Ein Gastbeitrag von Daniel Schweizer

Anlässlich der sich mehrenden Debatte um mehr nationale Identität in den europäischen Ländern lohnt es sich, auch einmal den bevorstehenden Eurovision Song Contest in Kiew in Betracht zu nehmen. Man kann zur betreffenden politischen Entwicklung stehen, wie man will. Aber interessant ist auch die Frage, wie sich nationale Identität beim größten europäischen Sängerwettstreit zeigt. Immerhin tritt jeder Künstler dort unter einer nationalen Flagge an.

Blickt man jedoch auf die Lieder aller teilnehmenden Länder, so ist dieses Jahr – wie schon in den letzten drei Jahren – von einem Europa der Nationen kaum etwas zu spüren.

Jedenfalls weniger als noch vor einigen Jahren, als der Patriotismus auf politischer Ebene noch nicht so wahrnehmbar war wie heute. Gerade auch nationalkonservativ regierte Länder wie beispielsweise Russland, Polen und Ungarn schickten in den letzten Jahren meistens westliche Popsongs in komplett englischer Sprache ins Rennen. Auch in Kiew bekommen wir überwiegend Lieder in englischer Sprache zu hören, die auch musikalisch aus jedem beliebigen Land kommen könnten.

Mit Portugal, Spanien, Frankreich, Italien, Ungarn und Weißrussland sind es nur sechs Länder, die teilweise oder komplett in ihrer Landessprache singen. Ansonsten ein englischer Einheitsbrei! Von dem diesjährigen ESC-Motto „Celebrate diversity“ lässt das musikalische Angebot also wenig spüren.

Seit 1999 die Pflicht zu Gesang in Landessprache wegfällt, wird unter ESC-Fans oft sehr emotional diskutiert: Soll an den Liedbeiträgen erkennbar sein, aus welchem Land sie kommen? Oder soll sich die Musik beim ESC mehr an den internationalen Charts ausrichten? Ich persönlich gehöre seit langem zu den ESC-Fans, die gerade eine musikalische Vielfalt mit landestypischen Beiträgen in Landessprache bevorzugen.

Dabei muss ein national gefärbter Beitrag nicht zwangsläufig folkloristische Elemente enthalten. Das französische Chanson war einstmals beim ESC hoch im Kurs. In den neueren Jahrgängen werden sich einige vielleicht noch an den respektablen 8. Platz von Patricia Kaas mit „S´il fallait le faire“ (https://www.youtube.com/watch?v=6gee9Qh6iVg) erinnern. Viele Italo-Popsongs wurden zu Evergreens und hatten auch ihren ganz eigenen Charakter. Den deutschen Schlager kann man ebenfalls als eine durchaus speziell deutsche Ausprägung von Popmusik bezeichnen. Den größten Erfolg beim Eurovision Song Contest hatte der deutsche Schlager besonders in den Jahren 1979 bis 1982: „Dschinghis Khan“, „Theater“, „Johnny Blue“ und der Siegertitel „Ein bisschen Frieden“ wurden zurecht zu Evergreens. Diese Erfolge sind dem Komponisten Ralph Siegel und dem Textautor Bernd Meinunger zu verdanken.

Da es beim ESC kein wirkliches Erfolgsrezept gibt, konnten bisher fast mit jeder Musikrichtung sowohl Erfolge als auch Abstürze erzielt werden. Freuen Sie sich jetzt auf eine kleine musikalische Reise durch die ESC-Geschichte. Sie soll Ihnen eindrucksvoll erfolgreiche Platzierungen mit national gefärbten Liedern zeigen. Als zeitlicher Rahmen sind bewusst die Jahrgänge seit der Einführung des Televotings gewählt. Mögen Ihnen die Lieder als Ohrenschmaus ans Herz gehen.

Gerade mit dem letztjährigen Siegertitel aus der Ukraine bietet sich ein gutes Erfolgsbeispiel an: „1944“, gesungen von Jamala. Er polarisierte auch aufgrund seiner politischen Relevanz. Wegen der darin besungenen Deportation der Krim-Tataren unter Stalin konnte man einen Bezug zur aktuellen Krim-Krise vermuten. Das alles sollte jedoch nicht den musikalischen Charakter des Liedes ausblenden: Eine Ballade mit folkloristischen Elementen der Krim-Tataren, der Refrain in Krim-Tatarisch gesungen. Mit Sicherheit haben dafür auch viele Zuschauer gestimmt, weil das Lied durch die nationale Färbung sich angenehm vom englischen Einheitsbrei abhob.

