Sich zu Fragen äußern, von denen man keine Ahnung hat – meint Dennis Riehle in seinem Gastbeitrag

Eine scheinbare unlösbare Fragestellung zu Beginn: Was haben Papst Franziskus und Angela Merkel gemeinsam? Auch mir wäre über lange Zeit nichts dazu eingefallen, fällt die Bundeskanzlerin doch nicht wirklich durch ein herausragendes Glaubensbekenntnis auf – und ob der Pontifex schon einmal die Uckermark besucht hat, das wäre sicher prominent durch die Presse gegangen. Die Lösung des kleinen Rätsels lautet daher ganz anders: Beide sprechen offenkundig von Dingen, von denen sie keine Ahnung haben dürften. Woran ich das festmache? Zum aktuellen Jahreswechsel waren zwei Schlagzeilen in den Medien aufgefallen: In der Neujahrsmesse in Rom forderte der Hirte der katholischen Weltgemeinschaft gemäß „Deutscher Welle“ doch tatsächlich „mehr Mitsprache für Frauen“. In ihrer TV-Ansprache hatte die Kanzlerin zuvor aufgerufen, „gegen den Klimawandel“ zu kämpfen.

Ich will zweifelsohne zugeben: Merkel wird sich als ehemalige Umweltministerin und studierte Physikern deutlich besser mit der Erderwärmung auskennen, als der Papst mit Frauen. Doch dass das Klimapaket der Bundesregierung kein „großer Wurf“ war, wie es Wissenschaftler kritisierten, das wird auch die Regierungschefin zugeben müssen. Die Ziele hätten deutlich ambitionierter ausfallen müssen, der soziale Ausgleich der Maßnahmen ist dagegen fast vollends ins Wasser gefallen. Wenngleich die Bundeskanzlerin mittlerweile verstanden hat, dass es beim Klimawandel um existenzielle Fragen geht, die das Leben der Deutschen ganz maßgeblich verändern werden, sind die Beiträge für mehr Umweltschutz durch ihr Kabinett relativ gering geblieben. Da drücken manche CSU-geführten Ministerien auf die Bremse – und selbst in der eigenen christdemokratischen Partei kann Merkel mit ihren rasanten Kurswechseln von Kohle und Kernenergie zu Wasser und Sonne kaum punkten. Noch immer steht die Wirtschaft des Landes im Vordergrund allen politischen Seins.

Merkels lustloser Kampf gegen den Weltuntergang…

Dennoch gibt sich Merkel in ihrer Fernsehansprache – wie immer – überaus staatstragend. Abseits manch naiv gebliebenen Bürgers oder notorischen Leugners eines menschgemachten Klimawandels kann sie dem Rest der Nation mit ihrem nahezu Mitleid erweckenden Gesichtsausdruck tatsächlich verklickern, dass der Einsatz gegen die Erwärmung des Weltklimas zur wichtigsten Aufgabe im 21. Jahrhundert geworden ist. Tatsächlich zweifele ich kein bisschen an der Aussage, dass dieses Problem zur größten Herausforderung aller Zeiten wird. Doch aus dem Munde der Bundeskanzlerin, die sich zwar auf Schiffen im Eismeer ablichten lässt und auf Klimakonferenzen prominent im Bild auftaucht, fällt es mir wahrlich schwer, solche Passagen für ernst zu nehmen. Denn auch wenn sich Angela Merkel nahezu aktivistisch darum bemüht, in ihrer „Pendeldiplomatie“ die Herren Staatschefs dieser Welt von Gewaltfreiheit zu überzeugen, gelingt ihr das in Sachen „Klimafrieden“ wohl kaum. Vielleicht versucht sie auch deshalb, nun bei ihrem eigenen Volk aufs Gaspedal zu treten, um in den letzten zwei Jahren ihrer Kanzlerschaft noch einen Erfolg für die Geschichtsbücher erreichen zu können.

