Ein Gastbeitrag von Herwig Schafberg

Mit der Unabhängigkeit Indiens endete im August 1947 die britische Kolonialherrschaft und mit der Teilung des Subkontinents entstand neben der Indischen Union zugleich Pakistan als Staat für die Muslime, die Jahrhunderte lang Indien beherrscht hatten und nicht zur Minderheit in der vorwiegend von Hindus bevölkerten Union werden wollten. Wie Muslime Indien beherrscht hatten, der Subkontinent unter britischen Kolonialeinfluß gekommen war und schließlich unabhängig sowie geteilt wurde, stellt Herwig Schafberg in seiner „Weltreise auf den Spuren von Entdeckern, Einwanderern und Eroberern“ dar. Ein Auszug davon kann im Folgenden nachgelesen werden:

Hatten insbesondere die Ghaznaviden aus dem heutigen Afghanistan sich noch mit diversen Beutezügen begnügt, stießen die Ghuriden bis nach Bengalen vor, zerstörten dort die letzten Zentren des Buddhismus, zogen sich danach aber nicht wieder zurück nach Zentralasien, sondern setzten sich in Nordindien fest und gründeten das Sultanat von Delhi (1206), das vom Kalifen in Bagdad feierlich bestätigt wurde.

Die Sultane erhoben zwar den Anspruch auf Herrschaft über ganz Indien, begnügten sich aber in der Regel mit der Oberhoheit über lokale sowie regionale Herrscher, die zu Abgaben verpflichtet, aber nicht den Gesetzen des Islam unterworfen wurden. Es gab allerdings eine starke Minderheit aus Muslimen. Zu ihnen gehörten nicht bloß die türkischen Gefolgsleute der Sultane, sondern auch Nachfahren arabischer Kaufleute, die sich im 7. Jahrhundert an der Malabarküste niedergelassen hatten, und die Krieger, die bei der Eroberung von Sind im heutigen Pakistan Ende des 7. Jahrhunderts dorthin gekommen waren. Hinzu kamen Hindus und Buddhisten, die an vielen Orten Indiens zum Glauben der neuen Herren übertraten.

Delhi blieb nicht das einzige indische Sultanat. Im Hochland entstand beispielsweise unter den Bahmani ein weiteres (1345), das seine Macht von der einen zur anderen Meeresküste ausdehnte, im 15. Jahrhundert aber in vier Sultanate zerfiel.

Einigen Sultanen von Delhi war es zwar zunächst gelungen, die Invasionen der Mongolen abzuwehren; doch Babur aus der mongolischen Dynastie der zum Islam übergetretenen Timuriden gelang es auf seinem Feldzug nach Indien, mit Hilfe seiner beweglichen Feldartillerie Verwirrung in den Reihen der Kriegselefanten des Sultans zu bewirken und dessen zahlenmäßig weit überlegene Truppen in die Flucht zu schlagen. Nach diesem Sieg nahm Babur Delhi ein (1526) und gründete das Reich der Mogule, wie diese mongolischen Herrscher von den Portugiesen sowie anderen Europäern genannt wurden.

Die Portugiesen waren die ersten Europäer, die sich an den Küsten Indiens festsetzten, nachdem Vasco da Gama den Seeweg nach Indien um Afrika herum entdeckt hatte (1498). Es folgten Niederländer, Dänen, Franzosen und Briten, die schließlich ganz Indien unter ihre Herrschaft brachten.

Doch bevor es soweit war, erstreckte sich das Reich unter dem Großmogul Akbar in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts von Afghanistan über den größten Teil des indischen Subkontinents und unter Aurangzabs Herrschaft erlangte das Mogulreich im 17. Jahrhundert mit Eroberungen in Südindien seine größte Ausdehnung.

Akbar hatte die unter islamischer Herrschaft übliche Kopfsteuer für Nichtmuslime abgeschafft und so die Loyalität der Hindus gewonnen, aus denen die Mehrheit seiner Untertanen bestand. Doch unter Aurangzeb, der im Unterschied zu seinen vergleichsweise toleranten Vorgängern die Gesetze des Islam streng auslegte, wurde die Steuer wieder eingeführt, zudem der Bau nichtmuslimischer Gotteshäuser verboten und eine Menge hinduistischer Tempel zerstört. Unter ihm wurde auch die von Akbar ausgeklügelte Herrschaftsordnung insofern ausgehöhlt, als er viele neue Stellungen in der Hierarchie schuf, um Große seines Reiches in den eroberten Gebieten des Hochlands mit Pfründen zu versorgen.

