Ein Gastbeitrag von Dr. Dr. Marcus Ermler

Das zunächst zur Satire erklärte und später sogar gelöschte Video „Meine Oma ist ’ne alte Umweltsau“ mit dem „WDR Kinderchor Dortmund“ hatte ja am Samstag für einige Aufregung gesorgt. Nun gilt in Deutschland bekanntlich die Kunstfreiheit, unter der diese vorgebliche Satire so auch fallen wird. Ob sie gelungen ist oder nicht, darf jeder für sich selbst entscheiden.

Da unterscheiden sich die Geschmäcker doch sehr stark. Und über Geschmack lässt sich bekanntlich auch gut streiten. Armin Laschet beispielsweise, der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, kritisierte dieses Gesangswerk mit den Worten: „Niemals dürfen Kinder von Erwachsenen für ihre Zwecke instrumentalisiert [werden]“. Der Satiriker Jan Böhmermann hingegen antwortet den Kritikern gewohnt überspitzt:

Ihr kleinen Umweltsäue würdet doch ohne mit der Wimper zu zucken einen Kinderchor alle drei Strophen des ‚Deutschlandliedes‘ singen lassen. Und zwar nicht zum Spaß.“

Unabhängig von der konkreten Vorliebe oder Abneigung für dieses WDR-Liedgut ist es doch einmal recht spannend zu untersuchen, wer denn diese „Omas“ sein könnten, die hier so dezidiert als „Umweltsäue“ bezeichnet werden.

Hier helfen Genealogie und Arithmetik. Geht man von einem Generationenabstand von 25 bis 30 Jahren aus, erhält man für die Generationsbezeichnung der „Großeltern“ einen Altersabstand von 50 bis 60 Jahren. Die Mitglieder des Kinderchores selbst sind nach Darstellung des WDR zwischen neun und dreizehn Jahren alt. Addiert man dies, sind die „Omas“ dieser Kinder vor 59 bis 73 Jahren geboren worden, das heißt in den Jahren 1946 bis 1960.

In Deutschland handelt es sich hierbei um die Baby-Boomer und um deren Elterngeneration: die 68er-Bewegung. Also die Generation der revoltierenden Studenten, die – und hier bin ich einmal so frei direkt aus Wikipedia zu zitieren – in Deutschland folgendes auf den Weg gebracht hat:

Sie strebte eine umfassende Demokratisierung der bundesdeutschen Gesellschaft als Beitrag zur Emanzipation aller Menschen von kapitalistischer Ausbeutung, Unterdrückung und Entfremdung mit antiautoritären Mitteln an […] Wesentliche Teilziele waren eine effektive außerparlamentarische Opposition gegen die Große Koalition von 1966, der Kampf gegen deutsche Notstandsgesetze, den Vietnamkrieg, den Einfluss des Axel-Springer-Verlags […] Übergreifende Ziele waren die sexuelle Selbstbestimmung und eine antiautoritäre Erziehung. […] die westdeutsche Studentenbewegung [klärte] über die Zeit des Nationalsozialismus auf und forderte eine vollständige Entnazifizierung der deutschen Gesellschaft und einen konsequenten Antifaschismus […] 1968 begann ihr Zerfall, aus dem die autoritär-zentralistischen K-Gruppen und linksterroristische Gruppen (Bewegung 2. Juni, Rote Armee Fraktion) hervorgingen.“

Die Baby-Boomer selbst ergänzten diese Bewegung der Neuen Linken um folgende Facetten:

[So] stellten die Baby-Boomer in den 1980er Jahren als Schüler und Studenten die Masse der Friedensbewegung und der Umweltbewegung, haben in dieser Zeit also ein starkes politisch-gesellschaftliches Engagement an den Tag gelegt.“

Also das Beste von Rot und Grün vereint in den „Omas“ des Kinderchors. Spöttische Geister würden jetzt sagen: Die Revolution frisst ihre Kinder.

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