(David Berger) Abgeschnittene Arme im Souvenirladen am Kölner Hauptbahnhof und Kunstblut aus Drogeriemärkten sollen – auch kurz nach dem Axtmord von Limburg – für ein gelungenes Halloweenfest am kommenden Donnerstag sorgen. Doch brauchen wir das wirklich in einem Land, in dem gemesserte Menschen und abgehackte Körperteile immer mehr zum Alltag gehören?

Wo die Halloweenfeiern, die uns auch in diesem Jahr wieder ins Haus stehen, ihre Ursprünge haben, ist nach wie vor umstritten. Dass sie sich über das christliche Mittelalter im Kontext mit Allerheiligen und Allerseelen erhalten konnten, hängt aber ganz sicher mit ihrer temporären Entlastungsfunktion von gesellschaftlichen Regeln und Tabus zusammen.

Halloween: den Alltag und seine Tabus durchbrechen

Da es nun – sieht man einmal vom sexuellen Bereich und einer Mitgliedschaft in der AfD ab – kaum noch gesellschaftliche Tabus gibt, die man lustvoll brechen könnte, hat man Halloween praktisch wieder einmal neu erfunden

Das zeigt sich schön an den sog. „Heischebräuchen“, nach denen man in der Nacht vor Allerheiligen weitgehend ungestraft mal mit Streichen, Ruhestörungen und Belästigungen vielerlei Art über die Stränge schlagen durfte. Also eine durchaus ähnliche Funktion, wie sie der Karneval einst in katholischen Gebieten besaß.

Da es nun – sieht man einmal vom sexuellen Bereich und einer Mitgliedschaft in der AfD ab – kaum noch gesellschaftliche Tabus gibt, die man lustvoll brechen könnte, hat man Halloween praktisch wieder einmal neu erfunden. Es ist zum Gruselfest geworden.

Von Kunstblut bis abgehackten Fingern im Kölner Hauptbahnhof

Dieser Wandel wurde mir so richtig deutlich, als ich vergangenen Woche in der Innenstadt von Köln zum „Shoppen“ unterwegs war. In zahlreichen Läden bieten dort tüchtige Geschäftsleute die Utensilien für ein „gelungenes Halloween“ feil:

Von Kunstblut in einer großen Drogeriemarkt-Kette bis zu abgehackten Armen, Fingern usw. in einem Souvenirladen im für Gruselaktionen ohnehin bekannten Kölner Hauptbahnhof ist hier fast alles dabei, was für das eher einfach gestrickte Straßenpublikum irgendwie gruselig wirken soll.

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Suche nach abgehackten Schädel in den Kisten mit abgehackten Armen blieb erfolglos

Nur einen abgehackten Schädel konnte ich nirgendwo entdecken: Pietät inmitten des Höllenspaßes? Weit gefehlt: Als ich in einem der Halloween-Produkte führenden Läden die Verkäuferin fragte, ob sie auch abgehackte Köpfe statt nur Arme, Finger und Beine haben, sagte sie – nachdem wir gemeinsam die Kisten mit abgeschnittenen Fingern, Händen, Armen und Füßen durchwühlt hatten, mit größter Selbstverständlichkeit, da müsse sie mal im Lager nachsehen: „Wir schaffen das!“ – auch hier!

Während ich die hier veröffentlichten Fotos aufnahm, musste ich unwillkürlich an den Axtmord von Limburg denken, der sich gerade einmal 24 Stunden zuvor ereignet hatte. Und so fragte ich meinen Begleiter, inwiefern es geschmacklos wäre, nun die Fotos als Symbolfotos für anstehende zukünftige Berichterstattungen vorzuhalten.

Halloween ist längst zum Alltag geworden

Wofür da noch Halloween an einem einzigen Tag, wenn wir bereits das ganze Jahr Halloween haben?

Mit dem üblichen Hinweis, dass ich „Berger“ nicht „Ärger“ heiße, riet er mir in Sekundenschnelle ab, so dass ich annehmen darf, dass er meine Gedanken bereits gelesen hatte. Aber es entspann sich eine Diskussion darüber, inwiefern wir in Deutschland an einem bestimmten Tag überhaupt noch ein „Gruselfest“ brauchen?

Gehören abgeschnittene Körperteile und gemesserte Personen im „besten Deutschland aller Zeiten“ nicht schon längst zu unserem ganz gewöhnlichen Alltag? Allein Berlin meldet pro Tag durchschnittlich inzwischen 7,6 Messerattacken.

In anderen Städten, ja selbst auf dem flachen Land ist es kaum anders – außer dass dort Politik und Justiz dort teilweise weniger verständnisvoll auf die für unser Land neuen Bräuche reagieren. Wofür da noch Halloween an einem einzigen Tag, wenn wir bereits das ganze Jahr Halloween haben?

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