Der vorliegende Bericht bezieht Stellung zu einem Interview mit Felix Körner. Der promovierte Jesuit und Islamwissenschaftler lebte von 2001-2008 in Ankara und ist derzeit Lehrstuhlinhaber für die „Theologie der Religionen“ an der Humbold Universität Berlin. Das auf der Internetseite „katholisch. de“ am 27.10.2021 veröffentlichte Interview hat eine Überschrift, die von Vornherein eine tendenziöse Berichterstattung vermuten lässt: „Christen erleben in der Türkei keine Schwierigkeiten“. Ein Gastbeitrag von Dr. Udo Hildenbrand.

Gibt es für Christen tatsächlich „keine Schwierigkeiten“ in der islamisch geprägten Türkei? Fühlen sie sich wirklich trotz „der Islamisierung des türkischen Gesellschafts-, Lebens- und Staatswesens nicht stärker eingeschränkt“?  Na ja, so ganz ideal ist es offensichtlich für sie auch dort nicht.  Aber doch ziemlich annähernd. Denn sie stoßen dort anscheinend auf verständnisvolle Muslime im Gegensatz zu den glaubenslosen Atheisten. Die haben halt einfach Pech, gelten sie doch als „staatsgefährdend“ – so der interviewte Professor:

Ja, wenn einer nur irgendwas glaubt, dann hat er auch alle Rechte, aber wenn er nichts glaubt, dann ist er staatsgefährdend“.

Alle gläubigen Menschen haben also nach Information von Prof. Körner in der Türkei „alle Rechte“. Was wollt ihr bloß? Auch den Christen geht´s doch in der islamisch geprägten Türkei keineswegs so schlecht, wie ihr oft tut. Sie haben  doch dort „alle Rechte“.

Dieses Interview vermittelt nahezu durchgehend den Eindruck, es handle sich um eine alte Wiedervorlage von Schönfärberei und Ausblenden gravierender Probleme im Islam in der speziellen Form der Taqiyya (= Täuschung, Verschleierung). Sie ist ja in der Religion Mohammeds um des Glaubens willen durchaus erlaubt.

Islam contra Atheismus

Mit den Worten: „Ja, das ist tatsächlich so.“ bestätigt Herr Körner die Feststellung des Interviewers, „dass eine religiös-islamisch geprägte Regierung und Gesellschaft pro Islam nicht unbedingt contra Christentum heißt, sondern eher contra Atheismus“. Seltsam! Die Bevorzugung der Christen gegenüber den Atheisten sei eine „Tradition der Muslime“, die der Professor anscheindend für besonders lobens-und erinnerungswürdig hält, wenn er sagt: Und „daran dürfen wir wirklich auch immer wieder erinnern“.

Mit dieser Bestätigung der Interviewfrage bringt er vor allem auch zum Ausdruck: Eigentlich gibt es in der Türkei mit ihrer islamisch ausgerichteten Staatsordnung nur Probleme für die staatsgefährdenden Atheisten. Jene für Christen kann man doch vernachlässigen.

Die im Islam verbreitete Anti-Haltung gegenüber dem Atheismus bzw.  den Atheisten bestätigt Joachim Schroedel, ehemals in Kairo wirkender katholischer Pfarrer:

Wer in Ägypten als Ausländer den Fehler begeht, sich selbst als Atheist zu outen, wird sehr schnell Folgen zu spüren bekommen: Ein Atheist steht für die meisten Ägypter auf der Stufe eines Tieres, das keinen Verstand hat. Manche Lehrer an den deutschen Schulen in Kairo haben schon erfahren müssen, was es heißt, sich zum Atheisten zu erklären.“

 Diese Erfahrung sollten sich insbesondere jene Atheisten bei uns gut hinter die Ohren schreiben, die sich auf die Ausbreitung des Islams freuen und ihm auch noch die Wege bereiten – und damit jenen Kälbern gleichen, die ihre Schlächter selber wählen, wie ein bekanntes Sprichwort veranschaulicht.

