(David Berger) Jung, kreativ, urban: Tel Aviv ist nicht nur das moderne Gesicht Israels, sondern auch die Party-Metropole und Reisetraumziel des Nahen Ostens: ein Fanal der Freiheit für junge Menschen inmitten extrem freiheitsfeindlicher, vom Islam dominierter Nachbarländer.

dsc_0259Auf einer großen Sanddüne sei die Stadt erbaut. Das ist meistens das erste, was Reiseführer dem Neuankömmling in Tel Aviv erzählen. Und sie zeigen ihm dazu ein Foto aus dem Jahr 1909 von einer kleinen Gruppe europäischer Juden, die unter sich die Sanddünen vor den Toren des viel zu eng gewordenen und arabisch geprägten Jaffa aufteilen. Heute erinnern noch immer viele der Straßennamen an die Pioniere von damals, die hier die ersten Häuser bauten. Über den Sanddünen erhebt sich eine moderne Stadt, deren Bild von der Nähe zum Mittelmeer, der von europäischen Juden in den Orient importierten Bauhaus-Architektur und Wolkenkratzern bestimmt wird.

Raketen auf eine Stadt, die für die Freiheit steht

Nicht nur die physischen Grundlagen dieser Stadt, auch die Atmosphäre der jungen Metropole wird dennoch nach wie vor ganz gut durch eine instabile Sanddüne charakterisiert. „Lissrom“ nennen dieses ganz besondere Flair die Einwohner; was soviel bedeutet wie locker, flexibel, aber auch vergänglich und unberechenbar.

Unberechenbar ist die politische Lage nach wie vor, auch wenn die Raketenangriffe aus den Nachbarstaaten Israels nicht mehr das Ausmaß haben wir noch 2012 und Touristen sich in der Regel sicher fühlen können. „Bei solchen Anlässen wird dir deutlich, wie schnell das Leben auch zu Ende sein kann!“ sagt uns Amit, der uns durch das Nachtleben Tel Avivs führt.

Gerade aufgrund dieses Wissens um Vergänglichkeit, sei das Partyleben hier so ausgelassen. Wenn man immer vor Augen habe, dass das vielleicht die letzte Nacht ist, wolle man feiern so lange es irgendwie geht.

Das tun die jungen Menschen dieser Stadt  – immerhin sind 40 % der Bewohner unter 35 – dann auch in einer Ausgelassenheit, ja Hingabe, die sicher einzigartig in der Welt ist. Und nicht nur am Freitagabend, der das Sabbat-Wochenende einleitet, sondern an jedem Tag der Woche. Auch wenn sich keiner so genau erklären kann, wie da noch normales Leben funktioniert, in Tel Aviv ist man darauf auch ein wenig stolz und bezeichnet sich selbst als 24/7- oder Nonstop-City.

Homos und Heteros feiern zusammen

Ganz vorne mit dabei in dieser Feierkultur sind die schwulen Männer, mit einer Selbstverständlichkeit, die für den Nahen Osten und ein religiös geprägtes Land unglaublich, aber auch im Hinblick auf die weltweite Gay-Szene einmalig ist.

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Die schwulen Clubs und Partys sind legendär, aber keineswegs so exklusiv schwul wie etwa der Hustlaball, Folsom oder die Snaxx in Deutschland. Mit eben jener großen Selbstverständlichkeit, mit der Schwule und Lesben das Alltagsleben dieser Stadt mitprägen, feiern hier alle LGBTIs usw. mit Heteros zusammen. Omer Gershon, der bekannteste Nightlife-Experte Tel Avivs, den wir zu einem typisch israelischen Abendessen in dem rustikalen Restaurant Kimmel treffen, sieht jedoch in den letzten Jahren ein zunehmendes Revival der Bars. Omer muss es wissen, begleitet er doch seit einem unglaublichen viertel Jahrhundert die Partyszene hier und gestaltet sie seit langem federführend mit.

Landet man nicht gerade in dem unglaublich quirligen „Evita“, der ältesten Gay-Bar Tel Avivs, in der eine Mischung aus Travestie und Karaoke Trommelfelle beben lässt, sind in den Bars in  der Tat die Möglichkeiten für entspannte Gespräche und damit auch tiefer gehendes Kontakteknüpfen weitaus besser.

Nicht selten endet die wilde Partynacht dann mit dem Sonnenaufgang an einem der traumhaften Strände Tel Avivs. In einer Stadt, in der fast jeden Tag die Sonne scheint und auch im Winter die Temperaturen selten unter 18 Grad fallen, ist der 14 Kilometer lange Sandstrand allgegenwärtig.

dsc_0158Gesäumt wird er von zahlreichen internationalen Hotels und auch die große Pride-Parade endet traditionell mit einer fulminanten Party hier am breiten Strand vor dem Crown Plaza.

