Marko Wild

I

Als ich aufstand, schlief Sascha noch im Biwacksack, auf ihrer hauchdünnen Iso-Matte. Die Nacht war kalt gewesen, hier am Fluss, in längst über 1000 Metern Höhe. Dass das Mädchen sich nicht verkühlte! Es musste durch furchtbar unkomfortabel sein! Wie konnte man das genießen? Oder war ich dazu einfach schon zu alt? Schnell ein paar „Beweisfotos“ gemacht. Kurz darauf erwachte Sascha, lächelte, setzte sich, als sie bemerkte, dass ich sie „so“ sah, auf, hielt das Antlitz schweigend in die Sonne und meditierte minutenlang mit geschlossenen Augen. Ein glücklicher Hauch überzog ihr Gesicht.

Teil 28.1

Ich baute das Zelt ab und kochte nebenbei Kaffe. Anschließend frühstückten wir. Für mich gab es Brot mit Butter und würzigem Altai-Honig, für sie:

Nüsse und Samenkörner. Ein 1,70 m großes Eichhörnchen.

Danach wollten wir endlich etwas Schönes machen, nämlich einen der umliegenden Berge besteigen – noch einmal den Wasserfall hinauf. Allerdings registrierte ich mit zunehmender Beunruhigung, dass die russischen Camper alle ganz umtriebig wurden, zeitig ihre Sachen packten und sich zur Abfahrt bereit machten. Ich hatte gedacht, sie würden länger bleiben, weil es hier so schön war. Ihre Abreise – das wurde mir schlagartig klar – warf unsere Pläne über den Haufen. Ich sagte zu Sascha, falls ich den Bus nicht losbekommen sollte, müsse uns jemand abschleppen. Deshalb, so leid es mir täte, könnten wir nicht auf den Berg. Denn der Platz würde bald leer sein, bevor vermutlich am Nachmittag die nächsten Leute für die Nacht eintrudelten. Niemand würde uns dann mit dem Auto helfen können. Sascha war nicht begeistert. Ihr nächstes Projekt, aus dem meinetwegen nichts wurde. Keine Seen. Keine Belucha. Und nur ein kleiner Wasserfall. Sie trug es mit Fassung. Schnell räumte ich das Auto ein, löste die Wäscheleine, die T-Shirts waren alle trocken geworden. Gut. Sascha brauchte nicht lange. Ich schaute mich um. Dass die Russen tatsächlich alle aufbrachen, machte mich jetzt richtig nervös. Draußen auf dem Tschujskij Trakt bewegten sich langsam winzige orangefarbene Gepäcktaschen vorbei, die an einem Fahrrad hingen, auf dem ein kleiner Radler mit dunklen Haaren und einem blauen Funktions-Shirt in die Pedale trat: Adrian. Gestern hatte ich mir ausgerechnet, wie weit er noch gekommen sein und wieviel Vorsprung wir ihm gegenüber herausgefahren haben mochten. Er war schneller unterwegs, als ich gedacht hatte.

Nun kam es darauf an. Wie beim letzten Mal, als ich Gernot und Dunja fluchtartig verlassen hatte, spürte ich diesen innerlichen Abgrund, als ich zum Zündschlüssel griff. Doch diesmal gab es keine Resonanz. Kein Zucken. Nicht einmal ein müdes Stöhnen, keine letzte ersterbende Umdrehung. Nur Lämpchen und ein elektronisches Klicken. Es war offensichtlich: Das Problem hatte sich nicht in Luft aufgelöst. Ich legte den dritten Gang ein, rollte fünf Meter den Hügel hinab und ließ die Kupplung kommen. Keine Chance. Die Strecke war zu kurz. Wir erreichten keine Geschwindigkeit. Der Bus stand mausetot in der Wiese. Und wir waren schon fast allein. Nur zwei PKWs mit Besatzung, einer davon ein Geländewagen, bliesen gerade zum Aufbruch. „Sascha, du musst die Leute fragen, ob sie mich abschleppen können“, drängte ich sie. Die Russen verstanden schnell. „Kein Problem“, klopften sie mir auf die Schulter. Zu viert, zu fünft, es schien ihnen Freude zu machen, schien es das Normalste überhaupt zu sein, uns zu helfen. Wir mussten den Bus rückwärts anschleppen. Mein extra für die Reise gekauftes Seil kam zum Einsatz. Nach wenigen Metern Zugkraft durch ihren Geländewagen wurde der Fünfzylinder wieder zum Leben erweckt. Überfroh bedankte ich mich tausendmal und die Russen zogen ihrer Wege. Zeit, die große Frage zu stellen:

„Sascha, ich muss eine Werkstatt finden. Und ich brauche einen Dolmetscher. Hilfst du mir?“

Sascha nickte.

