Ein Gastbeitrag von Philippe Olivier

Hitze in Strasbourg. Viele Touristen versuchen das von dem Militär geschützte Münster, das aus Angst vor einem Terroranschlag schwer zugänglich geworden ist, zu besuchen. Auf dem Place Kléber, dem Zentrum der Stadt, strömen viele Personen zusammen. Sie schreien. Der Zankapfel?

Fünf Muslime beten auf dem Boden der Place Kléber. In Sichtweite trinken ihre verschleierten Frauen Mineralwasser. Eine Stunde früher waren bereits andere Bürger entsetzt. Mehrere Obdachlose bekamen – auch auf der Straße – Rohkost, Gemüse- und Lammeintopf sowie eine Banane und Cola. Alles gratis. Ihre Wohltäter sind Jünger, die dem islamischen „Roten Halbmond“ gehören.

Die beiden Szenen spielten in einer französischen Region, die ca. 30% Front-National-Wähler zählt und in der die Islamophobie ständig zunimmt.

Obwohl Strasbourg seit dem Frühjahr 2008 von einem sozialistischen Oberbürgermeister – Roland Ries (71) – regiert wird und dieser OB oft über die Notwendigkeit der Völkerverständigung spricht, geschah am 19. August – einem Freitag – in dieser wohlhabenden Stadt eine erschreckende Tat:

Ein 65-jähriger Bürger mosaischen Bekenntnisses wurde von einem Mann auf einer Kreuzung angegriffen. Mit einem Messer wurde das Opfer verletzt. Seine Leber wurde getroffen. Der Täter wiederholte das berüchtigte Mantra «Allahu Akbar! » – und verschwand.

Danach wurde das Opfer operiert. Nach einigen Tagen wurde der Täter von der Ortspolizei verhaftet. Der Strasbourger Staatsanwalt sagte, dass der Täter psychisch gestört sei. Seit diesem Angriff ist es vorbei mit Strasbourg als einer Stadt, in der die drei monotheistischen Religionen friedlich zusammen lebten.

Schon 2010 gab es ein Vorzeichen für die jetzige Lage: Jugendliche arabischer Herkunft verprügelten – vor der Friedenssynagoge – fünf Juden, die zum Abendgebet gingen.

Seit dem Angriff des Augusts 2016 tobt die einflussreiche, prominente jüdische Gemeinde der elsässischen Hauptstadt ohne Unterlass. Obwohl sie die ehemalige OB Fabienne Keller nach diesem Anschlag zu trösten versucht hat, werfen Aschkenazen und Sefarden Roland Ries hinter vorgehaltener Hand, aber heftig vor, kein öffentliches Mitleid für das Strasbourger Judentum zu zeigen. Politisch gesehen sind diese Vorhaltungen kein gutes Zeichen. In Strasbourg, einem Bollwerk der französischen Diaspora, leben ca. 30. 000 Juden. Sie vertreten ein Zehntel der Gesamtbevölkerung. Seit dem 18. Jahrhundert gelten die elsässischen Juden als crème de la crème.

Namhafte Denker wie Emmanuel Levinas oder André Neher wohnten zu ihren Lebzeiten in Strasbourg. Claude Klein (74), der emeritierte Dekan der juristischen Fakultät der hebräischen Universität Jerusalem stammt aus der elsässischen Hauptstadt. 1967 verlieβ er, wie der jüdische Dichter Claude Vigée, endgültig Frankreich. Wie viele wurden sie in der Tradition des von Napoléon Bonaparte diktierten Konkordates erzogen.

Seit 1801 leben die Juden, die Katholiken und die Protestanten in den zwei elsässischen Départements und im Département Moselle in einen Ausnahmezustand. Die Rabbiner, die Priester und die Pfarrer sind Staatsbeamten. Im Vergleich mit den anderen üblichen französischen Verhältnissen leben sie opulent.

Aus Pariser Sicht war es auch bis in die letzten Jahre hinein Tradition, dass der Großrabinner Frankreichs unbedingt aus dem Elsaß zu stammen hatte. Außerdem pflegte der in Strasbourg wohnhafte Jean Kahn (1929-2013), der Präsident des Zentrales Rates der Juden in Frankreich, die besten Kontakte mit den Staatsoberhäupten.

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Zu Mitterrand und Sarkozy hatte Kahn einen leichten Zugang. Mit Jacques Chirac war er per Du. Während Jahrzehnten – 1989 bis 2008 – spielte Jean Kahn eine äuβerst wichtige Rolle im europäischen interreligiösen Dialog. 1993 gelang es ihm, einen Parforceritt zu realisieren. Damals herrschte in Jugoslawien Bürgerkrieg. Die Flucht von 100 muslimischen Bosniern nach Israel organisierte Kahn persönlich.

