(David Berger) Was, wenn der spektakuläre Rücktritt eines Papstes weniger mit Alter und Kräften zu tun hatte als mit Geld, Macht – und internationalem Druck von Kräften, die den allzu katholischen Papst loswerden wollten? Neue Enthüllungen aus den Epstein-Files werfen auf eine der folgenreichsten Entscheidungen der Kirchengeschichte erneut ein grelles Licht: den Rücktritt Benedikts XVI.
Im Zusammenhang mit der Veröffentlichung von Dokumenten im Rahmen der sogenannten Epstein-Files könnte auch die Debatte um den Rücktritt Papst Benedikts XVI. (Joseph Ratzinger) aus dem Jahr 2013 wieder in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. Anlass dafür sind E-Mails und Nachrichten, die im Zuge der US-Justizermittlungen im Zusammenhang mit Jeffrey Epstein ans Licht gekommen sind und Spekulationen über finanzielle Verflechtungen und Machtstrukturen im Vatikan befeuern.
Der italienische Journalist Aldo Maria Valli hat ein Dokument in den Files ausfindig gemacht, das Epstein an Larry Summers, den ehemaligen US-Finanzminister, nur wenige Tage nach dem offiziellen Rücktritt des Papstes sandte:
„Dann kam der überraschende Rücktritt des Papstes“
Die Nachricht läuft unter dem Betreff “What’s Behind The Pope’s Resignation?”:
“Die wichtigste Änderung im Vatikan ist vielleicht nicht der plötzliche Rückzug von Papst Benedikt XVI, sondern der Führungswechsel am Institut für Werke der Religion, der Vatikanbank. Dank seines Status als souveräner Staat ist der Vatikan nicht nur von Italien, sondern auch von der Europäischen Union von den Transparenzregeln ausgenommen. Dieser Status ermöglicht es seinen Elitekunden, sich jeglicher Kontrolle über ihre Geldtransfers zu entziehen. Im vergangenen Mai wurde der Präsident der Vatikanbank Ettore Gotti Tedeschi entlassen, nachdem die italienischen Behörden eine Untersuchung zu einem riesigen Korruptionssystem eingeleitet hatten, an dem er angeblich beteiligt war. Bei einer Durchsuchung seiner Wohnung wurden 47 Dossiers gefunden (…) Sie enthielten auch Anweisungen, was man mit den Dossiers machen solle, falls ihm etwas zustoßen sollte. Tedeschis abgefangene Telefonate enthüllten auch, dass er Sorge hatte, ermordet zu werden, weil er die Geheimnisse des Vatikans kannte. Ende 2012 kooperierte er mit der laufenden italienischen Untersuchung. Zu diesem Zeitpunkt ernannte das sehr mächtige Kardinalskollegium in einer der letzten Amtshandlungen des Papsttums Benedikts XVI. den deutschen Anwalt Ernst von Freyberg zum Präsidenten der Bank. Dann kam der außerordentliche Rücktritt von Papst Benedikt XVI”.
Das Zahlungssystem SWIFT als politisches Macht-Instrument
Worauf ich immer wieder in den letzten Jahren hingewiesen habe, scheint sich in diesem Zusammenhang als wichtig zu erwiesen: Kurz vor dem Rücktritt von Papst Benedikt XVI. wurde der Vatikan Anfang Januar 2013 vom internationalen Zahlungssystem SWIFT abgeschnitten. In der Folge funktionierten Kreditkarten, Geldautomaten und andere elektronische Zahlungsdienste im Vatikan nicht mehr. Auslöser war eine Anordnung der italienischen Zentralbank, die der Deutschen Bank untersagte, diese Dienste weiter bereitzustellen, da die geltenden Vorschriften zur Geldwäschebekämpfung nicht erfüllt worden seien.
Bemerkenswert ist der zeitliche Zusammenhang: Bereits am 12. Februar 2013, einen Tag nach der öffentlichen Rücktrittserklärung Benedikts XVI., wurde die Sperre wieder aufgehoben. Möglich wurde dies durch eine neue Vereinbarung mit dem Schweizer Unternehmen Aduno S.A., das die Zahlungsdienste unter Einhaltung der regulatorischen Vorgaben übernahm.
