(Gastbeitrag) Ich unterrichte gerne. Wirklich. Ich habe zwar in meiner akademischen Laufbahn alles dagegen getan, Lehrerin zu werden, eine Dissertation begonnen und bewusst kein Referendariat gemacht. Schließlich bin ich dann doch über Umwege als Lehrerin für kath. Religion und Latein an einer katholischen Privatschule gelandet. Gott zwingt einen manchmal zu seinem Glück.

Besonders interessant ist der Religionsunterricht für mich immer dann, wenn es um Reizthemen geht. Abtreibung ist zum Beispiel ein solches. Manchmal ergibt es sich aus einer Diskussion im Unterricht, dass ich einen „Exkurs“ zur Abtreibung mache, wenn ich merke, dass echtes Interesse bei den Schülern da ist, obwohl es im Lehrplan nicht unbedingt in diesem Schuljahr vorgesehen ist.

Die Schüler wollen über dieses Thema sprechen, weil sie nicht viel Ahnung davon haben, und weil sie spüren, dass es irgendwie bedeutsam ist. Frage ich zu Beginn einer Unterrichtsreihe zu diesem Thema nach der Meinung der Schüler, sind die meisten für Abtreibung. Mein sprachloses Entsetzten darüber hat sich im Laufe der Jahre meines Unterrichtens gelegt.

Während zu meiner Schulzeit noch alle selbstverständlich gegen Abtreibung waren, ist es heutzutage andersherum, Abtreibung ist „normal“ geworden, dieses Phänomen ist gesellschaftlich akzeptiert.

Meistens wird von den Schülern als Grund „das Recht bzw. die Situation der Frau“ angeführt.

Vor einiger Zeit habe ich einen Klassensatz an Plastik-Modellen gekauft, die einem Embryo in der 12. Woche nachempfunden sind. Die verteile ich unter den Schülern und lasse sie das Alter schätzen. Manche Schüler sind da erstaunlich nah an den 12 Wochen dran.

Ich lasse sie beschreiben, was zu sehen ist: Es ist als Mensch erkennbar, mit allen Gliedmaßen und Gesichtszügen. Hier und da sehe ich Schüler, die Bettchen aus Taschentüchern für „ihr Baby“ basteln (nicht nur Mädchen) und verschreckt sind, wenn es ihnen versehentlich auf den Boden fällt. Dann sage ich ihnen, dass ein solches „Baby“ in Deutschland relativ leicht abgetrieben werden darf und bespreche mit ihnen die verschiedenen Indikationen, die im Religionsbuch abgedruckt sind.

Die „medizinische Indikation“ können sie durchweg nachvollziehen, und eigentlich gibt es für jede Indikation jemanden, der sie befürwortet. Und dann bespreche ich, je nach Altersstufe mehr oder weniger ausführlich, die möglichen Verfahren der Abtreibung, erst letzte Woche in einer neunten Klasse.

Betretenes Schweigen auf der einen Seite, der Versuch der Kompensation durch humoristische Beiträge auf der anderen Seite der Schüler.

„Unmenschlich, grauenhaft, widerlich“, waren die Kommentare. Unverständnis darüber, wie „so etwas“ erlaubt sein kann. Die Schüler geben zu, sie hätten sich das Verfahren irgendwie „harmloser“ vorgestellt.

Ich bringe Tim ins Gespräch, den berühmten Jungen, der wegen Down-Syndroms hätte abgetrieben werden sollen, seine eigene Abtreibung aber unter dramatischen Umständen überlebt hat. Die Schüler sind ein weiteres Mal entsetzt: „Wie kann so etwas sein“, fragen sie mich.

Diese neunte Klasse, die ich da unterrichte, ist ohnehin ein herausragendes Beispiel an Empathie und Sensibilität. In einer Abschlussrunde zum Thema sagten sie mir, dass sie ganz andere Vorstellungen von Abtreibung hatten und nicht wussten, wie brutal und grauenhaft eine Abtreibung sei. Der letzte Schüler in der Reihe, der sonst nicht viel gesagt hat, äußerte: „Ich fand das sehr interessant. Und es hat meine Meinung zum Thema Abtreibung geändert, dass wir darüber gesprochen haben.“

Ich habe dasselbe Thema in der Jahrgangsstufe 12 behandelt, die Schüler sind 17/18 Jahre alt. Dort bekam ich weitaus weniger Resonanz, ja dort war sogar ein Schüler, der mich (wenn auch scherzhaft) der Indoktrination bezichtigte.

Er blieb strikt bei seiner Pro-Abtreibungs-Haltung, egal, was ich ihm vorsetzte. Das kann Macho-Gehabe gewesen sein oder öffentlich ausgelebter Widerspruchsgeist, aber ich habe für mich daraus gelernt, dass dieses Thema weitaus früher ausführlich behandelt werden muss.

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