Samstag, 28. Januar 2023

Stolpersteine: Wenn Erinnerungen an die Opfer des Holocaust mit Füßen getreten werden

Wer genauer hinsieht, entdeckt statt würdigem Gedenken eine beispiellose Doppelmoral. Ein Gastbeitrag von Klaus Lelek.

Die meisten Menschen laufen achtlos darüber hinweg oder daran vorüber. Bösartige spucken drauf. Wer stehen bleibt, kann die Inschrift auch ohne „Verneigung“ lesen. Stolpersteine sind weder ein würdiges Mahnmal gegen die Verbrechen der Nazizeit, noch ein geeignetes Mittel das Schicksal des einzelnen Opfers „auf Augenhöhe“ zu präsentieren. Für einen Teil der jüdischen Community sind die auf den öffentlichen Gehwegen versenkten Betonwürfel mit Metallkopf sogar ein Stein des Anstoßes. Die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden Charlotte Knobloch sieht das Andenken verfolgter Juden „Sprichwörtlich mit Füßen getreten“. Angesichts des ansteigenden Antisemitismus und Israelhasses in linksgrünen Kreisen – Stichwort BDS-Bewegung, Dokumenta-Skandal – ist eine Neubewertung der als „Kunstwerk deklarierten, mit Patent geschützte Geschäftsidee des Industrie Designers Gunter Demnig durchaus angebracht.

Die Franzosen haben eine besondere Achtung vor allen Verstorbenen, die sich für das „Vaterland“, sprich „Grande Nation“, verdient gemacht haben. Wer die von der Gestapo erschossenen Resistance-Kämpfer ehren oder nur deren Namen lesen will, muss zu ihnen aufschauen. Als ich 1983 für einige Jahre Paris zu meinem zweiten Wohnsitz wählte, fielen mir die zahlreichen Gedenktafeln aus weißem und schwarzem Marmor buchstäblich ins Auge. Sie hängen an vielen Straßenecken, gut lesbar zwischen Erdgeschoss und ersten Stockwerk. Der Name mindestens vier Zentimeter groß, gefolgt von den Daten der Hinrichtung. Niemand in Frankreich wäre nach dem Zweiten Weltkrieg auf die Idee gekommen eine Gedenktafel für die Opfer des Naziterrors auf den Boden eines Trottoirs zu versenken. Dort lag der Widerstandskämpfer bereits, durchsiebt von Kugeln inmitten einer Blutlache, umringt von den höhnisch lachenden Häschern und Schergen. Nein, die Männer oder Frauen, die ihr Leben für Frankreich geopfert, niedergestreckt auf dem Gehweg ihr Leben ausgehaucht hatten, mussten erhöht werden. Sie erlebten mit ihrer Ehrung eine symbolische Auferstehung. Ihre Namen an den Tafeln zeigen das bereits räumlich. Die Hingerichteten sind unvergessen. Sie sind erhöht. Eine in Stein gemeißelte Erinnerung für nachfolgende Generationen.

Ein Etikettenschwindel

Dies alles wird beim Stolperstein mehr oder weniger konterkariert – wie so oft, wenn moderne deutsche Künstler mit illustren Ideen einen uralten archetypischen Erfahrungs- und Symbolschatz mit einer neuen Welle verkopfter, wirklichkeitsferner Bildsprache hinwegspülen. Bereits bei der Bezeichnung „Stolperstein“ stolpert der kritische Betrachter über die fehlende Wortwahrheit und stößt stattdessen auf einen augenfälligen Etikettenschwindel. Echte Stolpersteine darf es allein aus Sicherheitsgründen gar nicht geben. Sie wären lebensgefährlich. Blinde, Gehbehinderte und alte Menschen könnten tatsächlich darüber stolpern und dabei tödlich stürzen. Auch für Kleinkinder, insbesondere für solche, die mit Laufrädern oder Rollern unterwegs sind, wäre eine aus dem Boden ragende Metallplatte eine schmerzhafte Falle. Genau aus diesem Grunde sind die pflastersteingroßen Elemente, für die der Industriedesigner Gunter Demnig 2006 erstaunlicherweise ein Patent erhielt, an der Oberfläche abgerundet und ragen zudem kaum aus dem benachbarten Teerbelag des Gehweges heraus.

Ins Stolpern gerät man eigentlich nur, wenn man sich näher mit dem Begriff des „Stolpersteins“ beschäftigt, so wie die jüdisch-schweizerische Künstlerin Dessa, die im Deutschlandfunk 2016 daran erinnerte, dass in Deutschland früher ein Fehltritt mit den Worten kommentiert wurde: „Hier liegt ein Jud begraben“. Ihre Hauptkritik: Die Steine am Boden ermöglichen kein „Gedenken auf Augenhöhe“, zumal ja die Menschen, nicht auf der Straße, sondern in den Häusern gelebt hätten. Darüber hinaus seien die Steine ständig Schmutz, Müll und sogar Hundekot ausgesetzt inklusive der Menschen, die achtlos darüber hinwegtrampeln. Als Alternative zu den bereits wie Massenware hergestellten und vertriebenen Miniaturmahnmalen mit Monopolanspruch, hat Dessa ihre „Stolzesteine“, kreiert, Bilder und Collagen, die an die Menschen erinnern sollen, bevor sie in die Gaskammern deportiert wurden.

