Unser Gastautor Kopekenstudent hat gestern am Trauermarsch in Chemnitz, der mehr als zehntausend Menschen vereinen konnte, teilgenommen. Für PP schildert er hier seine Eindrücke. Wir weisen eingangs darauf hin, dass dies die ganz persönlichen Eindrücke des Autors sind und der Text als Diskussionsbeitrag zu verstehen ist.

Am Nischl (Karl-Marx-Monument) bei ProChemnitz ging es mit etwas Verspätung los – gerade so viel, dass man als deutscher Staatsbürger noch nicht ungeduldig wurde. Der Chefordner mit zeitgemäßem Methusalembart und Kurzhaarschnitt verlas die Demonstrationsauflagen und redete dann herausfordernd Richtung Gegner und sich selbst dabei ein wenig in Rage. Campino kritisierte er, weil der als Punk mit dem System ins Bett steigt. Leider war Campino nicht da. Der beflissene Applaus gab ihm trotzdem recht.

Mafia besser als unsere Regierung

Anschließend sprach der Veranstaltungsleiter. Von all seinen Sätzen ist mir nur jener im Gedächtnis geblieben, dass die Mafia im Gegensatz zur Regierung diejenigen, von denen sie Schutzgeld (vulgo: Steuern) erpresst, auch tatsächlich beschützt. Ich hätte mir mehr solche zitierwürdigen Worte gewünscht.

Statt dessen folgte ein Mann „aus der Mitte der Gesellschaft“ – ein 75-jähriges Chemnitzer Original, der als erster die Todesstätte Daniel Hilligs mit Kerzen geschmückt hatte. Er begann ganz gut, gefiel sich allerdings je länger je mehr darin, sich selbst reden zu hören, weshalb er immer noch eine Anekdote oben drauf packte. Schön an diesem Teil der Veranstaltung bis dahin war, dass hier wirklich das Volk sprach – unverblümt und unverstellt. Es wehte ein laues DDR-Wind-of-Change-Lüftchen.

Bürgerbewegung Pro Chemnitz schließt sich kurzfristig der AfD-Demo an

Nun geschah das Überraschendste des ganzen Tages. Ein weiterer Redner monierte, dass der von der AfD angemeldete Schweigemarsch zum Karl-Marx-Monument führen würde, während die Pro-Chemnitz-Demo entgegen der zuerst angemeldeten Route nun Richtung Antifa-Veranstaltung geleitet werden sollte. Dem Wunsch, sich der AfD anzuschließen, würde von der Polizei nicht statt gegeben.

Man wolle sich aber nicht weiter trennen lassen, weshalb er den Vorschlag unterbreite, die Veranstaltung jetzt aufzulösen, und jeder könne dann gehen, wohin er wolle – hoffentlich Richtung AfD. Die Menge quittierte den Vorschlag mit lautem Jubel. Frohgemut begaben sich mehrere tausend Leute in loser Formation zum AfD-Büro um die Ecke.

Große Disziplin bei Trauermarschteilnehmern

Dort allerdings war denn auch Schluss mit jeglicher Spontaneität. Ob man die teils lautstarken Pro-Chemnitzer wirklich dabei gewollt hatte auf seinem Schweigemarsch, wurde nicht ganz klar. Eine laute, freudige Begrüßung jedenfalls gab es nicht.

Statt dessen bestand der AfD-Veranstaltungsleiter darauf, dass hier auch für die Pro-Chemnitzer ausschließlich die AfD-Demoregeln zu gelten hätten. Weshalb sämtliche Fahnen, die etwas anderes als Schwarz-Rot-Gold (in exakt der genannten Reihenfolge!) zeigten – also beispielsweise gold-rot-schwarze oder auch Sachsenfahnen, eingeholt werden mussten.

Darauf insistierte er lange und drohte sogar mit den eigenen Ordnern. Brav gehorchte das zu tausenden versammelte Volk. Nur ein einziger traute sich später, offen die Sachsen-Fahne zu tragen.

Wasserwerfer gegen den „rechten Aufstand“

A propos Ordner. Welch ein Drama. Die Polizei hatte einen Schlüssel von einem Ordner pro zwanzig Teilnehmer vorgegeben. Also mussten sämtliche Ordner sich bei der Polizei einfinden, Personalien hergeben und sich zählen lassen. Dieses Prozedere dauerte so lange, dass ich derweil das Interesse verlor und mir einmal besah, was der Staat aufgefahren hatte.

Neben mindestens 50 Polizeibussen tuckerten in einer abgesperrten Kreuzung auch fünf moderne Wasserwerfer und zwei gepanzerte Räumfahrzeuge mit einer Art Schneepflug. Als erwarte der Staat hier den großen Showdown.

