Besuche von Segovia und Toledo sind gleichermaßen faszinierend —aber Segovia ist ganz anders als ihre Konkurrentin. Wenn man mal eine Pause von Corona benötigt, dann ist eine Reise nach Segovia das beste Mittel. Ein Gastbeitrag von Dr. Bernd Fischer

Seitdem die Schnellbahnstrecke von Madrid nach Valladolid im Jahre 2007 eröffnet wurde, ist auch Segovia sehr nah an die spanische Hauptstadt herangerückt. Nur etwas mehr als zwanzig Minuten benötigt man mit der Bahn für die knapp 100 km von Chamartín aus, Madrids nördlichem Bahnhof. Vom etwas außerhalb Segovias gelegenen Bahnhof nimmt man am besten ein Taxi und lässt sich zur Plaza de Azoguejo chauffieren. Dort erwartet den Besucher das wohl gewaltigste Proszenium, das je einer Märchenkulisse vorgestanden ist, nämlich der Aquaedukt aus der Zeit des Kaiser Trajans. Viele kennen ihn schon aus ihren Lateinbüchern, denn kaum eines kommt ohne ein Bild von ihm aus. Steht man jedoch in der Realität vor diesem Bauwerk, dann ist der Anblick genauso überwältigend wie der des Kolosseums! Fasolde und Fafners müssen dieses Bauwerk errichtet haben! Welch eine gigantische Leistung, diese riesigen Steinquader so präzise und, vor allem, so stabil anzuordnen, dass sie damit die Talsenke über eine Strecke von über 700 Metern und einer maximalen Tiefe von beinahe 30 Metern überbrücken konnten!—ohne die Verwendung von Mörtel, wohlgemerkt! Wenn man Wikipedia Glauben schenken kann, dann war der Aquaedukt sogar noch bis 1974 in Betrieb!

Von der Plaza de Azoguejo lenkt man seinen Schritt Richtung Kathedrale, indem man in die Calle de Cervantes eintritt. Entlang des Weges trifft man auf eine Vielzahl reizvoller Sehenswürdigkeiten, wie etwa die Casa de los Picos mit ihren auffallenden Bossensteinen oder die aus dem 12. Jahrhundert stammende Kirche San Martín. Es ist sofort augenscheinlich, dass die künstlerische Tradition des Islams (Mudéjar-Stil) in Segovia viel verbreiteter als etwa in Toledo. Zahlreiche Gebäude sind mit flechtwerkartigem Schmuck (Esgrafiado) überzogen. Diese orientalische Note ist es wohl in erster Linie, was der Stadt ihren märchenhaften Charakter verleiht. Der Autor schließt sich in diesem Punkt bereitwillig der Terminologie vieler Reiseführern an; hervorgehoben werden soll hier der Kunstreiseführer von Hans-Peter Burmeister, der dem interessierten Leser sehr zu empfehlen ist.)

Schließlich erreicht man die Kathedrale. Diese bietet einige Sehenswürdigkeiten wie etwa das Chorgestühl, der Kreuzgang und der Kapitelsaal, wenn sie auch nicht an den Rang jener von Toledo heranreicht. Überaus lohnenswert ist auch die Besteigung des Turms. Ein älterer spanischer Herr führte die kleine Gruppe, die außer mir noch aus einem jungen spanischen Paar bestand zunächst in einen Raum, wo ein Film über die Geschichte der Kathedrale und des Turms gezeigt wurde, welcher in jenem bombastischen Multimedia-Hollywood-Stil gedreht wurde, den man immer öfters bei bedeutenden Bauwerken zu sehen bekommt. Anschließend beginnt man den Aufstieg, der zunächst zur Wohnung des Glöckners führt. Selbstredend sind die Zeiten, in denen hier wirklich noch ein Glöckner wohnte, schon lange vorbei. Fast nichts erinnert mehr an sie, denn zu sehr wurde dies alles (über)renoviert. Dafür finden sich an allen Ecken Instagram-Hinweisschilder… Schließlich erreicht man das Stockwerk, wo sich die Glocken befinden. Zu jeder wusste der alte Herr eine Geschichte zu erzählen. Beeindruckend ist der Blick über die Stadt mit ihrem wuchtigen Alcazar und die nahe gelegenen Berge der Sierra de Guadarrama mit ihren schneebedeckten Gipfeln.

