Wir gedenken heute zum 103. Mal den 1,5 Mio Opfern des Genozides an den Armeniern im Osmanischen Reich im Jahre 1915. Ein Gastbeitrag von Jaklin Chatschadorian

Wir Armenier erinnern uns dabei an die Erzählungen unserer Väter und Großväter. Wir trauern um den Verlust ihrer Geschwister und Eltern und sind dankbar für jeden einzelnen, der den Massakern entkommen ist. Denn ohne SIE würde es UNS nicht geben.

Ein jeder Armenier in diesem Raum ist betroffen. Er ist Nachkomme jener, die entkommen konnten, die überlebt haben und sich durch die Gründung einer eigenen Familie zum Weiterleben entschieden haben.

Mehr noch: Sie haben durch ihren Lebensmut die Existenz des armenischen Volkes wider jede Vernichtungsabsicht gesichert.

Historische Einzelheiten zum Ablauf erspare ich Ihnen. Sie alle haben davon gehört, wie am 24.4.1915 die Intellektuellen der Armenier zum Auftakt des Völkermordes verhaftet wurden.

Sie alle hörten von den Menschen, die aus ihren Häusern getrieben und ermordet wurden. Väter und Söhne wurden zu Aufständischen erklärt und erschossen oder – GANZ TRADITIONELL– mit dem Säbel enthauptet.

Mütter und Töchter hat man SICH GENOMMEN, versklavt oder verkauft. Sie alle wissen um die Enteignungen, die Deportationen ohne Brot und Wasser, und obgleich die türkische Regierung im Rahmen ihrer professionalisierten Leugnungsindustrie von Umsiedlungsmaßnahmen spricht, OHNE ZIEL.

Die blutgetränkten Flüsse, die auf dem Weg ins Nirgendwo vergewaltigten Frauen und Kinder, die in den Bauch getretenen Schwangeren, die in der Wüste gekreuzigten Menschen. …..

Auch von der Rolle Deutschlands bei der Vernichtung der Armenier haben Sie gehört. Sie hörten von Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg, der die Türkei bis zum Ende des Krieges an deutscher Seite zu halten gewillt war, gleichgültig ob darüber Armenier zugrunde gehen oder nicht.

Sie hörten von den deutschen Waffenlieferungen, den Mauser-Gewehren und Krupp-Kanonen im Einsatz beim Genozid osmanischer Streitkräfte an Armeniern.

Und vielleicht hörten sie auch von Wilhelm Souchon, einem deutschen Konteradmiral, der feststellte:

“Für die Türkei würde es eine Erlösung sein, wenn sie den letzten Armenier umgebracht hat.“

Ihre Aufmerksamkeit möchte ich vielmehr auf DAS HEUTE lenken. Ich möchte Ihnen die Parallelen aufzeigen. Ich möchte Ihnen zeigen,

… dass der für den Völkermord von 1915 verantwortliche Rassismus, und im Besonderen der Nationalislamismus, bis heute BEI UNS weiterlebt.

Und damit möchte ich Sie auf den Sinn des Gedenkens an einen Völkermord erinnern. Wir Armenier gedenken der Toten und ihres Leides, weil uns unsere Liebsten genommen wurden. Wir trauern.

Warum aber gedenken wir Menschen, wir Demokraten – unabhängig von ethnisch-religiöser Zugehörigkeit oder persönlicher Betroffenheit – an solche grausamen Verbrechen gegen die Menschlichkeit?

Ein ritualisiertes Gedenken aus dem wir keine Lehre für die Gegenwart und für unser eigenes Denken und Handeln ziehen, ist nichts wert. Es verkommt zur Folklore.

Wir, die das Privileg haben, nach hinten schauen zu können, stehen in der Verantwortung die Weichen für das heute und morgen zu legen, damit wir eine Wiederholung, gleich an wem, verhindern. Genau das aber ist ebenso ungemütlich wie unpopulär.

Wie kam es zu dem Völkermord von 1915?

Das durch Raub und Mord gen Westen expandierende Kalifat des Osmanischen Reiches hatte sich finanziell übernommen und fand in der indigenen, nicht muslimischen Bevölkerung der Region den perfekten Sündenbock. Schließlich waren die Armenier seit jeher von den Eroberern aufgrund der Zahlung einer Schutzgebühr, der islamischen Dschizya, nur geduldet und wurden, um nicht zu erstarken, immer mal wieder, zwischendurch, massakriert.

Diese Maßnahmen der Zähmung, die Massaker VOR 1915, sind weniger bekannt, als das hier von türkischen Nationalisten zur Verdeckung installierte Schlagwort der sog. OSMANISCHEN TOLERANZ.

