Erinnerungen an Mohammed Reza Schah von Herwig Schafberg

Am 2. Juni jährt sich zum 50. Mal der Tag, an dem der Student Benno Ohnesorg getötet wurde. Das war nicht bloß ein tragisches Ereignis, sondern es war ein Verbrechen, das vor allem in Studentenkreisen der Bundesrepublik Deutschland heftige Proteste auslöste und zur weiteren Politisierung sowie Radikalisierung der akademischen Jugend beitrug. Aus dieser Entwicklung ging die sogenannte Achtundsechzigerbewegung mit ihren unterschiedlichen Strömungen hervor. Zu denen gehörte die – nach eigenem Verständnis – revolutionäre „Bewegung 2. Juni“, die nach dem Tag benannt wurde, an dem besagter Benno Ohnesorg während einer Demonstration vor der Deutschen Oper in Berlin (West) ohne Not von einem Polizisten erschossen worden war.

In Erinnerung an dieses Ereignis und dessen Folgen geriet der Anlaß zu der damaligen Demonstration fast in Vergessenheit: Es war der Besuch des Schah, der seinerzeit noch im Iran herrschte und nach Meinung der Protestierenden ein despotisches Regime führte.

Kommunisten und andere Linke sahen in ihm zudem einen Agenten des Imperialismus. Der Logik ihrer Ressentiments entsprach es, daß sie die Islamisten im Iran sowie anderswo als Volksbefreiungsbewegungen gegen den Imperialismus hielten und von dieser Einschätzung auch nicht lassen mochten, als die Mullahs nach dem Sturz des Schah 1979 eine Islamische Republik gründeten, in der sie nun an den Hebeln der Macht im Staate sitzen und der erst kürzlich wiedergewählte Staatspräsident unter den Umständen nichts anderes ist als ein Agent des Islamismus.

buchDoch wie ging es wirklich im Iran unter der Herrschaft des Schah zu? Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, wollen wir die Leser einladen zu einer „Weltreise auf den Spuren von Entdeckern, Einwanderern und Eroberern“ aufbrechen und uns in dem Zusammenhang erinnern, was Horst Stasius und Heinz Kaulmann 1956 während ihres Aufenthaltes in Teheran – als Gäste der iranischen Armee – und danach in Isfahan in Erfahrung brachten:

Inzwischen hatte auch die Presse von unserer Reise erfahren und lud uns zu Interviews ein. Da wir knapp bei Kasse waren, bot ein Zeitungsverlag uns an, daß wir ein paar hundert Ausgaben der Zeitung, in der ein Interview mit uns zu lesen war, auf der Straße verkaufen und das Geld, das wir einnahmen, behalten könnten. Dieses Angebot nahmen wir gerne an – zum Kummer der deutschen Botschaft, die sich Sorgen um das Ansehen Deutschlands im Iran machte, wenn Deutsche nicht wie gewohnt als Wissenschaftler oder als Ingenieure aufträten, sondern als Zeitungsverkäufer auf der Straße. Doch wir wollten ein bißchen Geld verdienen und nicht nur auf die Großzügigkeit der iranischen Armee angewiesen sein.

Die Armee gehörte zu den Stützen des Schahregimes. Aus ihr war Reza Schah hervorgegangen, der wie Kemal Atatürk in der Türkei mit ihm ergebenen Truppen das Herrscherhaus gestürzt hatte. Wie Atatürk die Türkei wollte auch er sein Land in einen säkularen Nationalstaat umwandeln, der nun den Namen Iran erhielt, den Einfluß der islamischen Geistlichkeit beseitigen und den Staat nach westlichem Muster modernisieren, entschied sich aber nicht für eine republikanische Staatsform, sondern ließ sich zum Schah-in-Schah wählen und benannte seine Dynastie nach der mittelpersischen Sprache Pahlavi (1925).