Der interviewte Professor setzt sich zwar zumindest zaghaft für die in der Türkei nicht bestehende Bekenntnisfreiheit der Atheisten ein: „Das ist natürlich auch nicht richtig“. Gleichzeitig bagatellisiert und beschönigt er dabei jedoch die problematische rechtliche Situation der Christen sowie aller anderen gläubigen Nichtmuslime in der Türkei. Zu konzedieren ist dabei lediglich, dass die prekäre Situation der Christen in fundamental-islamisch dominierten Ländern wie z. B. in Pakistan und in den arabischen Staaten noch erheblich schwieriger ist als jene der Christen in der Türkei.

Christenverfolgung in der Türkei?

Felix Körner erweckt den Eindruck, als wolle er sagen, die Christen und alle anderen gläubigen Nichtmuslime hätten in der Türkei alle jene Rechte, die jede freiheitliche Demokratie gewährleistet.  Deutlich dagegen steht allerdings die Beantwortung der im Internet am 23.10.2020 gestellten Frage: „Werden Christen in der Türkei verfolgt?“ Sie lautet:

„Die Verfolgung der Christen in der Türkei geht weiter. Während die Welt damit beschäftigt ist, COVID-19 zu bekämpfen, Massenarbeitslosigkeit und eine weltweite Rezession zu meistern, nutzt die türkische Regierung die Situation, um Minderheiten weiter zu bedrängen.“

 Eine Feststellung, die diametral den Aussagen von Prof. Körner widerspricht, dessen Erfahrungen in der Türkei weit mehr als ein Jahrzehnt zurückliegen. Er spricht auch davon, dass es in der Türkei für Christen „Einschränkungen“ gäbe, auch bzgl. „Eigenverantwortung in gewisser Weise“. Dabei beschreibt er aber nicht, was in diesem islamisch dominierten Land diesbezüglich Einschränkung und Eigenverantwortung „in gewisser Weise“ bedeuten. Und hat er nicht gerade eben gegenläufig behauptet, die Christen in der Türkei hätten „alle Rechte“?

Keine Religionskritik, keine Bekenntnis- und Meinungsfreiheit möglich

Wie aber steht es wirklich mit der freien Religionsausübung in der Türkei, so etwa mit  den Behinderungen bei Kirchenneubauten, mit der problematischen juristischen Stellung der leitenden kirchlichen Verantwortungsträger? Wie steht es mit dieser Freiheit, wenn an den türkischen Hochschulen keine christlichen Fakutäten erlaubt sind, wenn die Ausbildung von Pfarrern und Religionslehrern behindert wird und grundsätzlich nur türkische Staatsangehörige als christliche Geistliche wirken dürfen? Wie steht es mit dieser Freiheit, wenn staatliche Stellen gegen missionarische Tätigkeiten von christlichen Gemeinschaften vorgehen?

Wie steht es insbesondere auch mit der Religionsfreiheit in der Türkei, wenn die christliche Minderheit systematisch benachteiligt wird, Christen enteignet werden und der Eindruck ihrer Marginalisierung entsteht: „Das Schicksal der christlichen Minderheit in der Türkei ist alles andere als sicher“? – so Prof. Alexander Görlach.

In diesem Zusammenhang sollen noch zwei vielsagende Ereignisse in Erinnerung gerufen werden: Gab es nicht 2016 das Verbot in einem Elite-Gymnasium in Istanbul, eine mit deutschen Steuermitteln in Millionenhöhe jährlich finanzierte Auslandschule, das Weihnachtsfest auch mit seinen Bräuchen zu thematisieren und weihnachtliche Lieder zu singen? Wurde nicht die Teilnahme des Schulchores am traditionellen Weihnachtskonzert im deutschen Generalkonsulat unterbunden? Ferner: Was geschah eigentlich im vergangenen Jahr in Istanbul bei der Umwidmung der Haghia Sophia von einem Museum in eine Moschee, ein Ereignis, das nicht nur in der orientalischen Christenheit, sondern weltweit heftigen Protest auslöste?