II

 

Die nächste Siedlung hieß Tschibit und sah nicht so aus, als könnte uns da geholfen werden. Wir schlossen zu Adrian auf, hielten kurz an und schilderten ihm die Lage. Meine Sorgen, nichts seine. Er wünschte uns Glück. Zwei Kurven weiter und ein paar Kilometer bergauf dann: Aktasch. Dobro Poschalowatjch. (Herzlich willkommen.)

Es war Liebe auf den ersten Blick. Aktasch war einer jener Orte, die ich immer hatte erreichen wollen, ohne mir dessen bewusst gewesen zu sein. Ich kam, sah und mir war augenblicklich klar, dass dieser Ort und ich füreinander bestimmt waren. Ein Ort, für den es in mir eine Leerstelle gegeben haben musste, deren Wehklagen immer leise präsent gewesen und von mir dennoch nie registriert worden war. Dieses Klagen verstummte jetzt von einem Moment auf den anderen, und ich empfand etwas Weiches, Erlösendes, als hätte Aktasch lange auf mich gewartet und würde mir nun zuflüstern, endlich bist du gekommen.

Teil 28.2

Ja, ich war da. Und ich war nicht allein. Das Mädchen war bei mir. Und das machte alles noch viel besser. Aktasch lag auf einer Hochtalebene, etwa 1350 m über dem Meer. Die Sonne brannte. Auf dem Asphalt flirrte die Luft. Der hier von Straßenlaternen gesäumte Tschujskij Trakt führte drei Kilometer geradeaus an Aktasch vorbei. Rechts der Straße schossen die Berge 800 Meter steil ins Firmament, wie in meinem Traum mit den Tieren. Davor, auf einer flachen Steppenwiese, hatten sich Leute Datschen gebaut. Kinder spielten Fußball. Pferde liefen unter Strom- und Telegrafenmasten frei umher. Alles vermittelte einen völlig entspannten Eindruck. Gegenüber, auf der Seite der Stadt, reihten sich Geschäfte aneinander, die typischerweise etwas mit Autos und Verkehr zu tun hatten: Schinomontasch (Reifenservice), Awto-Servis (Werkstatt), Ersatzteilhandel, Tankstelle. Und Kafes. Aktasch lag links der Fernstraße. Nein, es lag nicht, es ruhte. Von da kletterte es, dichter werdend und sich dann allmählich verflüchtigend, in die auslaufenden Hänge der Berge. Ein Bild, wie auf den legendären Zigarettenreklamen – Westen, Freiheit, Route 66.

Ich hatte hier ohnehin einkehren wollen. Vorräte kaufen, Telefonkarte aufladen, Kleider für meine Töchter suchen, in einem Kafe essen. Wir nahmen die zweite oder dritte, links abgehende Straße. Die, mit dem besten Asphalt. Nach wenigen Metern kam bereits die erste, kleine Autowerkstatt. Ein Holzschuppen nebst einem Wohnhäuschen, vor dem ein Auto aufgebockt war. Sascha sprach mit einem ölverschmierten Mann. Der meinte, wir sollten es am besten bei „Em-Tsche-Es“ versuchen, einfach weiter die Straße hoch. Sascha erklärte mir, worum es sich handelte: МЧС war das fire department – die Feuerwache. Nach ein paar Metern auf der rechten Seite fanden wir es: einen weiß getünchten, einstöckigen Massivbau mit dunkelblauen Stahltüren und Wellblechdach. Darauf eine rostige Antenne. Der klassische russische Charme des vergangenen Jahrhunderts: robust, heruntergekommen, aber funktionstüchtig. Neben der Garagenhalle, die groß genug für zwei Feuerwehrautos war, befand sich das Büro. Das Gebäude wurde von Leitungen versorgt, die von uralten Isolatoren aus Porzellan aufgefangen wurden. Wir parkten auf dem Kiesplatz vor den Garagen, so, dass ich das Auto wieder anrollen lassen konnte. Dann machte ich den Motor aus. Hier musste uns geholfen werden. Hier, oder nirgends.