Nach Aurangzebs Tod (1707) beschleunigte sich der Zerfall des Mogulreiches in diverse Provinzialherrschaften, von denen eines nach dem anderen unter den Einfluß der britischen Ostindiengesellschaft geriet.

Daß es den Briten gelang, ein weltweites Kolonialreich zu gründen und im besonderen den indischen Subkontinent zu dominieren, gehört zu den erstaunlichsten Phänomenen der Geschichte, zumal es sich bei diesem Weltreich nicht so sehr um das Werk von Eroberern handelte, sondern viel mehr von Händlern und Siedlern: So war es auch nicht eine britische Kronkolonie, die einst in Indien entstand, sondern es waren Niederlassungen der britischen Ostindiengesellschaft, die mit Portugiesen, Holländern und Franzosen im indischen Gewürz- sowie Baumwollhandel konkurrierte und im Laufe des 18. Jahrhunderts diese Konkurrenz ausschaltete. Die Briten schafften es ferner, einheimische Kräfte unter ihren dominierenden Einfluß zu bringen. In manchen indischen Fürstentümern waren die Steuereinnahmen an Kaufleute verpachtet, von denen einige sogar die Finanzverwaltung der hoch verschuldeten Herrscher übernahmen. Es gab außerdem gewissermaßen einen militärischen Arbeitsmarkt, auf dem jeder, der dafür Bedarf und genug Geld hatte, Söldner für kriegerische Expeditionen anwerben konnte.

Nachdem die Söldner der Ostindiengesellschaft unter Führung von Robert Clive zunächst die Franzosen und Bengalen, dann auch das Heer des Großmoguls und ein weiteres Mal die Truppen des Nawabs von Bengalen geschlagen hatten, bot der Großmogul Clive die zivile Verwaltung („Diwani“) von Bengalen an, die dieser schließlich im Namen seiner Gesellschaft annahm (1764/1765). Er hätte diese Aufgabe lieber als Vertreter der britischen Krone angenommen; doch die Briten – insbesondere der Premierminister William Pitt – wollten kein direktes Engagement Großbritanniens mit seinen kaum mehr als fünf Millionen Einwohnern im Reich der Mogule mit schätzungsweise 150 Millionen. Unter diesen Umständen stand das reiche bengalische Steueraufkommen der Ostindiengesellschaft zur freien Verfügung. Und diese konnte sich damit nun für ihre finanziellen Investitionen schadlos halten, die sie eingegangen war, um an die Baumwolltextilien zu kommen, für die es in Europa einen großen Absatzmarkt gab.

„Divide et impera“ hieß die Maxime, von der die Römer sich bei der Herrschaft über ihr weltweites Imperium leiten ließen. Die Briten erwiesen sich als gelehrige Schüler Roms, als sie im Bunde mit den einen gegen andere indische Fürsten – wie beispielsweise mit dem Nizam von Haidarabad gegen Tipu Sultan von Mysore – allmählich ganz Indien sowie das benachbarte Burma unter ihren beherrschenden Einfluß brachten.

In den Reihen ihrer „bengalischen Armee“ kam es freilich in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu einer Meuterei gegen die britischen Offiziere. Mit dem Marsch der meuternden Söldner nach Delhi und ihrem Ruf nach Übernahme des Oberbefehls durch den nominell immer noch regierenden Großmogul entwickelte die Meuterei sich zu einem allgemeinen Aufstand gegen die Fremdherrschaft; denn es schlossen sich neben einheimischen Truppen im Norden des Landes auch viele Bauern an, die unter der schweren Grundsteuerlast litten (1857/58). Mit Hilfe gerade erst installierter Telegraphenverbindungen konnten die Briten relativ zügig andere Truppen heranführen und den sogenannten Sepoy-Aufstand niederschlagen. Das geschah mit tatkräftiger Unterstützung der kriegerischen Sikhs, die wenige Jahre zuvor noch von der „bengalischen Armee“ der Briten unterworfen worden waren und nun als „martial race“ von den Briten bei der Rekrutierung ihres militärischen Nachwuchses bevorzugt wurden.

