Der Titel ist eine Gegenfrage zu der des Bischofs von Magdeburg: „Sind unsere Gottesdienstausfälle nicht fast Luxusprobleme?“ Im folgenden Beitrag stellt die Autorin die Bedeutung von gemeinschaftlichen Gottesdiensten und deren enge Verbindung mit humanitär-sozialem Verhalten im Alltag der Christen vor dem Hintergrund der Corona-Katastrophe und ihren Auswüchsen dar. Ein Gastbeitrag von Dr. Juliana Bauer

Vor wenigen Tagen machte ein beunruhigendes Video aus Norditalien in sozialen Netzwerken die Runde, ein Video, das sogar in den italienischen Hauptnachrichten zu sehen war: zwei bewaffnete Carabinieri drangen am 2. Sonntag der Osterzeit in eine Hl. Messe in dem lombardischen Ort Soncino ein. Don Lino, ein 8ojähriger Priester zelebrierte sie mit 13 Anwesenden, die sich in dem 500qm großen Gotteshaus auf gebührendem Abstand eingefunden hatten. Der Priester hatte die Messe u.a. auch im Gedenken an die jüngst Verstorbenen gefeiert. Die Polizisten händigten ihm zwei Bußgeldbescheide aus – einen für die Gläubigen und einen für ihn selbst. Ihrer Aufforderung, den Gottesdienst umgehend abzubrechen, kam der Priester jedoch nicht nach (Katholisches Info, 21.04.20).

Äußerst beschämend ist hierzu die öffentliche Stellungnahme seines Bischofs, des Bischofs von Cremona – von vielen Italienern als „vigliacco = feige, niederträchtig“ bezeichnet. In dieser bedauere Monsignore zwar mit Blick auf die Gläubigen den Entzug der Eucharistie, bedauere aber auch, in guten Teilen von der Italienischen Bischofskonferenz unterstützt, das „staatlich“ wie „kanonisch“ nicht konforme Verhalten Don Linos.

Seit der Corona-Epidemie, die Italien besonders schwer traf und wohl noch immer im Würgegriff hat, scheint im Leben der Italiener – mindestens auf Zeit – die Wiederholung eines Stücks Geschichte, die man längst überwunden glaubte, begonnen zu haben. Massive Einschränkungen des Alltags, massive Beschränkungen der gesamten Lebensart, aller sozialen und menschlichen Kontakte, massive Beschränkungen von Kultur und Religion setzen dem lebensfrohen, freiheitsliebenden Volk zu. Wie lange das noch gut geht?

Erschreckend ist vor allem der Überwachungsstaat …

…den die italienische Regierung ähnlich der französischen seit Corona etablierte: Drohnen, permanente kleinkarierte Kontrollen, unverhältnismäßiges, gnadenloses Durchgreifen bei so genannten Kontaktverstößen… Junge Carabinieri, die Nachfolger der einst königlichen Polizei, glauben offenbar, machtvoll als große Herren auftreten zu können… Zahlt ihnen die Regierung in diesen Tagen ein besonders üppiges Gehalt…???

Italia mia, dove stai andando? Mein Italien, wohin gehst du gerade?

Aber auch – Ecclesia quo vadis?

Gaben die italienischen Bischöfe dem Staat gegenüber klein bei? Nach der Stellungnahme des Bischofs von Cremona sieht es danach aus. „Die Bestätigung als treuer Erfüllungsgehilfe des Staates scheint für die Bischöfe Priorität zu haben“(Kath. Info) – zumindest für eine gewisse Reihe von Bischöfen.

Aus deutschen Landen erreichten die gläubigen Menschen ebenso irritierende Nachrichten. Da tönte kurz vor Ostern der Hildesheimer Bischof, Wilmer mit Namen, die katholischen Christen seien zu sehr auf die „Eucharistie fixiert“ (Domradio, 12.04.20). Acht Tage später legte Bischof Feige, der Bischof der Diözese Magdeburg, nach und stellte allen Ernstes die Frage:

„Sind unsere Gottesdienstausfälle nicht fast Luxusprobleme?“ (katholisch.de, 20.04.20).

Solche Fragen kenne ich von Nicht-Glaubenden, von Atheisten. Fragen, die bei diesen Menschen ihre Berechtigung haben, die bei diesen nachzuvollziehen sind. Doch wenn ein Verkünder des Wortes Gottes eine solche Frage in den Raum stellt, ist es mehr als befremdlich. Die angefügten, weit ausgeholten Erläuterungen machen dann diese Frage nicht mehr wett. Abgesehen davon, dass sich Hirten mit Fragen und Aussagen dieserart sich selbst das Wasser abgraben – was bei mir instinktiv die Frage nach deren Intelligenzquotienten auslöst –, lassen diese mit solchen Sätzen die ihnen anvertrauten Schafe nicht nur im Regen stehen, sondern halten sie auch buchstäblich zum Narren.

