Sonntag, 19. Mai 2024

Schüler wollten Nationalhymne singen: Setzen, Sechs!

(Meinrad Müller) Onkel Willi, 78, aus Florida, schreibt bitterbösen Brief

Mein lieber Hermann,

ich bin mehr als nur verwundert. Was ich aus meiner alten Heimat höre, sprengt jede Vorstellung von Vernunft. In Riesa, ausgerechnet in unserem friedlichen Sachsen, gibt eine Lehrerin ihren Schülern eine Sechs für das Singen der Nationalhymne. In den USA, wo ich seit 1973 lebe, wäre so ein Verhalten undenkbar; hier ist die Nationalhymne ein zentraler Bestandteil unserer Identität und wird mit Stolz gesungen.

Wurde die Geschichte vergessen? August Heinrich Hoffmann von Fallersleben schrieb „Das Lied der Deutschen“ 1841 zu einer Zeit, als das heutige Deutschland noch ein Flickenteppich aus verschiedenen Königreichen und Herzogtümern war. Die Zeile „von der Maaß bis an die Memel“ spiegelten seinen Wunsch nach Einheit in einer Zeit der Zersplitterung wider. Dass diese geografischen Bezugspunkte nach den Weltkriegen problematisch geworden sind, ist verständlich. Aber warum, frage ich dich, stehen dann immer noch alle Strophen im Liederbuch, wenn nur die dritte gesungen werden darf? Sollen die Schüler etwa die Augen verschließen, damit sie die ersten beiden Strophen nicht sehen?

Diese Praxis ist nicht nur absurd, sondern auch feige. Es ist eine Flucht vor der eigenen Geschichte. Statt den Schülern die Bedeutung und die Komplexität der Hymne zu erklären, entscheidet man sich für eine Zensur, die eher an autoritäre Staaten erinnert als an eine moderne Demokratie. Wie soll eine junge Generation ihre Geschichte verstehen und daraus lernen, wenn man ihnen Teile davon vorenthält oder sie gar bestraft, wenn sie sich dafür interessieren?

Das ist eine Schande und ein Armutszeugnis für ein Land, das so stolz auf seine kulturelle und historische Bedeutung ist. Es ist höchste Zeit, dass Deutschland seine absurde Angst vor der eigenen Nationalhymne überwindet und einen offenen, ehrlichen Umgang mit seiner Geschichte pflegt.

Ich hoffe, dieser Brief weckt einige Gemüter. Es ist an der Zeit, dass ihr die Dinge klar seht und euch für das einsetzt, was richtig ist. Patriotismus ist kein Verbrechen, sondern ein Grundrecht – und in diesem Fall eine verdammte Pflicht.

Herzliche Grüße auch an Gerda,

Dein Onkel Willi

Quellen:

Meinrad Müller
Meinrad Müllerhttps://www.amazon.de/-/e/B07SX8HQLK
Meinrad Müller (68), Unternehmer im Ruhestand, kommentiert mit einem zwinkernden Auge Themen der Innen-, Wirtschafts- und Außenpolitik für Blogs in Deutschland. Seine humorvollen und satirischen Taschenbücher sind auf Amazon zu finden.

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