Doch im AfD-Zug sah keiner aus, als würde von ihm irgendeine Gefahr ausgehen

Ganz vorn in der ersten Reihe standen die Granden der Partei. Höcke in der Mitte, alle im schwarzen Anzug, mit weißer Rose im Knopfloch. Alle schienen extra in der Maske gewesen zu sein, so braun und frisch strahlten die Teints. Jemand, dessen Gesicht ich auch drei Kilometer gegen den Wind als das eines Menschen identifiziert hätte, der karrieristisch war und unweigerlich zur Amigo-Wirtschaft neigt, ging staatstragenden Schrittes und mit dem Grinsen eines wohlsaturierten Lebens von A nach B, wo er genau nichts tat, aber gesehen wurde, und ging dann zurück nach A.

Eine junge, konservative Dame hatte sich drei Rosen ins blonde Haar geknipst: eine schwarze, eine weiße und eine rote. Eigentlich eine Botschaft. Dazu trug sie schwarze Strümpfe, die wie Strapse aussahen. Und darüber ein ungeheuer kurzes Röckchen. Auch eine Botschaft…

Bilder für die Presse statt Aktion für das Volk?

Hinter den Granden, unter die sich auch Bachmann und Stürzenberger gesellt hatten, formierten sich etwa zwei Dutzend „Bilderträger“ – Menschen, die großformatige, schwarzumrahmte Fotos von Mordopfern der Merkelpolitik um den Hals hängen hatten. Eine ausgezeichnete Idee. Der Demo-Leiter gab über die zu kleine Anlage Anweisungen, wie und wo sich wer zu positionieren hatte.

Ich begriff, worum es der AfD ging: um eine Botschaft für die Medien. Das war aus politischer Sicht so verständlich, wie es aus menschlicher Sicht traurig war. Denn es ging eben auch der AfD nicht um das Volk und nicht wirklich um die Trauer über den Ermordeten.

Es ging darum, der versammelten Pressemeute, die ihre Kameras in den AfD-Zug hielten wie eine Horde Wissenschaftler ihre Lupen in einen Käferkasten, Bilder zu liefern, die sie zwingen sollten, sich anders mit der Merkelpolitik auseinander zu setzen. Das Gefühl indes, dass das Volk bei derlei gestellten Aktionen nur störend sei, lies sich nicht verdrängen.

Erfüllung der Demoauflagen höchstes Gebot

Lange geschah nichts. Keine Freigabe der Polizei, so dass sich der Zug nicht in Bewegung setzen konnte. In einem Grüppchen diskutierte man, ob Bachmann vertrauenswürdig oder ein V-Mann sei. Man dachte schon an Schikane, da ging es doch noch los.

Immer wieder mahnte der Demo-Leiter zur Disziplin. Und in der Tat – so diszipliniert sich hier mindestens 10.000 Leute verhielten, begleitet von einem langen Tross an blaulichternden Einsatzfahrzeugen, das war absurd ungefährlich und etwa so widerständlerisch, wie Improvisieren nach vorgegebenen Noten kreativ ist.

Nein, Du mein deutsches Volk, dachte ich, so wird das nichts. Wenn der Widerstand sich vor allem in demokratischer Disziplin übt und nichts ernster nimmt, als die Erfüllung der Demoauflagen, und wenn die Diktatur von oben so butterweich-anarchistisch ist, wie der merkelsche Mutterbusen, dann trifft man am Ende händeschüttelnd in der Mitte und es passiert – nichts. Also genau das, was mittlerweile vier Jahre permanentes Herumgedemonstriere erbracht haben.

Am Ende gehen alle Döner essen

Fast fühlte ich mich an die Truman-Show erinnert. Alles war durchinszeniert und vollkommen zu Tode organisiert. Das Volk verhielt sich „diszipliniert“, wie man es von ihm per Auflagen erwartete, wollte sehen und gesehen werden. Der Staat machte seine Show mit Monsterfahrzeugen, die keinen erschreckten, weil jeder wusste, sie waren so überflüssig wie heißer Tee in der Sauna.

Vermutlich brauchten die Motoren einfach mal ein paar Fahrkilometer, weswegen man die Fahrzeuge von so weit her hatte anrücken lassen. Die Demonstranten machten ihre Show. Die AfD machte ihre Show. Und am Ende, am Ende gehen alle zusammen Döner essen. Was ich denn auch tat, denn mir knurrte der Magen.

Ich war schon weg

Gedankenverloren stand ich mit dem Ding in der Hand an einer Kreuzung und beobachtete eine Reiterstaffel. Weit und breit war keine Demo, keine Gefahr auszumachen. Von ferne trug der Wind ein wenig Antifa-Punk herüber.