Die Antworten von Prof. Körner auf die verschiedenen Fragen des Interviewers sind gekennzeichnet vom offenkundigen Bagatellisieren, wenn er etwa davon spricht, dass „im Moment atmosphärisch in der Türkei“ Religionskritik und das Werben für den Atheismus „fehlt“. Wenn aber in einem Land keine Religionskritik und kein Werben für eine Weltanschauung möglich sind und somit das Menschenrecht der Religions-, Bekenntnis- und Meinungsfreiheit nicht wahrgenommen werden kann, werden den Menschen dieses Landes existentielle Freiheitsrechte vorenthalten.

In der Schilderung dieser hochbrisanten Thematik eine derart banale Ausdrucksweise zu wählen („atmosphärisch“) und beschönigend von einer (nur) momentanen atmosphärischen Störung zu sprechen („im Moment“), widerspricht jeglichem Bemühen um eine objektive, wahrheitsgetreue und auch von Empathie gekennzeichneten Darstellung.

Der Islam: Eine durchgehende „Toleranzgeschichte“?

In Gesprächen und Veranstaltungen mit Muslimen dürfen normalerweise die islamischen Lieblings- und Schlüsselbegriffe „Respekt“ und „Toleranz“ nicht fehlen. Bei jeder nur denkbaren Gelegenheit werden sie von Muslimen, gelegentlich auch von Nichtmuslimen serviert, so auch jüngst von der Kölner Oberbürgermeisterin im Zusammenhang mit der stark umstrittenen Genehmigung des Muezzin-Rufes.

Dabei werden Respekt und Toleranz in der Regel von Muslimen natürlich nur einseitig verstanden: Nichtmuslime haben den Muslimen Respekt zu erweisen und ihnen gegenüber tolerant zu sein. Gelegentlich wird von diesen aber auch stolz und eigenlöberich von der im Islam prakizierten Toleranz gesprochen und dabei auf die

prototypischen Toleranzerzählungen „Andalusien“ und „Sultan Saladin“ verwiesen, nicht selten vehement unterstützt von islamophilen Nichtmuslimen. Natürlich wird bei bestimmten Anlässen auch die Intoleranz-Karte gezückt, vor allem wenn es um muslimische Forderungen geht.

So vergisst auch Prof. Körner in seinem Interview zumindest den Toleranzbegriff nicht und verbindet ihn mit der angeblich permanenten „Toleranzgeschichte“ des Islams, die gleichsam die gesamte Islamgeschichte bis zur heutigen Gegenwart umfasse. Man lese und staune: Die Geschichte des Islams eine „Toleranzgeschichte“!  Dass die „Toleranzgeschichte“ des 15. Jahrhunderts „bis heute“ weiterwirke, darf nach Meinung des Professors nicht vergessen werden: Daran „darf man ruhig mal erinnern“. Als ob das nervende, wahrheitswidrige Gerede von der islamischen

Zwei Volltreffer auf die eigene Religionsgemeinschaft

Der Herr Professor übersteigt mit dieser Aussage von der „Toleranzgeschichte“ eindeutig die Grenze zur Geschichtsklitterung. Lag über seinen bisherigen Einlassungen bereits schon der Hauch islamischen Toleranzverhaltens, so enden seine Ausführungen im letzten Interview-Abschnitt mit dem Lobeshymnus auf die Großzügigkeit und die beinahe vorbildhafte Toleranz, die der Islam nach seiner Meinung in früheren Jahrhunderten im Blick auf die Religionsfreiheit an den Tag legte – Achtung, jetzt kommt´s knüppeldick: Ganz im Gegensatz „zum mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Christentum. Diese Toleranz hatten wir nicht“.