Um britischen und sowjetischen Einflußnahmen zu entgehen, suchte Reza Schah die Nähe zum Deutschen Reich, dem Weltkriegsfeind Großbritanniens und der Sowjetunion. Daraufhin marschierten britische sowie sowjetische Truppen im Land ein und zwangen den Schah zur Abdankung (1941). Dessen Sohn und Nachfolger Mohammed Reza Schah stand zu dem erzwungenen Bündnis mit den Briten, geriet damit aber in Konflikt mit Ministerpräsident Mossadegh, der die Anglo-Iranian Oil Company verstaatlichen wollte, und mußte ins Ausland flüchten. Doch nachdem Mossadegh von der Armee gestürzt worden war, kehrte der Schah mit Soraya Esfandiary, seiner mütterlicherseits aus Deutschland stammenden Frau, nach Teheran in den Golestan-Palast zurück und übernahm wieder die Macht (1953).

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Golestanpalast des Schah-in-Schah in Teheran (Quelle: Diego Delso – CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons )

´Man läßt uns nicht vor`, sagte Heinz resigniert zu unserem persischen Freund Mahmoud. ´Meinst Du, daß es uns gelingt, Deine Kaiserin zu sehen?` Mahmoud blickte erst Heinz und dann mich nachdenklich an. Endlich murmelte er: ´Soraya ist nicht meine Kaiserin. Sie ist eine Fremde, eine Ausländerin. Es ist schade, daß man ihr nicht die Schuld an der Kinderlosigkeit des Kaisers zuschieben kann. Dann wäre es leicht, sie zum Gehen zu zwingen.` Der Alte blitzte uns mit seinen pechschwarzen Augen an: ´Die Sympathie für Euer Vaterland kostete den hochverehrten Reza Schah den Pfauenthron. Leider vererbte er seine Tatkraft und seine Entschlossenheit nicht auf seinen Sohn Mohammed Reza, den jetzigen Schah. Inschallah!` Wieder blitzten seine dunklen Augen uns an. ´Jeder Perser verehrt und liebt Euer Vaterland, so wie es Reza Schah tat. Nur deshalb unterhalte ich mich so ausführlich mit Euch, obwohl Ihr Ungläubige seid.`

An der glühenden Holzkohle schmorte das Opium. Mahmoud reinigte seine Pfeife und legte ein neues Stückchen Opium auf. Dann erzählte er weiter: ´Kurz nachdem Mohammed Reza Schah von der ägyptischen Prinzessin geschieden war, verübten Attentäter einen Anschlag auf ihn. Drei Schüsse fuhren ihm durch den Hut. Der Schah erlitt einen Nervenschock. Seitdem ist er nicht nur ohne Entschlossenheit und Tatkraft, sondern auch unfähig, Söhne für Persiens Thron zu zeugen. Inschallah!`

Der fromme Opiumraucher konnte mit seinen blitzenden Augen wohl noch nicht absehen, daß Mohammed Reza Schah fest entschlossen war, die Rückstände seines Landes im Verhältnis zur Entwicklung im Westen aufzuholen, und sich tatkräftig ans Werk machte, um die gesellschaftlichen Verhältnisse im Iran zu verändern: Er ließ nicht bloß die Förderung, die Verarbeitung sowie den Verkauf iranischen Öls nach und nach unter staatliche Kontrolle bringen, sondern auch gegen den Widerstand islamischer Würdenträger die ´Weiße Revolution` durchführen (ab 1963). Zu seinen Gegnern gehörte unter anderen der Geistliche und Großgrundbesitzer Chomeini, der später nach dem Sturz des Schah die Islamische Republik Iran gründete.