Dass die Menschen in Deutschland künftig auf ihre Ölheizung verzichten sollen, sie dafür aber auf eine höhere Pendlerpauschale hoffen können – das überzeugt nicht nur die Ökonomen dieser Republik kein bisschen. Die Bewegung um „Fridays for Future“, aber auch Wissenschaftler zerrissen die Übereinkunft von Union und Sozialdemokraten sprichwörtlich in der Luft. Studien belegten schnell, dass der angestrebte Kompromiss vor allem die Menschen in geringverdienenden Schichten belastet. Viele von ihnen wohnen aufgrund der hohen Mieten außerhalb der Städte, sind auf das Auto angewiesen und haben oftmals nicht genügend Mittel, um auf Photovoltaik umzusteigen. Dem gesamten Klimapaket fehlt es an ökologischem Mut und an sozialer Ausgewogenheit. Wenngleich Merkel selbst vielleicht auf einen größeren Wurf hoffte, konnte sie die eigenen Reihen offenbar nicht davon überzeugen, dass es mehr braucht, um einen gesellschaftlichen Wandel voranzutreiben. Der ihr verliehene Titel der „Klimakanzlerin“, er entstand noch zu Zeiten, in denen niemand so recht glauben wollte, dass es um unsere Zukunft düster aussieht. Damals konnte man mit kleinen Schritten noch riesige Aufmerksamkeit erzeugen. Jetzt, da „Extinction Rebellion“ unsere Straßenkreuzungen blockiert, braucht es deutlich mehr an Courage, um authentisch aufzutreten und die Bevölkerung überzeugen zu können.

Zwei Schritte vor, mindestens einen zurück…

Und dann ist da noch Papst Franziskus, der es dieser Tage wahrlich nicht einfach hat. Er, der nahezu täglich in seinen Standpunkten schwankt, muss sich nun auch noch mit seinem Vorgänger herumschlagen, der sich eigentlich vollständig aus der Öffentlichkeit zurückziehen wollte. Doch nun, als die Bewegung der Laien, aber auch viele hochrangige Priester, Bischöfe und sogar Kardinäle mit dem Gedanken liebäugeln, das Zölibat zumindest dort zu lockern, wo es den Mangel an Pfarrern mitbegründet, wagt sich Benedikt XVI. mit der Ansage hervor, dass an der Ehelosigkeit der Hirten nicht gerüttelt werden dürfe.

Für Franziskus eine äußerst schwierige Situation, regiert er das Kirchenvolk doch mit einer bewundernswerten Taktik des Reagierens: Sobald die Schäfchen in aller Welt ein Umdenken in gesellschaftlichen, sozialen oder sexualethischen Fragen fordern, geht der „vom Ende der Welt“ stammende und einstig als Hoffnungsträger umjubelte Jorge Mario Bergoglio zumindest in kleinsten Schritten auf die skandierende Menge ein. Mit seiner Bürgernähe kann er die Herzen gewinnen, seine Unentschlossenheit in der Modernisierung der Kurie nehmen ihm allerdings nicht nur die Medien zunehmend übel.

Sein Hin und Her trifft beispielsweise die queere Community: So bezeichnete er Homosexualität in 2018 als „Modeerscheinung“, ein anderes Mal unterstreicht er, dass die Neigung „keine Sünde“ sei. Besondere Aufruhr brachte ihm die Ermutigung von Eltern schwuler und lesbischer Kinder ein, zum „Psychiater“ zu gehen, sobald sich erste Anzeichen ihrer sexuellen Entwicklung anbahnten.

Auch wenn er seine Aussagen mehr oder weniger postwendend zu relativieren versuchte, lässt ihn die ständige Notwendigkeit zur Korrektur seiner Worte ziemlich unprofessionell aussehen. Die Einlassungen von Franziskus geben oftmals Anlass, sich ob der Wankelmütigkeit des Chefdieners Gottes zu wundern. Denn nicht selten lässt er sich auf Themen ein, von denen er als katholischer Geistlicher nur wenig Ahnung haben kann – sollte er alle Gesetze und Gebote seiner Kirche, des christlichen Glaubens einhalten. Dazu gehört nicht nur die Frage von Familie und Ehe; auch die unverrückbare Haltung in Sachen Abtreibung, der Gewährung von Sakramenten gegenüber Wiederverheirateten oder des Segens für homosexuelle Paare lässt den anfangs von vielen als „trendigen“ Papst bezeichneten Franziskus eher alt aussehen.

