Ein Gastbeitrag zum Internationalen Tag der Frau von Herwig Schafberg

Am 8. März ist der internationale Tag der Frau – ein passender Anlaß zu schauen, was von sowie für Frauen erreicht und was versäumt worden ist.

Wenn früher von Schülern, Kollegen oder Mitbürgern die Rede war, schien sämtlichen Beteiligten klar zu sein, daß damit alle ohne Unterschied des Geschlechts gemeint waren.

Das mißfiel aber vielen Frauen, deren Emanzipation durch die Achtundsechzigerbewegung starken Auftrieb erhalten hatte. Und von denen mochte sich auch kaum eine von Genossen aus den kommunistischen Zirkeln in Westdeutschland und Berlin (West) darauf vertrösten lassen, daß die „Frauenfrage“ ein Nebenaspekt der gesellschaftlichen Widersprüche im Kapitalismus wäre und erst im Sozialismus gelöst würde.

So lange wollten viele nicht warten, sondern unverzüglich Schritte zu ideellen und materiellen Veränderungen eingeleitet haben. Dazu sollte unter anderem gehören, daß Frauen sprachlich deutlicher ins Bewußtsein der Allgemeinheit treten und dementsprechend von den Männern abgesondert benannt werden. In der schriftlichen Fassung haben wir seither also lauter SchülerInnen, KollegInnen und MitbürgerInnen vor Augen.

Daß Frauen damit im Sprachduktus zu Anhängseln von Männern erklärt werden, scheint mir allerdings ein recht merkwürdiger Beitrag zu deren Emanzipation zu sein.

Beim gesprochenen Wort kommt die Geschlechtertrennung noch deutlicher zum Ausdruck, indem nun langatmig von Schülern und Schülerinnen, Kollegen und Kolleginnen sowie Mitbürgern und Mitbürgerinnen die Rede ist. Diese Reihe ließe sich beliebig fortsetzen.

Man würde dabei allerdings auf einige Lücken stoßen; denn wenn es etwa um Sexual- sowie andere Straftäter, Rassisten und Imperialisten geht, scheinen Frauen keinen großen Wert auf gesonderte Benennung zu legen. Und manche von ihnen wollen gar nicht wissen, daß es auch Schwerenöter weiblichen Geschlechts gibt und es folglich SchwerenöterInnen heißen müßte.

Zu den Unwissenden gehörte beispielsweise Hildegard Hamm-Brücher. Ihr gefiel nicht so recht die Forderung der FDP nach Abschaffung des § 175 im Strafgesetzbuch, demgemäß Homosexuelle im Umgang mit Jugendlichen strafrechtlich strenger behandelt wurden als Heterosexuelle.

Sie wollte „doch nur junge Männer vor Greisen schützen“, meinte Frau Hamm-Brücher, als ob junge Männer ihr Recht auf sexuelle Selbstbestimmung nicht eigenhändig gegen lüsterne Greise wahren könnten.

„Und wer schützt junge Frauen vor Greisinnen,“ fragte der damalige FDP-Vorsitzende Hans-Dietrich Genscher daraufhin süffisant „die große Dame des deutschen Liberalismus“, die ihm verdutzt entgegen hielt, daß es in der Hinsicht doch wohl keinen Grund zur Klage gäbe. Aber aus seiner langjährigen Praxis als Rechtsanwalt konnte Genscher ihr von etlichen Fällen berichten, in denen Frauen unterschiedlichen Alters aktiv an sexuellen Übergriffen beteiligt waren.

Opfer solcher Übergriffe waren und sind übrigens nicht bloß junge Frauen, sondern auch junge Männer. Von denen zeigt allerdings nur selten einer solch eine Tat bei der Polizei an; denn den meisten verbietet es ihr männliches Selbstwertgefühl, sich in der Rolle eines Opfers zu sehen und gesehen zu werden. Das ist eine Rolle, die man(n) lieber Frauen vorbehalten wissen möchte.

Es ist ja durchaus als Fortschritt zu begrüßen, daß man bei uns – anders als weiterhin im muslimischen Kulturkreis – Frauen nicht mehr so leichtfertig wie früher vorwirft, sie hätten durch ihr Verhalten dazu beigetragen, Opfer sexueller Übergriffe zu werden, und wären daher mitschuldig an solchen Vergehen. „Nein heißt nein!“ Wenn eine Frau das sagt, hat man(n) gleich welcher Herkunft und Religion das unbedingt zu akzeptieren. Sonst muß unnachsichtig bestraft werden.

Ich halte es aber nicht für der Weisheit letzten Schluß, daß Männer generell verdächtigt werden, ihrem Wesen gemäß von Sexualtrieben besessen zu sein, als wollte man oder – besser gesagt – frau das Dogma der „Erbsünde“ neu interpretieren und Männern die Rolle des ewigen „Sündenbocks“ zuschreiben.

