Nach dem grandiosen Wahlsieg von Boris Johnson in Großbritannien, ist es eine besondere Freude, das Buch eines Briten vorzustellen: Roger Scrutons „Bekenntnisse eines Häretikers – Zwölf konservative Streifzüge“. Ein Gastbeitrag von Vera Lengsfeld

Wobei Häretiker oder Ketzer als der berühmte schwarze Humor der Engländer zu verstehen ist. Denn Scrutons Buch handelt von der Lust, ein Konservativer zu sein. Leider ist es heutzutage das Hauptproblem vieler, wenn nicht gar der meisten Konservativen im Herzen, sich zu ihrem Konservatismus zu bekennen. Das ist das Ergebnis der fortgesetzten Stigmatisierung aller, die auch nur einen Jota von der links-grünen Meinungsmache abweichen. Das Dilemma zeigt sich auch darin, dass viele Konservative die politisch-korrekten Sprachregelungen übernommen haben und sich wundern, dass es immer schwerer wird, ihre Anliegen zu Gehör zu bringen, geschweige denn, durchzusetzen.

Scruton zu lesen, kann da befreiend wirken, denn er zeigt die ganze Schönheit und Schlüssigkeit des konservativen Denkens.

Täuschungsmanöver

Sein erster Streifzug gilt dem „So tun als ob“. Es gibt zwei Arten von Unwahrheiten, Lügen und so tun, als ob. Wenn jemand lügt, behauptet er etwas, das er selbst nicht glaubt. Jemand, der so tut, als ob, glaubt zumindest eingeschränkt, was er sagt, um einen bestimmten Zweck zu verfolgen. Den Fall haben wir bei der Klimadiskussion. Man glaubt an die Klimaerwärmung, um die Gesellschaft beherrschen, verändern und den verhassten Kapitalismus abschaffen zu können. Scruton zeichnet die Historie solcher Täuschungsmanöver nach, die spätestens mit dem Niedergang der Religion beginnen. Das Gegenmittel ist, wie Vaclav Havel verlangte, in der Wahrheit zu leben. Da kann man einfach Alexander Solschenizyn folgen: „Wenn Lügen in die Welt gesetzt werden, dann jedenfalls nicht von mir.“

Was versteht man in diesem Zusammenhang unter „Vernünftig Regieren“? Scruton verweist auf Ronald Reagan, der bei seiner Antrittsrede als amerikanischer Präsident gesagt hat, dass die Regierung nicht die Lösung, sondern das Problem sei. Das trifft vor allem auf Europa zu, das von einer Politikerklasse regiert wird, die sich hinter die geschlossenen Türen europäischer Institutionen flüchtet, um sich ihrer Rechenschaftspflicht zu entziehen. Europäische Meinungsmacher nehmen sich die Werte einer zweitausendjährigen Zivilisation vor, um sie auszuhebeln oder zu einer nicht mehr wiederzuerkennenden Karikatur zu machen. Die Europäer sollen sich ihrer Rechte und Freiheiten begeben, in Tausch für einen falsche Sicherheit verheißenden Staat.

Eine dieser falschen Sicherheiten bietet der Wohlfahrtsstaat, der den Leistungsempfängern die Verantwortung für ihr Leben abgenommen und eine sozial nicht funktionsfähige Unterschicht erzeugt hat. Befreit von Eigenverantwortung geht den Menschen die Bereitschaft verloren, andern gegenüber Rücksicht und Verantwortung zu üben. Man sieht das an der wachsenden Wohlstandsverwahrlosung der westlichen Städte.

Die Verpflichtung, der ein Staat nachkommen muss, wurzelt aber in der Verantwortlichkeit der Bürger. Wenn die Regierung eine Klasse schafft, die sich der Verantwortlichkeit nicht stellt, hat sie die Grenzen ihres Regierungsauftrags überschritten. Die Konservativen haben deshalb die Aufgabe, den eigentlichen Zuständigkeitsbereich der Regierung abzustecken und die Grenzen zu markieren, über die hinaus jede Aktivität des Staates zu einem Übergriff auf die Freiheit der Bürger wird.

Modernismus in Architektur und Stadtplanung

Einer der nachhaltigsten Übergriffe des Staates nach dem Zweiten Weltkrieg war die Nachkriegsarchitektur, die Ausdruck des totalitären Denkens des 20. Jahrhunderts ist. Nach Scruton gehört der Modernismus in Architektur und Stadtplanung zu den Irrtümern, aus denen – wie aus dem Kommunismus – wenig oder nichts zu lernen ist. Hätte man Le Corbusier freie Hand gelassen, wäre Paris abgerissen und durch Hochhaustürme in einer Parklandschaft ersetzt worden. In allen europäischen Ländern, ob westlich oder sozialistisch, traten die Architekten die Nachfolge der feindlichen Bomberverbände an. In Ost- und Westdeutschland ist nach dem Krieg mehr Bausubstanz zerstört worden, als im Krieg. Die meisten westdeutschen Großstädte haben sich bis heute nicht davon erholt. Modernistische Bauten stehen in keiner Beziehung zu ihrem Umfeld, sie schaffen keinen öffentlichen Raum, sondern verursachen die Auflösung des Zusammenhangs einer Stadtlandschaft. Der einzige Trost ist, dass die Hervorbringungen der Stararchitekten zwar teuer, aber nicht langlebig sind. Schon nach wenigen Jahrzehnten sind sie abbruchreif. Der Ruhm des Stararchitekten landet dann auf der Sondermülldeponie.