Dies war bereits der zweite Sieg der Ukraine mit einem national gefärbten Beitrag. Die aus Galizien stammende Ruslana erzielte 2004 mit „Wild dances“ den ersten Sieg für die Ukraine. In diesem Lied waren Heimatklänge der Karpaten in einem modernen, kommerziellen Pop-Gewand verpackt. Der Sieg reihte sich damals in eine Welle von ähnlich gestrickten Siegertiteln ein, die Moderne und Tradition miteinander vereinten. Auf dieselbe Weise hatte 2003 Sertab aus der Türkei, 2005 Elena Paparizou aus Griechenland, modernen Pop mit nationaler Tradition vermischt. All diese Siegertitel waren eingängig und charttauglich genug, um beim internationalen Publikum zu punkten – und auch in die Charts einzusteigen. Gleichzeitig stachen sie durch ihre nationale Färbung auch positiv aus der Masse heraus.

Mit etwas deutlicher national gefärbten Liedern konnten die Länder des ehemaligen Jugoslawiens beachtliche Erfolge beim Televoting erzielen. Weniger kommerziell im Maßstab westlicher Popmusik, aber dennoch sehr zugänglich auch für internationale Ohren: Unter ESC-Fans bis heute ein großer Klassiker, und offensichtlich in Kroatien bis heute ein Evergreen:„Marija Magdalena“ von Doris Dragovic. Mit eingängigen Balkan-Rhythmen in kroatischer Sprache erzielte sie 1999 in Jerusalem den 4. Platz. Das bis heute beste Ergebnis Kroatiens beim Song Contest! Zwei erfolgreiche Top-10-Platzierungen mit Balkanklängen in Landessprache hatte auch Serbien-Montenegro vorzuweisen: Bei seinem Debüt 2004 mit der herzergreifenden Balkanballade „Lane moje“ den 2. Platz. Gesungen und komponiert von dem auf dem Balkan überaus populären Zeljko Joksimovic. 2005 einen 7. Platz für die aus Montenegro stammende Boygroup No Name mit „Zauvijek moja“. Seit 2006 gehen diese Länder bekanntlich politisch getrennte Wege. Seit 2007 nehmen beide eigenständig beim ESC teil. Serbien konnte danach einige Erfolge mit national gefärbten Beiträgen in Landessprache fortsetzen.

Auch Zeljko Joksimovic gelang eine Anknüpfung an seinen Erfolg, und das nicht nur für seine Heimat Serbien: 2006 als Komponist des bosnischen Beitrags „Lejla“ für die Gruppe Hari Mata Hari: Erneut eine herzergreifende national gefärbte Ballade in Landessprache, die mit dem 3. Platz belohnt wurde. Bis heute das beste ESC-Ergebnis für Bosnien-Herzegowina! Ebenfalls ihm als Komponisten zu verdanken waren zwei Erfolge seiner Heimat Serbien: Der 6. Platz für „Oro“ (2008)  und der 3. Platz für „Nije ljubav stvar“ (2012). Sie zeigten wieder, wie melancholische Heimatklänge aus Serbien Zuschauern aus ganz Europa ans Herz gingen – in Landessprache gesungen. Für seinen Beitrag von 2012 hatte er sich auch nochmals selbst als Interpret auf die Bühne gestellt.

Ein Sieg sprang für Zeljko Joksimovic leider nie heraus. Dieser gelang dafür einem anderen Komponisten namens Vladimir Graic für Serbien. Er komponierte eine ebenso berührende Balkanballade: „Molitva“, vorgetragen von Marija Serifovic. Gleich bei der ersten Teilnahme als selbständiger Staat siegte Serbien damit 2007 in Helsinki: Spätestens dieser Erfolg sollte endgültig beweisen: Man muss weder musikalisch noch sprachlich seine nationalen Wurzeln verleugnen, um beim ESC den maximalen Erfolg zu erzielen.

Im Ganz lässt sich also aus den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens eine schöne Erfolgsgeschichte aufzeigen. Mit Liedern, die musikalisch wie sprachlich klar ihre nationalen Wurzeln erkennen ließen. Umso trauriger, dass dieses Jahr in Kiew keines dieser Länder in Landessprache singen wird. Falls ihnen in diesem Jahr mit ihren pseudo-westlichen Anbiederungen kein Erfolg gelingen wird, besinnen sie sich vielleicht auf ihre Erfolge zurück.