Und am Interview-Ende noch einmal:  Die von der Religion Mohammeds seit ihrem geschichtlichen Beginn gewährte Religionsfreiheit sei eine vorbildhafte, wenn auch „noch nicht vollkommen perfekt verwirklichte Religionsfreiheit gewesen, aber besser als das, was wir Christen damals gelebt haben“.

Da hat der Professor aber gleich zweimal einen massiv-pauschalisierenden Volltreffer gelandet – zielgenau auf seine eigene Religionsgemeinschaft. Vielleicht will er bei dieser Wertung auch noch seine vorbildhafte christliche Selbstverleugnung im Namen der Toleranz demonstrieren. Bei seinen Schlussworten scheint er sich auf die Brust zu schlagen und ein selbstbezichtigendes „Mea culpa“ (= Meine Schuld) zu flüstern, ein Schuldbekenntnisruf der katholischen Liturgie, der gelegentlich von Muslimen den Christen fordernd abgetrotzt wird, auch Meaculpismus genannt.

Ja, gewiss! Welcher historisch informierte Mensch würde wohl die tiefschwarzen Flecken wie Intoleranz und Ungerechtigkeit, auch kriegerische Gewalt und vorenthaltene Religionsfreiheit in der Geschichte des Christentums leugnen? Was jedoch diesbezüglich im Raum der Christenheit einst geschah und heute geschieht, war und ist immer gegen das Lebensbeispiel und die Botschaft Jesu sowie auch gegen die christliche Lehre gerichtet – im Gegensatz zum Islam. Denn Gewalt und Intoleranz, von der alle Buchseiten der 1400-jährigen Islam-Geschichte berichten, waren und sind nachweislich immer koran- und islamkonform, auch in Übereinstimmung mit der Lebensführung Mohammeds, wie die islamischen Quellen selbst bestätigen.

Hinzu kommt: Im Christentum liegen eindrucksvolle Schuldbekenntnisse zu diesem Versagen vor. Im Islam dagegen finden sich im dicken Buch der Schuldbekenntnisse nur weiße, unbeschriebene Seiten. Denn Schulderkenntnis und Schuldbekenntnis im Blick auf dieses Versagen sind dieser Religion mit ihrem Dominanzcharakter und ihrer Unfähigkeit zur (Selbst-)kritik grundlegend fremd.

Mit seiner nicht nachvollziehbaren historischen Einordnung verteilt Prof. Körner gleichsam wie ein Schiedsrichter folgende Toleranzpunkte: Glanzvolle 98 für den Islam, lediglich armselig-mickrige 2 für das Christentum. Ein Schiedsrichter, der offensichtlich auf beiden Augen blind ist. Jedenfalls liegt in dieser Wertung eines katholischen Priesters und Theologen eine nicht nachvollziehbare, beinahe peinliche Überhöhung des Islams vor bei gleichzeitiger maßloser Abqualifizierung des Christentums, seiner eigenen Religion.

Begründung verschiedener Vorwürfe

Werter Herr Professor und Mitbruder! Mit ihren Aussagen verschweigen Sie historische Fakten, beschönigen das Verhalten der Muslime in der von Ihnen angezeigten Zeit (7.-15.Jahrhundert bis heute) und ignorieren dazu noch grundlegende theologische Gegebenheiten. Sie blenden schwerwiegende Probleme einfach aus wie etwa jenes der Christenverfolgung gerade auch in muslimischen Ländern.

Ihre Aussagen sind von Widersprüchlichkeit geprägt, insbesondere auch von einer Haltung der eigenen christlichen Religionsgemeinschaft gegenüber, die wütend und zugleich traurig macht – auch auf den Blog der katholischen Kirche in Deutschland „katholisch.de“, der Ihnen mit Ihren mehr als problematischen antichristlichen Ausführungen auch noch ein beachtlich großes Forum bietet.