Wenn selbst die Experten nicht weiterwissen…

So fragt sich der Beobachter auch bei den aktuellen Worten des Brückenbauers, wie authentisch die Bekundungen des Papstes zur Stellung der Frau in der römischen Weltkirche denn wirklich sein mögen. Wenn Franziskus „Mitsprache“ für das weibliche Geschlecht erbittet, dann wählt er neuerlich eine Formulierung, die den Rebellen an der Basis zwar eine gewisse Befriedung schenkt, die Kritiker eines vorwärts gerichteten Kurses aber nicht derart vor den Kopf stößt, dass sich Franziskus in ihren Reihen das Vertrauen verspielen könnte.

Denn trotz des Hypes um den modern wirkenden Argentinier haben viele seiner Anhänger einerseits nicht vergessen, dass er als Jesuit in Fragen von Armut, Ausgrenzung und Solidarität einen überaus linken Kurs fährt. Wenn es andererseits aber um die Traditionen, die Lehre und die Dogmen der katholischen Kirche geht, weicht Franziskus kaum einen Millimeter von den erzkonservativen Positionen ab, die auch frühere Amtsinhaber pflegten. Viel eher unterstreicht er seine rückschrittig wirkenden Meinungen auch beispielhaft dadurch, dass er die deutschen Katholiken durch ein vatikanisches Einschreiten vor Alleingängen, also eigenen Wegen des Fortschritts, warnt.

Man möchte meinen, Franziskus könne im Umfeld der Gelehrten nicht aus seiner Haut. Ich möchte ihm durchaus abnehmen, dass er insgeheim auf mehr Veränderung und Wandel gehofft hat. Doch im Korsett der ehrwürdigen Mauern des Vatikanstaates kann sich auch ein rührig zeigender Oberhirte nicht von den jahrhundertelangen Regeln verabschieden, die die katholische Kirche zu einem Ort der Unterdrückung von Meinungsfreiheit machen. Nicht anders ist das stetige Umschwenken der päpstlichen Ansichten zu den Themen der Zeit zu erklären. Wenn Franziskus den Frauen mehr Verantwortung übertragen möchte, dann geht er mit seinen fürsorglich wirkenden Parolen den Weg des geringsten Widerstandes. Denn die Nachrangigkeit der Frau im katholischen Verständnis des Christentums bleibt bei aller Euphorie über die aufbruchsvollen Worte des Pontifex erhalten. Selbst wenn extra eingesetzte Kommissionen von Experten, die sich nicht einmal untereinander einig scheinen, zur Konklusion gelangen, dass ein Frauenordinariat grundsätzlich sinnvoll erscheint, beweist ihre Zerstrittenheit über deren sakrale Bedeutung eindrücklich, dass das weibliche Geschlecht in der katholischen Kirche noch immer verdinglicht wird.

Gemeinsames Schwimmen im Zeitgeist?

Angela Merkel und Papst Franziskus – zwei Getriebene des Mainstreams? Nein, es gibt keinen Grund zu Mitleid mit den beiden. Dass sich Bergoglio mit einer eigentlich selbstverständlichen Feststellung in die Schlagzeilen katapultiert, macht nicht nur jenen, die der Kirche mit Distanz gegenüberstehen, deutlich: Mehr Teilhabe der Frau, das bedeutet auch beim derzeitigen Pontifex lediglich, ihr die seit jeher geltende Bestimmung knöcherner Strukturen zuzuweisen – nicht weniger, aber vor allem auch nicht mehr. Ob mit dem teils niederträchtig anmutenden Umgang mit dem weiblichen Geschlecht innerhalb der Kirche nach den eindeutigen Worten von Franziskus Schluss sein wird, mag man bezweifeln. Schon allein die Tatsache, dass sich der derzeitige Papst mit der Botschaft von mehr Einfluss für die Frau heroisch in Szene setzt, verdeutlicht mir, dass er mit der Würde von Menschen spielt, deren Fähigkeiten, Bedeutung und Selbstwert er aus den Zwängen des eigenen Glaubens überhaupt nicht kennen kann.