Die Schlußfolgerung aus diesem Generalverdacht ist ja nicht bloß, daß jeder Mann als tendenziell übergriffig gilt, sondern auch, daß einer in den Augen vieler Männer und Frauen kein „richtiger“ Mann ist, wenn er „keinen Bock“ hat und nicht „stößig“ sein mag.

Ich denke in dem Zusammenhang beispielsweise an das, was eine alte Freundin einst in Sizilien erlebte. Sie war dort als junge Frau von ein paar jungen Männern – nach eigener Wahrnehmung – vergewaltigt worden. Wie soll es aber moralisch und rechtlich beurteilt werden, wenn sie aus verständlicher Angst, man könnte ihr Schlimmeres antun, den Eindruck erweckt hatte, daß der Geschlechtsakt im gegenseitigen Einvernehmen geschähe, und einen Jungen, der sich anscheinend genierte, sogar zum Mitmachen ermuntert hatte? Wie wäre dieser Junge sich denn vor seinen Freunden und auch vor der Frau vorgekommen, wenn er nicht mitgemacht und so riskiert hätte, daß Zweifel an seiner „Männlichkeit“ aufkommen? Wer war also hier Opfer: Nur die Frau, obgleich sie – gute Miene zum bösen Spiel machend – die verführerische Eva gespielt hatte, oder auch der junge Adam, der anscheinend nicht den Mut gehabt hatte, der Verlockung weiter zu widerstehen?

Wir brauchen kein neues Dogma einer „Erbsünde“ des Mannes, aber auch nicht länger das alte Konzept von Männlichkeit, das einen hegemonialen Mann vorsieht, den es stets drängt, eine Frau zu begehren, sie zu begatten und so seine „Männlichkeit“ zu beweisen. 

Soweit Frauen Männer demgemäß einschätzen, ist das im allgemeinen mit Sorgen verbunden, im besonderen jedoch manches Mal mit Wünschen im Hinblick auf einen Mann ihrer Wahl. Wenn solch einer sie aber nicht wunschgemäß begehrt, zweifelt die eine bitter enttäuscht an ihrer Attraktivität, die andere hingegen selbstgefällig an seiner „Männlichkeit“. Und derartige Zweifel bereiten vielen Männern mehr Kummer als der Verlust ihres Arbeitsplatzes.

Ich sollte mir die weitere Beschäftigung mit diesem Thema besser für den Weltmännertag im November aufheben und will mich jetzt zur Einstimmung auf die Wochen gegen Rassismus, die am 13. März beginnen, noch schnell sogenannten Rassisten zuwenden.

Ich weiß nicht, wer von den sogenannten wirklich Rassist ist und wer von ihnen bloß als solcher von Leuten diffamiert wird, die ähnlich wie Religiöse das „Böse“ in Gestalt eines anderen brauchen, um sich selbst als „guter“ Mensch zu profilieren.

Doch ich weiß, daß im allgemeinen lediglich von „Rassisten“ die Rede ist und insofern die Weiblichkeitsform weggelassen wird, als ob Frauen dieses „Kainsmal“ im allgemeinen lieber Männern überlassen wollten, obwohl es durchaus Frauen gibt, die man aus gut vertretbarem Grund als „Rassistinnen“ bezeichnen kann. Und dabei handelt es sich nicht etwa bloß um Mitläuferinnen, sondern auch um Führungspersönlichkeiten.

Ich denke beispielsweise an Mathilde Ludendorff, auf deren Wirken nach dem 1. Weltkrieg jene „völkische Bewegung“ zurückgeht, die als „Ludendorffer“ bekannt wurde. So genannt wurde sie aber nicht nach Mathilde, sondern nach Erich, ihrem Ehemann, der sich von seiner Frau gerne öffentlich als „der Feldherr“ preisen ließ; tatsächlich tanzte er jedoch in der von ihr komponierten Bewegung genauso wenig nach eigener Musik wie das Funkenmariechen beim Karnevalsumzug. Daran änderte auch nichts, daß er in Uniform statt im Rock und herrisch scheinend auftrat sowie abgebildet wurde.

Könnte man denn nicht Männern wie General Ludendorff und Präsident Erdogan, deutschen Oberstudienräten der alten Schule und auch türkischen Großvätern der neuen Generation zu verstehen geben, daß herrisches Auftreten lächerlich wirkt, wenn man dazu ein Gesicht zieht, als ob es beim Stuhlgang hartleibig klemmt?

Während Männer gerne die Lippen fest zusammenpressen, als wollten sie mit der Miene Kampfentschlossenheit ausdrücken, spitzen Frauen lieber ihren Mund schnabelförmig zu, als ob sie im nächsten Moment auf einen Gegner oder eine Gegnerin hacken wollten.