Doch damals konnte der Schah sich noch auf die breite Zustimmung des Volkes stützen, als er im Rahmen der ´Weißen Revolution` die feudalen Besitzverhältnisse auf dem Lande beseitigen ließ, den Pachtbauern ermöglichte, auf Kosten der Geistlichkeit sowie anderer Großgrundbesitzer Bodeneigentümer zu werden, dafür sorgte, daß Frauen mit Männern vor dem Gesetz gleichgestellt und – teilweise mit dem Einsatz von Soldaten als Lehrkräfte – Schritte zur Alphabetisierung der Bevölkerung unternommen wurden. Dafür verlieh das Parlament ihm den Ehrentitel Aryamehr (Sonne der Arier)…

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(c) Wikimedia

Wir trafen unseren Freund Ahmed, den Teppichhändler. Er lud uns für den Abend in ein Tanzlokal ein, in dem ein Mädchen tanzte. Nach ihrem Auftritt kam die Tänzerin an unseren Tisch und setzte sich. Sie schien Ahmed gut zu kennen. Er stellte uns vor: ´Das sind zwei junge Deutsche, die mit einem Fahrrad bis in den Iran kamen, um unsere Kaiserin zu sehen`. ´Unsere Kaiserin?` Sie sah den Teppichhändler mißbilligend an. ´Vielleicht Deine, aber nicht meine Kaiserin.`

´Entschuldigung`, sagte Heinz, ´warum ist es nicht Ihre Kaiserin?` Die Tänzerin zündete sich eine Zigarette an und warf einen kurzen Blick auf das Gemälde an der Wand, das den Schah und seine Gemahlin darstellte. ´Sie ist dem persischen Volk fremd.` „´hre Mutter war zwar keine Perserin`, warf ich ein, ´aber Soraya ist doch in Persien geboren`. „Die Tatsache, daß ihre Mutter Deutsche ist, könnte sogar ein Vorteil sein. Es ist Sorayas Wesen und ihre Unfähigkeit, sich persischen Verhältnissen anzupassen. Eine Kaiserin von Persien sollte nicht am öffentlichen Strand im Badeanzug promenieren, während noch viele persische Frauen nur mit verschleiertem Gesicht auf die Straße gehen. Wenn Ihr Soraya als Kaiserin sehen wollt, dann müßt ihr Euch beeilen; denn sie hat die längste Zeit auf dem Pfauenthron gesessen.`…

Bald nachdem die kinderlos gebliebene Ehe mit Soraya Esfandiary zu Ende gegangen war, heiratete Mohammed Reza Schah Farah Diba und bekam mit ihr den lange ersehnten Sohn, mit dem der Fortbestand der Pahlavi-Dynastie gesichert schien (1960). Der Schah wollte die historische Entwicklung des Landes und der Monarchie von den Anfängen des persischen Achämenidenreiches bis in die Gegenwart im öffentlichen Geschichtsbewußtsein bewahrt wissen und ließ das 2500-jährige Jubiläum der persischen Monarchie mit großem Pomp in Persepolis feiern (1971). Außerdem ließ er eine neue Zeitrechnung einführen, die auf die Thronbesteigung des Reichsgründers Kyros des Großen zurückging, nach dem Mohammed Reza Schah bezeichnenderweise seinen erstgeborenen Sohn benannte.

Es war um 559 a.C., als in der Persis – im Süden des heutigen Iran – ein Mann die Regionalherrschaft antrat, der in den nächsten beiden Jahrzehnten Medien, Lydien und Babylonien auf der einen, Baktrien und weitere Gebiete in Zentralasien auf der anderen Seite unterwarf und als Kyros der Große in die Geschichte einging. Unter seinen Nachfolgern wurden Ägypten, Kyrenaika, Thrakien sowie indische Territorien dem Perserreich einverleibt, das unter Dareios I. seine weiteste Ausdehnung erfuhr.