Um im biblischen Bild des Hirten zu bleiben: Sollte ein Hirte nicht voll und ganz, ohne Wenn und Aber hinter seinen Gläubigen stehen? Sollte ein Hirte die Schafe seiner Herde nicht auf seine Schultern nehmen, sie stärken, sie schützen, in jeglicher denkbaren und undenkbaren Lage? Möglicherweise auch gegen bestimmte staatliche oder sonstige Vorgaben? Unterwürfige Staatsdiener, Speichel leckende Allround-Manager unter den Verkündern des Gotteswortes sind überflüssig. Sie sind keinem Christen eine Stütze, geschweige denn einer ganzen Gemeinschaft. Und geschweige denn dem Reich Gottes.

Fractio panis, Darstellung des frühchristlichen Brotbrechens in den Priscillakatakomben in Rom (Wikipedia)

Ihr Bischöfe deutscher Lande! Kennt ihr das Wort aus der Apostelgeschichte: „Sie blieben aber beständig in der Apostel Lehre und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet“ (Apg 2,42)? Es ist das Vermächtnis eures Herrn. Und das Vermächtnis eurer ersten Vorgänger, in deren Nachfolge ihr euch doch verstanden wissen wollt.

Das ist Luxus pur, ich weiß es. Es ist Luxus im Sinne von überwältigender Fülle, von unerschöpflichem Reichtum. Aber eines Reichtums und einer Fülle, die nicht mit den Gütern oder den Bedürfnissen unserer sterblichen Welt zu vergleichen sind. Wie sagte doch Jesus von Nazareth, den ihr verkündet: „Ich bin gekommen, damit ihr das Leben habt und es in Fülle habt“ (Joh.10,10).

Und es ist Luxus, dass ihr als der Apostel Nachfolger in unserem Land große Vorteile genießen könnt. Ein Luxus aber, wie ihn die Welt kennt. Luxus unter Umständen, wie sie euch gegeben sind. Unter großzügigen Umständen, wie sie euch in Deutschland eben vielfach serviert werden. Ein Palais, ein großräumiges Bischofshaus, mitunter auch Staatskarossen, Riesen-Staats-Gehälter… Luxus = Üppigkeit. Komfort.

Sind unsere Bischöfe nicht fast Luxusprobleme?

Schauen wir einmal in unser Nachbarland Frankreich. Nicht nur, dass dort einige Bischöfe manchmal nicht mehr wissen, wie sie ihre Pfarrer bezahlen sollen. Nicht nur, dass die Diözesen heute vor klammen Kassen sitzen und aufgrund laufender Kosten nun über Online um Kollekte betteln müssen (Domradio, 03.11.16 und 23.04.20).

Nach einer aktuellen Audiokonferenz zwischen Regierung, Episkopat und anderen Religionsvertretern wird sich die dortige Kirche wohl damit begnügen müssen, vor Mitte Juni keine Gottesdienste feiern zu dürfen. Wenn es die Bischöfe denn hinnehmen. Laut Domradio forderten sie parallel zur Lockerung der Beschränkungen ab dem 11.Mai wieder öffentliche Hl. Messen, auf die der französische „Diktator“ momentan noch nicht eingegangen sein soll (Domradio 22.04.20).

Möglicherweise werden die Bischöfe aber sprechen und möglicherweise „sehr laut werden“, wie es gerade der Pariser Erzbischof Michel Aupetit mit Blick auf einen speziellen Gottesdienst äußerte. Das staatlich verordnete Verbot beachtete am vergangenen Sonntag nämlich auch ein Pariser Pfarrer nicht und feierte gleich seinem Amtsbruder Don Lino eine Messe mit wenigen Personen. Und es erging dem französischen gleich dem italienischen Priester: bewaffnete Polizisten betraten die Kirche, versuchten ihn zu unterbrechen und händigten ihm eine Geldstrafe aus. Mit dem Unterschied zu dem Vorfall in Soncino jedoch, dass der Bischof des Pariser Pfarrers gegen dieses Vorgehen staatlicher Gewalt wie auch zugunsten der Eucharistie, seines Priesters und der anwesenden Gemeindemitglieder hörbar seine Stimme erhob (Aleteia fr 23.04.20).

Was die betreffenden deutschen Bischöfe ihren französischen Amtskollegen nun raten würden? Insbesondere für entsprechende Härtefälle? Dass sie sich nicht grämen und sich mit ihren Christen nicht so sehr auf die Eucharistie fixieren sollten…? Dass sie die Gottesdienstausfälle nicht überbewerten möchten, sie seien doch fast nur Luxusprobleme…?

Sie blieben aber beständig…

Andrea Riccardi, der Gründer der Gemeinschaft San Egidio in Rom, hatte bereits früh die Kirchenschließungen und Annullierungen von Gottesdiensten in der Coronakrise kritisiert (kath net 01.03.20). Dabei verwies er auf das gemeinsame Gebet, das „ohne Zweifel Hoffnung und Solidarität nähre“ und darauf, dass „eine starke spirituelle Motivation hilfreich sei, um Krankheiten zu widerstehen.“

In enger Verflechtung zum Gottesdienst sieht Riccardi auch die gemeinschaftliche Verbundenheit untereinander und die Hilfe für die anderen.

