(Kopekenstudent) Als der bürgerliche Protest Ende 2014 allmählich Fahrt aufnahm, fiel mir recht schnell auf, dass im Gegensatz zu früheren Bewegungen (Ost- und West-Friedensbewegung, Anti-Vietnam-Kriegsbewegung und Freiheitsbewegung der Schwarzen in den USA) eine Sache keine tragende Rolle mehr spielte: die Musik.

Selbst in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern wurde gesungen und musiziert, wurden klassische Werke aufgeführt, wurde Theater gespielt, wurden moderne Meisterwerke komponiert.

Nun ist das anders geworden: Musik als sinn- und gemeinschaftstiftender Ausdruck von Hoffnung und Zukunft, oder auch nur als Anklage und verklanglichter Schmerz kam und kommt quasi bis heute nicht vor. Es dauerte Monate, ehe PEGIDA wenigstens die Nationalhymne sang. Mehr ist daraus nie geworden.

Freilich – irgendwann kamen die ersten selbstproduzierten Rapvideos in Deutsch. Musik einsamer Wölfe, voller Sorgen, Unverständnis und Wut. Doch nichts, das von den Massen aufgegriffen werden könnte. Nichts, das Begeisterung hervorruft. Nichts, das Frohsinn oder einen Traum von Zukunft vermittelt. Es mag solche Musik zwar geben, aber sie hat in den von System und Zensur beherrschten Medien keine Chance mehr, wirksam verbreitet zu werden. Der Kunst- und Musikbetrieb an sich ist ohnehin überwiegend links und pro-Regierungsagenda, sprich: antinational.

Wo waren die Poeten und Musiker, die Heinrich Heines unserer Zeit, die Hoffmannsthals, wo die Aretha Franklins, die Biermanns, die das Zeitgeschehen in markante Worte und Musik fassten? Nirgends.

Für mich war die gespensterhaft Abwesenheit, das ohrenbetäubende Schweigen von Text und Musik im öffentlichen Protest eine der verstörendsten Beobachtungen überhaupt.

Denn ich vermeinte darin etwas zu erkennen, das neu und so noch nie dagewesen war: den vorweg genommmene Tod. Oder wenigstens die unter Merkels erdrückender Schwere erstickte Kreativität.
 
Anfang 2015 verfasst ich deshalb einen Text, in dem ich lyrisch all das verdichtete, was ich und was meiner Ansicht nach die Mehrheit hierzulande den Mächtigen jetzt oder irgendwann sagen wollen würde. Und ich schrieb die Musik dazu.

Kein fröhliches Lied zum mitsingen – dazu waren die Zeiten zu ernst. Keinen Kulturkampf-Schlager, keinen patriotischen Gassenhauer. Sondern Musik, die rhythmisch zu einem entschlossenen Schweigemarsch passen würde, zu einem zornigen, stillen Weitergehen der Massen, in deren Herzen nur ein einziger Gedanke lebt:

Es ist genug.

Ich bot dieses Lied diversen Bewegungen an. Es wurde abgelehnt. Nicht dramatisch genug. Keine Hollywood-Blockbuster Soundwand. Nun gut, wichtig war aber der Text. Dieser hat bis heute seine Aktualität nicht verloren – im Gegenteil. Ich trug ihn auf einer Veranstaltung als Gedicht vor. Ein alter Mann bat mit anschließend um das Manuskript. Danach legte ich das Stück zu den Akten.

Bis heute, bis ich den Ruf „Es ist genug“ hier auf Philosophia Perennis wieder las, weil nach dem Mord von Kandel das von einem unaussprechlichen Weib vorsätzlich erzeugte Leid letztlich auch in der Realität derer angekommen ist, die sich ehedem oftmals noch sträubten, das Unvermeidliche als solches anzuerkennen.

Jedem Protest, der den Ruf „Es ist genug“, nach außen trägt, ist mein Lied gewidmet. Hier der Text. Er darf gerne vervielfältigt, zitiert und anderweitig gebraucht werden.
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Es ist genug

Es ist genug, die Zeit ist da
hier kommt der Zorn, tatütata
Verrat und Wahnsinn im Palast
wie ist uns dies alles verhasst

Ihr falschen Priester seid keinen Pfennig wert
die ihr doch eures Nächsten Hab und Gut begehrt
Ihr fresst aus Trögen, die wir gefüllt
unser Vermögen ist euer Götzenbild

anstatt zu tun, was ihr geschworen
hurt ihr herum mit Halbmond, Stern und Mohren
euch quillt Geruch aus allen Poren
ihr nennt Euch gut und seid doch Diktatoren

es ist genug ihr Richter hoch da oben
in euren fremdgelenkten noblen Seidenroben
ihr seid Verächter und bis ins Mark verwoben
mit jeder Schande und gehörtet eures Amts enthoben
(hört ihr denn wirklich das gebeugte Recht nicht toben?)

hinaus mit euch, ihr Scheinpropheten
samt euren lug- und trugverbreitenden Pamphleten
die alles Schöne in sein Gegenteil verdrehten
all euch ihr Narren verkünden die Trompeten:

macht hoch die Tür, die Tor macht weit
der Lohn der Ungerechtigkeit
eilt hin zu euch, ihr faule Pest,
nehmt euer Untergangs-Manifest
und lauft und lauft!

Denn:
eure teuren Lilien, Rosen und Azaleen
werden Fossilien, zerstoßen und vergehen
ihr seid das Gift in unsrer Wunde
man saugt euch aus und speit euch, speit euch, speit euch
aus dem Munde
ihr Hunde
dies ist unsre Stunde

Es ist genug!
Es ist genug!
Es ist genug!
Es ist genug!

Und hier gibt es das Lied auch zum Anhören:

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