Ein Gastbeitrag von Josef Hueber

Es ist leichter, einen Atomkern zu spalten als ein Vorurteil. ( Albert Einstein)

Niemand, der in der Realität des 21. Jahrhunderts angekommen ist, kann das bezweifeln: Wissen verdirbt wie Frischware. Das Haltbarkeitsdatum von angeeignetem „Stoff“ ist übermorgen bereits abgelaufen. Wen wundert es da, dass Bildungspolitik galoppiert , weil sie den Anschluss an frisch geernteter Aktualität nicht verpassen will. Freilich, mit Büchern, pfundweise, mit bedrucktem Papier zwischen Kartondeckeln als Transporteur von permanent schon Überholtem wird man in der Hetzjagd nach noch nicht verdorbenem Wissen keine PISA-Siege erringen können. Zum Glück pixelt die Lösung des Problems schon vor der Nase. Traditionelle Bücher sind schwer und schwerfällig, das moderne Buch, das der Lernende mit sich führt, ist leichtgewichtig und stets aktuell. Es ist digital und universal. Platz für ein paar Tausend Bücher in wenigen hundert Gramm Hardware.

Die Rede ist vom digitalen Lesebuch, auch Tablet, oder in der kleineren Ausgabe, Smartphone genannt. Dessen unverzichtbarer Einsatz in der Schulung von Heranwachsenden scheint unwiderlegbar. Überhaupt: Digitalisierung ist das Buzz-Wort, mit dem sich sogar Sitzplätze im Bundestag zurückerobern lassen, wenn man es als zentrales Anliegen seiner Partei im Wahlkampf instrumentalisiert. Es verbreitet nämlich den Geruch von Überlegenheit und gelungener Zukunft . Nimmt es Wunder, dass L. Becker in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung behauptet, es sei höchste Zeit, die Einführung von Smartphones im Schulunterricht voranzutreiben?

Die Schule, wo Kinder „ohne Elektronik“ lernen, hält sie für eine “ romantische Vorstellung“ von einer heilen Pädagogik jenseits der „mächtigen digitalen Revolution“, aus der die Erwachsenen schnell in die „Realität“ zurückfinden sollten. Garniert mit üblicher Lehrerschelte erfahren wir, dass es dazu auf Lehrerseite natürlich nötig ist, sich „einzulassen“ auf diese neue Technik. Den Schülern im Umgang mit ihr auf „Augenhöhe“ zu begegnen. Denn „Lehrer sind selbst wenig geschult.“ Das ist der Pferdefuß. Wird er beseitigt, garantiert die Journalistin „Medienkompetenz“ sowie einen “ reflektierten Umgang“ mit dem Internet.

Der Gebrauch des Internets im Unterricht, so die Autorin, führe die Schüler aus der „passiven Rolle“ im Unterricht heraus und fördere „selbständiges und kooperatives Lernen“.

Wenn’s wahr ist! (Offensichtlich hat die Autorin ihre Erfahrungen mit Lehrmethoden an ihrem Schreibtisch gesammelt.)

Doch des Digitalen Kern liegt woanders. Im Digitalisierungstaumel ignoriert Wissenschaft nicht selten Wissenschaft, wenn sie ihr nicht in den ideologischen Kram passt.

Dies machte die Konferenz zur „Zukunft des Lesens“ deutlich, zu der sich die Internationale Buchwissenschaftliche Gesellschaft in München einfand. Henning Lobin, Sprachwissenschaftler und offensichtlich Verfechter digitaler Ubiquität im Ausbildungswesen, versteht nicht, wie man einen Begriff wie “ Tiefenlesen“ als Argument gegen Pixel-Texte anführen kann. Er sieht in diesem Argument bei den Digitalskeptikern eine “ quasireligiöse Überhöhung“ am Werk. Also raus aus den Büchern und rein in die Pixelwelt!

Wo Ideologien herrschen, helfen keine Studien, die beweisen, dass man, vermeintlich vorwärts- und zukunftorientiert, in Wirklichkeit Rückschritte macht.

Der spanische Psychologe Salmeron zeigte in über 40 Untersuchungen die Mängel digitalen Lesens gegenüber dem gedruckten Wort: Die „mentale Anstrengung“ sowie das „Verständnis“ des Gelesenen sind bei bildschirmgefütterterten Rezipienten weitaus geringer als beim Lesen von analogem Druck (Vom haptischen Erlebnis einer betasteten Buchseite, vom schnelleren und gezielteren Umblättern, vom Anstreichen und Hervorheben mit Randbemerkungen ist dabei noch gar nicht die Rede.).

Erhärtet wird die Erfahrung sinnvolleren Einsatzes von gedruckten Texten durch eine weitere Studie aus Israel. Das dortige Institute of Technology beauftragte fast ein Dutzend Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen damit, eine Beurteilung des Leseerfolgs im Vergleichs digitaler und analoger Bücher abzugeben. Das Ergebnis war eindeutig: Es gab keine Befürwortung digitaler Bücher.

