(Vorbemerkung: Auf vielfachen Wunsch starten wir hier mit Alltagsgeschichten, die der Frage nachgehen, wie unsere Leser Migration und Islamisierung erleben. Das müssen nicht immer kritische, sondern können auch erfreuliche Erlebnisse sein. Die sprachliche Ausarbeitung wird dabei je unterschiedlich ausfallen. Wir bitten unsere Leser also nicht als Deutschlehrer oder Linguistik-Experten an die Geschichten heranzugehen. – Red.)

(La Vache) Ein freier Tag! Was macht man da am besten in der Großstadt? Ausstellung?Kino? Vielleicht mal eine Kirche besichtigen?

Was auch immer, zunächst mußte ich mich erstmal zu meiner nächstgelegenen Straßenbahnhaltestelle begeben, idyllisch im Grünen gelegen. Ich näherte mich der Haltestelle. Zwischen Unkraut und Gleisen wankte ein Junge herum, südländisches Aussehen, vielleicht 13 oder 14 und brabbelte vor sich hin. Betrunken? Schizophren? Ach nein, er versuchte zu rappen und reihte so viele Obszönitäten wie möglich aneinander. Immerhin auf Deutsch. Ich befand, dass er wohl harmlos sei und setzte mich hin, um auf die Straßenbahn zu warten.

Da bog ein kleines Kerlchen von vielleicht 9 Jahren um die Ecke, augenscheinlich ein Romajunge aus dem Kiez. Er trug einen Schulranzen und einen Turnbeutel und wollte sich neben mich setzen, als er den nur mäßig talentierten Nachwuchsrapper bemerkte. Die beiden kannten sich offensichtlich, der kleine Rom fing jedenfalls sofort an, den Jugendlichen zu beschimpfen. Das roch nach Ärger, ich hielt mein Mobiltelefon griffbereit.
„Sie kenne ich! Wie Sie schon rumlaufen bei uns in der Schule! Diese Schuhe! Ich habe Ananas Schuhe und Sie nur Billigschuhe!“

Alle Wetter, er benutzte die Höflichkeitsform, in der Metropole des Duzens Berlin hat sowas Seltenheitswert, unter Jugendlichen sowieso, zumal wenn diese offenbar auf die selbe Schule gehen. Irgendwie wirkte die Szene aus der Zeit gefallen. Der Knirps war kaum zu stoppen:“Ich! Ich bin ein stolzer Serbe! Sie! Sie sind aus eine arabische Land! UND
SIE KÖNNEN KEIN MATHE!“

Der Junge war also stolz darauf, MATHEMATIK zu beherrschen, eine wichtige Kulturtechnik, und ich sinnierte darüber, daß jemand, der sowas bei uns in der dritten oder vierten Klasse geäußert hätte, damals unweigerlich als Streber bezeichnet worden wäre. Gut, die Grammatik des kleinen Streithahns war noch nicht perfekt, aber trotzdem rang mir dieser kurze Vortrag Respekt ab. Das sah nach vielversprechenden Integrationsbemühungen aus. Toll!

Leider machte der Kleine das positive Bild damit zunichte, indem er, als ihm die Argumente
ausgingen, begann, seinen Kontrahenten mit Hingabe mit seinem Turnbeutel zu verprügeln. Der ältere Jugendliche hatte nicht viel gesagt, außer „Hau ab, laß mich Ruhe!“

Wahrscheinlich hatte er von der Suada ausgefeilter Beschimpfungen, von der mir die Kritik an seinen Rechenfertigkeiten am Besten gefallen hatte, einfach mal rein gar nichts verstanden. Ich fürchtete schon, dass der lockenköpfige stolze Serbe gleich seinen arabischen Lieblingsfeind ins Gleisbett treiben würde.

Doch der Araber war mindestens fünf Köpfe größer und bestimmt dreimal so schwer. Er bekam den Turnbeutel zu fassen, so daß der stolze Serbe etwas kleinlauter wurde, noch etwas vor sich hinmurmelte, und in die Bahn einstieg, die gerade um die Ecke geschaukelt gekommen war.

Erschöpft ließ ich mich in den Sitz sinken. Die beiden Streithähne brüllten sich noch ein paar Momente Lang Nettigkeiten quer durch den Wagen zu, bis eine ältere Dame ein Machtwort sprach, alles nochmal gut gegangen.

„Das Zusammenleben muss täglich neu ausgehandelt werden!“ sagte Frau A. Özoguz. Kleinkriege und ethnische Konflikte jetzt auch an verschlafenen Haltestellen in Treptow-Köpenick. Ich beschloß, erstmal gepflegt einen Kaffee zu trinken und dann in die Bücherei zu gehen. Nach so einem Erlebnis brauchte ich etwas Ruhe.