Es ist schwierig, das Gewohnte, die Fernbedienung und die Maus zur Seite zu legen. Doch es ist leicht, schlechte Medien-Schlachtfeldgewohnheiten zu durchbrechen, indem ganz bewusst erbauliches auf den Bildschirm gerufen wird. Ein Gastbeitrag von Meinrad Müller

Der Mann mit dem Bauchladen, einem extra breiten Weidenkorb, den er an ledernen Gurten vor sich trug, quoll über mit Knöpfen in allerlei Größen, Hansaplast, Bindfäden, Nadeln, Gummibändern und allem, was die Nachkriegshausfrau spontan gebrauchen konnte.

Mit zwei Krücken, heute sagt man vornehm Gehilfen dazu, humpelte er von Haus zu Haus, von Tür zu Tür, denn ein Bein wurde an der Front zerfetzt. Sein vormaliger Beruf als Maurer schied somit aus, um sich und seine wachsende Familie durchzubringen.

Notfallberuf eins

Damals in dieser guten alten Zeit waren die Haustüren der Bauernhöfe tagsüber nicht verschlossen. Man trat ein, ging den Flur entlang und klopfte an die Küchentüre. Und so standen auch „Hausierer“, wie sie genannt wurden, plötzlich mitten in der Küche. Setz Dich und iss mit, herrschte Großmutter sie an, wenn einer gerade zur Essenszeit eintrat.

Irgendwas konnte Mutter immer brauchen, Hansaplast für die verletzten Knie der Kinder oder Wolle, um Feierabends im Schein der einzigen Lichtbirne in der Küche Hosen zu flicken oder Strümpfe zu stopfen.

Sichtbarkeit der Kriegsbeschädigten

Kriegsversehrte mit fehlenden Gliedmaßen waren im Straßenbild alltäglich, die sich irgendwie durchschlagen mussten, um zu überleben. Eine ärztliche Behandlung aufgrund posttraumatischer Belastungsstörungen gab es nicht.

Heute werden uns andere Gliedmaßen beschädigt. Während ein fehlendes Bein oder ein fehlender Arm sofort ins Auge fällt, sehen wir seelische Beschädigungen nicht sofort. Doch lassen wir es doch selbst zu, dass auch wir täglich kriegsversehrter werden. Das mediale Trommelfeuer dringt in uns ein, es verletzt und verändert uns. Bereits jene, die sich nur der alten Medien bedienen, werden erschlagen von schrecklichen Bildern und Kanonendonner. Obwohl selbst nicht an der Front sickern die Bilder tief in uns sein. Sie verfolgen uns. Sie halten uns unsere Ohnmacht vor Augen, zu der wir demokratisch verdammt wurden.

Wie wir uns selbst krank machen (lassen)

Wer einen Mausklick weiter geht, findet all das, was im Fernsehen nicht gezeigt wird. Und gerade diese Bilder und Töne sind es, die sich noch tiefer in unsere Seele fressen, uns ängstigen und unseren Blick verdüstern. Zu alledem können wir nicht beurteilen, was wahr ist oder manipuliert wurde, um uns zu klein, ängstlich und regierbar zu halten.

Zwei weitere Mausklicks jenseits der normalen alternativen Medien liegen Gliedmaßen neben zerfetzten Panzern, die vom Feuer zerfressenen Gesichter der meist jungen Soldaten auf beiden Seiten erschaudern uns.

Auf in die Medien-Quarantäne

Warum drängt es uns zu sehen, wie es auf dem Schlachtfeld aussieht? Verwechseln wir diese Geschehnisse mit einem Gruselkinofilm? Wir müssen uns selbst schützen. Jetzt und sofort. Zum eigenen Nutzen begeben wir uns in Medien-Quarantäne. Keine Fernsehnachrichten und Geschwätz-Shows mehr, keine gruseligen Internetseiten und erst rechte keine Telegram-Nachrichten. Sie beschädigen uns. Machen uns krank. Hilflos, dumpf und apathisch. Will man uns so haben?

Unsere Angehörigen leiden, wenn wir als moderne Medien-Kriegsversehrte neben und mit ihnen auf dem Sofa sitzen. Freundschaften, bestehende oder gerade zart beginnende sind gefährdet, wenn eine unsichtbare Gefahr mit am Tische sitzt. Diese von uns freiwillig optisch „importiere“ Angst macht etwas mit uns, auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen. Die Bilder beeinflussen unser Gemüt, unser Immunsystem und unsere Fähigkeit, das Gute, das wir noch genießen dürfen, zu schätzen und zu bewahren.

Notfallberuf zwei

Vor 60 Jahren war es Brauch, einmal im Jahr die Wände der Küche, des Wohnzimmers und des langen Flures zu „weißen“, wozu einfacher gelöschter Kalk verwendet wurde. Auf die schneeweißen Wände wurden danach mittels geprägter Gummirollen mehrfarbige Muster aufgetragen. Die Ansicht war, dass man sich an einem Muster sattsehen konnte, weshalb neue Rollen mit neuen und anderen Blümchenmustern gerne von Haus zu Haus auch getauscht wurden. Eine vorhandene Wand nicht anzusehen, das gelingt beim besten Willen nicht. Deshalb hilft Veränderung.

Übertragen auf die heutige Zeit: Es ist schwierig, das Gewohnte, die Fernbedienung und die Maus zur Seite zu legen. Doch es ist leicht, schlechte Medien-Schlachtfeldgewohnheiten zu durchbrechen, indem ganz bewusst erbauliches auf den Bildschirm gerufen wird. Tun Sie es! Zum eigenen Schutze! An den Eiffelturm nicht zu denken, das gelingt niemandem, wenn er darum gebeten wird. Doch ein altes Bild durch ein neues und anderes zu ersetzten, das gelingt jedem.

Tun wir dies nicht, wird unsere Fähigkeit, unseren Beruf auszuüben, leiden. Sind wir uns bewusst, dass dies dann keinen beruflichen Aufstieg, sondern einen Abstieg zur Folge haben wird? Ein Bauchladen vor dem Brustkorb, der damals noch manchen ernährte, wird heute nicht mehr hilfreich sein. Was wäre ihr Notfallberuf als medial Kriegsversehrter?

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