Spricht man Schwule und Lesben oder auch Verantwortliche der Stadt auf dieses ganz aus staatlichen Geldern finanzierte Ereignis an, merkt man, wie stolz sie darauf sind. Eran Lev, lange Jahre Stadtrat von Tel Aviv, ist einer von ihnen: „Wir sind weltweit einer der größten und im Nahen Osten der einzige Pride“.

Wir treffen Eran am Sabbat in Tel Avivs Gay Center – auch dieses ganz durch die Stadt finanziert – im Meir Garden, einem der schönsten Parks der Metropole. Federführend hat er daran mitgewirkt, dass das wenige Meter vom Homo-Zentrum entfernt liegende Mahnmal für die wegen ihrer sexuellen Orientierung durch die Nationalsozialisten verfolgten Menschen dort gebaut werden konnte: ein enorm großer, aus drei länglichen Steinbänken gebildeter rosa Winkel. Dass eine solche Gedenkstätte gerade in Israel in diesen Dimensionen und an herausragender Stelle entstanden ist, sieht der als Rechtsanwalt arbeitende Aktivist als großartiges Signal.

Nicht nur im Hinblick auf die Vergangenheit, sondern auch auf die Gegenwart: Israel ist umgeben von Ländern, die Homosexualität kriminalisieren, manche gar mit dem Tod bestrafen – eine Geschichte des Unheils, die noch nicht zu Ende ist.

Ivri Leader: Die Pink-Washing-Vorwürfe sind nicht haltbar

dsc_0338Immer wieder kommt man im Gespräch mit schwulen Israelis auf die LGBTI-Vorreiterrolle ihres Landes zu sprechen. Selbst wenn es eigentlich um Mode oder Musik geht. So etwa bei einem Treffen mit Ivri Lider, dem bekanntesten israelischen Popsänger, der sich vor einigen Jahren in Israels größter Tageszeitung „Haaretz“ outete. Auch wenn er sich, wohl nicht ganz grundlos, dagegen verwehrt „schwule Popmusik“ zu machen, so ist er doch gerade auch wegen der LGBTI-Politik Israels stolz darauf, ein Sohn dieses Volkes zu sein. Wesentlich kritischer sieht das Sahar Shalev, der renommierteste Fashion-Journalist Israels, der ebenfalls zu dem Treffen in dem bemüht stylischen Design-Hotel „Brown“ gekommen ist:

So froh er sei, dass Israel im LGBTI-Bereich enorm fortschrittlich ist, so sehr müsse man sich vor dem sogenannten Pink-Washing hüten, das den weniger erfreulichen Umgang Israels mit den Palästinensern oder afrikanischen Einwanderern durch den Hinweis auf die liberale Homo-Politik zu verwischen suche.

Aber ebenso schnell wie die Homo-Rechte zum Gesprächsmittelpunkt wurden, reden wir wieder über Popmusik in Israel und Modedesigner in Tel Aviv. An letzteren zeigt sich schön, wie jung und kreativ diese Stadt ist.

Da ist etwa Roy Itzhack, der aus gebrauchtem Leder, alten Jeanshosen und anderen außergewöhnlichen Materialien Taschen entwirft und selbst näht. Unterstützt wird er dabei von seinem Partner Rotem, der ansonsten als Schauspieler arbeitet. Wir besuchen den Schuhdesigner Kevin Arama, der mit dem bekannten Fotografen Shai Bochorov bei der Vermarktung seiner stylischen Schuhe zusammen arbeitet. Oder auch Eliran Nargassi, der mit auserlesenen Stoffen und sehr männlichen Mustern interessante Casual-Kollektionen entwirft. Sie alle arbeiten in einem urbanen Klima, in dem Design, innovative Architektur und moderne Kunst einen herausragenden Platz einnehmen. Beeindruckende Beispiele dafür sind etwa das futuristisch anmutende „TLV Museum of Art“ oder das von Star-Architekt Ron Arad entworfene „Design Museum“ in dem zu Groß – Tel Aviv gehörenden Holon.

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„Wir in Tel Aviv warten nicht auf die Ankunft des Messias!“

 

Daran dass man sich – trotz so viel europäisch anmutender Architektur und gesellschaftlicher Liberalität  – eigentlich im Orient befindet, erinnern nicht nur die zahlreichen Märkte der Mittelmeermetropole. Auch ein Ausflug in das etwa eine Autostunde entfernte Jerusalem, entführt einen in eine ganz andere Welt. Steht man an der Klagemauer oder wandert durch die basarartig angelegten Gassen der Via Crucis zur Grabeskirche, wird einem schnell deutlich, wie sehr Israel auch ein Land der harten Kontraste ist.

Oder um es mit einem jungen Mann zu sagen, den wir am Strand treffen, wo er mit seinen Freunden Volleyball spielt: „Wir in Tel Aviv warten nicht auf die Ankunft des Messias, sondern auf das nächste Konzert mit Lady Gaga“.