunft« ausmachte, ein »Gift«; »die unsauberste Art Christentum, die es gibt, die unheilbarste, die unwiderlegbarste«; und der für diese »einem südländischen Argwohne über die Natur des Menschen« gegenüber feindselige Mentalität die Deutschen verantwortlich machte:

»Wenn man nicht fertig wird mit dem Christentum, die Deutschen werden daran schuld sein«.

Nietzsches Befund einer deutschen Pathologie könnte auch heute noch – abzüglich aller Polemik – durchaus erkenntnisleitend einen Unterschied markieren, wenn eine hypermoralisierte deutsche Gesellschaft 2017 auf die Zielgerade der Lutherdekade einbiegt. Nicht von ungefähr:

Denn das Erbe der Reformation ist Moral; obwohl sich Luther ja eigentlich aller Moral (der guten Werke) entledigen wollte. Will man nicht sagen: »Dumm gelaufen!«, kann man mit Hegel auch von »Dialektik« sprechen, was in unserem Fall auf dasselbe hinausläuft.

Die Resistenz, ja Resilienz des Rechtfertigungs-Erregers im Lauf der Jahrhunderte, seine Adaptions- und Anschlußfähigkeit an alle möglichen Moralisierungsdiskurse, dürfte auch mit der inhärenten Reinheitsagenda zu tun haben, die bereits den vier lutherischen soli zu eigen ist, den berühmten »allein«: »Allein Christus, allein die Gnade, allein die Schrift, allein der Glaube« sorgten von Anfang an für einen ambivalenzfeindlichen systematischen Tunnelblick, der nach Verblassen der Bezugsgrößen solus Christus und sola gratia nurmehr »allein« auf Texttreue und guten Glauben, auf gute Absichten und ein reines Gewissen rekurriert und bei dem das Ich am Ende allein auf sich selbst blickt; selbstrechtfertigend – und in diesem Geist ein Selfie nach dem anderen macht.

Sola scriptura, das bedeutet im aktuellen gesellschaftspolitischen und medialen Kontext: Allein Paragraph 16a GG, allein das kanonisierte Recht auf Asyl ist der hermeneutische Filter zum Phänomen der Masseneinwanderung, keinesfalls der politische, von den Realitäten kontaminierte und womöglich selektierende Blick, welche Einwanderer eigentlich gewünscht und gebraucht werden. Der reformatorische Tunnelblick suspendiert Politik, ja er »befreit« von Politik und erlaubt es, sich der Reinheit der eigenen Absichten zu vergewissern, um darin zu baden.

Im Vollbild der postreformatorischen Belastungsstörung verschmelzen die evangelischen Antipoden: der moralisierende Impetus des Kulturprotestantismus mit dem Jargon der Dialektischen Theologie; die »gute Gesinnung« wird zur »Frage überhaupt«, zur Gewissensfrage: »Ich habe mir nichts vorzuwerfen!« tönt es, Luther-like und Adolf von Harnack mit Karl Barth vereinigend, heil- und »alternativlos«, aus dem zum Pfarrhaus umgebauten Bundeskanzleramt.

Das Buch kann hier bestellt werden: MANUSCRIPTUM

10 Kommentare

  1. Ich bin selber geborene Protestantin, aber schon lange aus der Krche ausgetreten und gehe meinen eigenen spirituellen Weg – abseits von monotheistischen Religionen. Ich habe aber einige Jahre in lateinamerikanischen Ländern gelebt und konnte Folgendes beobachten:
    Der wesentliche Unterschied zwischen einem Katholiken und einem Protestanten besteht darin, daß der Katholik erstmal grundsätzlich von Gott geliebt und angenommen ist. Darum muß er auch nicht unbedingt etwas „leisten“. Gott geht also im katholischen Glauben in VORLEISTUNG.
    Der Protestant dagegen muß sich den Weg ins Himmelreich erst erarbeiten: durch gottgefälliges Tun und tugendhaftes Handeln. Er muß sich durch LEISTUNG beweisen. Schon allein deswegen ist der Protestantismus latent moralistisch und biedert sich viel zu sehr ans Weltliche an. Daher meinte der Soziologe Max Weber auch, daß der Protestantismus die ideologische Grundlage für das Entstehen des Kapitalismus war; der sich am virulentesten in vom Protestantismus geprägten Ländern (England, USA) entwickelte.