Der Vorwurf kann Ihnen nicht erspart werden, dass Sie mit diesem Interview der islamischen Propaganda einen exzellenten Dienst erwiesen und wie ein Sprachrohr dieser Religion fungiert haben.  In neun Punkten will ich diesen schweren Vorwurf begründen:

  1. Bei Ihrem Hinweis auf die für Sie offensichtlich beispielhafte und begeisternde „Toleranzgeschichte“ des Islams verschweigen Sie die kriegerischen Invasionen und Eroberungen, die Raub- und Beutezüge der Muslime vom 7. Jahrhundert an bis zur Zeit der Kreuzzugsbewegung (1095-1492 n. Chr). In nicht nur von Muslimen häufig bestaunter „Windeseile“ wurden Ursprungsländer des Christentums wie Kleinasien, Nordafrika und die Iberische Halbinsel „mit Feuer und Schwert“ dem Islam unterworfen, auch Länder des Nahen und Fernen Ostens. So konstatiert der Orientalist Hans -Peter Radatz: „In keiner anderen Religion findet sich Gewalt als Wille Gottes gegenüber Andersgläubigen, wie sie der Islam als integralen Bestandteil seiner Ideologie im Koran kodifiziert und in der historischen Praxis bestätigt hat“.

Die Kreuzüge waren eine notwehrende und notvolle Reaktion auf die vorausgegangenen 400 Jahre andauernden kriegerischen Aggressionen und Eroberungen der muslimischen Welt. Zuvor wurde die römische Kirche mehrfach von der Ostkirche bzw. vom byzantinischen Reich um militärische Hilfe und um  Beistand gebeten gegen die anstürmenden muslimischen Heere.

  1. Toleranz des Islams im Zeichen des koranlegitimierten Dschihads? Ist nicht der durch die Taten Mohammeds begründete „Heilige Krieg“ ein zentrales islamisches Glaubensprinzip, einer der wichtigsten Grundpfeiler im Islam? Wie soll das eigentlich zusammengehen: Toleranz und Heiliger Krieg? Nein. Der Islam kennt keine Toleranz außer gezwungenermaßen in der Minderheit. Es fehlen ihm nämlich die Wesensmerkmale der Toleranz: Die Prinzipien der Universalität und der Gegenseitigkeit. Das Prinzip der Gegenseitigkeit ist sowohl im Christentum als auch in anderen Religionen in Form der „Goldenen Regel“ beheimatet, nicht jedoch im Islam, der nur die Einbahnstraße-Toleranz kennt.

Toleranz im Islam hieß auch in jener Zeit, die Sie, Herr Körner, in Ihrem Interview erwähnen, nach einer Aussage des Althistorikers Egon Flaig: „Duldung der Unterworfenen als Gedemütigte und Erniedrigte“. Auch „Andalusien“ ist als vielgepriesener Hort islamischer Toleranz in Wirklichkeit nichts anderes als eine „grobe Täuschung und verlogene Geschichtsklitterung“ durch interessierte Kreise – so der Romanist Johannes Thomas. Und der nicht nur im Islam glorifizierte Sultan Saladin war alles andere als ein toleranter Mensch: Er war schlichtweg ein islamischer Gewaltherrscher. So hat auch Lessings Saladin in seiner Ringparabel „ nichts von dem, was wir von dem Herrscher als historische Gestalt wissen“ (Necla Kelek, muslimische Bestseller-Autorin).

3. Allein ein Blick auf die Lage der Christen in der Türkei in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hätte Sie, Herr Körner, hindern müssen an der Formulierung Ihrer absurden These von der nahezu durchgehenden und perfekten „Toleranzgeschichte“ des Islams. Sie hätten sich dann gewiss sofort erinnert an den armenischen Völkermord in den Jahren 1915-1917, in dem schätzungsweise „zwischen 800.000 und 1.400.000“ armenische Christen der Politik der türkischen Regierung zum Opfer fielen. Dieser Genozid wurde von zahlreichen Parlamenten, internationalen Organisationen und unabhängigen Historikern gegen den heftigen Protest Ankaras bestätigt.

