Girls‘ Day – seit 2001 alle Jahre wieder am 27. April. Mädchen sollen gefördert von der EU und der Bundesregierung in männerdominierte Berufe reinschnuppern und Gefallen an Führungspositionen finden. Jungen sollen im Gegenzug soziale Berufe kennenlernen.

Tenor des gender-feministischen Praktikums für einen Tag ist das Sprengen einengender „Geschlechterklischees“. Trotzdem kann solch eine Erweiterung der Perspektive nur sinnvoll sein. Wenige entdecken tatsächlich ihren späteren Traumberuf, doch die meisten der herbeigekarrten Schülerinnen, die für Pressefotografen vor irgendeinem Hightech-Roboter oder im weißen Kittel und mit Erlenmeyerkolben in der Hand posieren, sind gedanklich vermutlich woanders, vielleicht beim nächsten Selfie? Kunstvoll gespiegelt in einer Silizium-Halbleiterscheibe, wer weiß …

PP nimmt den Girls‘ Day zum Anlass, um auf das Buch

mäfchen im Netz„Mädchen im Netz. Süß, sexy, immer online“

hinzuweisen. Denn darin geht es um die reale Lebenswelt von Mädchen, die mit digitaler Kommunikationstechnologie aufwachsen. Sie sind sogar die aktivsten Nutzer der sozialen Medien.

Ihre Ich-Entwürfe posten sie öffentlich für ihr schulisches Umfeld. Und das bedeutet neue Möglichkeiten für die Jugendforschung, die „die virtuelle Empirie nur noch abschöpfen muss, anstatt Fragebögen in Schulklassen zu verteilen“, so der Autor des Buchs, Martin Voigt.

Beispiel eines öffentlichen Gästebucheintrags einer 13-Jährigen an ihre Freundin:

freu mich schon auf SAMSTAG BEI DEM DAD, HAUSPARTY! saufen uns voll di birne weg ^^ und laufn nackt durch die wohnung oder !? . xD iijaaah XD des kennma ja scho vanny . xD auf’s ganze we freu ich mich mit dir !

ich hoff du hast freitag zeit. iijaaaah. weiß jetz auch nimma was ich schreiben soll . achja, auch wegen gerade ebn danke ! und so . flagg‘ grad in da wannee. und kuschel gleich mim flauschii seim pulli . morgen sind ma di echten gangster! aber wir stehen alles durch was >männer< betrifft., wie ich om schon gschriem hab „ausgfotzte oaschlecha“. wir sind jetz eh schon lesbisch mit juleeez. alsoo (: und lesben sind di besten., oder auch Bi ., < >> bisschen bi schadet nie. zu viel bi machts arschloch hi :DD << iijaaaaah . * auf sowas stehma .,  umschnall dildo. ^^ aaaah jetz fällt ma was ein.. beim geiger bei talk talk talk fun oder wie des gheißn hat. diee tuss „ich weiß nich mal wie man eine kondom drüber zieht., macht man des mit einem handgriff“ XDD oder der aerobic shit oder wie ma des schreibt. , „und drüüüüüüüüber ziehn“ *ganz nach unten gehn* .  „warum gehst du nicht ganz nach unten“ — „äähm, sry mein freund hat nich so nen großen“ xDDD iijaah  oder die pornos, auf redtube.de oder xxx.de oder youporn.de xDD ijaaaah man ^^ war schon geil mim zwerg. „jeeetz stellt sich gleich da laptop auf“ xDD waaaah* ich kann wieder lachen, ich hoff‘ du auch !? . ich liebe dich so!

Hier einige Auszüge aus dem 2016 bei Springer Spektrum erschienenen Buch:

Von überall aus ist die Schulklasse auf Facebook oder über WhatsApp zu erreichen. Seit Ende des Jahres 2010 gehören Teenager mit Smartphone in der Hand zum Straßenbild. Da sie durch das Versenden, Annehmen und Ablehnen von Freundschaftsanfragen ihre Vernetzung selbst steuern können, bilden sie auf ihren Facebook-Seiten ihr soziales Umfeld ab. Dort sind sie ausschließlich unter sich, und fast alle sind mit dabei.

Bei der hohen Anzahl an Kontakten brechen die Interaktionsmöglichkeiten nie ab, was eine entsprechende Sogwirkung nach sich ziehen kann. Mitten im Bezugsraum Familie kann um die Töchter eine exklusive Sphäre entstehen, wenn sie mit ihren Smartphones verwachsen scheinen oder sich in ihren Zimmern hinter ihren Laptops verschanzen.

Meistens sind es Mädchen, die dauerhaft mit ihrem Bindungsbiotop Kontakt halten. Eltern versuchen mit erzieherischen Qualitätszeiten gegen die schleichende Abschottung ihrer Kinder vorzugehen, die von diesen gar nicht als solche empfunden wird.

(…)

Im Handumdrehen kann eine 12-Jährige Fotos von sich in kurzen Hotpants und mit „Poserausschnitt“ genauso wie der Teeniestar im neuesten Musikvideo auf ihrem Onlineprofil präsentieren.

Mit dem Distanzverlust zu den klassischen Medien und ihren propagierten Stars wird der Schritt von der passiven Zuschauerin zur aktiven Selbstdarstellerin effektiv vollzogen, da es so schnell und sogar noch „hübscher“ nachzumachen geht.