Obwohl der Ausschluss aus dem in Brüssel ansässigen SWIFT-Netzwerk auf den ersten Blick als technisches oder regulatorisches Problem erscheint, zeigt seine Tragweite, wie groß der Einfluss dieses Systems ist. Da SWIFT entscheidend dafür ist, ob ein Staat oder eine Institution internationale Überweisungen durchführen, Devisen empfangen oder Kartenzahlungen akzeptieren kann, kann ein Ausschluss faktisch auch als wirksames Mittel wirtschaftlichen Drucks dienen.
Sorge Papst Benedikts um die ihm Anvertrauten
Vatikan-Insider sehen dieses Zitat als Hinweis auf mögliche interne Spannungen innerhalb der vatikanischen Finanzverwaltung und als Hintergrund für Ratzingers Entscheidung. Sollte dies der Hintergrund der Entscheidung von Papst Benedikt XVI. gewesen sein, dann liegt das nicht daran, dass Papst Benedikt um sein persönliches Geld fürchtete (er war deutlich bescheidener als sein Nachfolger, der die Arroganz der Bescheidenheit pflegte, die dem Vatikan Unsummen kostete), sondern dass internationale Überweisungen – etwa an ausländische Angestellte, päpstliche Hilfswerke, Ordensleute oder Nuntiaturen – blockiert waren. Betroffen wären dann vor allem arme und auf die finanzielle Hilfe aus dem Vatikan angewiesene Priester und Familien in wirtschaftlich problematischen Ländern gewesen.
Andere ihrer Kollegen warnen jedoch davor, den persönlichen Kommentar Epsteins mit belegbaren Fakten gleichzusetzen: Die entsprechenden Nachrichten spiegeln vor allem Spekulationen und Meinungen wider, nicht objektiv verifizierbare Verbindungen oder einen direkten Einfluss auf den Papst.
Die „nötige Kraft“ als Finanzkraft des Vatikan
Tatsächlich bleiben als offizielle Gründe für Benedikts Rücktritt die im Februar 2013 genannten: gesundheitliche Gründe und das Eingeständnis, nicht länger die nötige Kraft für das Amt des Bischofs von Rom und Oberhaupt der katholischen Kirche zu besitzen. Diese Gründe gelten sowohl in kirchenrechtlicher wie auch in historischer Bewertung weiterhin als gültig. Doch diese Aussagen lassen einen großen Spielraum zu, der durchaus auch die These zulässt, dass Papst Benedikt bewusst handlungsunfähig und so von bestimmten Kräften zum Rücktritt gezwungen wurde. Die fehlende „nötige Kraft“ wäre dann der kirchendiplomatische Ausdruck für diesen Notstand.
Valli resümiert:
„Es überrascht nicht, dass diese Ausschlüsse aus dem SWIFT tendenziell mit geopolitischen Veränderungen zusammenfallen, die weit über den Finanzbereich hinausgehen: So wurde beispielsweise der Iran 2012 ausgeschlossen, 2016 nach dem Atomabkommen wieder aufgenommen und 2018 erneut ausgeschlossen, nachdem Präsident Trump aus dem Abkommen ausgestiegen war.
Clinton-Netzwerk wollte Papst Benedikt loswerden
Es ist daher schwer, sich nicht zu fragen, ob das Weiße Haus durch dieselben Mechanismen auch Druck auf den Heiligen Stuhl ausgeübt haben könnte. Derzeit gibt es keine eindeutigen Beweise dafür, wer die Schließung der Geldautomaten des Vatikans für anderthalb Monate angeordnet hat und wer sie unmittelbar nach Ratzingers Rücktritt plötzlich wieder in Betrieb genommen hat.
Die Fragen werden jedoch drängender, wenn man sie mit den Hinweisen auf einen möglichen „vatikanischen Frühling” in den von Wikileaks veröffentlichten E-Mails von John Podesta in Verbindung bringt. Wir erinnern daran, dass in diesen Nachrichten prominente Persönlichkeiten aus dem Umfeld der Clintons offen über die Notwendigkeit einer internen Reform der katholischen Kirche spekulierten und diese mit einer Sprache beschrieben, die derjenigen überraschend ähnlich war, die anderswo für politische Übergänge verwendet wird: Druck von unten, Modernisierung und Angleichung an das liberale Denken.
Podesta sprach in kulturellen und theologischen Begriffen, aber die finanzielle Dimension – Reform des IOR, Konformität, Zugang zu globalen Zahlungssystemen – war offensichtlich impliziert.“ (Quelle)
Entdecke mehr von Philosophia Perennis
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.