Sie hätten sich desweiteren erinnert an den Austausch der muslimischen mit der christlichen Bevölkerung zwischen der Türkei und Griechenland im Jahr 1923, bei dem 1,2 Millionen Christen ihre türkische Heimat verlassen mussten. Seitdem sinkt die Zahl der Christen kontinuierlich. Nach Schätzungen leben heute nur noch zwischen 100.000-150.000 Christen in der Türkei, einem christlichen Ursprungsland, rund 0,2 Prozent der Bevölkerung. Man nennt die hier skizzierten Vorgänge auch: Entchristianisierung.

  1. Nicht einmal in einem Nebensatz erwähnen Sie, Herr Körner, die Diskriminierung und Verfolgung der Millionen von Christen durch Muslime in verschiedenen islamisch beherrschten Ländern in heutiger Zeit. Intoleranz in vielfacher Potenz! Was denken wohl gerade die Christen in diesen Ländern mit ihren Diskriminierungs- und/oder Verfolgungserfahrungen, wenn sie solche mehr als vernebelnden und verharmlosenden Ausführungen aus dem Mund eines christlichen Theologen hören?
  2. Darüber hinaus lassen Sie in diesem Interview unerwähnt, dass auch in der Türkei die UN-Menschenrechtserklärung von 1948 keinerlei Bedeutung hat und allein die scharia-orientierte islamische Menschenrechtserklärung von 1990 die Staats-und Werteordnung der Türkei und so auch das Leben und die Mentalität der Muslime prägt. Oder beziehen Sie möglicherweise Ihre oben zitierte Aussage, dass die gläubigen Nichtmuslime in der Türkei „alle Rechte“ hätten, auf die islamischen Menschenrechte, die allen Nichtmuslimen aber in Wahrheit keine wirkliche Freiheit gewähren, also von purer Intoleranz gegenüber der nichtmuslimischen Welt gekennzeichnet sind?
  3. Gleicherweise ignorieren Sie das Faktum, dass sich Christen niemals auf Jesus Christus und seine Botschaft berufen konnten/können, wenn sie ungerechte Gewalt ausüb(t)en, Muslime jedoch nach den Anordnungen ihres Stifters Mohammed bzw. nach ihrer Urschrift, dem Koran, aufgefordert und sogar verpflichtet sind, ggf. mit Gewalt den Herrschaftsbereich der Religion Mohammeds auszubreiten.
  4. In nicht nachvollziehbarer Weise disqualifizieren Sie – wohl auch wider besseres Wissen – Ihre eigene christliche Glaubensgemeinschaft durch Ihre einseitige, pauschalisierende, vor allem auch nicht der geschichtlichen Wahrheit entsprechenden Beurteilung. Es ist eigentlich nicht vorstellbar, dass Sie die historischen Fakten nicht kennen. Oder sind Ihre gelegentlich hin und her schwappenden Einlassungen möglicherweise der speziellen Interview-Situation geschuldet?
  5. Die Behauptungen über die Türkei in Ihrem Interview-Text sind gekenzeichnet durch eklatante Widersprüche, die wie folgt zusammengefasst werden können: Positiv stellen Sie fest: Es gibt dort  (auch für Christen) „alle Rechte“ und „keine Schwierigkeiten“. Dabei ist die Geschichte des Islams – so auch der Türkei – eine „Toleranzgeschichte“, in der   die Religionsfreiheit nahezu „vollkommen perfekt“ verwirklicht wurde.