Seit den blutigen Ereignissen von November 2015, dem Gemetzel vom Juli 2016 in Nizza und dem Mord an einem unschuldigen Priesters in der Normandie sind solche Taten passé geworden. In Strasbourg, das bis vor kurzem die französische Hochburg der Völker- und Glaubenverständigung war, blättern die Gelehrten voll Traurigkeit in ihren Foto-Alben, die eine brüderliche Vergangenheit dokumentieren. 2004 wohnte René Gutman, der Oberrabinner des Départements Bas-Rhin, dem Richtfest der Strasbourger Zentralmoschee bei.

Im Frühjahr 2009 warnten die katholischen, reformierten, jüdischen und muslimischen Würdenträger gemeinsam im Rathaus vor der Verbreitung der israelischen Operation mit dem Namen « Gegossenes Blei » in den dortigen Arbeitervierteln. 2012 kam der in der Pariser Banlieue tätige Michel Serfaty am Lenkrad des jüdisch-muslimischen-Freundschaftsbusses nach Strasbourg. Dort wurde er von allen freundlichst empfangen. In einer elsässischen Moschee hielt er einen Vortrag.

In Februar des selben Jahres 2012 sorgte OB Roland Ries für Schlagzeilen in der Pariser Presse. Damals weihte er den ersten kommunalen muslimischen Friedhof Frankreichs in seiner Gemeinde ein. In den Herbst 2012 fiel aber ein Ereignis, das die Strasbourger in den Mainstream der Zeit verwickelte. In den ersten Morgenstunden eines Oktobertages töteten in ihrer Stadt Polizeibeamten der Zentraldirektion für Inlandsaufklärung einen 33jährigen, vom Christentum zum Islam konvertierten Islamisten namens Jérémie Louis-Sydney.

Anfang 2016 wurde auch bekannt, dass einer der Bataclan-Mörder Strasbourger Herkunft war. In diesem Zusammenhang warnen nun Front National-Anhänger, dass Strasbourg ein sehr passendes Gebiet für Terroranschläge geworden ist.

In der Stadt tagen der Europarat und das Europäische Parlament. Während des Weihnachtsmarktes 2000 – einer Veranstaltung die ca. 2 Millionen Touristen anzieht – liesen die französischen und deutschen Polizeien ein Bombenanschlagprojekt hochgehen, dessen Zielscheibe die Kathedrale war.

Da die traditionsreiche « Foire européenne 2016 – Europäische Messe « , die am 2. September vom Premier Manuel Valls eröffnet wurde, Tunesien als Gastland gewählt hat, setzten zahlreiche Rechtsextreme das gerücht in die Welt, dass die heimische Elite mit ausländischen Gelder bestochen wurde. Sie wollen es nicht ertragen, dass die Messeplakate mit Stern und Mondsichel verziert wurden.

Die selben Opponenten kritisieren Nawel Rafik-Elmrini, die hiesige stellvertretende Oberbürgermeisterin für internationale Angelegenheiten marokkanischer Herkunft. Ihrer Ansicht nach treibt die Politikerin seit Jahren ein gefährliches Spiel mit der türkischen Stadt Kayseri, die mit Straßburg verpartnert ist und als unantastbares Gebiet der AKP gilt. Diese Partnerschaft löste damals in den jüdischen Zirkeln Strasbourgs einen Sturm der Empörung aus.

Außerdem fürchten diese Zirkel sich vor den Algeriern, Marokkanern, Tunesiern und Türken, die in der Stadt leben. Heute wohnen 28. 000 Türken in Strasbourg. Ein türkischer Generalkonsul zählt zu den in dieser Stadt akkreditierten Diplomaten, die eine Lobbyarbeit beim Europarat und Europäischen Parlament realisieren.

In diesen letzten Monaten protestierten auch die isolierten schwulen Aktivisten der elsässischen Hauptstadt gegen die in Türkei herrschende, gewaltsame Homophobie. Leider gibt es in Strasbourg keine angriffslustige LGBTI-Community. Mit brennender Sorge beobachten die örtlichen Homosexuellen die öffentliche Aggressivität mancher Erwachsenen mit Migrationshintergrund. In dieser unseligen Konstellation hoffen Elsässer, wie die anderen Franzosen, dass der frisch gekürte Staatskommissar für den Islam, der ehemalige Innen- und Verteidigungsminister Jean-Pierre Chevènement (77), wenigstens ansatzweise Zusammenhalt und Ruhe in einer turbulenten Republik wieder herstellt.

Leider sind auch Strasbourg und das Elsaβ in einen Teufelskreis geraten. Viele « Biofranzosen » hassen die Juden, die Moslems und die Schwulen.

In diesen letzten Tagen wurde in Paris der Roman « Bleu Blanc Noir – deutsch: Blau Weiß Schwarz » von Karim Amellal (38) veröffentlicht. Seine Handlung spielt in einem von Marine Le Pen regierten Frankreich. Und aus diesem Land werden Juden, Moslems und LGBTIs abgeschoben …