Ein Gastbeitrag von Martina Rettul

Was haben der Patriarch von Moskau und der Metropolit der Kirchenprovinz Köln gemeinsam? Es ist ihre Nähe zur weltlichen Obrigkeit. Die Agenda der Regenten ist auch ihre Agenda und ihr Reich ist darum ganz von dieser Welt. Das Hohelied der Liebe, das sie anstimmen, hört auf die Melodie. „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“. Sie sind eingebettete Kombattanten.

Ist das überspitzt und ungerecht? Ungerecht nur, wenn man auf dem systemtheoretischen Auge blind ist und von Strukturähnlichkeit nichts wissen will; ungerecht nur, wenn Woelki nicht im Kölner Dom, sondern in Notre Dame de Paris seine Heiligen Messen feiern würde; und er damit über das Budget einer Kirchenmaus verfügen würde; ungerecht nur, wenn er nicht eine Ergebenheitsadresse nach der anderen nach Berlin übermitteln würde oder gen Düsseldorf, wo er ja seinen Treue-Eid (jawohl: Treue-Eid) dem Staat gegenüber geleistet hat (vor der Ministerpräsidentin Hannelore Kraft).

„Ich halte nichts davon, das nachzubeten, was andere falsch vorgedacht haben“, sagte Woelki dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ – um dann das nachzubeten, was Merkel nach Zwiesprache mit ihrem Gewissen ausgebrütet hat.

Woelki warnt: „Die Sprache verroht. Es wird auf Kosten anderer argumentiert und gelebt.“ Könnte stimmen – aber ist nicht noch viel schlimmer, wenn gar nicht argumentiert werden darf, weil das Dogma der unbefleckten Alternativlosigkeit verkündigt wird; wenn die Sprache also lügt und so getan wird, als ob dieser Bischof nicht auch auf Kosten anderer argumentiert und auf Kosten anderer lebt?

Ob eine regierungsamtlich verordnete „Alternativlosigkeit“ womöglich erst den Wind säte, der sich nun zum Orkan auswächst, ist Woelki keinen Gedanken wert; was damit zusammenhängen könnte, dass auch sein Erzbistum am Tropf einer Alternativlosigkeit hängt – einer ganz besonders perfiden:

Denn er ist ein Hirte, der äußert unbarmherzig mit Menschen umspringt, die wohl dem Kaiser geben wollen, was des Kaisers ist, die aber mit sehr guten theologischen Gründen nichts von einer steuerlichen Alimentierung von Bischofsexistenzen halten, sondern darin einen die Einheit der Weltkirche und die Sakramente beschädigenden deutschsprachigen Sonderweg erkennen und die sich mit dieser Kritik sogar auf Benedikt XVI berufen können.

Woelkis Reden aus der (Flüchtlings-)Bootskulisse heraus, verdunkelt sein Kapitänspatent für die Luxusyacht „MS Erzbistum Köln“, die mit dem „Schifflein Petri“ (Benedikt XVI) überhaupt nichts mehr gemein hat.

„It´s the economy, stupid“, könnte man im Blick auf eine (clintoneske) hidden agenda des deutschsprachigen Klerus formulieren und es wird ja fleißig weiter exkommuniziert, wie eh und je bei (ausgetretenen) „Kirchensteuer-Sündern“, die es ja nur in den deutschsprachigen Ländern gibt.

In seiner Illustrierten-Kolumne „Caritas et Furor“ erweist sich Woelki im STERN als ein gänzlich auf dem Ticket des Mainstream Reisenden, der sich nicht mal mehr die Mühe macht, auf alle Populisten zu schimpfen; als typische „Stern-Stimme“, die auf dem linken Auge blind ist.

Es gehört schon eine große Portion Chuzpe dazu, „Besserwisserei und Selbstbestätigungszirkel“ allein in rechtspopulistischen Kreisen und nicht im breitest aufgestellten Regierungslager zu verorten.

Woelki hat im STERN „einen weiten Horizont im Blick … Hier schreibt er über ewige Wahrheiten für Menschen mit wenig Zeit“. O-Ton: „Demokratie gedeiht nur in einem gemäßigten Klima. Sie braucht zwar die Auseinandersetzung, auch den Streit, aber ebenso Milde, Gelassenheit und Versöhnlichkeit.“

Zu empfehlen ist Woelki ein Flug von Köln nach London: Ein paar Tage im Unterhaus oder at speakers-corner zuzuhören, könnte die „ewigen Wahrheiten“ dieser STERN-Schnuppe recht schnell zum verglühen bringen; könnte aufklärten, über die Redefreiheit und Robustheit des politischen Diskurses im Mutterland der Demokratie und eventuell das eigene Denken – im Spiegel des Anderen – als typisch deutsches Denken relativieren: hin und hergerissen zwischen herunter gedimmt, sediert und potentiell totalitär:

„Die Toleranz gegenüber der Intoleranz kann nicht grenzenlos sein“ (Woelki) ist eine Drohung aus berufenem Munde.

Dem wäre zu antworten: Ich trete aus, aus dem fiskalischen Rückversicherungssystem zur Förderung einer öffentlichen Theologie, vulgo: einer Zivilreligion, und ich spende den gleichen Betrag zweckgebunden an die Kirchengemeinde xy oder die Kommunität meines Vertrauens; denn meine Wege sind nicht eure Wege und meine Gedanken sind nicht eure Gedanken – spricht der Herr (die Herrin) übers eigene Portemonnaie.

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Foto: © By StagiaireMGIMO (Own work) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, via Wikimedia Commons