Segovia ist in Spanien als eine kulinarische Hochburg bekannt, deshalb soll diesem Aspekt hier etwas Raum gegeben werden. Nach dem Aufstieg auf dem Turm der Kathedrale, stand eine Ruhepause im Restaurant La Conception auf der angrenzenden Plaza Mayor auf dem Programm. Der Weg durch die Calle Cervantes zur Kathedrale führte bereits entlang einer Reihe von Restaurants, die allesamt ihre Fertigkeiten bei der Zubereitung von Spanferkeln herausstellten. So fiel der Entschluss, lokale Spezialitäten zu einem dreigängigen Menü mit Spanferkel zusammenzustellen, was sich bei der Präsentation der Rechnung erfreulicherweise als preiswertes Menu Castellano herausstellte.

Dieses bestand aus gedünsteten weißen Bohnen mit Schweineohr (judiones de La Granja estofados con oreja), Spanferkel (Conchinillo asado) und einem Blätterteig-Dessert mit Apfel und einer Joghurtcreme bestand. Das Spanferkel wird sehr lange bei einer niedrigen Temperatur im Ofen gebacken, bis es so mürbe ist, dass es sich mühelos mit einer Gabel zerteilen lässt, wobei auch die kross geröstete Haut sofort zerbricht. Wie in Segovia üblich, wurde es ohne Sauce serviert.

Wenn es einen Himmel auf Erden gibt, dann kann er nicht sehr viel himmlischer ausfallen als der Genuss eines solchen Menüs auf der Plaza Mayor in Segovia mit einem passenden Wein bei strahlendem Sonnenschein, klarem Himmel und entsprechender Höhenluft (Segovia liegt auf 1000 Meter Höhe)–zumal wenn man zuvor 3 Monate lang in der BRD eingesperrt war. Aber auf Erden findet sich nun einmal kein wirkliches Paradies, auch nicht in Segovia. Am Nebentisch nahm eine Gruppe internationaler Studenten (mehrheitlich Franzosen) platz und führte ein Gespräch auf dem größten ihnen gemeinsamen sprachlichen Nenner, der mithin erstaunlich klein war. Die daraus resultierende Sprache könnte man als eine Art Pidgin-Englisch bezeichnen; gemeint ist der Englisch-Speak, der dabei herauskommt, wenn man zu viele Netflix-Serien geschaut hat und der die Kommunikationen unserer globalisierten Gesellschaft so sehr bestimmt. „You know what ‘appened? The guy went: what the hell! Are you insane? And I went like sis, the guy do like sis! And then the other guys came. And you know what ‘append then? The guy said: Skrew you! Hahahahah. You’re kidding“ usw. usw.–insgesamt über eine Stunde! Selbst Gender-Sprech ist erträglicher…

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Der Rang Segovias ergibt sich nicht so sehr aus Einzelgebäuden mit überragender Bedeutung (in dieser Hinsicht ist ihr Toledo voraus), aber wohl niemand kann sich dem Zauber dieser —der Begriff wird an dieser Stelle bewusst noch einmal verwendet — Märchenstadt entziehen. Wie in Toledo, war jedoch auch in Segovia manche Sehenswürdigkeiten geschlossen oder nur mit eingeschränkten Öffnungszeiten versehen. Der Alcazar etwa, war für Besucher nur von Freitag bis Sonntag geöffnet. Hingegen war die Kathedrale problemlos zu besichtigen, im Gegensatz zu der in Toledo. Es wird also empfohlen, sich kurzfristig nach den Öffnungszeiten zu erkundigen, wenn man spezielle Ziele ansteuern möchte.

Was in Bezug auf die Touristenströme bereits für Toledo galt, gilt für Segovia wohl in einem noch höheren Maße. Die vielen Hinweisschilder mit fremden Schriftzeichen (Foto) künden davon, welche Touristenmassen diese Stadt überfluten, wenn einmal gerade keine Pandemie herrscht.  Anfang März waren jedoch so gut wie gar keine Touristen in der Stadt. Corona gibt einem wenig, aber das, was es bietet, sollte man nutzen. Und die Möglichkeit, Segovia einmal in dieser Beschaulichkeit erleben zu können, ist gewiss nicht wenig!!

Reise nach Toledo eine Befreiung aus der Corona-Zwangsjacke der BRD.

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Zum Autor: Dr. Bernd Fischer hat viele Jahre in leitenden Positionen in der Finanzindustrie gearbeitet. Er ist ausgebildeter Physiker und promovierter Mathematiker.

Seit ca. einem Jahr auch freiberuflicher Schriftsteller.

Mehr von ihm finden Sie auf seinem Blog www.philippicae.de.

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