Ähnliche Bedenken gegen die umstrittenen Gedenkklötze bringt auch die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden Charlotte Knobloch vor. Sie sah bereits 2011 laut Pressemeldungen – unter anderem evangelische.de – das Andenken an die Opfer „Sprichwörtlich mit Füßen getreten“. Ihrem Einspruch ist es zu verdanken, dass in der Millionenmetropole München lange Zeit keine oder nur wenige Stolpersteine, meist auf privatem Grund verlegt wurden. Inzwischen haben sich die Befürworter allerdings durchgesetzt.

Monopol und Millionenumsatz

Noch drastischere Worte kamen 2014 aus Hamburg, wo laut NDR der Sprecher der jüdischen Gemeinde Daniel Killy, dem Industriedesigner Demnig vorwarf mit einem „politisch korrekt ummantelten Businessplan“ Millionenumsätze auf Kosten der Opfer zu machen. Dabei kritisierte er besonders Demnigs „Monopolstellung“. Diese hat inzwischen dazu geführt, dass der 75jährige dieses Jahr seinen 90 000sten Stolperstein – aktueller Stückpreis 120 Euro – verlegen konnte. Das Exportgut deutschen Erinnerungsmanufaktur hat inzwischen ganz Europa erreicht und beschränkt sich nicht nur auf NS-Opfer. In Spanien werden inzwischen Stolpersteine verlegt, die an die Opfer der Franco-Diktatur erinnern sollen.

Zu einem regelrechten Vernichtungsschlag gegen das patentierte Gedenken hat 2015 die Tagesspiegel-Redakteurin Claudia Keller ausgeholt. Anlässlich der Anti-Stolperstein-Ausstellung von Dessa schreibt sie, dass aus der gut gemeinten Idee, längst ein „staatlich gefördertes Gedenkprogramm“ geworden ist. „Und eine Ideologie, die sich immun stellt gegen Kritik“. Dann blickt die Journalisten hinter die Kulissen der Stolperstein-Administration und entdeckt ein gut vernetztes System aus Stolperstein-Aktivisten, Kommunalen Mitarbeitern, Stolperstein-Beauftragte, die ausgestattet mit einem Budget in einer „gut abgestimmten Gedenkmaschinerie“ ständig nach neuen Opfern Ausschau halten. Gleichzeitig fühlt sich Claudia Keller an eine Sekte erinnert, deren „Guru“ Gunter Demnig unangreifbar, untadelig „sakrosankt“ über allem schwebt. Besonders beim Thema „Gewinn“ mit dem Gedenken, werden die „Jünger“ ungehalten. Weiterhin kritisiert die Journalistin, dass die Stolpersteine wohl vermehrt zum „Kampf gegen rechts“ instrumentalisiert werden. Auch hätte Demnig einige Steine mit Ausdrücken aus dem Nazivokabular versehen, was schon zu Konflikten mit Opferfamilien geführt hat, wie man in dem bereits zitierten NDR-Bericht lesen kann. In Hamburg hat Demnig tatsächlich das Wort „Gewohnheitsverbrecher“ in die Metallplatte graviert und seine Geschmacklosigkeit sogar noch vehement verteidigt.

Geflüchtet nach Palästina? Nein, nach Israel!

Ich persönlich hatte mein Damaskuserlebnis in Sachen Stolpersteine erst in der zweiten Novemberwoche dieses Jahres. Bislang hatte ich den Würfeln am Boden wenig Beachtung geschenkt, fand die Idee jedoch nie besonders gelungen. Das hatte bislang mehr pragmatische, genauer gesagt „typografische“ als ideologische Gründe. Als gelernter Schriftsetzer habe ich mich immer gefragt: Wer kann das und will das überhaupt lesen? Mütter mit quengelnden Kindern an der Hand und Einkaufstaschen am Arm? Alte Leute, die froh sind, wenn sie den Bordstein von der Straße unterscheiden können oder junge Leute, die sowieso ununterbrochen auf ihre Smartphones starren?

Als ich neulich im Frankfurter Ostend spazieren ging, schien die Morgensonne gerade auf eine Menge neu verlegter Stolpersteine, die man auch auf einer WIKIPEDIA-Seite anschauen kann. Neugierig trat ich näher. Eine solche Anhäufung von Messingplatten hatte ich noch nie zuvor gesehen. In dem Haus in der Uhlandstraße mussten in den 30ziger Jahren ausnahmslos jüdische Bürger gelebt haben. Ich begann die Namen und das mit den Namen verknüpfte weitere Schicksal zu lesen. Hinter einigen Namen stand „Polen-Aktion“. Dies bedeutete, die Betroffenen wurden 1938 in das noch nicht von der Wehrmacht besetzte Polen abgeschoben. Unter vier Namen stand in kleinen Versalien: FLUCHT PALÄSTINA. Ich habe mir mit diesem Wort sofort das heutige „Palästina“ der PLO vorgestellt, ein Land wo Homosexuelle in den Knast wandern, Frauen größtenteils verhüllt auf die Straße gehen, eine Terrormiliz die Straßen und Städte kontrolliert und schon Kinder in Schulbüchern den Hass auf Israel eingebläut bekommen. Kurzum: Das Demokratieparadies für alle schizoiden Linken mit unheilbarem Stockholmsyndrom.  Da ist mir klargeworden, dass die Frankfurter Juden unmöglich in dieses Palästina geflüchtet sein können.

