Bis 2010 habe ich vor allem akademisch gearbeitet – besonders auf meinem Hauptgebiet: der mittelalterlichen Philosophie und Theologie. Über 7 Jahre war meine wissenschaftliche Bibliographie auf ca. 1000 (gedruckte) Publikationen angewachsen.

Nach einer längeren Pause sind nun erneut einige Studien zu Thomas von Aquin, dem wichtigsten mittelalterlichen Philosophen, in dem neuesten umfangreichen Standardwerk zu dem mittelalterlichen Denker aus meiner Feder erschienen. Daher hier eine Kurzbesprechung des Gesamtwerks von Dr. Stefan Hartmann. Noch eine kleine Vorwarnung: Das Buch ist zum wissenschaftlichen Gebrauch gedacht.  Für eine allgemein verständliche Hinführung zu Thomas eignen sich andere Bücher von mir besser (David Berger).

Eine Buchbesprechung von Stefan Hartmann

Fast 10 Jahre nach dem „Augustin Handbuch“ erschien in der von Albrecht Beutel herausgegebenen Mohr-Siebeck-Reihe „Handbücher Theologie“ nun – nach Paulus, Athanasius, Luther, Calvin, Schleiermacher, Barth und Bultmann – das lang erwartete „Thomas Handbuch“, für das der renommierte Tübinger evangelische Kirchengeschichtler Volker Leppin die Herausgeberschaft übernommen hat.

Der bis heute in der Katholischen Kirche maßgebliche Kirchenlehrer des Hochmittelalters sprengt alle konfessionellen Grenzen und überragt in seiner Genialität jede ideologische Verzweckung.

Das Thematisch breit gefächerte wissenschaftliche Grundlagenwerk mit Beiträgen vieler (meist deutschsprachiger) Spezialisten kann als Einführung in Leben, Werk und Wirkung des Thomas von Aquin dienen und zugleich geistesgeschichtlich seine ganze Epoche darstellen.

Geboten werden alle bibliografischen Angaben zur Handschriftlichen Überlieferung, zu Werkausgaben und Hilfsmittel. Die Thomasforschung am Beginn des 21.Jahrhunderts wird von David Berger (Berlin) mit dem Blick auf Institutionen, Leitmotive und Interessenschwerpunkte behandelt.

Das Kapitel „Person“ befasst sich mit Stationen der Biografie und ihres Umfeldes, die Traditionen anderer Theologen, in denen Thomas stand, darunter auch die islamischen Gelehrten Avicenna und Averroes, sowie seine Beziehungen in Politik und Spiritualität.
Das Hauptkapitel des Handbuches stellt minutiös von diversen Autoren bearbeitet das theologische Werk des Thomas vor: seine Schriften in 13 Abschnitten und seine „Themen“ (Theologie als Wissenschaft, Gotteslehre, Trinitätslehre, Gottesbeweise, Schöpfungslehre, Anthropologie, Gnade und Rechtfertigung, Theologische Ethik, Christologie, Sakramentenlehre und Eschatologie). Das Schlusskapitel schildert seine Wirkung von der Kanonisation über frühe Auseinandersetzungen, auch zur Reformation, und durch Peter Walter (Freiburg) die Ausbildung einer thomistischen Schule und den Neuthomismus.

Ohne dass es beabsichtigt war, ist das Handbuch auch ökumenisch eine Chance und ein Beitrag zu kontroverstheologischen Diskussionen im 500. Gedenkjahr der Ablassthesen Martin Luthers. Das große Werk Otto Herman Peschs zum Thema Rechtferigung bei Luther und Thomas findet selbstverständlich auch Erwähnung (bei Norbert Slenczka). Kein Thomas-Interessent sollte auf dieses vorzüglich edierte Handbuch verzichten. 29 Autorinnen und Autoren haben an ihm mitgewirkt.

Für eine „Philosophia Perennis“, die auch die Folgen des deutschen Idealismus kritisch betrachtet, ist Thomas ein unverzichtbarer Autor. Wenn die katholische Kirche und Theologie aus ihrer ihr von Papst Franziskus auferlegten intellektuellen Isolierung herausfinden soll, gibt es keinen idealeren Autor als das Genie der Scholastik, ohne den auch große Theologen wie Karl Rahner oder Hans Urs von Balthasar unverstehbar sind. Auch die überfällige Heidegger-Kritik kann sich an ihm und seiner Ontologie orientieren.

Das Buch kann hier bestellt werden: THOMASHANDBUCH