Ein Gastbeitrag von Klaus Erwin Krauss

Während des Pontifikalamtes am Allerheiligenfest in der Berliner St. Hedwigs-Kathedrale gab der Berliner Erzbischof Heiner Koch eine Entscheidung bekannt, die zu tumultartigen Buh-Rufen, aber auch vereinzeltem Applaus bei den Gottesdiensbesuchern führte.

Koch eröffnete den anwesenden Gottesdienstbesuchern, dass das Erzbistum sich entschieden hat, die St. Hedwigs-Kathedrale radikal umzubauen. Ein neuer Schritt in der wechselhaften Geschichte der Kathedrale:

Die nach dem Vorbild des römischen Pantheon erbaute Kirche wurde durch Friedrich den Großen als Teil des Forum Fridericanium konzipiert und durch die Architekten Georg Wenzeslaus von Knobeldorf und Jean Laurent Legeay Mitte des 18. Jahrhunderst erbaut.

1280px-opernplatzhedwigskirche1850Erst 1932 wurde, nachdem Berlin im Jahr 1930 zum eigenen Erzbistum erhoben wurde, der Innenraum der Kirche den Anforderungen einer Bischofskirche angepasst und durch den österreichischen Architekten Prof. Clemens Holzmeister umgebaut.

1943 durch eine Fliegerbombe getroffen und fast völlig niedergebrannt, wurde Mitte der 1950er Prof. Hans Schwippert, ein Schüler des bekannten rheinischen Kirchenbaumeisters Rudolf Schwarz, beauftragt, die Kathedrale wieder aufzubauen und den Innenraum neu zu gestalten.

Schwippert erarbeitete einen Entwurf der in der Kirchenbaugeschichte einmalig ist. Eine große runde Öffnung mit einer breiten Treppenanlage verbindet den Liturgieraum der Kathedrale, mit dem zur Krypta ausgebauten Untergeschoss in der der Märtyrer und NS-Gegner Bernhard Lichtenberg bestattet wurde.

Dieses Konzept wurde und wird als Gesamtkunstwerk gesehen und hat darüberhinaus eine symbolisch wertvolle Bedeutung. Die Toten und Märtyrer sind auch während der Liturgie Teil des gesamten Sakralraums.

Nach über sechzig Jahren wurde am 01. November 2013 durch den jetzigen Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki ein internationaler Architektenwettbewerb ausgelobt, der die Sanierung, aber auch die völlige Neugestaltung des Innenraums beinhaltete.

anhang-2Woelki forderte die Architekten auf, einen Entwurf zu entwickeln, der „die Belange der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils“ berücksichtigt. Was ihm dabei besonders am Herzen lag: „das „Loch“ zwischen Krypta und Liturgieraum sollte geschlossen werden“. So erhoffte man sich mehr Platz in der Kathedrale und könnte nach Vorstellung Woelkis die Gläubigen näher an den Altar heranführen.

Was man dazu wissen muss: Das „Loch“ stellt in Wirklichkeit die Verbindung zwischen den von den Nationalsozialisten hingerichteten Martyrern und den Gläubigen bzw. dem Geschehen der Liturgie her – es verbindet theologisch gesprochen die „triumphierende“ mit der „streitenden Kirche“.

Die Forderung, den Sakralraum an die Erfordernisse der Liturgiereform anzupassen, mutet seltsam an. Galt doch St. Hedwig als Pionierkirche, die bereits vor der Liturgiereform zentrale Elemente dieser „Reform“ vorwegnahm.

Zudem kam die Forderung Woelkis ausgerechnet in einer Zeit, in der Papst Benedikt mit Nachdruck zu einem kritischen Umgang mit den von Woelki geforderten Elementen aufrief.

Aber all das spielte offensichtlich keine Rolle: Das einmalige Konzept von Schwippert sollte zerstört werden. Schon damals gab es große Bedenken seitens der Denkmalpflege, aber auch der Architektenschaft.

2014 kürte man dann ein Umbaukonzept des Architekturbüros Schau und Walter, welches die völlige Schließung der Öffnung zur Krypta vorsieht. Der Altar wird im Zentrum aufgestellt und konzentrisch dazu werden die Stühle für die Gläubigen angeordnet.

Jetzt formiert sich aber ein starker Widerstand gegen die Zerstörung des Schwippert-Entwurfs.

Die „Freunde der St. Hedwigs-Kathedrale“ unter der Federführung des Architekten Werner J. Kohl, veröffentlichten eine Presseerklärung, in der sie die Umbaupläne kritisieren.

Sie fragen nicht ohne Grund, ob – ohne Not – „ein herausragendes Gesamtkunstwerk der Nachkriegsmoderne“, „ein bedeutsames Zeugnis der deutsch-deutschen (Kirchen-)Geschichte“ und „ein einzigartiges architektonisches Symbol zeitgemäßer Theologie“ zerstört werden darf.

-> Der offene Brief wurde auf der Seite der Freunde der Hedwigskathedrale veröffentlicht und kann dort auch unterzeichnet werden: -> www.freunde-hedwigskathedrale.de

Zum Autor: Klaus Erwin Krauss (Jg.1968) – selbständiger Architekt in Berlin, zahlreiche Auszeichnungen bei Internationalen Wettbewerben. Weitere Informationen: http://www.architektkrauss.de

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Vorschaufoto © By Schlaier (Own work), via Wikimedia Commons (2) Wikimedia (3) Klaus Erwin Krauss