(Xaver Bergen) Die Aufklärung eines versuchten Massenmords an Bahnkunden in Deutschland ist wahrscheinlich nicht etwa dem Ermittlungseifer deutscher Topagenten, sondern wohl eher einem aufmerksamen Copyshop-Mitarbeiter in Wien zu verdanken. Deutsche Ermittler hatten nur wenige Wochen nach dem Anschlag auf die ICE-Trasse Nürnberg-München bei Allersberg einen islamistischen Hintergrund verdrängen wollen. Stattdessen wurde der Terrorakt als die mögliche Tat eines rechtsextremistischen Trittbrettfahrers kolportiert.

Doch diese Woche konnten Spezialkräfte der österreichischen Sondereinheit COBRA den aus dem Irak stammenden fünffachen Familienvater Qaeser A. (42) als mutmaßlich gescheiterten Attentäter in seiner Sozialwohnung in Wien-Simmering dingfest machen.

Bekennerschreiben mit Fingerabdruck im Copyshop vergessen

Auf die Spur war ihm die österreichische Polizei gekommen, weil der mutmaßliche Dschihadist die Vorlage seines Bekennerschreibens in jenen Wiener Kopierladen im Fotokopierer vergessen hatte. Einem Angestellten des Ladens kam die Aufmachung des in arabischer Sprache verfassten Schreibens merkwürdig vor und er übergab es der Polizei, die einen Fingerabdruck darauf finden konnte.

Dank jenes Erkennungsmerkmals konnten die Beamten des österreichischen Innenministers Herbert Kickl (FPÖ) Qaeser A. schnell als Tatverdächtigen ermitteln und ihre Erkenntnisse mit den deutschen Kollegen in Berlin, Bayern und Wiesbaden teilen. Deutsche Polizeibeamte wollten angeblich warten und ihn bei einer erneuten Einreise „auf frischer Tat“ ertappen.

Drohte neuer Anschlag auf die Deutsche Bahn?

In einem Baumarkt kaufte der anerkannte Asylbewerber kurz vor seiner Verhaftung Drahtseile. Schon die ICE-Strecke in Bayern wurde mit einem Stahlseil manipuliert. Die Wiener Sicherheitsbehörden befürchteten daher weitere Anschläge auf Bahnanlagen, zumal sie zwischenzeitlich von einem weiteren in Deutschland gescheiterten Attentat wussten.

So reiste der amateurhafte Terrorist am 15. Dezember 2018 mit einer Mitfahrgelegenheit von Wien nach Berlin, um dort am Bahnhof Karlshorst die Gleise zu manipulieren. Angesichts des Kaufs des Drahtseils mussten die österreichischen Terrorfahnder von einer erheblichen weiteren Gefährdung für Menschenleben ausgehen und entschieden sich daher für den Zugriff in der Wohnung des Terrorismus Tatverdächtigten.

Will die deutsche Justiz den mutmaßlichen Terroristen nach Deutschland holen?

Derzeit befindet er sich in der JVA Josefstadt in der österreichischen Hauptstadt. Ob die Justiz der Donaurepublik gegen ihn einen Haftbefehl erwirkt oder ob die Generalstaatsanwaltschaft seine Auslieferung nach Deutschland beantragt, ist noch offen. Angeblich soll der Tatverdächtige, der Sympathisant der Terrormiliz ‚Islamischer Staat‘ sein soll, in der kriminalpolizeilichen Einvernahme einen terroristischen Hintergrund der Taten in Allersberg/Bayern und Berlin-Karlshorst bestritten haben.

Dass die wahren Hintergründe der bislang bekannten Terrorakte – die Öffentlichkeit wurde bis jetzt über zwei mutmaßliche Taten des anerkannten irakischen Asylbewerbers informiert – sich nun in der kriminalistischen Aufklärung befinden, ist gut. Dies ist Aufgabe der Justiz der Republik Österreich und der Bundesrepublik.

