So manches islamische Grundlagenwerk agiert in Deutschland unter dem Radar allgemeiner Aufmerksamkeit. Als „Fremd-Leser“ des Deutschen Pfarrerblattes und als gelegentlicher Besucher deutscher evangelischer Gottesdienste musste der Verfasser dieses Artikels leider feststellen, dass selbst die Lektüre des Koran sich nur eine verschwindende Minderheit der evangelischen Geistlichen in Gänze zu Gemüte geführt hat. Gastbeitrag von Dieter Gellhorn.
In England wird das wohl nicht anders sein. Zusätzlich weiß man hier wohl auch als Nicht-Muslim kaum, dass die entscheidende Rückenstärkung des fundamentalistischen Islam in England aus der nordindischen Stadt Deoband herrührt. Dort gibt es seit 160 Jahren eine Moschee-Universität, die seit 1892 eine stetig steigende Zahl von Fatwas produziert (Äußerungen zu islamischen Rechtsfragen) und in der heute 3.500 Studenten und 250 Professoren in die Tiefe der islamisch-hanafitischen Tradition hinabsteigen und dieser in gemeinsamen Studien zu neuer Kraft und Lebendigkeit verhelfen.
Inzwischen 38 muslimische Mitglieder des britischen Unterhauses
600 der insgesamt 1500 Moscheen in Großbritannien werden dank der pakistanischen und indischen Einwanderung von Absolventen der Moschee-Universität in Deoband geleitet, von sogenannten Deobandis.
Aber auch in die allgemeine Politik des vereinigten Königreichs sind die Muslime – trotz ihres noch kleinen Prozentsatzes an der britischen Bevölkerung (6,7%) – zahlreich eingedrungen. Wie der kürzlich gewählte Bürgermeister von New York ist auch der Bürgermeister von London, Sadiq Khan, Sohn pakistanischer Einwanderer. Er ist die bekannteste Person von insgesamt 38 muslimischen Mitgliedern des Unterhauses. Dazu gehört auch die aktuelle Ministerin für Einwanderung, Shabana Mahmood, die bei ihrer Amtseinführung auf den Koran schwor.
Damit nicht genug, sogar 25 Mitglieder des House of Lords sind muslimischen Glaubens.
Aber wie bewirkt diese Moschee-Universität, die auch Darul Uloom heißt (Haus der Gelehrsamkeit), diese Expansivkraft ihrer Anhänger? Durch die Stimulation eines Erwählungsgefühles? Durch tiefverwurzelte Glaubensfestigkeit und den deshalb verstärkt gefühlten Rückhalt einer Milliarde Glaubensgeschwister in der Umma?
Eine gewisse Ahnung solcher Mechanismen gibt die Lektüre der Fatwas, die dort verfasst wurden. Das Ramadanfasten zum Beispiel wird so ernst genommen, dass man einer Frau, die in der Stillzeit für ihr Baby ist, die Pflicht zum Fasten nicht erlässt, selbst wenn das Baby darunter Schaden nähme. Einer anderen Frau verwehrt man zu fast 100% ein Scheidungsbegehren, obwohl ihr Mann sie seit Jahren häufig schlägt und dieser haschischsüchtig ist.
Das Ramadanfasten wird als heilige Pflicht gesehen und ein Leben in einer islamisch geschlossenen Ehe als das heiligste Dasein überhaupt. Dabei üben diese Urteile trotz ihrer Grausamkeit Faszination aus, da sie mit offensichtlicher schariatischer Gelehrsamkeit erörtert werden und von daher eine beinahe unhinterfragbare Richtigkeit suggerieren.
Die „fanatische Frömmigkeit der Afghanen“
Betrachten wir nun noch ein wenig die ältere Geschichte des Darul Uloom. Schon der Archäologe und Orientalist Max Freiherr von Oppenheim (1860 bis 1946 ) erwähnte 1914 in seiner an die oberste Heeresleitung versendeten Denkschrift „Betreffend die Revolutionierung der islamischen Gebiete unserer Feinde“ die fanatische Frömmigkeit der Afghanen und wollte die Afghanen nach einem Aufruf zum Dschihad durch den mit Deutschland verbündeten Sultan/ Kalif als Speerspitze für einen Aufstand gegen die damaligen Kolonisatoren in Fernost, die Engländer, nutzen. Er erwähnte in seiner Denkschrift aber nicht die Moschee-Universität im nordindischen Deoband, dieser schon damals mehrheitlich muslimischen Kleinstadt, die das hanafitische Rechtssystem von Grund auf neu erfasste.