Konservative müssen hier dafür kämpfen, dass Schönheit und Lebbarkeit in die Stadtbrachen zurückkehren. Scruton führt zustimmend die Zehn-Minuten-Regel an, die vom Architekten Léon Krier, dem Schöpfer von Prince Charles Poudbury, stammt. Jedem Anwohner sollte es möglich sein, in zehn Minuten an den Ort zu gelangen, wegen dem er in der Stadt wohnt.

Poudbury, ein Hassobjekt aller Modernisten, entwickelt sich jedenfalls prächtig, weil es sich großen Zuspruchs erfreut. Es bietet den Menschen ein Zuhause, deshalb entspricht es ihren Erwartungen eines besiedelten Raumes, der nicht nur deiner oder meiner, sondern unser ist. Ein schönes Dorf, eine schöne Stadt, ein schönes Haus bieten jedem Menschen ein universelles Zuhause. Konservative haben also die Aufgabe, die traditionellen europäischen Städte gegen ihre Zerstörung zu verteidigen.

Was macht ein konservatives Leben erfolgreich? Ein Aspekt ist, richtig zu tanzen. Der klassische Tanz, das wusste schon unser Freiheitsdichter Friedrich Schiller, ist eine soziale Aktivität, bei der Freiheit und Disziplin vereint sind in einem Gestus, wie er den Ansprüchen einer geordneten Gesellschaft Genüge tut. Leider gehört diese Art von Tanz kaum noch zum Bewegungsrepertoire. Die heutigen Tänzer vermeiden einen direkten Kontakt miteinander, weil es keine verbindlichen Konventionen mehr gibt, wie dieser Kontakt sich gestalten könnte.

Scruton: „Ihre Angst vor einer Unterhaltung, die mangelnde Fähigkeit, freundlich – unverbindlich zu plaudern und überhaupt eine allgemeine Unbeholfenheit, sind natürliche Folgen jener Art von Erziehung, der sie ausgesetzt sind. Denn diese Erziehung lässt es sich angelegen sein, jedwede Anzeichen von Eleganz, Distinguiertheit oder Anmut aus ihrem Verhalten zu tilgen, Werte, die als unzeitgemäß gelten und im Übrigen als elitär und politisch unkorrekt.“

Hier machen es die Linken den Konservativen leicht, zu punkten. Mit einer eleganten Erscheinung, höflichem guten Benehmen und Anmut kann man sich vorbildlich von ihnen abheben. Wenn man dann noch geschliffen und faktenbasiert formulieren kann, ist die Schlacht schon halb gewonnen.

Konservative haben die Aufgabe, den Westen zu verteidigen. Seit dem Ende des Vietnamkrieges hat sich ein enormer kultureller Wandel in Europa und Amerika vollzogen. Ein Aspekt dieses Wandels ist das wachsende Bedürfnis der meinungsmachenden Klassen nach Beschwichtigung und öffentlicher Bußfertigkeit. Beides ist nicht geeignet, den wichtigsten Gegner des Westens, den Islamismus, zurückzudrängen. Es führt nur zu einer weiteren Verschärfung der offiziellen Nichtanerkennung unseres kulturellen und religiösen Erbes.

Scruton zählt sieben Charakteristika dieses Erbes auf. Erstens das Bürgerrecht, was die Bereitschaft, Recht und Gesetz zu gehorchen beinhaltet. Westliche Gesellschaften bestehen (noch) aus Bürgern, religiöse Gemeinwesen, wie die des Islam, aus Untertanen, denn in islamischen Gesellschaften werden Recht und Gesetz nicht als freie Übereinkünfte, sondern als von Gott gegeben verstanden. Nach islamischen Recht fordert das Gesetz Gehorsam ein.

Das Christentum und der Konservatismus

Weil dieser Gehorsam im Westen von den Migranten nicht eingefordert wird, respektieren sie ihn nicht.

Das zweite Charakteristikum ist Nationalität. Keine politische Ordnung ist stabil ohne verbindliche Loyalität. Im Westen besteht die Verpflichtung dem Gemeinwesen gegenüber, Familie, Stamm oder Glaubensbekenntnis sind zweitrangig. Nationale Identität, die Bürger des Westens befähigt, Seite an Seite zu leben und die Rechte des jeweils anderen zu respektieren, kennt man in islamischen Gemeinschaften nicht. In der islamischen Welt ist es nur den Türken und den Kurden gelungen, so etwas, wie eine nationale Identität zu entwickeln. Ohne diese Identität gibt es keine Loyalität zur Gesellschaft als Ganzem.