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Das Persische Reich um 500 a.C. (Quelle: Wikipedia: Perserreich, Urheber: William Robert Shepherd)

Es gelang jedoch weder Dareios noch seinem Sohn Xerxes, Griechenland zu unterwerfen (490 und 480/479 a.C.), sondern es waren rund 150 Jahre später im Gegenzug die Griechen, die unter der Führung des jungen Makedonenkönigs Alexander das Perserreich eroberten – wie schon erwähnt – und bis zum Indus vordrangen (334 – 326 a.C.). Alexander der Große wollte in der Nachfolge der achämenidischen Großkönige gesehen werden und die Völker im Perserreich mit den Makedonen sowie Griechen zu einem Volk vereinigen und förderte Mischehen zwischen den einen und anderen. Dieser Vereinigungsprozeß sollte freilich griechisch dominiert sein. So begann mit den politischen Veränderungen unter ihm das Zeitalter des Hellenismus, in dem der Orient bis nach Zentralasien sozioökonomisch wie auch -kulturell unter griechischen Einfluß geriet und die Schwerpunkte der Zivilisationsgeschichte sich unter den Nachfolgern Alexanders von den Flußlandschaften im Orient – Nil, Euphrat und Tigris – ans Mittelmeer, in erster Linie nach Alexandria, verlagerten.

Zu den Nachfolgern Alexanders, den Diadochen, gehörten die Seleukiden, denen es gelang, ihren Machtbereich von der Levante über Mesopotamien sowie den Iran bis nach Zentralasien auszudehnen. Im seleukidischen Baktrien schien die Vereinigung zwischen den griechisch-makedonischen Kolonisten mit den Einheimischen am weitesten gediehen zu sein. Doch die Seleukiden konnten nicht verhindern, daß in diesem Graeco-Baktrien wie im benachbarten Parthien unabhängige Regionalherrschaften entstanden.

Insbesondere die askanidischen Könige von Parthien nutzten die Schwächung des Seleukidenreiches – als Folge von Kriegen mit Rom – zu Landgewinnen im Iran und gerieten nach dem Untergang der Seleukiden mit den Römern aneinander, die sich in Kleinasien und in der Levante festgesetzt hatten. Sie verständigten sich zwar mit Rom auf den Euphrat als Grenze zwischen den beiden Imperien (69/66 a.C.), hatten aber auf Grund gegenseitiger Gebietsansprüche in Mesopotamien und Armenien wiederholt mit Rom Krieg zu führen. Die Askaniden stammten zwar nicht von den Achämeniden ab, gaben sich bei ihren Gebietsansprüchen aber als deren Erben aus und hatten von denen den Titel „König der Könige“ übernommen.

Den Askaniden aus Parthien folgten die Sassaniden. Sie stammten aus Persis im Süden des Partherreiches und hatten sich von der parthischen Herrschaft befreit (224). Mit ihnen war es zum ersten Mal seit den achämenidischen Großkönigen wieder eine Dynastie persischer Herkunft, die den gesamten Iran beherrschte und deren Herrscher sich jeweils als „König der Könige von Iran“ aufführten. Unter ihnen wurde der Einfluß des Hellenismus reduziert und die von Zaratustra gestiftete Religion zum Hauptkult des Reiches. Von vielen Historikern wird das Sassanidenreich als neupersisch bezeichnet.

Obgleich unter Reza Schah der Staatsname ´Persien` zur Betonung des überregionalen Charakters des Staates durch den Namen ´Iran` ersetzt wurde (1934), mochte der Schah zur Verdeutlichung der nationalen Identität nicht auf Überlieferungen aus der persischen Geschichte verzichten und ließ sich mit seiner Krone eine Insignie nach sassanidischem Vorbild fertigen, nachdem das Parlament seinen Vorgänger aus der Kadscharen-Dynastie abgesetzt und er den Pfauenthron in der Hauptstadt Teheran bestiegen hatte (1925).“

Am 4. Februar 1956 verließen Horst Stasius und Heinz Kaulmann Teheran, fuhren mit ihrem Tandem weiter in den Süden und kamen am dritten Tag in Isfahan an.