Dieses Darul Uloom (Haus der Gelehrsamkeit) trug sicher schon damals ein gerütteltes Maß zu der fanatischen Frömmigkeit in Afghanistan bei, hatte sie es doch durch ihre Fatwas da bereits über Jahrzehnte ermöglicht, Fragen der islamischen Frömmigkeit hoch zu halten und die muslimischen Gebetsmassen in Britisch-Indien von fremdkulturellen Einflüssen abzuschotten.
Übrigens waren es die freiwilligen Spenden der armen muslimischen Massen, mit denen sich diese Moschee-Unviversität finanzierte und bis heute finanziert. Das Darul Uloom wäre also ein wichtiger weiterer Bündnispartner für die von Max von Oppenheim geplante Revolutionierung Indiens gegen die englischen „Giaur“ gewesen. Von Oppenheim hat zu dieser Moschee aber keine Verbindungen geknüpft.
Dass die Anhaftung beträchtlicher Teile der Bevölkerung Indiens an der weltweiten Umma in der großen Politik damals durchaus eine Rolle spielen konnte, zeigte 1919 die Bestrebung der indischen Muslime von den Engländern nicht in einen Krieg gegen ihre türkischen Glaubensbrüder geschickt zu werden. 1922 drohte die indische Muslim League unter Mohamed Jinna gemeinsam mit dem Hindu Mahatma Gandhi mit einem sofortigen Aufstand in Britisch-Indien, falls sie die beabsichtigte Zerstückelung der Türkei zugunsten verschiedener europäischer Mächte durchführen würden (Vertrag von Sevres).
Damals erschien erstaunlich, wie sehr der fernöstliche Glaubensstrom des Islam, obwohl viele tausend Kilometer von seiner Entstehungsregion entfernt, ein so starkes Solidaritätsgefühl mit der Umma in Kleinasien entwickeln konnte. Aber das war wohl des Werk des Darul Uloom, denn er war eben ein Ort, der den Islam todernst zu nehmen lehrte. Der Studiengang zum Islamwissenschaftler benötigte dort damals wie heute acht Jahre. Wer als Mufti selbst Fatwas erlassen will, musste und muss zwei weitere Studienjahre zusätzlich investieren.
„…und Allah weiß es besser“
Diese schariatische Gelehrtheit zeigte sich laufend in den tausenden von Fatwas zu alltäglichen, ewigen und neuzeitlichen Fragen, die im Darul Uloom seit 1892 gegeben wurden. Sie geschahen und geschehen bis heute übrigens immer mit dem Zusatz: „und Allah weiß es besser“. Man darf wohl annehmen, dass diese Fatwa-Argumentationen sich wie ein geistlicher Schild über die Gläubigen der Region legten und heute wohl auch über ihre Ableger im Vereinigten Königreich, in Canada und in Neuseeland legen.
Scheinbar wirkt hier – im Verkehr der Meinung von Theodor Adorno – ein richtiges Leben im falschen.
Nach der Unabhängigkeit von England und der gleichzeitig 1947 erfolgten Teilung Britisch-Indiens in Indien, Westpakistan (heute Palistan) und Ostpakistan (heute Bangladesch) steigerte sich die Einflusskraft des Darul Uloom, der Moschee-Universität im nordindischen Deoband noch einmal deutlich. In Südostasien entgingen diesen Einflüssen lediglich die Sultanate in Malaysia und die weniger zahlreichen Muslime im südlichen Thailand.