Wie vielseitig die Länder beim ESC ihre nationale Identität präsentieren können, zeigen auch einige beachtliche Erfolge mit ethnisch angehauchten Liedern in humorvoller Verpackung. Zeigt man als Einzelperson durch Selbstironie eine gesunde Selbstachtung, lässt sich auch die nationale Identität als Zeichen von Stärke selbstironisch auf die Schippe nehmen. Und das erfolgreich! Wer erinnert sich noch an den ersten Beitrag Moldawiens? Eine Mischung aus Ska und Bukowina-Sound – und als Krönung eine trommelnde Oma! Am Ende sprang dafür ein 6. Platz heraus. Der ukrainische Travesti-Künstler Verka Serdutschka bot 2007 auf ähnlich witzige Weise Folklore seiner Heimat dar. Dafür wurde er von den europäischen Zuschauern mit einem 2. Platz belohnt. Ebenfalls ein grandioser 2. Platz gelang 2012 den Buranovskye Babushki. Fröhlich tanzten die Omas in traditionellen Trachten zu Balalaika-Klängen und luden jung und alt zu ihrer „Party for everybody“ ein. Mit frisch gebackenen Plätzchen als Krönung! Ebenfalls augenzwinkernd bot 2013 die griechische Band Koza Mostra – in Begleitung des bärtigen Bouzouki-Spielers Agathon Iakovidis – ihre mit griechischer Tradition gemischte Ska-Nummer mitsamt dem augenzwinkernden Titel „Alcohol“ is free“ dar. Die Belohnung war ein 6. Platz.

Der kleine Rückblick zeigte also: Man kann beim ESC auf vielseitige Weise seine nationale Identität präsentieren: Französische Chansons und deutsche Schlager als landestypische Ausprägungen der Popmusik! Ethno in einer chartverdächtigen Verpackung wie bei den Siegertiteln von Sertab, Ruslana oder Elena Paparizou! Sehr melancholisch und getragen wie die Balkanballaden! Oder auch in sehr witziger Darbietung! Nicht selten wird so etwas mit einer erfolgreichen Platzierung belohnt. Denn viele Zuschauer schätzen Abwechslung beim Eurovision Song Contest. Sie finden es gerade interessant, wenn man die Beiträge auch national zuordnen kann. Exotik – nicht zu verwechseln mit beliebigem Multikulti – fasziniert eben.Und ebenso zeigen die Erfolge, dass sich gut dargebotene Liedbeiträge in jeder Sprache durchsetzen. Es sollte also mehr Länder ermutigen, wieder mehr in ihrer Heimatsprache zu singen und sich auch musikalisch national zu präsentieren.

Trotz dieser ersichtlichen Erfolge überwiegt dieses Jahr in Kiew der englische Einheitsbrei. Welche Beiträge lassen sich noch für diejenigen Zuschauer empfehlen, die über sprachliche und musikalische Abwechslung erfreut sind? Erfreulicherweise ist nach derzeitigem Stand der Wettquoten Italien haushoher Favorit:

Das Eintreffen dieser Vorhersage wäre mehr als wünschenswert. Denn ein Sieg mit diesem komplett landessprachlichen Lied könnte 2018 wieder mehr Länder ermutigen, in ihrer Heimatsprache zu singen. Ebenfalls gute Chancen auf eine Top-10-Platzierung prognostiziert werden (Stand 3. Mai) Portugal und Frankreich.

Den wohl am meisten national gefärbten Beitrag hat in Kiew Joci Papai aus Ungarn zu bieten: Modern arrangierte ungarische Folklore, gesungen in Ungarisch und Romani! Passend zu nationaler Identität auch die Titelzeile „Origo“ (Herkunft)!

Er startet donnerstags im 2. Semifinale, in welchem auch Deutschland, die Schweiz und Österreich stimmberechtigt sind. Nach derzeitigem Stand (3. Mai) sehen die Wettquoten sehr gute Chancen für ihn, sich für das Finale am Samstag zu qualifizieren.

Da bleibt nur zu sagen: An die Zuschauer gerade aus Deutschland. Österreich und der Schweiz! Wollen Sie auch beim Eurovision Song Contest wieder ein Europa der Nationen geboten haben?

Dann geben Sie im 2. Semifinale beim Televoting Ihre Stimme für Ungarn ab, um dessen Finalqualifikation zu unterstützen! Und im Finale gilt dann an alle Landessprachen-Freunde besonders der Aufruf: Tragen Sie mit Ihrer Televoting-Stimme dazu bei, dass Italiens Sieg wirklich eintreffen wird! Denn mit einem Siegertitel in Landessprache haben vielleicht 2018 wieder mehr Länder Mut zu ihrer Heimatsprache.

Und wir bekommen vielleicht endlich einmal wieder unsere wunderschöne deutsche Sprache beim europäischen Sängerwettstreit zu hören.