Die Expansion gen Westen ist, dank Johann Sobieski dem III., einem polnischen Staatsmann und Heerführer, an den Toren Wiens missglückt. Sobieski schlug, während der zweiten Wiener Türkenbelagerung 1683 mit seiner Hussaria, als Oberbefehlshaber der Katholischen Liga, das Osmanische Heer und galt damit als Retter Wiens. Dieser Schmerz sitzt noch immer tief in der Seele türkischer Nationalislamisten.

Nicht umsonst zitiert der heutige Präsident der Türkei in regelmäßigen Abständen das Gedicht des Nationalislamisten, Pantürkisten, Turanisten und bedeutenden Schreibers des Osmanischen Reiches, Influencers von Mustafa Kemal Atatürk, Ziya Gölkalp:

Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. …. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten“.

Die Türkei befindet sich auch heute im Krieg. Offiziell vielleicht nur mit dem nordsyrischen Afrin, de facto jedoch mit dem gesamten Westen, inkl. Israel.

Sehen wir uns nun die Politik der Bundesrepublik Deutschland unter Kanzlerin Merkel an, so drängt sich die Erinnerung an die Politik des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg auf.

Wieder scheint es, ungestört eines rechtswidrigen Angriffskrieges auf die Kurden, Armenier und Aramäer, die im Norden Syriens siedeln, Deutschland darum zu gehen, die seit der Allianz von Bunzelwitz, 1761 unter Friedrich dem Großen bestehende deutsch-türkische Waffenbrüderschaft aufrecht zu halten. Wieder: Koste es, was es wolle.

Die sich hierhinter verbergende, bei Gelegenheit ausgeübte, Christenverfolgung ist offenbar nicht von Belang. Weder für die Politik noch für die Führungen der beiden deutschen Kirchen. Wie viele von Ihnen wussten, dass in Afrin auch Armenier lebten?

Wie sehr interessierte es Deutschland, als die armenische Siedlung Kessab, im Nordwesten Syriens, an der Grenze zur Türkei, 2014 von dem Ableger der Al-Qaida, den Schergen der Al-Nusra-Front angegriffen wurde, und diese Angreifer während ihres Raubzuges Türkisch sprachen? Wer in Deutschland hat erfahren können, dass die in Kessab geraubte Beute auf der türkischen Seite der Grenze, auf den Märkten der angrenzenden Dörfer feilgeboten wurde?

Die armenisch-katholische Kirche von Raqqa wurde während der IS-Belagerung schwarz angemalt und mit der IS-Flagge versehen zum DAWAH-Center, also zum Zentrum der Islamisierung, erklärt.

Im Rahmen der Befreiung von Raqqa wurde die Kirche bombardiert und liegt nun in Schutt und Asche.

Wer sind diese syrischen Armenier?

Sie sind die Nachkommen der Opfer des Völkermordes. Ihre Eltern und Großeltern haben die Wüste überquert, sind trotz Wassermangels nicht verdurstet, sind den Säbeln und Waffen des Osmanischen Reiches entkommen. Viele von Ihnen waren noch Kinder und landeten in den Waisenhäusern, über welche uns vorhin von Berta Arapoglu berichtet wurde.

Die Armenier Syriens fanden im aktuellen Syrienkrieg, durch die Hand des nationalislamistischen Türken und seiner islamistischen Mitstreiter wieder den Tod oder hatten Raub, Vergewaltigung und Vertreibung zu erleiden.

Die direkt in der Türkei verbliebenen Überlebenden des Völkermordes, etwa meine Großeltern, mussten ihre Verluste und ihre Traumata verbergen. Sie mussten so tun, als ob nichts gewesen war, um überleben zu können.

Es gab schließlich keine Allianz und keine Schutzmacht, die die Verantwortlichen zur Rechenschaft zog. Im Gegenteil. Die Überlebenden mussten die politische Vollendung des Genozides erdulden.

Straßennamen und die eigenen Nachnamen wurden per Gesetz türkisiert. Als Deckmantel diente u.a. die – bis heute international gefeierte – Modernisierung, Harmonisierung und Alphabetisierung der türkischen Sprache.

Es war klüger, das armenische Leben in die Unsichtbarkeit zu transportieren. Kein armenisches Wort auf öffentlicher Straße, keine politische Meinung. Keine politische Organisation.