In der islamischen Republik Pakistan (ehemals Westpakistan) wurden 2005 nicht weniger als 11 221 Medresen (Koranschulen) registriert. Heute dürften es noch 2.000 oder 3.000 mehr sein. Zwei Drittel davon wurden entsprechend einem Artikel von Nils Rosemann in der Zeitschrift Südasien 02/2007 von einer Abart des Wahhabismus (der sonst nur in Saudi Arabien an der Macht ist) geleitet. Bei dem restlichen Drittel stellen die ebenfalls fundamentalistischen und die Scharia als Gesetz anstrebenden Deobandi, die Absolventen des Darul Uloom, die Mehrheit. Eine andere Gruppe, die Barelwi, die den großen Dschihad (den Kampf gegen die eigenen Begierden und Triebe) und die Heiligenverehrung der Sufis empfiehlt, ist bei diesem letzten Drittel inzwischen auch nur die kleinere Gruppierung.
Besonders werden eine Vielzahl pakistanischer Moscheen im Grenzgebiet zu Afghanistan von den Absolventen des Darul Uloom in Deoband geleitet. An einer von ihnen soll Muhammad Omar studiert haben, der Gründer der Taliban in Afghanistan. In der Volksrepublik Bangladesch (ehemals Ostpakistan) , das lange Zeit als ein Beispiel der Vereinbarkeit von Demokratie und Islam galt, sind die Deobandi auch zunehmend einflussreich. Sie haben hier die Partei Jamaat e islami gegründet, die oftmals als Juniorpartner an Regierungen beteiligt war, seit 2013 aber verboten ist, weil man ihr Terrorismusförderung nachwies. Die Terroraktionen gegen Hindus, Christen und Buddhisten nehmen in Bangladesch trotzdem von Jahr zu Jahr zu.
Das Erstaunen des Westens im September 2021, das eine 20-jährige europäisch-amerikanische Besatzung Afghanistans Aghanistan nicht verwestlicht und demokratisiert hat, sondern es erneut in die Hände fundamentalistischer Taliban gegeben hat, offenbarte einmal mehr unsere mangelnde Kenntnis der Verfassung der dritten Welt und das mangelnde Vermögen einer wirksamen Konterung des Einflusses des Islam.
Ein Irrtum, der zum Tod von hundert Ungläubigen führt…
Eine der Ursachen wird mit Sicherheit die durch die monetären Entwicklungshilfen befeuerte schließlich ubiquitäre Korruption gewesen sein, die am Ende in Afghanistan herrschte. Dazu ein Zitat aus dem Buch von Wolfgang Bauer „Am Ende der Straße“: „Am Ende waren nur noch die Schariagerichte der Taliban nicht korrupt.“
Eine andere Ursache liegt mMn darin, dass die Besatzer den Koran als Glaubensgut nicht in breiter Front während dieser 20 Jahre wegen seiner vielen gefährlichen Stellen (z. B. Sure 2, Vers 217: Verführung zum Unglauben ist schlimmer als Totschlag) angegriffen haben, sondern ihn als ein den Muslimen heiliges Buch respektiert und geschont haben. Man hat aus diesem Grund dieses Buch von offizieller Seite – wenn überhaupt – leider immer nur beschönigend zitiert.
Auch in den evangelischen Kirchen der deutschen Gegenwart findet man – wie eingangs schon erwähnt dank großer Unwissenheit – leider genau diese Tendenz auch.
Zum Abschluss sei noch ein Zitat gegeben, das einen erschreckenden Einblick in die interreligiöse Rechtsauffassung des hanifitischen Rechtssystems erlaubt, deren Pflege sich die Deoband-Universtität ja primär verschrieben hat. Bei der Zuordnung dieses Zitats zu den islamischen Quellen hat der Verfasser übrigens die Recherche von ChatGPT in Anspruch genommen.
„Ein Irrtum, der zum Tod von hundert Ungläubigen führt, ist kleiner als ein Irrtum, der zum Tod eines Moslems führt.“ Ali al- Qari, ein hanafitischer Gelehrter in Mekka, gestorben 1606, hat dies in einem umfangreichen Kommentar zu dem eher schmalen Buch mit dem Titel „al Fiq al-Akbar (die größte Erkenntnis)“ von Imam Abu Hanifa (gestorben 767 n. Chr) wortwörtlich so geschrieben. Dieses Zitat ist trotz seines ehrwürdigen Alters nicht vergessen. Es macht unter den fundamentalistischen Muslimen weltweit noch heute die Runde und wurde erst kürzlich – allerdings fälschlicherweise – Dr. Zakir Naik, einem bekannten gegenwärtigen Korangelehrten, zugeschrieben.
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