Mit der Macht der Ostindiengesellschaft war es nach dem Sepoy-Aufstand ebenso vorbei wie mit der Stellung des Großmoguls als indisches Staatsoberhaupt. Großbritannien übernahm nun die unmittelbare Staatsführung und ließ die britische Königin Viktoria zur Kaiserin von Indien küren (1876). So blieben die Verhältnisse in Britisch-Indien, bis es in die Unabhängigkeit entlassen wurde und in drei Staaten – Burma, Indische Union und Pakistan – zerfiel (1947).

Führender Kopf der Unabhängigkeitsbewegung war Mahatma Gandhi, der für gewaltlosen Widerstand gegen die Kolonialherren und den Boykott britischer Textilien eintrat. In diesem Zusammenhang wurde das indische Spinnrad zum Symbol des Widerstandes.

Die britische Kolonialherrschaft in Indien brachte allerdings auch eine Zentralisierung der Verwaltung und Verbesserungen im Verkehrs-, Bildungswesen sowie auf anderen Gebieten mit sich. Vielleicht dachte der indische Ministerpräsident Manmohan Singh daran, als er 2005 die Ehrendoktorwürde der Universität Oxford erhielt und in seiner Dankesrede betonte, daß Großbritannien zwar im indischen Unabhängigkeitskampf Gegner gewesen wäre, der britische Kolonialismus aber durchaus „heilsame Konsequenzen“ gehabt hätte.

Zu den Widerstandsaktionen, mit denen Gandhi sich der drückenden Probleme des Volkes annahm, gehörte der berühmte „Salzmarsch“. Er zielte auf die Abschaffung der Salzsteuer, unter der vor allem die Ärmsten litten. Im heißen Indien ist der Verzehr von Salz lebensnotwendig. Die Salzvorkommen waren aber im Besitz der Regierung, die den Verkauf von Salz hoch besteuerte und streng auf die Einhaltung ihres Monopols achtete. Privates Salzsieden, sogar das Auflesen von Salzkrümeln am Meeresstrand war gesetzlich verboten und wurde strafrechtlich belangt. Um dieses Gesetz öffentlichkeitswirksam zu übertreten, organisierte Gandhi einen von der internationalen Presse begleiteten Protestmarsch ans Meer und machte sich dort durch Auflesen eines Salzkornes strafbar (1930). Seinem Beispiel folgten viele im Lande, so daß die Gefängnisse schnell gefüllt wurden. Das gab der Unabhängigkeitsbewegung weiteren Auftrieb.

Problematisch war vor allem die von der Moslemseite geforderte Abspaltung muslimisch bewohnter Landesteile vom übrigen Indien, da die interkonfessionelle Gemengelage auf dem indischen Subkontinent eine klare Abgrenzung zwischen Hindus und Muslimen nicht zuließ, wie die politischen Verhältnisse in Kaschmir bis heute zeigen. Die problematische und insofern auch umstrittene Teilung hatte millionenfache Flucht und Vertreibung mit Massakern auf beiden Seiten zur Folge.

Den blutigen Ausschreitungen, die der Teilung des indischen Subkontinents folgten, fiel auch Mahatma Gandhi zum Opfer (1948). Ermordet wurde er von einem indischen Nationalisten, der ihm Hochverrat vorwarf; denn Gandhi war dafür eingetreten, daß die von den Briten hinterlassenen Staatseinnahmen zwischen Indien und Pakistan gerecht aufgeteilt würden. Und damit war die neue indische Regierung unter Führung des Ministerpräsidenten Pandit Nehru zunächst nicht einverstanden gewesen.

schafberg-herwig-buchZum Autor: Herwig Schafberg ist Historiker, war im Laufe seines beruflichen Werdegangs sowohl in der Balkanforschung als auch im Archiv- und Museumswesen des Landes Berlin tätig, arbeitet seit dem Eintritt in den Ruhestand als freier Autor ist und ist besonders an historischen sowie politischen Themen interessiert.

Sein letztes Buch erschien bei BoD unter dem Titel „Weltreise auf den Spuren von Entdeckern, Einwanderern und Eroberern“ (ISBN 978-3-7412-4491-9)

 

 

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