Ceuta entdeckt sein katholisches Immunsystem wieder: „¡Viva Nuestra Señora de África!“

(David Berger) Es waren Szenen, die weit über die spanische Exklave hinaus die Menschen berühren. Tausende Menschen säumten am Abend des 5. August die Straßen, als die traditionsreiche Prozession zu Ehren der Schutzpatronin der Stadt, Nuestra Señora de África („Unsere Liebe Frau von Afrika“), durch Ceuta zog.

Immer wieder erschallten aus der Menge die Rufe: „¡Viva Nuestra Señora de África!“ – „Es lebe Unsere Liebe Frau von Afrika!“ Die Gottesmutter wurde von Gläubigen, Geistlichen sowie Vertretern der zivilen und militärischen Behörden begleitet – ein Brauch, der seit Jahrhunderten das religiöse und kulturelle Leben der Stadt prägt. Die feierliche Prozession findet alljährlich am 5. August statt und gilt als Höhepunkt der Patronatsfeierlichkeiten Ceutas.

Alleine Mauern und Grenzzäune sind wirkungslos

Die Verehrung der Gottesmutter unter dem Titel „Unsere Liebe Frau von Afrika“ reicht bis in das 15. Jahrhundert zurück. Der Überlieferung nach gelangte die Marienstatue auf Veranlassung des Infanten Heinrich des Seefahrers nach Ceuta und wurde zum geistlichen Mittelpunkt der spanischen Stadt an der nordafrikanischen Küste. Bis heute ist der 5. August in Ceuta gesetzlicher Feiertag. Doch die diesjährige Prozession war diesmal mehr als ein traditionsreiches Volksfest. Sie wurde zu einem öffentlichen Glaubensbekenntnis einer Stadt, die sich ihrer historischen Identität neu bewusst wird.

Denn Ceuta ist längst zu einem Symbol geworden. Kaum ein anderer Ort Europas erlebt so unmittelbar den Druck illegaler Migration und damit verbundenerer Islamisierung über die Außengrenzen der Europäischen Union. Immer wieder gerät die spanische Exklave durch Migrationskrisen in die Schlagzeilen und steht damit stellvertretend für eine Entwicklung, die viele Europäer mit Sorge betrachten. Gerade vor diesem Hintergrund gewinnen die Marienfeierlichkeiten eine Bedeutung, die über das rein Religiöse hinausgeht. Die Menschen von Ceuta erinnern sich sichtbar daran, dass ihre Stadt nicht nur durch Mauern und Grenzzäune geschützt wird, sondern durch eine geistige und religiöse Identität, die über Jahrhunderte gewachsen ist.

Dies ist keine Nebensächlichkeit. Europa verdankt seine kulturelle Gestalt nicht zuerst wirtschaftlichen Bündnissen oder politischen Verträgen, sondern dem Christentum. Kirchen, Klöster, Wallfahrtsorte und Marienheiligtümer bildeten das geistige Netz, das den Kontinent zusammenhielt. Wo dieses Netz zerreißt, entstehen kulturelle und religiöse Leerstellen, die früher oder später von anderen Weltanschauungen gefüllt werden. Während viele Regionen Europas ihre christlichen Wurzeln eher verschweigen oder folkloristisch verwalten, scheinen die Bürger der nordafrikanischen Exklave verstanden zu haben, dass der katholische Glaube mehr ist als Privatsache. Er ist das geistige Immunsystem einer Gesellschaft. Ein Immunsystem schützt nicht dadurch, dass es andere hasst, sondern dadurch, dass es den eigenen Organismus gesund erhält. Ebenso bewahrt eine lebendige christliche Kultur ihre Identität nicht durch Feindbilder, sondern durch die Treue zu ihren eigenen Quellen.

Erinnerungen an Lepanto

(c) Atribuido a Juan de Toledo, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons

Diese Einsicht erinnert unweigerlich an eines der bedeutendsten Ereignisse der europäischen Geschichte: die Seeschlacht von Lepanto am 7. Oktober 1571. Damals stand Europa einer gewaltigen osmanischen Flotte gegenüber. Papst Pius V. rief die Christenheit zum Rosenkranzgebet auf und vertraute den Ausgang der Schlacht der Gottesmutter an. Entgegen den Erwartungen vieler Zeitgenossen errang die Heilige Liga einen entscheidenden Sieg. Der Papst schrieb diesen Triumph ausdrücklich der Fürsprache Mariens zu und stiftete als Dank das Fest Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz.

Niemand wird behaupten wollen, dass sich die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts einfach mit denen des 16. Jahrhunderts gleichsetzen lassen. Geschichte wiederholt sich nicht mechanisch. Dennoch bleibt eine geistliche Lehre aktuell: Wann immer Europa seine christlichen Wurzeln ernst nahm und sich unter den Schutz Mariens stellte, fand es Kraft, Krisen zu bestehen. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Botschaft der eindrucksvollen Bilder aus Ceuta. Nicht Angst, nicht Resignation und nicht bloßer politischer Aktionismus tragen eine Zivilisation auf Dauer. Dauerhaft trägt sie nur das Bewusstsein ihrer eigenen Identität.

Die begeisterten Rufe „Es lebe Unsere Liebe Frau von Afrika!“ waren deshalb weit mehr als Ausdruck lokaler Frömmigkeit. Sie waren ein öffentliches Bekenntnis zu den geistigen Wurzeln Europas. Möge die Gottesmutter die Menschen von Ceuta weiterhin beschützen. Und möge ihr Beispiel viele Europäer daran erinnern, dass die Zukunft unseres Kontinents letztlich nicht allein an seinen Grenzen entschieden wird, sondern zuerst in seinen Herzen, seinen Familien und seinen Kirchen.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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