Schon die ersten jüdischen Einwanderer erlebten Palästinenser-Terror

Natürlich ist diese Inschrift korrekt, sogar „politisch korrekt“, aber ist sie auch aus Sicht der Opfer, der Geflüchteten, korrekt? Tatsächlich gab es den Staat Israel 1938 noch nicht. Es gab aber bereits ein jüdisches Parlament – sogar mit weiblichen Wählerstimmen – und viele geschlossene jüdische Siedlungsgebiete, ja ganze Städte mit Selbstverwaltung innerhalb des britischen Mandates „Palästina“. So viele, dass die Briten, aus Angst vor arabischen Ausschreitungen, Juden sogar gewaltsam davon abhielten ihr Einwanderungsziel zu betreten.

Bereits in den 20ziger Jahren waren die jüdischen Siedler arabischem Terror ausgesetzt, der 1929 in dem Massaker von Hebron seinen vorläufigen Höhepunkt fand. Es folgte 1936 Generalstabsmäßig geplant, zur Vernichtung der eingewanderten Juden, eine Revolte der Palästinenser, die als “Arabischer Aufstand“ in die Analen eingegangen ist. Die Angriffe wurden mit großem Aufwand von den Briten niedergeschlagen. Damit wurde mutmaßlich ein arabischer Holocaust an den Juden im Heiligen Land in letzter Minute verhindert. Drei Jahre bevor die Nazis in Europa in den KZs ihre gewaltige Vernichtungsmaschinerie anwarfen.

Ein echter Stolperstein würde vor allem heute Anstoß erregen

Nein, die Frankfurter Juden sind nicht nach Palästina geflüchtet, wie der Industriedesigner eingraviert hat, sondern sind in ihr ISRAEL eingewandert, dass bereits damals mit dem Rücken zur Wand stand. Sie haben ihr gelobtes Land in dem Jahr betreten, als palästinensische Araber den lang ersehnten, bereits 1897 geplanten jüdischen Staat im Keim ersticken und ausrotten wollten. Welch ein Mut und Risiko, welch Opferbereitschaft! Müssen die vor den Nazis geflüchteten Juden aus der Uhlandstraße sich durch die Inschrift FLUCHT PALÄSTINA nicht im Nachhinein verhöhnt vorkommen?

Wäre nicht ein Stolperstein mit der Aufschrift FLUCHT ISRAEL, ein echter Stolperstein, ein Stein des Anstoßes? Wie lange würde er da, umgeben vom multikulturellen Getriebe, wohl unzerkratzt, unbesprüht oder aus dem Asphalt gerissen die Zeit überdauern? Ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass es keine Glatzen mit Springerstiefeln wären, die ihn eines Nachts in tausend Teile zerlegt hätten, sondern jene, die bereits 2014 in Frankfurt und 2017 in Berlin mit dem Schlachtruf Tod Israel durch die Straßen gezogen sind. (BILD)

Anhand dieses Beispiels kann man die Janusköpfigkeit und Doppelmoral der gesamten linksgrünen Erinnerungskultur und Stolperstein-Community erkennen und dem Cicero-Autor Alex Feuerherdt beipflichten, der bereits 2018 nach einer (Dauer)Welle vor allem islamischen Antisemitismus, ernüchtert festgestellt hat: „Empathie gibt es nur für tote Juden“.

(c) David Berger

Fazit: Die neuen Stolpersteine sind demnach keine Betonklötze mit Metallaufsatz, sondern Israelfahnen, die, auf Demos geschwenkt, sogar von der Polizei beschlagnahmt werden. Die neuen Stolpersteine sind die Kippas, deren Träger froh sein müssen, wenn sie die Fußgängerzone heil durchqueren können. Die neuen Stolpersteine sind die hier lebenden Juden, die bereits ihre Kinder aus Sicherheitsgrünen teilweise nicht mehr in öffentliche Schulen schicken können. Der neue Stolperstein ist der Staat Israel, den man, obwohl er der einzige echte demokratische Staat im Nahen Osten ist, der Homosexuellen Zuflucht und Sicherheit bietet und bereits seit seiner Gründung die Gleichberechtigung von Mann und Frau praktiziert, als „Apartheidstaat“ diffamiert. Die neuen Stolpersteine sind die Menschen, die den Protagonisten einer beispiellosen Doppelmoral einen Spiegel vorhalten.

Quellen:

Aktion: Meine Adventsgabe für „Philosophia Perennis“

David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. 2010 Outing: Es erscheint das zum Besteller werdende Buch "Der heilige Schein". Anschließend zwei Jahre Chefredakteur eines Gay-Magazins, Rauswurf wegen zu offener Islamkritik. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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