    Tatsächlich geht´s im Glauben aber nur um die BEZIEHUNG zwischen Schöpfer und Geschöpf. Glauben ist ein rein seelisch-geistiges Geschehen, das sich im Inneren des Gläubigen abspielt. Das Weltliche spielt keine wesentliche Rolle und ist völlig unwichtig. Gott interessiert es nicht, ob man promoviert ist oder sein Dasein mit Betteln auf der Straße verbringt. Das einzig Wichtige ist es, die seelische „Nabelschnur“ zum Göttlichen zu erleben und immer in Verbindung zu bleiben.

    Zum Moralismus noch der Nachtrag, daß Sigmund Freud ihn als getarnte AGGRESSION entlarvte, die sich einen rationalen Anstrich gibt. So erlebt man die Moralsten ja auch: als penetrante, zudringliche und maßregelnde Meute von Leuten, die einen ungefragt vollseiern. Daher am besten konsequent verbal zurückschlagen. Die Sprache der Aggression verstehen sie schon allein deshalb, weil sie der Motor für ihr eigenes Handeln ist.

    • Sind fremde Wörter im Deutschen immer ekelig?
      In der Regel, aber nur wenn sie dem Angelsächsischen verwandt sind.
      Sag mal Lena, wo stößt was ab? Bitte um Beispüle

      Gruß vom Fufziger ( kein falscher)

  2. Ist das Satire?

    Wie kann die eindeutig von dem Papsttum initiierten, geleiteten und moralisch durchgesetzten Invasion von kulturfremden Massen dem Protestantismus untergeschoben werden??

    „Franziskus entschuldigt sich bei Flüchtlingen“
    „Ihr werdet als Problem behandelt und seid in Wirklichkeit ein Geschenk.“
    http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-04/papst-franziskus-fluechtlinge-eu-entschuldigung

    „Papst Franziskus fordert legale Einreisemöglichkeiten für Flüchtlinge“
    http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.migrationspolitik-papst-franziskus-fordert-legale-einreisemoeglichkeiten-fuer-fluechtlinge.52b29f9e-1fd9-4a1a-85cb-bda98d63ce1d.html

    „Einwanderung: So will Papst Franziskus die Tore Europas öffnen“
    https://www.katholisches.info/2017/08/einwanderung-so-will-papst-franziskus-die-tore-europas-oeffnen-mit-gescheiterten-modellen-einer-multikulti-gesellschaft/

    Diese Liste kann endlos fortgesetzt werden.

    Nicht zu vergessen Kardinal Woelkis blasphemischer „Boots-Kult“:
    https://www.domradio.de/themen/fluechtlingshilfe-und-integration/2017-10-30/koelner-fluechtlingsboot-steht-jetzt-bonn

  3. Freu mich auf das Buch und habe es bereits bestellt. Werde es ungeniert und frei von Moral auf der Couch genießen – auch wenn die vielen versteckten Hinweise und Verweise wahrscheinlich eine Herausforderung werden.

  4. Ein Kurzartikel der Superklasse. Ob wohl ich teilweise Nitzsche gelesen habe, kannte ich seine Äußerungen zum halbseitig gelähmten Christentum noch nicht. Bestens in der Rhetorik und in knapper Form zum krassen Befund der postreformatorischen Belastungsstörung.
    Danke an den Thomisten Berger, Sie sind voll auf meine mitunter vom Weltgetöse verstopften Ohren gestoßen und haben sich Gehör verschafft!

    • Darf ich aushelfen? Sie dürfen niemals Tiefschürfendes oder gar Transzendentes bei den evangelischen Wackeldackeln des politisch korrekten Zeitgeistes vermuten. Sie sind einfach schlicht zur kindlichen Spielschar „Singen und Beten“ der Melonenpartei degeneriert. Man muß sie nur daran hindern, noch mehr Schaden anzurichten. Z.B. mit dem roten Hahn auf Kirchtürmen und Pfarrhäusern.

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