In Wirklichkeit ist МЧС die lokale Außenstelle des Ministeriums für Katastrophenschutz. Der in Aktasch jedoch schlicht von der Feuerwehr übernommen wurde. Katastrophenhilfe – genau richtig für uns. Wir sprachen mit einem älteren Mann, der die Stellung hielt und gerade mit einem Wasserschlauch den Betonboden im Inneren ausspritzte. Sascha übersetzte. Es klappte ganz gut. Der Mann griff zum Telefon, sprach mit jemandem und teilte uns anschließend mit, er habe seinem Freund Schenja Bescheid gesagt. Dieser besitze ein Diagnosegerät und würde hierher kommen, um sich den Bus anzusehen. Dann wandte er sich wieder seiner Arbeit zu. Sascha hatte gehört, wie der Mann ins Telefon gesagt hatte „wir müssen diesen Muschiki (Männern) helfen!“ Sascha fand das witzig. Denn anscheinend hielt er auch sie für einen Mann, weil sie ihre Haare wegen der Hitze mit einem Tuch hochgebunden hatte und Männersachen trug – ein Tarnhemd und Jogginghosen.

Nun hieß es warten. Sascha saß mit geschlossen Augen auf dem Beifahrersitz und schwitzte tapfer. Ich ging ein wenig herum und beobachtete Menschen. Die Bevölkerung war gemischt – zum Teil slawisch, blond und hellere Haut, zum Teil zentralasiatisch. Ich schoss Fotos von Jungs, die in wilder Freude und ohne Helm auf alten japanischen 125ern die Straße heraufgeprescht kamen, von Mütterchen mit Kopftuch, in dunklen Kleidern, in denen sie langsam auf dem Schotter neben der Straße herauf watschelten und dabei immer wieder stehen blieben, um sich auszuruhen, bis sie endlich mit ihrem vom Markt mitgebrachten Einkauf in kleinen Holzhäuschen mit kleinen Gärtchen verschwanden. Sowjetische, zwei- und dreiachsige LKW kamen ebenfalls nur langsam die Straße hoch und runter gefahren. Hintendrauf signalfarbene Tanks. Vielleicht Öl. Oder Treibstoff. Ich wusste nicht, woher sie kamen – aus den Bergen? – oder wohin sie fuhren – in die Berge? Was war da? Wohin führte die Straße? Leider hatte die Nowosibirsker Kartografie-Druckerei beim Zusammenheften meines Altai Atlasses etwas durcheinander gebracht. Die vier mittleren Doppelblätter wiederholten sich, die richtigen jedoch fehlten, so dass ich insgesamt acht Seiten vermisste. Unter anderem genau jene, die Aktasch und die hohen Berge gezeigt hätten – also das Herz des Gornij Altai.

Noch bevor ich ungeduldig wurde, kam ein PKW angebraust. Ein kleiner Mann stieg aus, sprach kurz mit dem Älteren von МЧС und trat dann an uns heran. Er streckte seine Hand aus, stellte sich als Schenja vor und legte sich sogleich in den Fußraum des Busses, um ein Laptop zu verkabeln und die Diagnose zu starten. Schenja gefiel mir auf anhieb. Er schieb Kasache zu sein, oder russisch-kasachisch. Seine braune Haut, das kurze, dunkle Haar, ein schlichtes graues T-Shirt, eine dunkelgraue Trainingshose – russisches Understatement. Auffällig an ihm war nur, dass er trotz seines Alters, das ein paar Jahre mehr, als meines gewesen sein mochte, durchtrainiert und drahtig aussah. Die Zuversicht indes, die von diesem Menschen ausging, das fast kindlich-fröhliche Lächeln, das permanent in seinem Gesicht etabliert spielte sowie die Kundigkeit, mit der er zu Werke ging – all das löste meine Sorgen auf, wie sich Morgennebel im Sonnenschein auflöst. „Schenja ist ein guter Mann“, hatte der andere zu Sascha gesagt. Ich glaubte ihm auf’s Wort. Nach kurzem Check teilte Schenja uns mit: Elektronik okay. Diagnose findet nichts. Maybe Starter kaputt. Also vielleicht der Anlasser. Der Gedanke war mir auch schon gekommen. Schenja bot uns an, sich das Auto in seiner Werkstatt anzusehen. Momentan hätte er noch ein Auto da, das würde aber in den nächsten zwei Stunden fertig werden. Danach könne er sich den Bus vornehmen. Natürlich willigte ich ein. Mein Ladegerät ließ ich im Feuerwehrdepot, um den Akku meiner Kamera zu laden. Es war nicht einfach, überhaupt irgendwo an Strom zu kommen. Dann: anrollen lassen, Schenja folgen, drei Minuten später stand der Bus vor einem weiteren kleinen Schuppen neben einem weiteren Holzhäuschen in einer planierten Straße ohne Asphalt. Spatzen badeten im Staub. Schenja meinte, wir könnten das Auto hier lassen und warten. Oder weggehen und in zwei Stunden wieder kommen. Oder gehen und ihm den Schlüssel da lassen, damit er das Auto ansehen könne, sobald er mit dem anderen fertig wäre. So würden er und wir keine Zeit verlieren. Dazu müssten wir ihm allerdings vertrauen. Es wäre unsere Entscheidung.