Isfahan lag an der südlichen Route der alten Seidenstraße und war bereits in vorislamischer Zeit mit der Verarbeitung von Seide, aber auch von Baumwolle aufgeblüht. Es wurde schon an anderer Stelle gesagt, daß es nicht zuletzt der Streit um den Handel mit Seide sowie anderen orientalischen Gütern war, der die Byzantiner und die Sassaniden am Ende des 6. Jahrhunderts zu einem Krieg bewog, in dem zwar das Sassanidenreich unter Chosrau II. für kurze Zeit seine größte Ausdehnung erfuhr, letzten Endes die Sassaniden jedoch ebenso wenig wie die Byzantiner den Nutzen davon trugen, sondern ihre jeweiligen Verbündeten: Den Anfang machten die Araber, die erst einmal Byzanz zum Rückzug aus der Levante sowie aus Ägypten zwangen und dann zum Krieg gegen die Sassaniden antraten, in dem sie auch Isfahan eroberten (640).

Es sei daran erinnert, daß nach den Eroberungen des Sassanidenreiches sowie weiterer Gebiete in Mittelasien, Nordafrika und auf der iberischen Halbinsel die Islamisierung begann, mit der die Einführung des Arabischen als Sprache der Liturgie wie auch der Justiz einherging. Unter dem Regime der Abbasiden konnte es sich außerdem als Verwaltungs-, Wissenschafts- und – mit Ausnahme des Iran – auch als Verkehrssprache durchsetzen.

Daß im Iran weiter Persisch gesprochen wurde, war nicht die einzige Besonderheit in der Entwicklung dieses Landes unter der islamischen Herrschaft. Im ersten Jahrhundert nach dem Beginn der Islamisierung des Orients waren die zum neuen Glauben Bekehrten aus den unterworfenen Ländern rechtlich noch längst nicht mit den muslimischen Arabern gleichgestellt, sondern mußten sich als „Klienten“ (Mawali) arabischen Stämmen oder Würdenträgern anschließen. Lediglich der Kalif Ali machte kaum einen Unterschied zwischen den Muslimen arabischer und sonstiger Herkunft. Wohl deswegen waren unter den Mawali besonders viele Parteigänger Alis (Schiiten), die sich an Erhebungen gegen das Regime der von ihnen als Usurpatoren angesehenen Umayyaden beteiligten; denn aus schiitischer Sicht waren – wie schon gesagt – ausschließlich Söhne aus der Linie Alis für die Nachfolge des Propheten und insofern als Kalifen legitimiert.

Im Iran hatten sich neben Christen der nestorianischen Richtung und Manichäern vor allem Apologeten der Lehre des Zaratustra gefunden, die verhältnismäßig früh in großer Zahl zum Islam übergetreten waren. Während Christen als Angehörige einer der sogenannten Buch-religionen relativ gut geschützt waren, wurden die Manichäer von Anfang an und mit der Zeit auch die Zoroastrier immer mehr unterdrückt. Deswegen gab es hier vergleichsweise viele Mawali und insofern Anhänger der Schia. Das trug langfristig zur Abgrenzung des Iran von den mehrheitlich sunnitischen Arabern bei, aber auch von den Türken, die in der Folgezeit von Mittelasien aus in den islamischen Kulturkreis drängten und sich vorrangig nach den Lehren der Sunna dem Islam zuwandten.

Die Abbasiden, die nach dem Sturz der Umayyaden zu Kalifen aufgestiegen waren (750), sorgten zwar für Rechtsgleichheit zwischen Muslimen arabischer und sonstiger Herkunft, waren aber nach schiitischen Lehren gleichfalls keine rechtmäßigen Kalifen. Infolgedessen kam es weiter zu Erbstreitigkeiten, unter denen die Autorität des abbasidischen Kalifats litt. Davon war bereits an anderer Stelle ebenso die Rede wie von den Anmaßungen vieler Heerführer und Provinzstatthalter, die sich wie unabhängige Herrscher im Reich des Kalifen aufführten. Zu ihnen gehörten die schon erwähnten Bujiden, die sich im Iran eine Machtbasis geschaffen und die Reichszentrale von Bagdad unter ihre Kontrolle gebracht hatten, bis die Seldschuken dem Kalifen zu Hilfe kamen und die Bujiden entmachteten (1055).

