Die deutsch schreibende Finnin Beile Ratut, für Matthias Matussek die „wahrscheinlich … unterschätzteste Autorin des gegenwärtigen Literaturbetriebs“, rechnet in ihrem Essay „Das Fanal des Ego auf den Stufen zur Kirche“ knallhart und eloquent mit dem Denken der Kirchen der westlichen Welt ab. Ein Gastbeitrag von Rainer Buck

Im Visier liegt dabei vor allem der Protestantismus. Die Römisch-katholische Kirche bekommt nur in einer längeren Fußnote ihr eigenes Fett ab, weil sie „mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil“ einen Sprung in den erkenntnistheoretischen Individualismus vollzogen“ habe.

Hauptsächlich skizziert Beile Ratut aber ein öde anmutendes protestantisch Gemeindeleben, geprägt von menschlicher Klügelei, engherzigem Streben nach dem persönlichen Seelenheil und der Fokussierung auf einen schwammigen persönlichen Glauben der Einzelnen. In dieser Melange drohen ewige Wahrheiten unterzugehen und die Feier der Gegenwart Christi einer kraftlosen Besinnungskultur zu weichen.

Vieles ziele nur auf das Ego des Gläubigen und bediene Bedürfnisse, statt die Gegenwart des Ewigen in den Mittelpunkt zu rücken. Glaube ist für sie „rein menschlich und ein Spielball des Gefühls.“ Die Autorin geht ohne falsche Scham zur Sache, wenn sie schreibt, dass sie „im Westen niemals von echtem christlichen Leben gehört“ habe.

Deutlichkeit, die befreiend sein könnte

Die orthodoxe Spiritualität, die Beile Ratut als leuchtende Alternative dagegensetzt, wird in dem 100-Seiten-Aufsatz (großzügiges Layout) relativ kurz beschrieben. Das ist aber nicht weiter störend, denn das Wesentliche, auf das es ihr ankommt, wird deutlich. „Christus schenkt sich für das Leben der Welt … Und der Mensch, der Ebenbild Gottes ist, schenkt sich auch.“ Dieses Sich-Verschenken erwidert der Mensch, ohne dass dabei  „das narzisstisch verstandene eigene Heil“ ins Zentrum rückt. „Auf den Stufen zur Kirche lässt der Mensch das Ego fallen.“

In weiten Teilen ist die Schrift eine „Abrechnung“ mit dem von der Autorin als so „defizitär“ erlebten kirchlichen Leben des Westens. Als Leser habe ich mich dabei ertappt, manches in Gedanken etwas diplomatischer zu formulieren, weil ich mich in der protestantischen Kultur verankert sehe und gleichzeitig denke, dass Beile Ratuts Kritik wichtige Denkanstöße liefern kann, wenn man sich ihr offen stellt und sich nicht durch die Schärfe ihrer rhetorischen Klinge abschrecken lässt. Doch vielleicht tut es gerade gut, hier einer Deutlichkeit zu begegnen, die vor keiner Heiligen Kuh des Protestantismus Halt macht.

Es geht ans „Eingemachte“

Konservative Protestanten seien gewarnt: In Beile Ratut haben sie keine Verbündete, die mit ihnen lediglich über eine „Amtskirche“ wettert, dass der „Zeitgeist“ Einzug gehalten hat. Sie hinterfragt das „Eingemachte“ des protestantischen Denkens, wofür es im Spektrum evangelischer Kirchen  allerdings –so die Erfahrungen des Rezensenten-  mehr Dialogfähigkeit und Offenheit gäbe als sie die Autorin in ihrem eigenen Umfeld offensichtlich gefunden hat.

Für mich hätte die Autorin mit ihrem Anliegen durchaus Räume und Verbündete in einer theologisch weiten und geistlich lebendigen evangelischen Gemeinschaft, ja ich würde ihre Leidenschaft geradezu vorbildlich „evangelisch“ nennen, natürlich nicht im Sinne konfessioneller Engführung.

Vermutlich werden auch viele Katholiken an der Schrift ihre Freude haben, in der Mehrzahl wohl diejenigen, die sich in einem Abwehrkampf gegen allzu plattes „modernistisches“ Gedankengut befinden.

Beile Ratut
Das Fanal des Ego auf den Stufen zur Kirche (hardcover, 116 Seiten, ISBN 978-3-88509-170-7, EUR 20,80, Ruhland Verlag, Veröffentlichung: 24.02.2019)