Warum zerfielen Afghanistan, Libyen, Irak und Syrien nach dem Sturz ihrer Regime – während der Iran trotz massiver Repression nicht in einem Bürgerkrieg versinken wird? Der Unterschied liegt nicht in Kultur oder Freiheitsfähigkeit, sondern in einer entscheidenden politischen Struktur: Staaten ohne Nation zerbrechen – eine Nation ohne legitimes Regime revoltiert. Gastbeitrag von Frank-Christian Hansel.
Die neokonservative Verheißung der frühen 2000er Jahre war ebenso simpel wie folgenreich: Regime stürzen, damit Demokratie entstehe. Afghanistan, Libyen, Irak und Syrien widerlegen diese These bis heute. Nicht, weil Freiheit dort kulturell unmöglich wäre, sondern weil diese Länder als politische Gebilde ein strukturelles Defizit teilen: Sie sind Staaten ohne Nationen zu sein.
Der Iran hingegen ist ihr Gegenfall – eine Nation mit einem falschen Regime. Und genau darin liegt der entscheidende Unterschied zwischen Zerfall und Revolution.
Staaten ohne echte Nation – warum Regimewechsel dort zerstörerisch wirkte
Afghanistan, Libyen, Irak und Syrien entstanden in ihrer heutigen Form nicht aus historischer Selbstverdichtung, sondern aus kolonialer Grenzziehung nach dem Ersten Weltkrieg. Ihre staatliche Hülle war von Beginn an schwächer als die darunterliegenden Loyalitäten: Stamm, Ethnie, Konfession, Region. Ein gemeinsames nationales „Wir“ blieb fragmentarisch oder existierte nur als ideologisches Konstrukt.
Autoritäre Regime erfüllten in diesen Räumen daher eine doppelte Funktion. Sie unterdrückten – und sie hielten zugleich zusammen. Ihr Sturz bedeutete nicht Befreiung, sondern das Wegbrechen der letzten Klammer.
In Afghanistan zerfiel jeder politische Druck sofort in Stammeslogik. Es gab kein Volk gegen die Taliban, sondern rivalisierende Kollektive.
In Libyen kehrte mit dem Sturz Gaddafis die vor-staatliche Ordnung zurück: Milizen, Regionen, Stämme – Tripolis gegen Bengasi.
Im Irak führte der Regimewechsel 2003 unmittelbar zu Schiiten gegen Sunniten gegen Kurden. Der Konflikt verlief horizontal, nicht gesellschaftlich integriert.
Syrien zeigte im Bürgerkrieg dasselbe Muster: Fällt die Gewaltklammer, zerreißen ethnisch-konfessionelle Bruchlinien das Land.
In all diesen Fällen bedeutete Regimewechsel Zerfall, weil kein nationales Subjekt existierte, das den politischen Wandel hätte tragen können.
Iran: eine Nation – und ein innerer Machtkonflikt
Der Iran ist das strukturelle Gegenteil. Persien ist keine koloniale Konstruktion, sondern eine der ältesten Kulturnationen der Welt. Gemeinsame Sprache, historische Kontinuität, kulturelles Selbstbewusstsein und eine entwickelte Öffentlichkeit verbinden Studenten, Frauen, Arbeiter und Mittelschichten über soziale und ethnische Unterschiede hinweg.
Die Islamische Republik ist nicht diese Nation. Sie ist ihr politischer Überbau – und ihr innerer Widerspruch. Die Repression richtet sich nicht gegen einzelne Gruppen, sondern gegen das Volk als Ganzes. Genau das verändert die Dynamik des Konflikts.
Im Iran gibt es keinen Stammeskrieg, kein ethnisches Ausweichfeld, kein „wir gegen die anderen“. Politischer Druck kann nicht nach unten entweichen – er steigt nach oben.
Die Proteste von 2022 und ihr erneutes Aufflammen sind deshalb kein Vorspiel zum Bürgerkrieg. Sie sind Ausdruck einer integrierten Gesellschaft, die der herrschenden Elite die Legitimität abspricht. Der zentrale Satz lautet nicht „wir gegen sie“, sondern:
„Ihr seid nicht wir.“
„Frau, Leben, Freiheit“ ist kein Partikularruf, sondern ein nationaler. Perser, Azeris, große Teile der Kurden, urbane wie ländliche Milieus stehen gemeinsam gegen die Theokratie. Die Studentin, die nicht studieren darf. Der Arbeiter, der verarmt. Der Mittelstand, der enteignet wird. Gerade weil die Unterdrückung alle trifft, schweißt sie zusammen.
Hier liegt der kategoriale Unterschied zu Irak oder Syrien. Dort kippt jeder Aufstand zwangsläufig in ethnische oder konfessionelle Fronten. Im Iran bleibt der Konflikt vertikal: Elite gegen Nation.
Das macht einen Machtwechsel nicht ungefährlich – im Gegenteil. Aber es macht ihn anders. Ein äußerer Schlag würde den Iran nicht in Milizen zerlegen, sondern als Nation mobilisieren. Nicht Chaos wäre die Folge, sondern Explosion. Genau deshalb reagiert das Regime mit Internetabschaltungen, Gewalt gegen Frauen und Massenrepression: nicht aus Stärke, sondern aus der Angst vor einer einheitlichen Gesellschaft.
Afghanistan, Libyen, Irak und Syrien waren Staaten ohne eigenes Volk an sich – ihr Sturz führte zum Zerfall.
Die Lehre aus zwei Jahrzehnten Regime-Change-Politik ist eindeutig:
Wo keine Nation existiert, zerstört der Sturz des Regimes die letzte Ordnung.
Wo eine Nation existiert, richtet sich der Druck nicht nach innen, sondern nach oben.
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Frank-Christian Hansel ist Fachpolitischer Sprecher der AfD im Berliner Abgeordnetenhaus für Wirtschaft, Energie, Klima, Flughafen.
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