Und die Kanzlerin? Sie bereitet sich insgeheim wohl schon auf das Ende ihrer politischen Karriere vor. Dass sie in den letzten Monaten ihrer Amtszeit noch mit einem tatsächlichen Durchbruch in der Klimafrage wird aufschlagen können, das glauben selbst die engsten Anhänger ihrer Rautenpolitik nicht. Selbst wenn sie die Deutschen in ihrer Ansprache zum Jahreswechsel wachrütteln wollte und uns allen klarzumachen versuchte, dass wir uns auf wahrlich stürmische Zeiten einrichten müssen, schwelgt sie doch in einer großen Selbstzufriedenheit, die es weder mit der Erderwärmung, noch mit den markigen Sprüchen der Umweltbewegung aufnehmen kann. Die Bundeskanzlerin weiß um die Grenzen des Machbaren – besonders dann, wenn Weltmächte auf stur schalten, was die Begrenzung des CO2-Ausstoßes angeht. Dennoch wäre in einer „Großen Koalition“ deutlich mehr zu erreichen gewesen:

Eine sozialökologische Wende erzielt man nicht mit Windrädern allein – und auch das „E-Auto“ löst die Probleme wohl kaum. Wenngleich Merkel den Einzelnen zur Umkehr aufruft, was den persönlichen „Fußabdruck“ angeht, lässt ihre Politik vor allem die Ärmsten der Gesellschaft mit ihrer Angewiesenheit auf Mobilität, Elektrizität und Stabilität allein.

Wenn es sie noch nicht gäbe, müsste man sie erfinden…

Zwei Personen, die sich mit ihrem Engagement vor allem medienöffentlich wirksam machen: In Phasen, in denen soziale Medien boomen und der Informationsbedarf der Menschen kaum zu befriedigen scheint, ist es für jeden Akteur ein Muss, durch den Strom an Meldungen zu dringen. Da ist es nicht mehr selbstverständlich, dass „Promis“ aus Politik, Kirche und Gesellschaft besondere Aufmerksamkeit zuteil wird. Denn heute kann jeder zum Star werden, weshalb es sich zu lohnen scheint, dem Erreichten besonderen Glanz zu verleihen.

Die Kanzlerin verkauft ihr Päckchen als Klimapaket, der Pontifex macht das Fräulein zur Frau. Eigentlich wäre solch ein „Erfolg“ keinen einzelnen Buchstaben auf den Titelseiten der Zeitungen wert. Und doch befassen wir uns mit diesen Nachrichten besonders gern, weil wir uns sogar von den kleinsten Schritte überrascht zeigen. Da protestieren freitags Schüler auf den Straßen – kaum jemand dachte aber, dass sich die Mächtigen im Land von ihnen erweichen lassen. Und da trumpft die Laienbewegung der Kirche auf, ohne die Aussicht darauf, dass ihr die Bischofskonferenz eine Aufwartung macht. Wir sind ganz offensichtlich genügsam geworden. Revolutionen erscheinen selten. Und die „Trägheit der Masse“ formt uns zu Langweilern. Wie gut, dass es Merkel und Franziskus gibt!

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Anmerkung: Gastbeiträge sind Debattenbeiträge, sie geben nicht unbedingt die Positionen von PP bzw. DB wieder. Zum Beispiel hat sich der Gründer des Blogs mehrfach gegen ein Priestertum der Frau, eine sakramentale „Homo“-Ehe usw. ausgesprochen.