Leise beriet ich mich mit Sascha:

„Was glaubst Du? Welchen Eindruck macht der Mann auf Dich?“

„Er sieht nicht wie ein Gangster aus“, meinte sie.

„Finde ich auch. Ich glaube, man kann ihm vertrauen.“

„Es ist dein Auto.“

„Ja, ich weiß…“

„Ich denke auch, dass man ihm vertrauen kann. Alles, was er bisher sagte, traf zu. Er kam wie vereinbart. Auch der Rest stimmte.“

Sascha konnte ziemlich logisch sein.

„Und er sieht freundlich aus. Lass es uns tun. In der Zwischenzeit gehen wir auf einen der Berge. Das ist besser, als hier zu warten.“

Sascha war dabei. Ich zog mir etwas Kurzes an, steckte mein Taschenmesser, das seit 8 Jahren immer dabei sein musste, ein, wir packten die wichtigsten Papiere und das Geld in kleine Rucksäcke, ich schnürte mir die Bergschuhe, übergab Schenja den Schlüssel; dann ging es los. Mochte alles in guten Händen sein.

Auf dem Marktplatz war heute Markttag. Sah nett aus. Umtriebig und einfach – wie in alten Zeiten. Bei Rückkehr hier Einkaufen, notierte ich mir in Gedanken. Wir zwei Wanderer schritten gemächlich aus. Ich hatte schon einen bestimmten Berg im Auge. Schräg oberhalb von МЧС, wo ich Akku und Ladegerät wieder einsteckte, befand sich eine türkis gestrichene, islamische Kapelle auf einem kleinen Hügelchen. Der Telegrafenmast drauf wurde von einem Steinhaufen gehalten. Hinter der Kapelle ging es eine baumlose Alm hinan, hinauf zu einem nicht allzuhohen Gipfel, ein paar hundert Meter über Aktasch. Diese Richtung schlugen wir ein.

III

Sascha ließ mir den Vortritt. Ich war schon in den Bergen gewesen. Sie wusste das. Ich wählte ein Tempo, das ordentlich, aber nicht zu schnell war. Kräfte einteilen. Trotzdem versuchte ich, ihrer gestrigen Ankündigung die Luft abzudrehen. Heute würde mir das Mädchen nicht noch einmal davon steigen. Doch sie war gut. Ein richtig zäher Brocken. Nicht lange, und es wurde extrem steil. Schluss mit Bergwandern. Klettern war angesagt. Große, ermüdende Schritte aufwärts. Oft mussten wir uns mit Händen an den Felsen festklammern. Der Weg teilte ich mehrfach, wie der Lauf der Tschuja, kam wieder zusammen, verlor sich ganz und tauchte an völlig unerwarteter Stelle wieder auf. Vermutlich waren das vom Vieh ausgetretene Pfade – keine Wanderwege. Bald gab ich es auf, nach dem einen richtigen Weg Ausschau zu halten und kletterte geradewegs noch oben. Den Gipfel würden wir schon erreichen. Wir hatten ihn ja ständig vor Augen. Absturzgefahr bestand auch nicht wirklich. Es war nur eine etwas steilere Almwiese mit herausschauendem Felsgestein.