Er fasste hierbei besonders die frühen Christen und, unter Berücksichtigung soziologischer Studien (Rodney Stark, USA), deren Verhalten während Epidemien ins Auge. „Sie blieben aber beständig … in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.“ Aus dieser von Christus getragenen Gemeinschaft heraus, gestärkt und beflügelt durch das gemeinsame Gebet, wandten sich die Christen nicht alleine den kranken und notleidenden Menschen zu, sondern kümmerten sich ausnahmslos um sie, wenn Epidemien ausgebrochen waren – die Ungetauften hingegen hatten meist fluchtartig die Stadt verlassen. Die Christen besuchten und unterstützten einander, beteten gemeinsam und begruben die Toten (vgl. auch zu Süditalien, Die Solidarität geht nicht in Quarantäne, PP, 10.03.20). Aufgrund ihrer sozialen und gemeinschaftlichen Verbundenheit heraus sei die Überlebensrate der Christen höher gelegen, als jene der Heiden.

Erzbischof Aupetit aus Paris nahm in seiner Predigt am 2. Sonntag in der Osterzeit u.a. das mitmenschliche Verhalten in dieser Krise in den Blick. Er beobachte ein oft zutiefst unmenschliches, schon fast in die Barbarei abdriftendes Verhalten dem anderen gegenüber: alte Menschen werden im Stich gelassen, Sterbende alleine, Tote liegen gelassen… Ohne den wichtigen Schutz für andere oder entsprechende Vorsichtsmaßnahmen auch nur im Geringsten herunterzuspielen, stellte er dennoch die Frage, was zu solchen Verhaltensweisen führe und was es für Christen bedeute, dem Wort Jesu zu folgen, sein Leben für den zu geben, den man liebt (Homélie Mgr Michel Aupetit, 19 avril 2020).

Die Antwort ist m.E. einfach. Unsere Gesellschaft ist nicht mehr wirklich christlich geprägt, das vom Evangelium her tragende Fundament bröckelt immer mehr. Drastisch sichtbar wird dies schon lange: bei der Tötung von Ungeborenen, bei der Euthanasie. Geld und Vergnügungen, denen viele nachjagen, sind zum „Gott“ erhoben, das Ich steht im Mittelpunkt. Brechen Geld, Vergnügen, Ich infolge von Krisen, insbesondere gesundheitlicher Art, ein, entstehen Leere und Angst – Angst, die alle Fasern der Gesellschaft durchzieht und sie beherrscht – eine „irrationelle, panische Angst … eine widersinnige Angst“, wie Mgr Aupetit in seiner Predigt feststellte.

Von dieser Angst, die Andrea Riccardi als die „große Protagonistin der Zeit“ bezeichnet, lassen sich – unabhängig von allen wichtigen Vorsichtsmaßnahmen, die zu treffen sind – viele Regierungen leiten, ob es Stadt- oder Regional-, Landes- oder Staats-Regierungen sind. Auch hierin liegt eine Antwort auf Mgr Aupetits Frage, wie es dazu komme, dass die Menschen ihre Nächsten verließen, sie ihrem Schicksal überließen… Der Allmachtsstaat, der zurzeit überall nach seinen Bürgern greift, sie, wie besonders in Frankreich und Italien, für unmündig erklärt und überwacht… der in einer „Radikalität“, einer „Totalität“ und „Massivität“ (Heribert Prantl, Presseschau 20.04.20) nicht nur die Grund-Rechte aushebelt, sondern auch die Menschlichkeit. Von dieser „widersinnigen Angst“ getrieben, werden dann Kinder, Enkel, Verwandte, Freunde aus Senioren- und Pflegeheimen ferngehalten, die Menschen dürfen die alten Eltern, die Großeltern oder auch die Kranken nicht besuchen. Der Pariser Erzbischof bringt es in einem aktuellen Tweet auf den Punkt: „Die alten Menschen werden von der Zuneigung, von der Zärtlichkeit ihrer Kinder, Enkel, Freunde abgeschnitten…Man schützt ihr Leben, schneidet sie aber von allen Beziehungen ab, man schneidet sie vom Sinn ihres Lebens ab“ (Michel Aupetit, auf Twitter 23.04.20).

Angehörigen wird selbst der Abschied von Sterbenden verwehrt. In Norditalien wurden die Toten reihenweise auf Lastern abgefahren, die Familien erhielten später die Urnen… Welch eine Barbarei!

Ein abschließendes Wort an die Bischöfe: Es ist jetzt an der Zeit, die Apostelgeschichte zu lesen. Und es ist an der Zeit, dem Zeugnis der Apostel und der frühen Christen zu folgen.

Denn, Ecclesia quo vadis? …

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Die Autorin über sich: ich bin keine Theologin, sondern Kunst- und Kulturhistorikerin, aber eine, die mit der Bibel von Kindheit an vertraut ist und den Worten eines meiner Lehrer, eines ehemaligen Ordinarius des kunsthistorischen Instituts der Universität Freiburg/Br. Rechnung trägt: „Ein Kunsthistoriker des Abendlandes muss bibelfest sein.“ Auch bin ich, in einem ökumenischen Haus aufgewachsen, mit der katholischen wie der evangelischen Kirche gleichermaßen vertraut.

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