Selbstkritische Fehleranalyse der Massenmedien steht aus

Indes steht die selbstkritische Fehleranalyse etlicher Massenmedien noch aus. So hatten zahlreiche Printmedien und deren Internetausgaben sowie Fernsehsender ihren Lesern und Zuschauern im Zusammenhang mit dem Anschlag auf die ICE-Trasse Nürnberg-München bei Allersberg das Märchen vom rechtsextremistischen Trittbrettfahrer, der kurz vor der Landtagswahl in Bayern Stimmung gegen Migranten machen wolle, indoktrinierend erzählt. Das Medienmagazin ‚Medienhure‘, dessen Betreiber Anatol Wiecki von der linksangehauchten in Berlin erscheinenden Tageszeitung ‚taz‘ als „Der Medienheilige“ gefeiert wird, schreibt dazu folgendes:

„Wir halten es für möglich, dass es sich um einen radikalisierten Einzeltäter aus dem extrem rechten Milieu handelte, der kurz vor der Landtagswahl in Bayern Stimmung gegen Flüchtlinge provozieren wollte“, soll ein namentlich nicht genannter „Ermittler“ den Zeitungen des Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) im November 2018 – einige Wochen nach dem Anschlag auf die ICE-Bahnstrecke Nürnberg-München bei Allersberg am 7. Oktober 2018 – gesagt haben. Die ‘Süddeutsche Zeitung’ verbreitete am 04.11.2018 seriös wirkend die dpa-Meldung „Stahlseil über ICE-Strecke: Bezug zu IS sehr unwahrscheinlich“. Derweil hieß es in jenen Tagen in der amtlichen gemeinsamen Presseinformation der Generalstaatsanwaltschaft München, der Bayerischen Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus (ZET) und des Bayerischen Landeskriminalamtes vom 06.11.2018, man ermittle “in alle Richtungen”. Dies hielt einige Medien nicht von spekulativen Headlines wie etwa „Falsche Spuren gelegt? Versuchter Stahlseilanschlag auf ICE womöglich rechtsextrem motiviert“ ab.

Doch dann die Wende: Die österreichische Spezialeinheit COBRA verhaftete nun den fünffachen Familienvater Qaeser A. in Wien. Der 42-jährige Iraker kam vor Jahren als Flüchtling nach Europa. Die ‘BILD’-Zeitung titelte „Nach Anschlägen auf ICE-Züge ISIS-Terrorist gefasst, als er neue Stahlseile kaufte“, während die ‘Kronen-Zeitung’ „Das Geständnis des IS-Attentäters“ und sein Motiv zu kennen scheint, nämlich „Hass auf Merkel“.

Der sehr lesenswerte Beitrag über den medialen Wandel des Täterprofils des ICE-Attentäters, findet sich vollständig hier.

Dschihadist hatte als Security-Mitarbeiter Zugang zu sensiblen Sicherheitsbereichen

Der Beitrag weist auch auf den Anschlag in Berlin-Karlshorst hin, der erst allmählich mit Qaeser A. in Verbindung gebracht wird. Tatsächlich soll der Mann, der als Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma sogar Zugang zu sensiblen Bereichen gehabt haben soll, inzwischen auch die Tat in der deutschen Hauptstadt eingeräumt haben. Zwar hätten seine Taten einen politischen Hintergrund, doch einem Bericht der öffentlich-rechtlichen ‚Deutschen Welle‘ zufolge, bestreite der Tatverdächtige einen „terroristischen Hintergrund“.

Terrorismus beim Namen nennen

Ein Täter, der über Bahngleise für Hochgeschwindigkeitszüge, die in Deutschland planmäßig bis zu 300 km/h fahren können, Stahlseile spannt, nimmt den Tod hunderter Menschen billigend in Kauf. Für diese Erkenntnis muss man noch nie etwas vom ICE-Unfall von Eschede gehört haben.

Am 3. Juni 1998 kamen 101 Menschen in Eschede ums Leben. Ursächlich war ein vermeintlich kleiner technischer Fehler. Schon kleine, aber fatale Fehler können einen Zug mit sehr vielen Reisenden auf die schiefe Bahn bringen. Wer Stahlseile über eine solche Gleisanlage spannt, der beabsichtigt einen Massenmord.

Ein Massenmörder mit politischer Motivation betreibt nach der Wertevorstellung eines jeden gerecht denkenden Menschens Terrorismus. Dies muss nun endlich offen ausgesprochen werden. Terrorismus beim Namen nennen, das ist wohl die Conclusio aus dem Kommentar von Richard Schmitt in der Kronen-Zeitung.