Allerdings gab es doch ein Problem: dies war der Südhang. Und es war Mittag. Kein Schatten, kein Wind. Die Sonne brannte mit über 30 Grad und ich hatte keine Kopfbedeckung dabei. Einen Strohhut wollte ich mir erst noch kaufen. Meine Schiebermütze aus Wolle hatte ich für eher kühle Verhältnisse mitgenommen und deshalb im Auto gelassen. Ein Fehler. Ich musste mein Hemd ausziehen und es mir über den Kopf legen, der viel zu heiß glühte. Mir war klar, dass ich mir so den Rücken verbrennen würde, denn Sonnencreme hatte ich ebenfalls keine dabei. Auch mein Gesicht und die Waden würden vermutlich gegrillt werden.

Wir hatten ungefähr zwei Drittel des Aufstieges geschafft, als ich mich zu einer Pause niederließ und mein Wasser herausholte. An der Art, wie Sascha auf einen Felsen sank, sah ich, dass sie fertig war. Trotzdem sagte sie herausfordernd: „Na, haste nicht gedacht, dass ich so lange durchhalte, stimmt’s?“

„Du bist ein echt guter Kletterer“, stimmte ich ihr zu.

„Trotzdem: Heute gewinnt das Mädchen nicht. Du hast recht: Mit guten Schuhen bist du besser.“

Ich war froh, dass sie das sagte. Auch mich hatte dieser kleine Aufstieg mehr gefordert, als gedacht. Das brauchte sie aber nicht zu wissen. Wie gesagt: sie war wie ich – vor einem halben Leben. Sascha holte ihr Trinken heraus. Mich traf fast der Schlag: nur eine kleine Halbliterflasche mit Wasser. Oh-ha, das konnte noch lustig werden. Ich selbst hatte zwei Liter dabei. Wovon allein in dieser Pause ein halber Liter gierig weggeschluckt wurde. Aktasch aus der Höhe, diesen Blick mussten Adler haben, die am Himmel kreisten. Doch es wurde noch besser. Zwanzig Minuten und ein paar Pausen später erreichten wir den Gipfel, der, wie ich zu meiner Enttäuschung feststellten musste, gar kein Gipfel, sondern lediglich ein spitzer Vorsprung war. Nach hinten bildete er ein rund hundert Meter in die Tiefe gehendes Wiesen-Plateau, bevor es zum eigentlichen Gipfel erneut steil bergan ging. Dieser jedoch war von Aktasch aus verdeckt gewesen, so dass ich ihn nicht hatte sehen können. Unser kleines Bergplateau lag irgendwo zwischen 1700 und 1800 Metern hoch. Danach ging es gut und gerne noch einmal 150 Meter hinauf, bis 1934 Meter. Sascha ging bis zu ein paar Lärchen, ließ sich in deren Schatten ins Gras fallen und gab keinen Mucks mehr von sich. Ich legte mich ebenfalls ein wenig hin. Dann ging ich vor an den Abhang und schaute hinunter. Aktasch füllte als nahezu perfekt geformtes Dreieck eine große, deltaförmige Schwemmebene aus, durch ein kleines, aus den Bergen kommendes, Flüsschen verlief – von hier oben kaum mehr, als ein Rinnsal. Jene Tschibitka musste einst mächtig gewesen sein, um dieses Delta formen zu können. Oder es war das Eis gewesen. Oder etwas ganz anderes. Unterhalb von Aktasch nahm sie die noch kleinere Menka auf, die sich an der gegenüberliegenden Bergflanke ihr Bett gegraben hatte, und mündete dann ein paar Kilometer flussab in die Tschuja. Der Anblick verzauberte mich. Ich suchte den Bus. Und fand ihn: ein winziges schneeweißes Etwas. Er war also noch da. Schon mal gut. Ich ließ meine Augen nach links schweifen. Außerhalb der Stadt, links oberhalb des Tschujskij Trakt, viele einzeln verteilte, türkise Punkte im Grase. Das musste ein kasachischer Friedhof sein. Ich ging ein paar Schritte an den gegenüberliegenden Rand des Abhangs, da gab es noch eine kleine Kuppe, die bestieg ich. Und da sah ich es … Fantastisch!