Die Polizeidamen ritten ihre Pferde im Kreis, vielleicht, dass sie nicht zu nervös wurden. Ein Pferd glitt mit seinen eisenbeschlagenen Hufen auf einer Straßenbahnschiene aus. Die schwarz armierten Polizeiburschen am Straßenrand raunten kurz erschrocken auf. Höcke musste jetzt sprechen. Doch ich war schon weg.

Antifa: Wir hatten einen erfolgreichen Abend

Auf dem Weg zum Auto traf ich zwei Antifas auf Rädern, die Plakate dabei hatten. In meinem Wollmantel war ich unschwer als Konservativer auszumachen. Ich fragte sie, ob sie einen erfolgreichen Abend gehabt hätten.

Jo, grinsten sie mich spitzbübisch aber lieb wie Kinder an. Alles war gut. Deutschland, man muss sich um dich keine Sorgen machen. Du funktionierst wie das Orchester auf der Titanic. Oder mit den Worten eines meiner anderen Artikel:

Chemnitz – cut.

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David Berger: Nicht der Trauermarsch, der Staat hat versagt

Ich habe den Beitrag unseres Gastautors hier veröffentlicht, obwohl er sich nicht mit meiner Position deckt. Obwohl ich im Unterschied zu ihm gestern Abend nicht in Chemnitz war, habe ich die Geschehnisse dort über die verschiedenen Liveübertragungen verfolgen können.

Für mich bestand die große Stärke des Trauermarsches gerade darin, dass er friedlich bleib und sich an Recht und Ordnung hielt. So konnte die APO 2018 gerade gegenüber dem noch unentschlossenen konservativen Bürgertum enorm an Pluspunkten gewinnen.

Während die linken Gegendemonstrationen immer wieder von Gewaltexzessen einzelner Teilnehmer, besonders auch gegen die Polizei, geprägt waren. Unter dem Motto „Herz statt hetze“ wurden Steine geworfen, Blockaden errichtet und Polizisten kriminell angegangen. JouWatch schreibt: „Vorher hatten sich ihre Demonstranten unter dem Motto „Herz statt Hetze“ mit Steinen bewaffnet, immer wieder versucht, die AfD-Demo gewalttätig anzugreifen und waren dabei mit der Polizei aneinandergeraten. Der schwarze Block war in starker Zahl angereist und versuchte seinem Namen alle Ehre zu machen. Diesmal gab es wirkliche Hetzjagden – auf AfD-Demoteilnehmer. Die Polizei musste schon um 16:28 Uhr twittern: „Einige Teilnehmer der Versammlung ‚Frieden wahren‘ haben soeben Steine aus dem anliegenden Gleisbett genommen. Bitte unterlasst das. Zeigt Herz statt Hetze.“

Dass man „von oben“ aus ausgerechnet die sich an Recht und Ordnung haltende Demo vor ihrem Ende zwangsweise auflöste, die linken gewalttätig ausufernden Proteste aber weiter gewähren ließ, wirft kein schlechtes Licht auf den Trauermarsch, sondern auf den Staat:

„Der Staat hat in Chemnitz gezeigt, wem die Straße und die unbedingten Sympathien gehören: Einem sich bewaffnenden linken Mob. Eine friedliche Demonstration mit mehr als 10.000 Teilnehmern, die zuvor von „couragierten Aktivisten“ blockiert worden war, wurde dagegen wegen Zeitüberschreitung beendet. Deutschland im Merkel-Jahr 2018. Auf Wiedersehen, Demokratie. Es war schön mit Dir.“

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Das letzte Wort soll hier der Autor des Textes haben (Kopekenstudent):

Es war mir klar, dass mein Artikel polarisieren würde. Und ich hätte es auch verstanden, wenn Sie ihn nicht veröffentlich hätten. Dass Sie es dennoch taten, ist genau diese Freiheit, die ich an Philosophia Perennis und Ihnen so schätze.

Ich will trotzdem noch einmal betonen (wie ich das auch schon in mehreren meiner Artikel tat), dass ich Gewalt für die schlechteste aller Möglichkeiten halte, weil dadurch nur eines gewiss wäre: viele sinnlose Opfer. Mein Artikel sollte also bitte nicht als Aufforderung dazu verstanden werden.

Was mich gestern etwas störte (und was mir möglicherweise nicht genug gelang, herauszustellen) war der Hang, innerhalb der Konservativen Gruppen, einander Gehorsam einzufordern anstatt in völliger Freiheit – beispielsweise bei der Verwendung der Fahnen – einander gegenseitig anzunehmen. Ich sehe darin bereits einen unguten Keim. Man kann das aber sicherlich auch anders sehen.

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