Ein etwas anderer Gastbeitrag von Meinrad Müller zum Karfreitag

Setzen wir uns für einen Augenblick in eine Zeitmaschine, wie im Phantasieroman Star Trek ausführlich dargelegt und reisen wir diesmal nicht in die Zukunft, sondern einfach mal 2000 Jahre zurück und wachen wieder auf in der römischen Diktatur des Jahres null. Der BILD-Reporter, eingebettet in den Machtapparat der Römer und deren gewalttätigen Militärmaschine, berichtet live von der Front, deren Ereignisse uns bis heute begleiten.

Verrat, Korruption, gelenkte Justiz, Schauprozess, martialische Strafen

Horrorfakten, die sich für griechische Dramen als auch für BILD der Neuzeit und deren dicke Lettern geradezu beispielhaft eignen. Nennen wir den Reporter einfach mal Ronzius-Schmierfinkus und tauchen wir ein in die „BILD-Spezial“-Sonderausgaben.

BILD berichtet: „Montagsdemonstrationen greifen Staatsapparat an. Das unter der gerechten Regierung der Römer prosperierende Volk rennt Verschwörungstheoretikern hinterher, lässt sich von einem der Rädelsführer mit herbeigezauberten Fischen und Broten verköstigen“. Die dem Volk abgetrotzten horrenden Steuern führen zu einer breiten Verarmung der Massen. Alle Hoffnung auf ein Ende der römischen „Maßnahmen“ waren längst verflogen. „Zimmermannssohn aus Nazareth fordert mit ‚Frieden schaffen ohne Waffen‘, den Umsturz der Gott gewollten römischen Ordnung“.

„Gottes Reich ist nicht von dieser Welt“ habe er auf den Marktplätzen der Dörfer ausgerufen. Doch das der Regierung zwangsweise ergebene Volk strömte dennoch in Heerscharen herbei, um ihm zu lauschen. BILD, staatstragend im Sinne der Staatsmacht berichtend, wähnte eine bedrohliche Armee aus dem Ausland auf sich zukommen. „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist“, solche Aufforderungen ließen eine nicht hinzunehmende Aufspaltung des Steuereinkommens befürchten. „Staat um Erhalt der inneren Ordnung bemüht“ prangte in dicken Lettern an den Kiosken.

Verstoß gegen die Gaststättenverordnung

„Weinhandels-Monopol der römischen Importeure unterlaufen“ war zu lesen, das BILD aus gut unterrichteten Quellen erfuhr. Ein gewisser Jesus habe Wasser in Wein verwandelt haben, um das darbende Volk anlässlich einer Hochzeitsfeier in einer Pizzeria zu verköstigen. Weiter sei bekannt geworden, dass er den Fischfang auf dem See Genezareth mit Zauberkräften revolutioniert haben soll, was die Wirtschaft gefährden würde. „Aufständischer unterläuft Fischfanghöchstgrenze“, berichtet BILD und schürt den Hass auf diesen Querdenker.

30 Silberlinge: „Inlandsgeheimnis gelingt Schlag gegen den Revolutionär“. Bei einem unangemeldeten abendlichen Gebet im Garten Gethsemane habe sich der Anführer und seine Anhänger getroffen, um für bessere Zeiten zu beten. Geradezu als Blaupause für gekauften Verrat steht ein gewisser Judas, der seinen Lohn in bar sozusagen steuerfrei erhielt, indem er anlässlich dieser nicht genehmigten Veranstaltung Jesus auf die Wange küsste, um ihn so an die Ordnungskräfte zu verraten. Später wurde der Informant an einer Laterne baumelnd aufgefunden“, war später in BILD zu lesen, „die Umstände seien nicht geklärt“.

Manipulierte Justiz: In Ketten vor den Richterstuhl Pilatus‘ geführt, war dem Anführer allerdings keine Verfehlung nachzuweisen. Das römische Rechtssystem, das mit „audiatur et altera pars“ arbeitete (Es, bedeutet, dass der Richter alle am Prozess Beteiligten zu hören hat, bevor er sein Urteil fällt), wurde ausgehebelt, indem die damalige staatstragende Antifa dennoch lautstark im Chor den Tod des Angeklagten forderte. „Justiz siegt, Angeklagter zum Tode verurteilt“ wusste BILD zu berichten, das Volk habe gejubelt „kreuzigt ihn“.

Bestrafe einen, erziehe Hunderte: Folterungen wie das Geißeln, bei dem mancher Häftling zu Tode kam, das Tragen des schweren Kreuzes und einer „Krone“ aus geflochtenen Dornenzweigen, das bespuckt werden durch staatsliebende Zeitgenossen, wurde von BILD mit „Anführer und begeisterten Rufen der Bevölkerung seiner gerechten Strafe zugeführt“ hämisch beschrieben.

“Mutter des Aufwieglers am Hinrichtungsort“

Nicht Liebe, sondern gemeinsam erlebtes Leid verbindet Menschen mehr als alles andere.

Schmerz mitzuempfinden, eine der tiefsten Gefühlsregungen überhaupt, zeichnen diese Szene. „Verurteiltem wird letzte Gnade gewährt“ wusste Bild, als dem am Kreuz hängenden Jesus die Arme und Beine nicht zusätzlich gebrochen wurden, wie es ansonsten üblich war. Der qualvolle Tod bis zur „dritten Stunde“ (heute: 15 Uhr), zu diesem Zeitpunkt die Wolken den Himmel verdunkelt hätten, kommentierte BILD nicht, der Reporter war bereits abgereist.

BILD: “Volk lacht über den Slogan INRI“

Zusätzlicher Spott im Augenblick des Todes war so recht nach dem Geschmack der BILD.

An Jesu Kreuz war ein mit INRI („Jesus von Nazareth, König der Juden“) beschriebenes Schild angebracht, das den Sterbenden zusätzlich verhöhnte. Ein Handwerker, welcher Hohn, habe sich erdreistet, sich gegen die weltliche Führung zu stellen. Das hat er nun davon.

“Toter aus dem Grabe entflohen“

Für den BILD-Reporter hätte es nicht besser laufen können. Schlagzeilenträchtige Ereignisse ließen sich in fette Überschriften fassen. Doch das Leiden der Menschen, das sich heute in anderen Formen zeigt, geht weiter. Ronzius-Schmierfinkus und dessen Nachfahren geht der Stoff nicht aus: Hilflos dem Weltengewirr ausgesetzt …