(David Berger) Während jedes Jahr Hunderttausende Menschen nach Deutschland kommen, packen immer mehr junge Deutsche innerlich bereits ihre Koffer. Kaum eine Zahl beschreibt den Zustand unseres Landes treffender als diese: Nach einer aktuellen INSA-Umfrage plant inzwischen jeder vierte Deutsche unter 40 Jahren, in den kommenden fünf Jahren auszuwandern.
Natürlich hat es Auswanderung immer gegeben. Unternehmer zog es in die Schweiz, Ingenieure nach Kanada, Wissenschaftler in die USA. Neu ist jedoch etwas anderes: Nicht mehr einzelne Berufsgruppen denken über einen Neuanfang nach, sondern eine ganze Generation. Ausgerechnet diejenigen, die Familien gründen, Unternehmen aufbauen und den Sozialstaat künftig tragen sollen, verlieren das Vertrauen in die Zukunft ihres eigenen Landes. Ein Land lebt nicht allein von seiner Wirtschaftsleistung. Es lebt davon, dass seine Bürger an seine Zukunft glauben. Wer ein Haus baut, Kinder bekommt oder ein Unternehmen gründet, setzt voraus, dass sich der Einsatz lohnt. Verschwindet dieses Vertrauen, beginnt ein schleichender Niedergang, lange bevor sich dieser in den offiziellen Statistiken ablesen lässt.
Jeder vierte junge Erwachsene will das Land verlassen
Genau diesen Eindruck vermitteln die aktuellen Zahlen. Während die Bundesregierung unermüdlich von einem starken und weltoffenen Deutschland spricht, denkt jeder vierte junge Erwachsene darüber nach, das Land zu verlassen. Zwischen offizieller Selbstdarstellung und der Stimmung im Land klafft eine immer größere Lücke. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Viele Menschen erleben täglich, dass die innere Sicherheit brüchiger wird. Sie sehen eine Migrationspolitik, die trotz anderslautender Ankündigungen kaum eine erkennbare Wende vollzieht. Sie leiden unter steigenden Steuern, immer neuen Abgaben und einer Bürokratie, die selbst leistungsbereite Bürger zunehmend entmutigt. Hinzu kommen hohe Energiepreise, eine schwächelnde Wirtschaft und das Gefühl, dass politische Entscheidungen immer häufiger an den Sorgen der Bevölkerung vorbeigehen.
Besonders typisch ist dabei ein zweiter Befund der INSA-Umfrage. 39 Prozent der Deutschen sind der Auffassung, dass über Gewalttaten von Ausländern in den Medien zu wenig berichtet wird. Auch darin zeigt sich eine tiefe Vertrauenskrise. Viele Bürger haben längst den Eindruck, dass zwischen dem, was sie erleben oder in ihrem Umfeld wahrnehmen, und dem Bild, das große Teile der Medien vermitteln, eine erhebliche Diskrepanz besteht. Ob dieser Eindruck im Einzelfall immer berechtigt ist, ist dabei fast schon zweitrangig. Entscheidend ist, dass er existiert – und das Vertrauen weiter untergräbt.
So entsteht eine gefährliche Spirale. Wer der Politik nicht mehr glaubt, misstraut häufig auch den Medien. Wer beidem misstraut, verliert leichter die Hoffnung, dass sich die Verhältnisse noch zum Besseren wenden. Irgendwann stellt sich dann nicht mehr die Frage, welche Partei man wählt, sondern ob man seine Zukunft überhaupt noch in Deutschland sieht.
Doppelte Wanderungsbewegung
Dabei vollzieht sich eine Entwicklung, über die erstaunlich selten gesprochen wird. Deutschland erlebt gegenwärtig eine doppelte Wanderungsbewegung. Auf der einen Seite hält die Zuwanderung aus aller Welt an. Auf der anderen Seite denken immer mehr junge Deutsche darüber nach, das Land zu verlassen. Es ist eine paradoxe Situation: Während Deutschland für viele Menschen außerhalb Europas als Land der Chancen gilt, zweifeln ausgerechnet viele seiner eigenen Bürger daran, ob es ihnen noch eine Zukunft bieten kann.
Denn ein Staat verliert seinen Wohlstand nicht erst dann, wenn Fabriken schließen oder Unternehmen Insolvenz anmelden. Er verliert ihn bereits in dem Moment, in dem seine leistungsbereiten und gut ausgebildeten Bürger innerlich kündigen. Und Menschen stattdessen einwandern, die in der Regel alles andere sind als die uns versprochenen Fachkräfte. Wenn die Hoffnung schwindet und der Blick sich nicht mehr auf die eigene Heimat, sondern auf Kanada, die Schweiz oder Ungarn richtet, ist das mehr als eine persönliche Lebensentscheidung. Es ist ein politisches Urteil. Und ein Teufelskreis, aus dem es kein Entkommen mehr zu geben scheint.
Die Bundesregierung wird diese Zahlen vermutlich ignorieren und sich stattdessen um die Besetzung von Ministerposten kümmern. Das ist einer von vielen schwerwiegenden, weil unser Land immer mehr bis zur Unkenntlichkeit schwächenden Fehlern. Denn Staaten zerfallen selten plötzlich. Meist verlieren sie zuerst das Vertrauen ihrer Bürger. Und wenn schließlich die junge Generation den Glauben an die Zukunft ihres Landes verliert, dann ist das nicht irgendein Stimmungsbild. Es ist vielleicht das ernsteste Warnsignal, das eine Nation überhaupt erhalten kann.
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