Die aktuelle Lage der Christen, im Besonderen der Armenier in der Türkei ist Ihnen sicherlich bekannt. Im Osten werden alte Kirchen zu Parkhäusern und Kuhställen umfunktioniert, eine ehemalige kleine Kapelle dient als Toilette. Im Westen darf die Nachfolge des Patriarchen nur mit der Einmischung des AKP-Apparates erfolgen.

Mein Großvater mütterlicherseits fluchte, im fortgeschrittenen Alter, auf Türkisch, während er das Vater-Unser auf Armenisch betete. Nur im späten Alter, im Gebet, hatte er die Möglichkeit, dass, was er über all die Jahre verschweigen musste, mit sich und Gott zu verarbeiten.

Er hatte, bis auf einen, alle seine Geschwister und andere Familienmitglieder verloren. Die türkischen Nachbarn hörten seine Worte. Sie hakten nach. WEN verflucht euer Vater ständig?

Über Jahrzehnte hat er über seine Erlebnisse nicht gesprochen. Er war vielmehr bemüht, seinen Nachkommen ein Leben in Unsichtbarkeit zu ermöglichen und sie gerade nicht seiner eigenen Trauer auszusetzen. Eine Gelegenheit zur Aufarbeitung, etwa im Rahmen der einer Therapie oder im Sinne einer „auswärtigen“ Möglichkeit der Erholung, um mit dem Trauma fertig zu werden, hatte er nicht.

Die Bedrohung, ein unsichtbarer, dorniger Käfig, der jederzeit ohne Vorwarnung wieder sehr eng werden konnte, bestand fort.

Doch in hohem Alter holte ihn das Verdrängte ein und nunmehr waren seine Kinder bemüht, ihn und sich vor den irritierten türkischen Nachbarn im Haus, mit denen man doch so gut auskam, zu schützen. Sie hörten schließlich sein Geschimpfe durch die dünnen Wände, gekürt mit einer Sprache, die sie nicht verstanden. Meine Mutter und ihre Geschwister waren gezwungen, auf den Hausfluren stets zu betonen, man dürfe ihn, den alten Mann nicht ernst nehmen. Er sei eben, wie alle Menschen ab einem gewissen Zeitpunkt, alt und senil, wisse nicht, was er von sich gäbe.

Damals war die Rede vom Völkermord zwar nicht als Straftatbestand in Art. 301 StGB TR fixiert. Das haben die Menschen in der Türkei dem ersten Erdogan-Kabinett 2005 zu verdanken. Jedoch war das Thema auch ohne diese „rechtliche“ Strafbewehrung lebensgefährlich.

Der erinnernde Armenier war und ist Störenfried. Allein seine Existenz erinnert an den Zeugen, der die über das Land verstreuten Gräueltaten, überlebt hat. Er innert daran, dass die beabsichtigte Auslöschung nicht vollständig gelungen ist und die Verdeckung einer Straftat bis heute empfindlich erschwert

Der erinnernde Armenier störte in den ruhigen Zeiten der Türkei den Frieden und die Freundschaft (!), die zwischen Armeniern und Türken bestand. Auch wenn eine solche, unter dieser Bedingung geschlossene Freundschaft nie eine echte, sondern nur eine zur Wahrung des eigenen und des öffentlichen Friedens an den Tag gelegte, war.

Man arrangierte sich mit den gegebenen Bedingungen. Das Damoklesschwert der türkischen Wut schwebt bis heute über den Mitgliedern der armenischen Gemeinschaft in der Türkei, die sich fast ausschließlich in Istanbul verortet.

Trotz der auferlegten Unsichtbarkeit kam es 1955 in Istanbul und in Izmir zu einem weiteren Pogrom gegen Griechen und Armenier. Meine Eltern haben dieses Pogrom gesehen und den Mob überlebt. Mein Vater kam in den 60er Jahren in die Bundesrepublik. Teile des Mobs auch. Meine Mutter erlebte noch die christenfeindliche, faschistoide Stimmung 1974, die Invasion Zyperns, bevor sie nach Deutschland kam.

Der antichristliche, antiarmenische Hass ist ihnen vertraut.

Doch nicht nur ihnen. Auch mir. Der zweiten, in Deutschland geborenen, Generation in Deutschland. Während in der deutschen Öffentlichkeit nur der unterbezahlte türkische Ausländer, der Deutschland mitaufgebaut haben soll, gesehen wurde, wurde mein Vater von seinen Arbeitskollegen – in Fortsetzung des Lebens in der Türkei – weiterhin als Ungläubiger / Gavur bezeichnet.