Das dritte wesentliche Charakteristikum ist das Christentum. Die vielen Jahrhunderte christlicher Vorherrschaft in Europa haben die Basis für nationale Loyalität geschaffen. Schon Christus befand sich im Zwiespalt zwischen dem Legalismus seiner jüdischen Glaubensgenossen und einer weitgehenden Sympathie für das Konzept der säkularen Regierung. (Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist …). Paulus hat dann den Glauben für den Gebrauch im Römischen Reich ausgelegt, ohne die weltliche Macht herauszufordern.

„Die weitgehende Billigung weltlicher Regierungsmacht durch die frühchristliche Kirche war verantwortlich für die nachfolgende Entwicklung Europas… bis hin zu der territorialen Rechtsordnung, die heutzutage im Westen vorherrscht.“

Ironie und Selbstkritik als große Tugenden

Das vierte Charakteristikum, das man in der Auseinandersetzung mit dem Islam hervorheben sollte, ist die Ironie. Schon die hebräische Bibel entwickelt die Neigung zur Ironie, wir finden sie auch in den christlichen Parabeln. Jesus: „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“.

Ironie sollte als Tugend begriffen werden, als praktizierte Form der Anerkennung des Andersseins aller, einschließlich der eigenen Person. Im Islam gibt es keine Ironie, nur heiligen Ernst, der nicht mit den westlichen ironischen Gepflogenheiten umgehen kann.

Als fünftes Kriterium nennt Scruton die Fähigkeit zur Selbstkritik. Es ist zur zweiten Natur geworden, immer auch die Gegenstimmen zu Wort kommen zu lassen und damit wirkliche Meinungsfreiheit zu praktizieren. Der Brauch, Kritiker zu Wort kommen zu lassen und zu ehren, stellt eine Besonderheit der westlichen Kultur dar und ist ein Zeichen von Freiheit.

Ein weiteres entscheidendes Merkmal ist die Interessenvertretung. Der Westen hat eine lange Tradition der Zusammenschlüsse in Vereinen, Verbänden, Klubs, Unternehmen, ohne Erlaubnis übergeordneter Stellen. Diese Zusammenschlüsse stellen Interessenvertreter, die öffentlich in Erscheinung treten und deren Verhandlungsergebnisse akzeptiert werden. Etwas Vergleichbares gibt es im Islam nicht. Dem islamischen Gemeinwesen fehlt die Instanz des Sprechers. Das macht Verhandlungen schwierig. Die westliche Gesellschaft ist unendlich erfinderisch in der Schaffung neuer Zusammenschlüsse, die es den Bürgern ermöglichen, friedlich zusammenzuleben, während sich islamische Gesellschaften in ununterbrochner Auseinandersetzung befinden.

Was lässt die westliche Lebensweise funktionieren? Scrutons überraschende Antwort: Das Trinken.

Auf jeder Party schmilzt das Eis zwischen vollkommen Unbekannten sofort, wenn man sich gegenseitig ein Glas einschenkt und anstößt. Das gemeinsame Trinken hat zu der enormen Flexibilität westlicher Gesellschaften geführt und hilft immer wieder, große Veränderungen zu bewältigen. Die daraus resultierende Leichtgängigkeit der westlichen Gesellschaften, bestärken den Groll ihrer Gegner, die sich nicht mit dieser Leichtigkeit bewegen können.

Wie können wir uns vor dem islamischen Terrorismus schützen?

Zum Schluss beantwortet Scruton die Frage, wie wir uns vor dem islamischen Terrorismus schützen können.

Erstens müssen wir und klar werden, was wir verteidigen wollen, weil es sich lohnt. Das sind im Wesentlichen die sieben Charakteristika, die westliche Gesellschaften auszeichnen und sie, wenn auch nicht zur perfekten, aber der besten und erfolgreichsten aller bekannten menschlichen Gemeinschaften gemacht haben.

Zweitens müssen wir uns darüber klar werden, dass man Feindseligkeit und Vorurteile nicht durch Schuldgefühle und Fehlerbeichte überwindet. Schwäche wirkt provozierend.

Wir haben zwei Möglichkeiten, die zu unserer Verteidigung zur Verfügung stehen. Auf gesellschaftlicher Ebene die entschlossene Verteidigung unseres Erbes.

„Das bedeutet, keine Zugeständnisse an diejenigen zu machen, die wollen, dass wir Bürgerrechte gegen Untertanengeist, Nationalität gegen Konformität, weltliches Recht gegen die Scharia, die jüdisch-christliche Tradition gegen den Islam, Ironie gegen heiligen Ernst, Selbstkritik gegen Dogmatismus, Interessenvertretung gegen Unterwerfung und fröhliches Trinken gegen Abstinenz eintauschen.“

„Im privaten Raum … sollten wir dem Weg folgen, den Christus uns gewiesen hat und das bedeutet, die Schläge, die uns zugefügt werden, nüchtern und im Geist der Vergebung betrachten und durch unser Beispiel zeigen, dass diese Schläge nicht mehr ausrichten, als denjenigen, der sie zufügt, zu diskreditieren.“

Der Beitrag erschien zuerst bei VERA LENGSFELD

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