Wie außerdem schon gesagt wurde, nutzten die Seldschuken ihre neu gewonnene Macht zu Eroberungszügen, in deren Lauf sie Anatolien der türkischen Landnahme erschlossen und in der Levante eine Serie von Kreuzzügen auslösten. Sie stießen dort auch an die Grenzen zum Reich der Fatimiden, die Ägypten unter ihr Regime gebracht hatten. Die Fatimiden bekannten sich zur ismailitischen Richtung innerhalb der Schia und hatten mit dem Kalifat von Kairo ein starkes Gegengewicht zu den abbasidischen Kalifen von Bagdad gebildet.

Ismailiten waren auch die Anhänger des Hasan-e Sabbah, der sich mit seinen Anhängern einer Burg im Elbursgebirge des Iran bemächtigt hatte und von dort zur Rebellion gegen die abbasidischen Kalifen und die seldschukischen Sultane aufrief. Berüchtigt und gefürchtet waren die Mordanschläge radikaler Gefolgsleute, denen nicht bloß Repräsentanten des Kalifenreiches zum Opfer fielen, sondern auch Kreuzritter. In der Levante nannte man solche Attentäter abfällig „haschischiyun“ (Haschisch-esser). Im Französischen sowie im Englischen wurde daraus die Bezeichnung „Assasin“ abgeleitet, die zum Synonym für „Meuchelmörder“ wurde. Dem mörderischen Treiben dieser radikalen Ismailiten wurde erst durch den Mongolensturm ein Ende bereitet.

Die Mongolen hinterließen auf ihren Eroberungszügen eine breite Spur der Verwüstungen im Iran, auf dessen Gebiet eine mongolische Dynastie – die zum Islam übergetretenen Ilchane – ein eigenes Reich gründete. Es gehört zu den Merkwürdigkeiten der Geschichte, daß die Ilchane ihr Reich nach dem Iran benannten und dieser Name damit zum ersten Mal seit der Islamisierung wieder als geopolitischer Begriff Verwendung fand. Der Iran zerfiel allerdings im Laufe des 14. Jahrhunderts in etliche Regionalherrschaften, bis das Land unter Timur Lenk, einem anderen Mongolenherrscher, wieder großräumig zusammengeschlossen wurde. Doch nach seinem Tod zerfiel sein Reich noch im selben Jahrhundert.

Der Iran war zwar nur vorübergehend unter mongolischer Herrschaft gewesen; im Gefolge der Mongolen hatte sich jedoch der seit langem anhaltende Zustrom von Türken extensiv fortgesetzt. Diese Wanderungsbewegungen hatten es mit sich gebracht, daß die Anzahl der Nomaden weiter erhöht, der uralte Dauerkonflikt zwischen nomadischen Viehtreibern und seßhaften Ackerbauern verschärft und in größerem Umfang Ackerland in Weideflächen umgewandelt wurde. Das trug ebenso wie die Verwüstungen durch die Mongolen zu einem dramatischen Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion bei.

Waren bis dahin viele Türken nach Anatolien weitergezogen, so kam es im 15. Jahrhundert zu Rückwanderungsbewegungen türkischer Stämme. Zu ihnen gehörten auch die Kizilbasch, die zur Anhängerschaft von Safi ad-Din zählten. Das war der Gründer einer nach ihm be-nannten Derwischgemeinschaft, die von türkischen Nomadenstämmen in Ostanatolien und Aserbeidschan besonders viel Zulauf hatte. Diesen Safawiden gelang es, in Täbris die Macht an sich zu reißen und von dort aus den gesamten Iran unter ihre Herrschaft zu bringen. Hauptstadt wurde wie in der seldschukischen Zeit Isfahan (1604).