Andererseits werden nach Ihren Aussagen in der Türkei Religionskritik und das Werben für atheistische Weltanschauungen verwehrt und die Rechte eingeschränkt. Es gibt die Ungleichbehandlung von Christen und Atheisten. Auch ist keine konstruktive Zusammenarbeit des Staates mit den Religionen festzustellen. Der „Staat macht sich Sorgen, das es noch andere Kräfte in der Gesellschaft gibt und will mit ihnen nichts zu tun haben.“ Er hat sogar auch „Furcht vor den Religionen“. Die Türkei ist insgesamt eine „Gesellschaft der Angst“ und gekennzeichnet durch den Prozess der Islamisierung, (der immer mit dem angstauslösenden Prozess der Verdrängung aller anderen Religionen und Weltanschauungen verbunden ist).

  1. Der Hinweis Ihres muslimischen Freundes, eines Theologen, die Türkei sei eine „Gesellschaft der Angst geworden“, war für Sie in diesem Interview kein Anlass zum vertieften Hinterfragen der Gründe dieser belasteten gesellschaftlichen Situation in diesem islamischen Land. Die Angst der auch dort benachteiligten und diskriminierten Christen und aller Nichtmuslime scheint Sie nicht allzu sehr zu interessieren.

Verharmlosen, Verschweigen und Verdrehen, Täuschen, Ignorieren und Pauschalisieren mit einseitiger Abqualifizierung der Christen u.a.m. sind seit langen Jahren typische Kennzeichen auch des christlich-islamischen Dialogs mit seinen weithin frustrierenden Negativerfahrungen. Kein Deut hat sich aufgrund dieser Dialogveranstaltungen nach langen Jahrzehnten für die (bedrängten) Christen geändert und verbessert, weder bei uns noch insbesondere in den islamischen Ländern. Ganz im Gegenteil.

Das Wörtchen „Dialog“ bewerten Sie, Herr Prof. Körner, zu Recht als ein „wichtiges und schönes Wort“. Doch im Zusammenhang mit dem Islam ist es wohl viel eher ein belastetes Wort. In welchen islamischen Ländern wird denn eigentlich zu christlich-islamischen Dialogveranstaltungen auch auf „unteren Ebenen“ eingeladen? In welchen gibt es eine staatliche „Christenkonferenz“ analog der deutschen „Islamkonferenz“? Etwa in der Türkei?

Entwicklungen, Veränderungen innerhalb des Islams, der weltweit zweitgrößten Religionsgemeinschaft mit ihren unterschiedlichen Konfessionen, sind für das künftige Miteinander der Menschen weltweit lebensnotwendig. Denn ein menschenwürdiges Zusammenleben der Menschen unterschiedlichen Glaubens, unterschiedlicher Weltanschaung in den einzelnen Gesellschaften kann nur gelingen, wenn das „Nicht-Aggressionsprinzip“ unter ihnen gewahrt wird. Diese genannten Entwicklungen und Veränderungen werden auch von einer – wenn auch nur verschwindend kleinen – Minderheit reformbewusster liberaler und säkularer Muslime nachdrücklich vom orthodoxen Mainstream-Islam angefordert.

Durch die anbiedernden Verhaltensweisen auch christlicher Theologen werden diese notwendigen Reformprozesse innerhalb des Islams mit Sicherheit durchkreuzt und verhindert – wie leider auch von Ihnen, Herr Prof. Körner, in diesem Interview.

Welche anderen Märchen erzählen Sie eigentlich noch in Ihren Vorlesungen, Vorträgen und Veröffentlichungen über den Islam, auch über unsere gemeinsame christliche Religion?

Ps. Während ich diesen Artikel schreibe, lese ich auf der aktuellen Internetseite von „Philosophia perennis“ nebeneinander folgende Überschriften zu Berichten, die mit ihren unterschiedlichen islambezogenen Problemfeldern die hier vorgelegten Ausführungen anschaulich belegen können:

„Dschihadistischer Völkermord an Christen in Nigeria verschärft sich“

„Köln, die zarteste Unterwerfung, seit es den Islam gibt“

„Fanatismus im Islam und im Christentum?“

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