Wie die politische Elite ein Opfer des Holocaust mit ausgewählten Zitaten instrumentalisiert, um das Versagen der eigenen Politik zu vertuschen. Ein Gastbeitrag von Josef Hueber

Nachrufe auf berühmte Persönlichkeiten sind eine willkommene Gelegenheit der Selbstdarstellung. Denn Lichtgestalten erhellen  die Lobsänger, und deren Identifikation mit den Toten hält die Öffentlichkeit  für einen Showdown der Glaubwürdigkeit. Wenn die geehrte Person dann einseitig-verzerrend zitiert und damit uminterpretiert wird, fällt dies nicht auf. Der Missbrauchte kann sich nicht mehr wehren.  Warum sollte der Bundestag in der Handhabung dieser Methode  eine Ausnahme  machen? Die Gedenkfeier im Bundestag, anlässlich des Todes des Nobelpreisträgers für Literatur 2002, Imre Kertèsz, am 14.4.2016, (nachzuhören und –sehen auf Youtube) enthüllt diesen perfiden hermeneutischen Trick.

Ein kurzer Blick in die jüngste Vergangenheit , veranlasst durch einen zufälligen Griff in mein Bücherregal, stellte mir dies vor Augen. Ich las Imre Kertèsz’ Letzte Einkehr. Ich fand Aussagen, welche die selektive Zitation im Bundestag zu Ehren dieses großen Schriftstellers wie blanker Hohn erscheinen ließen. Die Rede des damaligen Parlamentspräsidenten Lammert macht deutlich, dass ehrfurchtsvolles, inszeniertes Gedenken an würdige Personen nicht notwendig uneigennützig ist. Im Gegenteil: Lammert liest den Verstorbenen so, dass dieser im Einklang mit der gegenwärtigen Regierungspolitik zu stehen scheint. Kertèsz wird korrekt, aber selektiv und unvollständig zitiert, mit einer Aussage, die in jeder Demokratie Konsens findet:

Es komme darauf an, den „furchtbaren Fanatismen in der Welt zu begegnen. Mit Kraft, mit Vertrauen in sich selbst und in ein Europa, das weiß, was es will und welche Werte es vertritt.“ Wir Deutschen seien, so Lammert, unter (unausgesprochener) Berufung auf Kertèsz , aufgefordert, „diesem mörderischen Fanatismus entgegenzutreten mit der Kraft des Rechtsstaates.“ Dazu bräuchten wir vor allem “ Vertrauen in uns selbst und in ein geeintes Europa, das weiß, was es will, und welche Werte es vertritt.“ Wiederholung Zitat Kertèsz, leicht  verändert, siehe oben.

Wie sieht Kertèsz Europa in der Frage des wertorientierten Selbstbewusstseins und des Kampfes gegen den „mörderischen Fanatismus“ in Letzte Einkehr? Weiß Europa, aus seiner Sicht, „was es will“?

Im Folgenden habe ich aus dem erwähnten Werk Zitate in Form eines zusammenhängenden Textes aneinander gefügt. Sie stammen aus zeitlich versetzten Einträgen, bilden jedoch eine gedankliche  Einheit.

Die politisch inkorrekte, provokante Aktualität der Aussagen liegt vermutlich in der Zukunft noch deutlicher offen zutage als heute.

Imre Kertèsz, Letzte Einkehr (Auszüge)

„Der neue Antisemitismus überschwemmt Europa. Seit die europäische Linke wiedergeboren ist, ist eine extreme Rechte nicht mehr nötig. Allmählich gewöhne ich mich daran, daß die Menschen sich etwas zusammenphantasieren, ihre Phantasien als Realität betrachten. Ich sehe eine mörderische Welt anbrechen. Europa beginnt zu erkennen, wohin seine liberale Einwanderungspolitik geführt hat. Plötzlich wird man gewahr, dass es solche Fabelwesen wie eine multikulturelle Gesellschaft gar nicht gibt. Europa wird bald zugrunde gehen an seinem einstigen Liberalismus, der sich als naiv und selbstmörderisch erwiesen hat. Dem Islam taten sich alle Tore auf, man wagte nicht mehr, über Rasse und Religion zu sprechen. Zur Politik wäre noch das eine und andere zu sagen. Es ginge darum, wie die Muslime Europa überschwemmen und in Besitz nehmen, direkt gesagt, zerstören werden; darum, wie Europa das alles handhabt. Es ginge um selbstmörderischen Liberalismus und die Dummheit der Demokratie. Das ist stets das Ende: Die Zivilisation erreicht einen überzüchteten Zustand, in dem sie nicht nur nicht mehr fähig, vielmehr auch nicht mehr willens ist, sich zu verteidigen; in dem sie, unverständlicherweise, ihre eigenen Feinde verherrlicht. Und dazu kommt, daß man das alles nicht öffentlich sagen darf. Ich fange an, den Zwang zu begreifen, aus dem die allgemeine große Lüge sich speist: Es ist einfach unmöglich, gegen diesen Zwang anzukämpfen, für den Politiker deshalb, weil er seine Popularität verliert. Die Lüge und die totale Selbstaufgabe gehören zu den guten Manieren.“

Diesen Kertèsz hätte man im Bundestag sicherlich nicht hören wollen.