Er kam mit denen, die er eigentlich nie wiedersehen wollte, zwangsläufig aus. So wie in der Türkei. In meiner Kindheit habe auch ich hören müssen, von meiner türkischen Freundin im gleichen Haus: Meine Mutter hat gesagt ihr würdet das Kreuz lieben und Schweinefleisch essen. Iiiiii. Pfui.

Heute, im Integrationsrat der Stadt Köln, dessen stellvertretende Vorsitzende ich – dem Namen nach bin – bin die am wenigsten erwünschte Person dieses erlauchten Kreises von türkischen Nationalisten und Nationalislamisten.

Es eint sie der Hass gegen die Armenierin, die den Völkermord von 1915 nicht nur nicht vergessen kann, sondern auch stets den türkischen Nationalismus und den politischen Islam, den die Damen und Herren dort vertreten, stets öffentlich kritisiert.

Selbst die autochton deutschen Kollegen aus Integrationspolitik und Stadtverwaltung haben es nicht gern, wenn ich mich in den Sitzungen zu Wort melde und meinen Sitznachbarn wegen seiner Christenfeindlichkeit kritisiere, die sich etwa darin ausdrückte, dass er – inmitten einer öffentlichen Sitzung – despektierlich von „Christen und anderen Ungläubigen“ sprach.

Können Sie sich vorstellen, wie sehr es meinen Vater, den Mann, der mit der Ankunft in Deutschland den Boden der Freiheit küsste, heute schmerzt, wenn Deutschland sich im inneren wie im äußeren stets, unter dem Deckmantel der Toleranz und der Rassismusbekämpfung vor türkische Nationalislamisten stellt?

Dank Anwerbeabkommen, Globalisierung und Eroberungsmentalität vieler türkischer Staatsbürger ist der türkische Nationalismus und Nationalislamismus nicht nur in der Türkei. Zu unserer aller Freude ist er mit all seinen Feindbildern mitgereist und hat sich, auch mithilfe der deutschen Politik, bei uns etabliert. Er hat sich Strukturen aufgebaut und politisch weit vernetzt.

Türkisch nationalislamistische Religionsverbände sind in Deutschland, auf Bundes- und Landesebene ebenso aktiv wie auf kommunaler Ebene. Sie umarmen die deutsche Politik mit orientalischem Charme und dem einen oder anderen Versprechen und Gefallen, um den erstickenden Würgegriff zu verdecken.

Ich gebe ihnen ein aktuelles Beispiel. Diese Kölner Gemeinde hat es erfolgreich geschafft, auf der armenischen Sektion des von dieser Gemeinde genutzten städtischen Friedhofes einen Kreuzstein zum Gedenken an die 1,5 Mio Opfer des Genozides von 1915 im Osmanischen Reich aufzustellen. Viele von Ihnen waren heute Nachmittag bereits dort und haben an der Segnung teilgenommen.

Ist Ihnen aufgefallen, dass der Gedenkstein weder die Zahl der Opfer, noch den Tatort und damit auch nicht die Täter nennt? Es wirkt, als sei der Genozid einer Naturkatastrophe und nicht dem bösen Willen von Menschen zu verdanken. Diese Unsichtbarkeit armenischer Existenz in Köln ist Ergebnis des nationalislamistischen Würgegriffs.

Die Initiative mehrerer türkischer Verbände betonte in einem Brief an alle Abgeordneten der Stadt Köln, das der Gedenkstein den öffentlichen Frieden gefährden würde. Die Stadt übernahm diese Argumentation und wiederholte diese gerade erst neulich wieder.

Hier wurden und werden willkürlich – genauer durch die Übernahme islamischer Mentalitäten – die Verantwortungen von Tätern und Opfern ausgetauscht.

Das mit dem Stein zum Ausdruck gebrachte Gedenken an die eigenen Toten, die Mahnung vor den Auswirkungen von Rassismus, STÖRE den ÖFFENTLICHEN FRIEDEN und nicht der denkbare, zuweilen indirekt gar angekündigte, MOB von Nationalislamisten, der sich am Gedenkstein vergreifen könne.

Das Gedenken wird zur Anstiftung zu Vandalismus umgedeutet, weil die Nachkommen der Täter keine Kritik dulden.

Nicht anders dürfte es einer Frau in Saudi Arabien gehen, die sich wegen einer Vergewaltigung an die Polizei wendet und mit einer Anklage wegen Anstiftung herauskommt resp. verurteilt wird.

Völlig unbemerkt von der gesamten deutschen Öffentlichkeit wurde in Köln mit diesem Austausch der Verantwortung der Rechtsstaat für insolvent erklärt. Erlauben Sie mir bitte ein weiteres Beispiel für die Existenz von türkischem, staatstreuen Rassismus in Deutschland.

