(David Berger) Noch ist die Lage rund um das grausige Blutbad in Halle am  jüdischen Versöhnungstag Jom Kippur unübersichtlich. Doch fest steht bereits jetzt, dass der Generalbundesanwalt den Fall an sich gezogen hat uns sich der Verdacht verdichtet, dass der Terrorakt gegen jüdische Ziele einen rechtsextremen Hintergrund hat.

Schon kurz nachdem die ersten Meldungen zu Halle durch das Netz geisterten, meldeten sich in den sozialen Netzwerken von Twitter über vk.com bis zu Facebook Menschen zu Wort, die einen muslimisch motivierten Hintergrund der Tat annahmen: Das Blut der erschossenen Juden klebe nun auch an den Händen Merkels, die die Grenzen für die Islamisierung Deutschlands geöffnet habe, kann man hunderte von Kommentaren, die vor einigen Stunden noch die rechte Netzwerk-Blase bestimmten, zusammenfassen.

Und auch AfD-Spitzenpolitiker waren in dieser Riege wieder ganz vorne mit dabei:

Das Blut an Merkels Händen

Stimmen, die wiederum linke Merkelapologeten enorm wütend machten. Vermutlich auch, weil die „Rechten“ und Islamkritiker hier nicht ganz grundlos argumentieren: Tatsächlich hat die Migrationswelle seit 2015 hundertausende an Menschen in unser Land geschwemmt, bei denen der Hass auf Israel und Juden fest zum Bestandteil ihres Denkens gehört. Von Politikern und Medien allzu oft schamhaft verschwiegen und bagatellisiert, hat der Bereich der alternativen Informationen dieses Feld umso begieriger und erfolgreicher aufgenommen.

Ob man dabei wirklich um die Sicherheit der Juden besorgt war und eine wirkliche Aversion gegen Antisemitismus das Leitmotiv war, bleibt freilich dahin gestellt. Denn gleichzeitig schwieg man beharrlich zu dem stark zunehmenden Antisemitismus sowohl bei den „Vulgär-“ als auch den „intellektuell parfümierten Nazis“.

Das Blut an Weidels Händen

Mit einem ähnlichen Schweigen, das nun auf einmal auf der Rechten in den sozialen Medien herrscht. Denn nun – nachdem sich immer mehr der Verdacht erhärtet, dass es sich um einen rechtsextremen Anschlag handelt – wendet sich die Argumentationsweise, die man noch vor wenigen Minuten gegen Linksgrün bzw. das System Merkel gepflegt hat, in analoger Weise gegen die „eigenen Leute“. „Antisemitische Neonazis: war da nicht vor Kurzem erst etwas?“, fragen sich nun viele. Und denken an den Besuch der AfD-Politikerin Alice Weidel bei einer Veranstaltung in Schnellroda, von der sie ganz begeistert über das Engagement der jungen Leute zurückkehrte.

Wer den Zusammenhang zwischen Hass auf Juden und Schnellroda nicht erkennt, der kann noch einmal hier nachlesen, was mit vielen direkten Zitaten aus dem Umfeld des braunen Bauernhofes belegt wird:

Alice Weidel in Schnellroda: Wohlfühlen unter Antisemiten

Wer sich nicht darüber aufgeregt hat, dass anlässlich des LKW-Massakers vom Breitscheidplatz vom Blut an Merkels Händen gesprochen wurde, ja sogar entsprechende Blidmontagen verbreitet wurden, der darf sich nun auch nicht aufregen, wenn vom Blut an den Händen Weidels, Höckes, Gedeons & Co die Rede ist. Statt „Merkels Goldstücke haben uns wieder bereichtert“, heißt es nun halt:

Es wird daher auf kritische Beobachter der Szene eher kontraproduktiv bis bigott wirken, wenn Weidel vor einer Stunde auf Twitter wissen ließ:

„Mit großer Bestürzung verfolge ich die Berichterstattung aus Halle. Meine Gedanken sind bei den Opfern und ihren Familien. Ich hoffe, die Polizei fasst den oder die Täter schnell, ohne dass weitere Menschen zu Schaden kommen.“

Noch bizarrer wirkt das Klagen des AfD-Politikers Malte Kaufmann, der sich auf Twitter beschwert:

Es ist einfach unfassbar, wie linke & linksextremistische #Twitter-Kommentatoren die schreckliche Tat von #Halle mal wieder für Hass, Hetze & Propaganda ausnutzen.“

Ersetzt man in dem Tweet einfach „links“ durch „rechts“, hätte man den Tweet, wie er angesichts seines zu vermutenden Tweets zu einem islamistisch motivierten Angriff von Linken ausgefallen wäre…

Natürlich kann man als Rechtspopulist behaupten, man habe damit nichts zu tun. Aber der Mörder von Halle benutzt ihre Argumente, er benutzt ihre Worte und ihre Erzählungen.

Selbst eine klare Distanzierung der AfD-Größen von antisemitischen und neo-nationalsozialistischen Tendenzen unter den eigenen Leuten, hätte in der Öffentlichkeit kaum noch Glaubwürdigkeit. Dazu scheint es bereits längst zu spät – ganz abgesehen davon, dass man sich kurz vor der Thüringen-Wahl seine Stamm-Wähler nicht vergraulen wird wollen.

Christian Bangel schreibt dazu in der „Zeit“: „Auch wenn jeder Rechte bei Verstand sich nun so weit möglich distanziert von dem Täter, so meinte dieser doch offenbar, auch im Sinne jener zu handeln, die daran glauben, dass Angela Merkel und die linken Eliten einen groß angelegten und perfiden Plan verfolgen, die deutsche Bevölkerung auszutauschen. Natürlich kann man als Rechtspopulist behaupten, man habe damit nichts zu tun. Aber der Mörder von Halle benutzt ihre Argumente, er benutzt ihre Worte und ihre Erzählungen.“

Und auch die ersten Stimmen der üblichen Verschwörungstheoretiker, die sich nun aus diesen Kreisen melden und über False-flag-Aktionen des Verfassungsschutzes fantasieren, machen die desolate Lage nicht besser – ganz im Gegenteil.

Die Opfer werden vergeblich gestorben sein

Julian Reichelt hat recht, wenn er schreibt: „Verantwortlich für die Bluttat von Halle ist allein der Täter. Aber ermutigt wurde er von einer Gesellschaft, die das NIE WIEDER nicht entschlossen verteidigt. Dieser Tag ist eine Schande für unser Land.“ Noch viel frustrierender als diese Analyse ist aber folgende Vermutung: Die kommenden Tage werden zeigen, dass Politiker und Medien alles andere als bereit sind, aus dem Vorgefallenen zu lernen.

Die Polarisierung und das Wegschmelzen der liberalen Mitte zugunsten rechter und linker Scharfmacher wird nun nur noch schneller voranschreiten. Auf ein Deutschland zu, in dem nur noch Merkel gut und gerne lebt – und auch das nur solange sie noch Kanzlerin bleibt. Rein politisch gesehen wird man nicht umhin können, als resigniert festzustellen: Die Zahl der blutigen Hände wird enorm ansteigen und die beiden Toten werden nicht die letzten Opfer sein, die völlig vergeblich gestorben sind.

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