Ich lief los, um Sascha zu holen. „Komm, Sascha, sie sind da, ich habe es doch gewusst, dass man sie sehen müsste von hier oben! Sieh nur! Die Berge! Die Viertausender!“ Wir standen da und staunten wie Kinder, sahen auf die gletscherbedeckten Gipfel, die jetzt hinter jener dunkelgrün bewaldeten Berggruppe, welche Aktasch gegenüber lag, herausschauten. Es hatte sich gelohnt, hierher zu kommen. Wir machten Fotos. Sascha setzte sich hin und sagte „Ich könnte jetzt einfach nur hierbleiben. So schön …“

Teil 28.3

Ja, es war schön. Doch mich packte der Ehrgeiz: ich wollte mehr. Ich beabsichtige nämlich, nun doch noch den eigentlichen Gipfel zu erreichen. Sascha ließ sich widerwillig mitziehen. Wir durchquerten zunächst eine Scharte, in der Brombeeren und Brennesseln wuchsen. Also: erst etwas Abstieg, bevor es wieder bergauf ging. Ich war auf Bärenbegegnung vorbereitet. Sascha wurde immer langsamer. Nach kaum 50 Höhenmetern sagte sie, sie könne nicht mehr. Zum ersten Mal musste sie ihrer (meiner Ansicht nach) viel zu spärlichen Energiezufuhr Tribut zollen. Ich bat sie, einfach sitzen zu bleiben und stieg bis zum nächsten terrassenartigen Vorsprung auf. Dort sah ich, dass der Gipfel noch einmal viel weiter weg war, als ich gedacht hatte. Schluss für heute. Ich kehrte um. Das alles dauerte kaum länger, als eine Viertelstunde. Wieder bei Sascha fragte ich: „Hast du Angst gehabt?“

„Nein“, erwiderte sie, „ich wusste, dass du zurück kommst.“

Für den Abstieg suchte ich einen anderen Weg. Ich nahm den Westhang. Vielleicht ein bisschen Schatten. Denn dort wuchsen bis auf halbe Höhe immer wieder Latschenkiefern. Überhaupt gedieh hier die alpine Vielfalt. Pflanzen und Schmetterlinge wie aus dem Naturführer, Zusatzvermerk: sehr selten. Ich sah etwas wie gelben Enzian, etwas, wie die Miniaturausgabe der Riesenlobelien vom Kilimanjaro, 15 cm groß, Flechten, rosafarbene Kugelblumen, auf denen zahlreiche Fliegen mit gazeartigen, durchsichtigen Flügeln voller roter Punkte saßen, so dass man sie zunächst für die eigentliche Blüte halten konnte. Und einen großen, weißen Apollofalter, der mir immer wieder davon hüpfte, wenn ich ihn fotografieren wollte. War es nicht genau das, was wir alle in den Bergen zu finden hoffen? Ausblick? Enzian und irgendwelche seltenen Falter? Die uns ein „Hach“ entlocken? Wir schauen zu den weißen Gipfeln, und sagen „Hach“. Dann ein Rundumblick. „Hach, hach …“ Ja, diese kleine Tour war voller solcher kleiner Hach-Momente.

Herunter dauerte es gerade einmal halb solange, wie hinauf. Als wir wieder im Dorf ankamen – denn an den Rändern war Aktasch genau das: ein Dorf – waren wir fix und fertig. Die Sonne hatte uns geschlagen. Wir gingen zum Flüsschen Tschibitka, das von Norden kommend nach Aktasch hinein floss und füllten unsere Flaschen. Ich stieg in den Fluss und hielt mehrmals den Kopf unter Wasser. Sascha lachte. Das eiskalte Wasser brachte meine Lebensgeister zurück. Allerdings überkam mich nun ein neues Verlangen. Irgendetwas Süßes aus Milch musste her. Quark, Trinkjoghurt – was auch immer. Ich ging in den erstbesten Laden, im dem es Produkteuij – Lebensmittel – gab, und kaufte mir ziemlich flüssigen Joghurt mit Aprikosengeschmack aus dem Kühlregal. Zwei mal 300 Gramm auf Ex. Danach war ich schon fast wieder der Alte. Jetzt fehlte nur noch eines: ein Eis.

Sascha kaufte:

nichts.