Die Sexualisierung von Kindern erreicht ein neues Niveau, denn sie findet nicht mehr nur in ihren Köpfen und in Projektion auf sexuell inszenierte Popidole statt, sondern verlagert sich immer schneller hin zur aktiven Komponente der Sexualisierung. Eine 10-Jährige, die in der 5. Klasse im Aufklärungsunterricht Kondome über Holzpenisse zieht, parallel von Medien für Teenager über verschiedene Spielarten von Sexualität und das „erste Mal“ aufgeklärt und von Freundinnen mit detaillierten Stylingtipps für sexuelle Attraktivität versorgt wird, verliert nicht nur ihr kindliches Schamgefühl, sondern inszeniert einen neuen sexualisierten Habitus auf Facebook und Instagram.

Aus einem Kinderzimmer, das ehemals mit Bravo-Postern von aufreizend inszenierten Stars ausstaffiert war, wird ein provisorisches Fotostudio mit Internetanschluss, von dem aus beste Freundinnen ihre gesamte Jahrgangsstufe nun selbst mit perspektiven- und posenreichen Fotostrecken versorgen.

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Was beeinflusst die Identitätsbildung von Mädchen, die durch das überbetonte Inszenieren von sexueller Bereitschaft auffallen? Müssen sie sich sexy präsentieren, um überhaupt wahrgenommen zu werden? Von wem wollen sie unbedingt als sexy wahrgenommen werden? Von Jungen, die Porno-Clips gucken? Von ihren Freundinnen, die ihr Taschengeld für Schminke ausgeben? Gibt es keinen Gegenpol zu Germanys next Topmodel, Der Bachelor und Shopping Queen? Wie erleben die vielen sexy oder crazy priincessiis mit den Kulleraugen, Schmollmündchen und engen Tops das Verhältnis zwischen ihren Eltern? Ist ein liebevoller Vater da, oder kennen sie männliche Blicke nur als lüstern und bewertend?

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Jedes dritte 14-jährige Mädchen besucht einen Frauenarzt, um sich über Verhütungsmethoden beraten zu lassen (BZgA, Jugendsexualität 2010 ). Die ärztliche Unterweisung im Gebrauch der Antibabypille kann schon als Initiationsritus gelten, denn der erste Freund lässt doch bestimmt nicht mehr lange auf sich warten.

Angesichts der neuesten Forschung zur Gehirnentwicklung von Teenagern ist dieser hormonelle Eingriff ein riskantes Massenexperiment ohne ethische Bedenken von offizieller medizinischer Seite. Offenbar befinden sich zahlreiche Bereiche im Gehirn in einer sensiblen Umstrukturierungsphase und in einem stärkeren Wachstumsprozess als bisher bekannt war.

Dieser erreicht zwischen dem 14. und 17. Lebensjahr seinen Höhepunkt und ist erst deutlich jenseits des 20. Lebensjahres abgeschlossen. Wenig weiß man bisher über die Langzeitwirkung dieses täglichen hormonellen Eingriffs auf die Gehirnentwicklung von Mädchen in diesem Alter. Allerdings gibt es Untersuchungen zu Alkohol und Nikotin, die belegen, dass beide Stoffe einen noch schädlicheren Einfluss auf das Gehirn von Teenagern haben als bisher angenommen, da es eben nicht fast fertig ist, sondern mit Beginn der Pubertät noch einmal zu einer komplexen Baustelle wird.

Hinsichtlich dieser Umstrukturierung reichen die Teenagerjahre an die entscheidenden ersten beiden Lebensjahre heran.

Sicher ist sich die Gehirnforschung auch darin, dass der Sexualtrieb der kognitiven und emotionalen Entwicklung oft weit voraus ist.

Ein ausgeglichenes Beziehungs- und Sexualleben setzt aber voraus, dass beide Partner dazu in der Lage sind, über die eigene Befriedigung hinaus den anderen Menschen in ihrem Leben anzunehmen. Teenager werden während ihrer instabilen Reifungsphase wie kleine Erwachsene behandelt und nach einer Instruktion in Sachen Verhütung sehenden Auges in ihre erste Beziehungskrise entlassen, weil diese inzwischen als normale oder gar wichtige Erfahrung gilt.

Viele Eltern sehen die körperliche Reife ihrer Kinder und haben nicht die Kraft, die moralische Glaubwürdigkeit oder überhaupt die Veranlassung, dem sexuellen Druck ihrer Söhne und der Verliebtheit ihrer Töchter Grenzen zu setzen. Trennungsschmerz und Verlusterfahrungen sind die Folgen der selten tragfähigen Beziehungen unter Teenagern gerade in der Phase, in der das unfertige Gehirn maximale Plastizität erreicht und Erfahrungen förmlich aufsaugt. Warum also entlässt man pubertierende Jungen und Mädchen, deren Gehirn zukunftsbezogenes Denken noch kaum leisten kann und deren limbisches System (Zentrum für Gefühle, Beziehungen und Bindungen) für prägende Erfahrungen noch weit offen ist, in absehbare zwischenmenschliche Krisen, die das altersgemäße Ausgestalten von Freundschaften weit übersteigen?

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Das Buch von PP-Autor Martin Voigt kann hier bestellt werden:

„Mädchen im Netz. Süß, sexy, immer online“