(David Berger) Ein katholischer Priester bekennt sich zu seiner Tochter und lebt nun mit einer Frau zusammen. An seinem Glauben und seiner Treue zum Katholizismus hat dies jedoch nichts verändert.

Wenn Menschen aus der katholischen Kirche austreten, Priester ihren Beruf an den Nagel hängen oder Theologen die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen bekommen, dann folgt danach häufig eine verbitterte Abrechnung mit jener Institution, der sie einst Herz und Hirn verschrieben hatten.

Manchmal geht dies bis zum blanken Hass auf das Christentum und die Kirche sowie gegen jene Kirchenmänner, die als intransigente Vertreter des Katholizismus gelten. Dieser nicht zu bändigende Hass, der sie oft bis zum Lebensende keine Ruhe und keinen Frieden mit ihrer eigenen Lebensgeschichte finden lässt, ist nur erklärbar aus einer großen Liebe und Gläubigkeit, die einstmals gegenüber der Catholica ihr ganzes Denken und Sein bestimmten und der nun scheinbar vorhandenen fehlenden Gegenliebe. Fast alle Menschen, die ich mit dieser Belastung kennen lernen konnte, sind in ihrer ganzen Existenz geprägt von jenem Hass und jener Unruhe, die ihnen das Leben zur Hölle werden lässt.

Wer eine solche Reaktion von Stefan Hartmann erwartet hatte, der sieht sich ganz schnell enttäuscht.

Von jenem Priester, der sich in einer Talkshow des SWR im Januar 2014 dazu bekannte, Vater einer 24-jährigen Tochter zu sein – und damit auch zu dem Fakt, dass er den Zölibat gebrochen hat. Kurz danach untersagte ihm das Erzbischöfliche Ordinariat Bamberg sich weiterhin zur priesterlichen Ehelosigkeit zu äußern. Ein gutes Jahr später kündigte Hartmann an, künftig mit seiner Frau zusammenleben zu wollen. Darauf folgte die Suspension von seinen priesterlichen Ämtern, 2016 die Entlassung aus dem Klerikerstand.

In seinem Buch „33 Jahre Kleriker“ beschreibt Hartmann auf beeindruckende Weise sein Leben, den langen Prozess, der ihn schließlich zu jenem Punkt brachte, an dem er am Barmherzigkeitssonntag 2014 auf Facebook einen Appell an Papst Franziskus richtete, mit einem Gesuch um Dispens vom Zölibat unter dem Titel „Barmherzigkeit! Jetzt!“

papst-johannes-paul-iiWir erfahren von jenen bewegenden Jahren als der inzwischen heilig gesprochene Johannes Paul II zum Papst wurde und die katholische Kirche aus dem Tief holte, in das sie das Zweite Vatikanum manövriert hatte, lesen von seinen Exerzitien bei dem großen Theologen und Denker Hans Urs von Balthasar. Und schließlich seinem Entschluss radikal in die Nachfolge Jesu einzutreten.

Aber auch von seinem voreiligen und unbedacht gegebenen Zölibatsversprechen bei seiner Priesterweihe in Trier. Und dem Erlebnis, als er 1989 Vater einer Tochter wurde; er hatte zuvor eine kurze Beziehung zu einer Gemeindereferentin gehabt. Er teilte es dem Bischof von Trier mit und wechselte in die Diözese Freiburg/Breisgau, um dann in Wien als Studentenpfarrer zu arbeiten (1993-1996).

Erst das erste Zusammentreffen mit seiner eigenen Tochter im Jahr 2004 und der sich daraufhin immer mehr verdichtende Kontakt zu ihr, führte dazu, dass er sich vor seiner Gemeinde 2008 öffentlich zu seiner Tochter bekannte. Seit 2014 lebt er nun in einer Beziehung zu einer „gläubigen Frau“: die er „als die große Liebe seines Lebens erfährt und sobald kirchenrechtlich auch möglich heiraten“ möchte.

hl-familie-murillioDass Hartmann überhaupt erwähnt, dass er mit der neuen Frau ein Leben im Glauben teilt, dass er Petitionen an Papst und Bischöfe richtet, zeigt, dass er – obgleich schon vor den Vorfällen von einer tiefen Gläubigkeit geprägt – keinen radikalen Bruch mit der Catholica vollzogen hat.

Ich persönlich habe ihn in meiner Zeit als Chefredakteur der katholischen Monatsschrift „Theologisches“ kennen gelernt. Zunächst durch seine zahlreichen Beiträge, die immer von einer vornehmen Bildung und echten Katholizität geprägt waren – und einen an seinen Lehrer Urs von Balthasar erinnerten. Aber auch an ein persönliches Zusammentreffen mit ihm auf einer wissenschaftlichen Tagung zu Person und Verehrung des hl. Josef in Kevelaer, wo wir beide referierten, denke ich noch gerne zurück.

Hartmann war ganz anders als die meisten der anderen Geistlichen, die dort referierten. Man merkte ihm schon damals an – ohne dass ich die Hintergründe kannte – dass er nicht nur um die Höhen, sondern auch Tiefen eines Lebens als Priester wusste, sondern sie selbst durchlitt. Dass sich bewahrheitet hatte, was ihm 1982 bei seiner Priesterweihe im Trierer Dom zugesprochen wurde:

Ein Leben unter dem „Geheimnis des Kreuzes“! Das Kreuz, das ohne die Auferstehung nicht denkbar ist. Und so verwunderte es mich nicht, als er mir heute morgen auf meine Frage, welches Zitat ihm zu meiner Buchbesprechung am besten gefallen würde, antwortete: „Amor vincit omnia“ (Vergil) würde mir/uns gefallen: Die Liebe besiegt alles!

33jahre-kleriker

 

Stefan Hartmann: „33 Jahre Kleriker“ – epubli, 161 Seiten. Am einfachsten kann es hier bestellt werden: ⇒ Epubli 

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Seine „Essays zu Martin Luther / Rezensionen“ hat Hartmann Wolfgang Ockenfels zum 70. Geburtstag gewidmet. Sie sind hier bestellbar: Epubli