Unter den Safawiden wurde die Schia zur Staatsreligion. Mit dieser Ausrichtung grenzten sie ihre Herrschaft gewissermaßen ideologisch vom Osmanischen Reich ab, dessen Herrscher sich zu Hütern des „wahren“ Glaubens in der sunnitischen Deutung berufen fühlten. Da es in Ostanatolien noch viele Türken gab, die der Safawiyeh zugewandt waren, und die Safawiden Anspruch auf die heiligen Stätten der Schiiten im Irak erhoben, kam es mehrmals zu militärischen Konflikten zwischen Osmanen und Safawiden, die für Letztere mit dem endgültigen Verzicht auf den Irak endeten (1639).

Während die Grenzen zum Osmanischen Reich seither im wesentlichen erhalten blieben und bis heute zur Türkei sowie zum Irak Bestand haben, kam es im Norden sowie Nordosten weiterhin zu territorialen Veränderungen. Im Kaukasus gerieten die Kadscharen, die nach den Safawiden an die Macht gekommen waren, zunehmend unter den Druck der Russen und wurden zum Rückzug auf die in den Linien immer noch existierenden Grenzen zwischen dem Iran und seinen nördlichen Nachbarn gezwungen (1828).

Sie mußten sich außerdem auf ähnliche Kapitulationen in Bezug auf die Gerichtsbarkeit über russische Staatsbürger im Iran einlassen, zu denen später die Osmanen von den europäischen Großmächten genötigt wurden. Im nordöstlich gelegenen Afghanistan gerieten die Kadscharen in Konflikt mit den Briten, die in diesem Land ein Glacis ihres Kolonialreiches in Indien sahen und den Iran sowohl zur Anerkennung der afghanischen Unabhängigkeit als auch zum Rückzug auf die bis heute bestehenden Grenzen zwangen (1857/1872).

Den türkischstämmigen Kadscharen folgten die Pahlavis und mit ihnen an erster Stelle Reza Schah auf dem Pfauenthron in Teheran, das unter den kadscharischen Herrschern zur Hauptstadt des Landes geworden war. Wie bereits an anderer Stelle gesagt, war es Reza Schah, der den Iran von dem weiter existierenden Druck befreien wollte, unter dem es von britischer und russischer (sowjetischer) Seite stand; er wurde jedoch von diesen beiden Großmächten ins Exil gezwungen.

Solch ein Schicksal erwartete auch Mohammed Reza Schah, der den Iran selbstherrlich in die Moderne führen wollte und dabei schließlich am Widerstand der Geistlichkeit scheiterte. Diese hatte die Reformen des Schah-in-Schah von Anfang an bekämpft – wie weiter oben skizziert – und schürte die weit verbreitete Unzufriedenheit mit dessen Regime. Zum geistlichen Führer der islamischen Revolution wurde der Ayatollah Chomeini, der den säkularen Nationalstaat des Iran schon wenige Wochen nach dem Sturz des Schah in eine Islamische Republik umwandeln ließ (1980).

Doch als Horst Stasius und Heinz Kaulmann sich in Teheran und nun in Isfahan aufhielten, stand mit Mohammed Reza Schah noch die ´Sonne der Arier` über dem Land.

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 (Quelle: Wikipedia: Isfahan, Urheber: Pascal Coste)

Am letzten Abend in Isfahan waren wir auf einer Party, auf der sich die gesellschaftliche Oberschicht der Stadt ein Stelldichein gab. Unter den Gästen waren sechs Prinzen, von denen einer heute auf dem Pfauenthron säße, wenn Mohammed Reza Schahs Vater nicht die Macht an sich gerissen hätte. Doch wir mit unseren Reiseerlebnissen standen im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Interesses und wurden mit Einladungen überhäuft, mußten diese aber ablehnen, weil in elf Tagen unsere Aufenthaltsgenehmigung für den Iran ablaufen würde und wir uns auf den Weg zur pakistanischen Grenze machen müßten.