Wenn es zu Kämpfen um die Hackordnung kommt, geht es nicht bloß um das Verhältnis zwischen Männern und Frauen oder – aus feministischer Sicht – zwischen Unterdrückern und Unterdrückten, sondern auch zwischen Frauen. Und davor ist anscheinend nicht einmal die Frauenbewegung gefeit. Mögen Frauen die Bezeichnung „Rassistinnen“ im allgemeinen Sprachgebrauch auch scheuen wie der Teufel das Weihwasser, entblöden sich einige freilich in bestimmten Zusammenhängen nicht, die eine oder andere Mitkämpferin für Frauenrechte als „Rassistin“ anzuprangern, wenn ihnen deren Strategie nicht paßt.

Das mußte beispielsweise Alice Schwarzer, die Avantgardistin des deutschen Feminismus, erleben. Seitdem sie im Kampf um Frauenrechte nicht bloß „weiße“ westlich zivilisierte Männer, sondern auch solche aus dem islamischen Kulturkreis im Visier hat, wird ihr von anderen Feministinnen sowie Linken beiderlei Geschlechts „Rassismus“ vorgeworfen.

Der Begriff „Rassismus“ ist allerdings durch übermäßigen Gebrauch inzwischen so abgenutzt, daß er sich kaum noch dazu eignet, einen Menschen empfindlich zu treffen.

Nachdem es im Laufe der letzten 25 Jahre nicht gelungen war, Alice Schwarzer durch den gebetsmühlenartig wiederholten Vorwurf des „Rassismus“ von ihrem Kriegspfad speziell gegen das islamisch sanktionierte Patriarchat abzubekommen, wollte anscheinend eine aus den Reihen ihrer Gegnerinnen den Einsatz im Propagandakrieg erhöhen und warf ihr darüber hinaus „Imperialismus“ vor, weil Frau Schwarzer nach den skandalösen Ereignissen in der Neujahrsnacht 2016 am Kölner Hauptbahnhof Streuner und Beutejäger aus Nordafrika – im offiziösen „Neusprech“ als Flüchtlinge bezeichnet – pauschal der Neigung zu sexuellen Übergriffen verdächtigt hatte und zum wiederholten Male dafür eingetreten war, daß Männer aus dem islamischen Kulturkreis ebenso wie andere die Würde von Frauen zu achten hätten und demgemäß zur Räson gebracht werden müßten.

Ich kenne solche Vorwürfe auch von einem Streitgespräch mit einer Frau, die sich selbst für „antirassistisch“ hielt. Dabei ging es um die Verbindlichkeit von „Menschenrechten“. Ihren Vorbehalt, daß diese auf den Wertvorstellungen „weißer“ Europäer und Amerikaner basierten, die man nicht für Menschen mit anderer Hautfarbe und Herkunft als verbindlich erklären dürfte, konterte ich mit dem Einwand, daß es sich dabei im Grunde nicht um neuzeitliche Erfindungen von „Weißen“ beiderseits der Atlantiks handelte, sondern um Geistesströmungen, die ihre Quellen in der griechischen Antike gehabt und die damalige Ökumene weit über das Zeitalter des Hellenismus hinaus bis an die Straße von Gibraltar sowie den Indus beeinflußt hätten.

Darauf entgegnete sie mir, daß auch die alten Griechen „Weiße“ gewesen wären und es schon allein deswegen „rassistisch“ wäre, deren Ideale für allgemeinverbindlich zu halten.

Ist solchen „AntirassistInnen“ nicht klar, daß sie mit derartigen Ressentiments einer Rassentrennung neuen Typs das Wort reden?

Einerlei, ob manche Leute – einer ephemeren Geistesmode folgend – meine philhellenische Begeisterung als „rassistisch“ schmähen oder nicht, bewahre ich mir diese weiter aus tiefer Überzeugung.

Objekt solcher Schmähungen ist im übrigen nicht nur die „Imperialisierung“ europäischer und „weißer“ amerikanischer Werte, sondern auch die „kulturelle Aneignung“ von Produkten aus Ländern, die dem „Imperialismus“ und „Kolonialismus“ zum Opfer gefallen waren.

In dem Zusammenhang ist es schon zu recht merkwürdigen Ereignissen gekommen. So gab es beispielsweise an einer amerikanischen Universität und in weiteren Kreisen vor einiger Zeit einen Aufschrei der Empörung, weil sich dort einer der Köche ein vietnamesisches Rezept „angeeignet“ und es nach seinem Geschmack verändert hatte.

Den empörten Befürwortern einer Rassentrennung neuen Typs war allerdings nicht bekannt, daß die Vietnamesen dieses Rezept gar nicht selber erfunden, sondern selber von „Weißen“ – nämlich ihren französischen Kolonialherren – übernommen und ihrem Geschmack angepaßt hatten.

Ich wiederhole es zum Schluß: Leute, laßt die Tassen im Schrank und zerschlagt nicht noch mehr Porzellan im „antirassistischen“ Hexenwahn!