
(David Berger) Kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt erhält AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund unerwartete Unterstützung aus der früheren Führungsetage des deutschen Privatfernsehens. Der ehemalige ProSieben-Programmchef und Fernsehproduzent Borris Brandt erklärt, warum er Siegmund für einen Hoffnungsträger hält – und warum die etablierten Medien dessen Wirkung seiner Ansicht nach völlig unterschätzen.
Borris Brandt kennt die deutsche Medienwelt von innen. Er war Programmchef von ProSieben, wollte „Big Brother“ nach Deutschland holen und leitete später Endemol Deutschland. Heute blickt er ausgesprochen kritisch auf jene Medienwelt zurück, in der er selbst Karriere gemacht hat. In einem ausführlichen Gespräch mit AUF1-Chefredakteur Stefan Magnet geht es deshalb zunächst um Fernsehen, politische Belehrung, Corona und alternative Medien. Am Ende landet das Gespräch jedoch bei der Wahl in Sachsen-Anhalt – und bei Ulrich Siegmund.
Brandt beschreibt eine Stimmung, die viele Bürger kennen dürften: Man sei mit der Politik unzufrieden, halte vieles für eine „Katastrophe“, ziehe aber vor der letzten Konsequenz zurück: „Aber du kannst ja nicht die AfD wählen.“ Genau diese Hemmschwelle könnte am Sonntag fallen, glaubt Brandt. Die Wahl werde zeigen, „dass man die wählen kann“. Sachsen-Anhalt könne damit eine Signalwirkung weit über das Bundesland hinaus entfalten.
„Der gibt uns Zuversicht“
Entscheidend ist für den ehemaligen Fernsehmanager dabei weniger ein einzelner Programmpunkt als die persönliche Wirkung Siegmunds: „Was der Mann hat und was kein anderer hat, der gibt uns Zuversicht. Der strahlt Zuversicht aus.“ Und noch etwas komme hinzu: Hoffnung. Deutschland befinde sich nach Brandts Eindruck in einer tiefen Phase der Hoffnungslosigkeit. Er habe in seinem bewussten Leben noch nie erlebt, „dass es so wenig Hoffnung gab“. Siegmunds besondere „Strahlkraft“ bestehe deshalb darin, den Eindruck zu vermitteln, dass dort jemand sei, „der anpackt“.
Bemerkenswert ist dabei, dass Brandt keineswegs behauptet, eine AfD-Regierung könne sämtliche Probleme über Nacht lösen. Im Gegenteil: Deutschland und Europa setzten einer Landesregierung enge Grenzen. Entscheidend sei zunächst der emotionale Faktor – das Gefühl, dass politische Veränderung überhaupt noch möglich ist.
„Jeder, der das hört, wird diesen Mann wählen“
Gerade hier sieht der ehemalige Medienprofi einen blinden Fleck der etablierten Berichterstattung. Die „klassischen“ beziehungsweise „alten Medien“ hätten die Wirkung Siegmunds „unglaublich unterschätzt“. Als Beispiel nennt Brandt das mehrstündige Gespräch Siegmunds bei „Ben ungeskriptet“. Sein Urteil darüber könnte kaum deutlicher ausfallen: „Jeder, der das hört, wird diesen Mann wählen. Punkt.“
Und Brandt fügt etwas hinzu, das vielleicht mehr erklärt als viele Seiten politischer Analyse. Nicht die Parteizugehörigkeit sei für seinen Eindruck ausschlaggebend. Siegmund spreche in „einfacher, klarer, gerader Sprache“, stehe zu sich selbst und wirke glaubwürdig. Dann fällt der stärkste Satz des gesamten Interviews: „Das ist ein anständiger Kerl. Ich glaube, dass der was Gutes machen will für sein Land.“
Brandt geht sogar noch weiter: „Das glaube ich dem – und dann ist die Partei auch egal.“ Ob die Wähler Sachsen-Anhalts Siegmund und die AfD ebenso beurteilen, entscheidet sich am Sonntag. Sollte Brandt mit seiner Einschätzung der Stimmung richtigliegen, könnte diese Wahl allerdings tatsächlich mehr werden als eine weitere Landtagswahl. Sie könnte zeigen, dass die jahrelang wiederholte Formel „unzufrieden, aber AfD kann man nicht wählen“ für immer mehr Menschen ihre Wirkung verliert.
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