Am nächsten Tag fuhren wir weiter nach Süden. In der Nacht wurden wir wieder einmal von Schakalen geweckt. Ich glaube, kein Tier gibt schauderhaftere Töne von sich als ein Scha-kal. Es klingt, als schreie ein Mensch in höchster Todesnot. Und das um Mitternacht!

Einen ganzen Tag radelten wir, bis wir in der Dämmerung am Horizont ein Minarett entdeckten. Bald kamen wir in die Ortschaft, zu der die Moschee mit dem Minarett gehörte. Dem Erstbesten, der uns bestaunte, machten wir mit wenigen persischen Brocken klar, die wir inzwischen gelernt hatten, daß wir mit dem Bürgermeister des Ortes sprechen mochten. Der Perser warf sich in die Brust. ´Sie meinen den Gouverneur dieser Stadt? Das bin ich.` ´Oh, iki Alman`, erklärte ich in türkischer Sprache, die ich ein wenig besser als die persische konnte, aber auch hier von vielen Menschen verstanden wird, ´und nun sind wir sehr müde.` ´Müde?` Der ´Gouverneur` lachte. ´Gegen Müdigkeit gibt es ein sehr gutes Mittel… Opium.`

Nachdem wir Rad und Gepäck gut untergebracht hatten, führte er uns durch einige winkelige Gassen. ´Ihr habt Glück gehabt, mich zu treffen`, sagte er, ´denn ich kam gerade von einer Gesellschaft und muß nun wieder hin. Und Ihr dürft mitkommen, weil Ihr ebenfalls Arier seid.` ´Arier?` Wir sahen den Gouverneur verdutzt an. ´Na`, sagte er, ´wir Perser sind Arier und also mit den Deutschen blutsverwandt.`

Der Name ´Iran` ist vom mittelpersischen ´Eran` abgeleitet und ist daher eine Abkürzung von ´Eranschahr` oder ´Eranzamin`. Das heißt auf Deutsch ´Arierland`. Die Bezeichnung ´Eran` war schon den Achämeniden geläufig und wurde unter den Sassaniden zum geopolitischen Begriff. Da der Iran nach der Eroberung durch die muslimischen Araber in etliche Provinzen zerfiel, aber an der Fiktion einer islamischen Reichseinheit festgehalten wurde, geriet der Begriff Iran in Vergessenheit, wurde erst – wie weiter oben gesagt – unter den Ilchanen wieder entdeckt und ist seither mit der Vorstellung einer staatlichen Einheit verbunden.

Noch bevor die nationalsozialistischen Machthaber in Deutschland ihre ´Volksangehörigen` amtlich als Arier nordischen Typs zu identifizieren suchten, ging man unter Reza Schah im Iran daran, dem Staat und der Nation eine arische Identität zu geben, die bis zur Einwanderung von Ariern im 11./10. Jahrhundert a.C. zurückreichte. Das zeigte sich nicht zuletzt in der Verleihung des Ehrentitels ´Sonne der Arier` an Mohammed Reza Schah, dessen ´Gouverneur` hier dabei war, seine ´arischen Blutsverwandten` Horst Stasius und Heinz Kaulmann in eine Opiumhöhle mitzunehmen…“

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schafbergZum Autor: Herwig Schafberg ist Historiker, war im Laufe seines beruflichen Werdegangs sowohl in der Balkanforschung als auch im Archiv- und Museumswesen des Landes Berlin tätig, arbeitet seit dem Eintritt in den Ruhestand als freier Autor ist und ist besonders an historischen sowie politischen Themen interessiert.

Sein letztes Buch erschien bei BoD unter dem Titel „Weltreise auf den Spuren von Entdeckern, Einwanderern und Eroberern“ (ISBN 978-3-7412-4491-9)

Das Buch kann hier bestellt werden:  Weltreise auf den Spuren von Entdeckern, Einwanderern und Eroberern