Im Juni 2016, einen Tag vor der Bundestagsresolution und damit zwei Tage nach dem ich als damalige Vorsitzende des Zentralrates der Armenier in Deutschland im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mit einem AKP Abgeordneten streitig diskutiert habe, war die Scheibe meines Büros eingeschlagen. Laut Polizei waren es einige Jugendliche. Nicht weiter identifizierbar. Nie zuvor und nie danach ereignete sich ähnliches bei uns oder in der Nachbarschaft.

Einen Tag nach diesem Anschlag auf mein Büro tauchte ein Video in den medialen Netzwerken auf. Türkischstämmige Salafisten hatten die Sendung gesehen und mit eigenen Statements überspielt. Hierin erklärten sie die Qualifizierung des 1915 Geschehenen als Völkermord nicht nur zum Angriff auf die Türkei oder das Türkentum, sondern zu einem Angriff auf die islamische Gemeinschaft. Zusammenhänge drängen sich auf.

Christenverfolgung war das islamische, islamistische, nationalislamistische, jungtürkische und nationalistische Motiv des Völkermordes von 1915.

1915 ging es rückblickend um den Sündenbock, der den Fortschritt der Türkei verhindert haben sollte und vorausschauend darum, dass es den ersehnten türkischen Aufschwung nur mit identitätsverleugnender Assimilation, der politischen Vollendung des Völkermordes, geben könne.

Doch Christenverfolgung ist gerade nicht nur ein Thema der Historie, und mitnichten nur ein Thema im Nahen Osten oder ein Einzelfall-Thema in deutschen Flüchtlingsheimen. Die Beispiele aus Köln zeigen uns, dass Christenverfolgung auch Christendiskriminierung im eigenen Land, direkt hier bei uns, bedeuten kann.

Darum gilt es, sich hier GEDENKEND, erinnernd und MAHNEND, aber auch in vielen anderen Situationen des Alltags dieser gefährlichen Selbstüberhöhung von Nationalislamisten entgegenzustellen, statt sich einerseits folkloristisch zu geben und andererseits, wenn es darauf ankommt, hinter vermeintlicher Besonnenheit und Toleranz zu verstecken.

Welchen Wert hat eine deutsche Bundestagsresolution, die den Völkermord von 1915 politisch verurteilt, wenn führende Mitglieder der deutschen Regierung ihre Anwesenheit verweigern und die deutsche Bundestagskanzlerin der Resolution selbst ihren symbolischen Wert nimmt, in dem sie wenig später dem türkischen Präsidenten Erdogan die Belanglosigkeit des Parlamentsbeschlusses noch einmal ausdrücklich zusichert? Ganz abgesehen davon, was es für Deutschland bedeutet, wenn die Regierung in die Autorität des Parlamentes grätscht.

Welchen Wert hat der Besuch der Genozidgedenkstätte in Armenien Zizernakaberd 2016, durch den damaligen Außenministers Frank Walter Steinmeier, der der Resolutionsentscheidung fernblieb und den Holocaust an den Juden instrumentalisierte, nur um sich nicht positiv zu dem Parlamentsbeschluss zu positionieren?

Es ist wie es ist. Die deutsche Politik „reformiert“ das Gedenken an Verbrechen zur unverbindlichen Folklore.

Die Beispiele aus Köln und die Nichtigkeitserklärung der Bundestagsresolution durch die Bundeskanzlerin zeigen uns, dass der Genozid an den Armeniern, verübt durch die osmanischen Jungtürken, gerade keine armenisch-türkische Frage ist. Mitnichten geht es um einen von Armeniern und Türken nach Deutschland importierten Konflikt.

Es geht vielmehr um die Tatsache, dass Demokraten, gleich welcher Herkunft, sich gemeinsam gegen Rassisten und rassistische Überzeugungen und Geschichtsrevision mutig aufstellen müssen, damit die Rechts- und Werteordnung dieses Landes, aufgrund einer äußerst kurzsichtigen Politik, nicht in eine falsche, Menschenleben in Kauf nehmende, Richtung gelenkt wird.

Ein Rechtsstaat, der nur auf Papier besteht, weil die deutsche Politik sich im Würgegriff türkischer Nationalislamisten befindet, kann auch von autochton deutscher Seite, nicht gewollt sein.

Lassen Sie uns GEMEINSAM ALS FREIHEITLICHE DEMOKRATEN der Toten gedenken, das Gedenken als Ausdruck unserer Kultur bewahren und unser eigenes Handeln im Alltag mutig überdenken.