Wie hilflos Wissenschaft ist, wenn sie dem Mainstream nicht folgt, zeigte die Entscheidung des israelischen Bildungsministeriums. Man bestand, allen empirisch belegbaren Argumenten zum Trotz, auf der Einführung digitaler Schulbücher.

Ein Sieg der Realität über die romantische Träumerei von Pädagogik.

***

Quellen:

1. FAZ, 9.Okt. S.9, Ist das nun mutig oder dumm?

2. http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/smartphone-im-klassenzimmer-zeit-fuer-digitale-medien-in-der-schule-13481765.html

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mit Hochfrequenzstrahlung krank in die Zukunftceterum_censeoHermann GärtnerAuf den Schulen wird Deutschlands Zukunft entschieden und die ist ein Loch des Nichtwissens und Nichtkönnens – AAASpreeathener Recent comment authors
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[…] Wir digitalisieren uns zu Tode […]

Spreeathener
Gast
Spreeathener

Wie sollen denn Kompetenzen in Lesen,Schreiben und Rechnen erworben werden wenn der Unterricht nur noch via Smartphone oder Tablet erfolgt? Normal finde Ich das nicht wenn schon Grundschüler mit Smartphone oder Tablets ausgerüstet sind und man pur ist wenn man nicht wenigstens eins dieser Geräte sein eigen nennt. Vielleicht bin Ich hoffnungslos Altmodisch aber Ich bevorzuge das gedruckte Wort oder besser gesagt Ich habe lieber ein Buch in der Hand als das Ich mir den Text auf dem Smartphone oder Tablet durchlese. Dann darf man auch nicht vergessen auch digitalisierte Daten oder Texte halten nicht ewig

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[…] +++ Digitalisierung als Selbstzweck: Ist das elektronische dem klassischen Buch wirklich überlegen? +++ […]

free yourself
Gast
free yourself

Lesn un Schreim gönnen hald iech führ gaa nich wichtich. Haupdsache Mann isd intelegend un gann siech außdrügken.

Runenkrieger11
Gast

Hat dies auf Treue und Ehre rebloggt.

mit Hochfrequenzstrahlung krank in die Zukunft
Gast
mit Hochfrequenzstrahlung krank in die Zukunft

Diese ganze Nutzung der funkgesteuerten Endgeräte ist natürlich mit kurzwellige gepulste Strahlung verbunden. Jetzt werden einige sagen jetzt kommt wieder so ein Spinner. Aber nach jahrzehnter langer Beobachtung bin ich zu der Erkenntniss gekommen das an der Schädlichkeit was drann ist. Ein gesunder Mensch wird da noch nichts merken. Ist er aber gesundheitlich angeschlagen so können sich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit die Symptome gravierend verstärken, besonders bei Nervenschmerzen. Jahrelang in einem Haus gewohnt wo der Mast direkt auf dem Dach stand, also die Strahlung fast alles horizontal weg ging. Meine Sympthome einer Stoffwechselstörung waren genau so wie vor dem Aufbau… Mehr lesen »

Valentin
Gast

Was dazu ein Gelehrter ;-}} aus dem Jenseits sagt.
.
„….Die Vielen, die sich drin verlieren
Auf ein Mobilgerät zu stieren
Gespannt, verkrampft rund um die Uhr:
Von früh bis spät in einer Tour:
Im Wahn, sie wären dadurch jetzt
Mit allem in der Welt ‚ver=netzt‘:
Sie seien nunmehr solcherweis
Im ‚virtuellen Freundeskreis‘:
.
Mit spitzen Fingern tippen drum
Auf ihrem Apparat herum;
Indessen ihnen ganz entgeht
Wer grade neben ihnen steht:
Die ‚virtuelle Welt‘ für sie
Wiegt stärker als das Jetzt und Hie….“
.
Quelle:
http://www.wiwi.uni-siegen.de/merk/stilling/downloads/nachtod_oek_jst/auto_wahn.pdf

Matthias Liebe
Gast
Matthias Liebe

Unsere Polit- Eliten reden von Digitalisierung, Glasfaserausbau, Industrie 4.0, IoT, etc. ohne dass die wirklich wissen, was das ist und in letzter Konsequenz auch bedeuten wird. Wir belegen in der EU Platz 20 im Glasfaserausbau als eine (noch) führende Industrienation. Grundlagen für alles ist aber Schreib- und Lesekompetenz in den Schulen auf denen alle anderen Fächer aufbauen. Da ein Großteil der Kinder ohne Kenntnis der deutschen Sprache eingeschult werden, sinkt das Bildungsniveau immer weiter ab. Wenn nun auch noch alles digitalisiert werden soll, wird es wohl noch schlimmer werden. Das der Arbeitsmarkt, und speziell die Industrie, nur extrem gut ausgebildete… Mehr lesen »

MoshPit
Gast

Hat dies auf MoshPit's Corner rebloggt.