(David Berger) der Deutschbalte Werner Bergengruen war zu seiner Zeit einer der ganz Großen, doch er und das vielleicht schönste Reisebuch über Rom, das aus seiner Feder stammt, sind heute fast ganz vergessen.

Er passt so gar nicht in das heutige zeitgeistige Urteil, nach dem jeder Konservative irgendwie auch ein Nazi ist. Vielleicht ist er auch deswegen heute weitgehend vergessen: Der deutsch-baltische Schriftsteller Werner Bergengruen (+ 1964).

„Der Großtyrann und das Gericht“

Allenfalls seinem 1935 erschienener Roman „Der Großtyrann und das Gericht“, der von der Dummheit der nationalsozialistischen Zensur zunächst als Loblied auf den Früher verstanden wurde und daher eine Auflage von über einer Million verkaufter Exemplare erreichte, begegnen heute ab und zu noch Germanistik-Studenten. Das Interessante: die konservativen Gegner des Nazi-Regimes verstanden ihren Gesinnungsgenossen sofort besser und den Roman als geschickt versteckte Abrechnung mit dem Nationalsozialismus.

Mit dem Lob für Bergengruen im Nationalsozialismus war es dann schnell vorbei, als er 1936 zum katholischen Glauben konvertierte, die Zensoren bemerkten, dass sie getäuscht worden waren und er daraufhin aus der „Reichsschrifttumskammer“ ausgeschlossen wurde.

In seinem Urteil blieb er auch in der „Inneren Emigration“ immer ganz klar. Schon 1945 urteilte er: „Niemand darf sagen, er habe von den Greueln nichts gewußt. (…) Was in den Konzentrationslagern geschah, das wußte jeder, wenn er nicht Gehör und Gesicht gewaltsam verschloß.“

Das Festhalten an der Tradition

Aber auch den Entwicklungen der Nachkriegszeit stand er sehr skeptisch gegenüber. In seinem Roman „Der letzte Rittmeister“ (1952) übte er scharfe Kritik am Industriezeitalter und dem zunehmend normierten Verhalten der Menschen, denen ein Festhalten an der Tradition fremd geworden sei. Eine Kritik, die sich viele Jahre später in sehr ähnlicher Form bei dem italienischen Filmemacher Pier-Paolo Pasolini findet. Die durch das Zweite Vatikanum eingeleitete Anpassung der Kirche an den Zeitgeist kritisierte er in diesem Sinne hart.

Dennoch hielt er an einem unvergänglichen Katholizismus standhaft fest, der stets die Aufgabe hat, antimodern und so – paulinisch gesprochen – in Wirklichkeit als Stachel im „Fleisch der Welt“ immer aktuell zu sein. Kein Ort der Welt, auch nicht Jerusalem (Geburtsort der Kirche) und Athen (Symbol für das hellenistische Denken) – steht so sehr für diesen Katholizismus wie die Ewige Stadt.

Im Bücherkeller der Libreria Herder am Piazza Montecitorio

Auf der Basis dieses Denkens ist Bergengruens „Römisches Erinnerungsbuch“ entstanden. Und ich muss gestehen, es ist mir über all die römischen Aufenthalte, die mir geschenkt waren, zu meinem liebsten Rombuch geworden. Die zahlreichen beeindruckenden Schwarz-Weiß-Fotos von Rom stammen übrigens von Bergengruens Gattin Charlotte.

In wie vielen Auflagen es wirklich erschienen ist, konnte ich nicht feststellen. Das liegt auch daran, dass es zwei Erscheinungsorte hatte: Der damals noch gut katholische und sehr erfolgreiche Herderverlag hatte es in Freiburg und zugleich in Rom (Libreria Orbis Catholicus) verlegt. Und in Rom war es auch, wo ich – gerade erst 17 Jahre alt geworden – das Buch in seiner sechsten Auflage (1954) im Antiquariatskeller der Libreria Herder am Piazza Montecitorio in der Nähe des Pantheon aus einer staubigen Kiste zog.

Erhöhte Verfassung des Gemüts

Bestimmte Textteile kann ich inzwischen auswendig, weil sie mir in Rom immer wieder in Erinnerung kamen. So gehört dieses Buch mit zu den „Vergessenen Kostbarkeiten“, die ich hier immer mit besonderer Freude vorstelle. Nach römischem Brauch seien die ersten Worte des Buches zitiert:

„Wir kommen nach Rom mit großen, ja mit ungeheuerlichen Erwartungen und finden uns, was auf der Welt selten geschieht, nicht betrogen.

Wir betreten Rom in einer erhöhten Verfassung des Gemüts, wie keine andere Stadt des Erdkreises sie unserer Natur abzunötigen vermöchte, und etwas von dieser Verfassung wird für immer zurückbleiben.

Dieses Zurückbleibende ist mehr als eine Summe vom Gedächtnis aufbewahrter Dinge: es ist ein neuer, freilich in der Anlage vorbegründeter Bestandteil unserer selbst.“

Jedem Pilger ist die Heimkehr verheißen

Und am Ende des Buches heißt es:

„Der Abschied von Rom ist schmerzlich und ein Aufreißen der Seele. Es stellt einem alles Ungenügen des irdischen Zustandes vor Augen.

Wer scheidet, nach einem Aufenthalt von Tagen oder von Jahren, der scheidet mit dem Bewusstsein, kaum erst begonnen zu haben. Und niemand weiß, ob er der Wiederkehr gewiss sein kann …

Deutlicher als an jedem anderen Ort spürst du in Rom, dass etwas vom Pilger ins uns allen steckt. Möchtest du auch spüren, dass jedem Pilger die Heimkehr verheißen ist.“

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