IIII

Wir schlenderten die Hauptstraße entlang, über den Marktplatz, ähnlich drei braun-weißen Kälbchen, die sich vor einem goldenen Kriegerdenkmal unters Volk gemischt und es alles andere, als eilig hatten. Ich fotografierte sie. Obst-, Gemüse- und Textilfrauen boten ihre Waren an. Früchte von beeindruckender Größe. Kittelschürzen aus buntem Nylon, für die Arbeiterin im Altai. Es gab Schuhe, Einweck-Gläser, Plastik-Schüsseln usw. Ich fühlte mich gerade sehr wohl. Erinnerungen an meine beschauliche Kindheit in der DDR stiegen auf. Ein entgegenkommender PKW verlangsamte seine Fahrt und hielt direkt vor uns.

Das Seitenfenster wurde herunter gekurbelt. Schenja. Er habe sich den Bus angesehen. Es sei tatsächlich der Anlasser. Durchgeschmort. Telefoniert hätte er schon. Leider gebe es hier nirgends einen originalen Ersatz. Er würde jetzt ein bisschen herum fahren und versuchen, eine Alternative aufzutreiben. Der Zündschlüssel liege im Schuppen auf der Werkbank. Und weg war er.

Diese Hitze… Sascha und ich wollten endlich Schutz vor der Sonne. Nach dem Markt bogen wir in die zweite Straße links: da stand er, der Bus. Erschöpft nahmen wir im Schatten Platz. Mit dem Rücken an der Schuppenwand saßen wir da, dösten vor uns hin und warteten auf Schenja. Ob er einen Anlasser auftreiben konnte? Die Frage schien kaum relevant. Seltsam. Es war so still hier. Nur die Spatzen. Was waren das für quirlige Kerlchen. An den Rändern der engen Straße, vor den Holzlatten der Gartenzäune, wuchsen Kamille, Huflattich und langstieliges Kraut mit gelben Blüten. Wie friedlich… Wie: natürlich. Ich hatte überhaupt keine Angst… Eigentlich war es richtig schön, einmal ganz loslassen und einfach nur warten zu müssen. Ich fühlte eine große Zuversicht, dass schon alles irgendwie gut werden würde, ohne zu wissen, wie…

Schenja brauchte nicht mal eine Stunde. Wahrscheinlich werde ich nie erfahren, wie ihm das hier im tiefsten Altai gelungen war, aber er stieg aus, lächelte und hielt einen kleinen Zylinder aus schwarzem Plastik hoch. Einen VW-Anlasser hätte er nicht gefunden, meinte er. Aber einen von Audi. Gebraucht, doch noch ziemlich gut. Jetzt müsse er schauen, ob er passe. Jaja, mach nur, nickte ich, und beobachtete ihn… Wie er sich unter den aufgebockten Bus legte. Kopf und Oberkörper verschwanden. Ich sah seinen Arm nach einem Steckschlüssel tasten. Jeder Griff war zielstrebig, jede Bewegung zeugte von absoluter Sicherheit. Je länger ich Schenja, der eigentlich Jewgeni hieß, zusah, desto entspannter wurde ich. Tiefenentspannt. Beinahe tranceartig meditative Minuten verstrichen. Schenja kam unter dem Bus hervor, reichte mir den alten Anlasser und zeigte, wo es in den Wicklungen zu einem Kurzschluss gekommen und das Plastik-Gehäuse angeschmort war. Nun baute er den neuen alten Audi-Anlasser ein. Dann kam der Test. Schenja versuchte es selbst. Jetzt wurde mir doch ein wenig Bange. Aber schon beim ersten Versuch schnurrte der Motor los wie ein zufriedenes Raubkätzchen, dass es eine helle Freude in den Ohren war. Schenja – mein Held!

„Mit dem kannst du noch lange, lange fahren“, sagte er, scheinbar ohne je einen Moment daran gezweifelt zu haben, dass es funkzanieren würde. Er fragte, was ich zu zahlen bereit wäre. Ich hatte gehofft, es würde im Rahmen von 5000 Rubel bleiben, wollte ihm aber nicht vorgreifen. Schenja „bat“ um 4000 Rubel – 3000 für den Anlasser und 1000 für die Arbeit. Alles in allem eine Reparatur für weniger als 70 Euro, inklusive Anlasser. Ich gab ihm noch eine meiner CDs. Anschließend fuhren Sascha und ich einkaufen. Am Rande des zentralen Platzes – jenem mit dem goldenen Kriegerdenkmal, vor dem die Kälbchen flanierten – gab es einen Supermarkt der Kette Marija-Ra, der ziemlich einladend aussah. Mit einer Apotheke. Und breiten Schaufenstern. Über dem mittleren stand groß und bunt myj oktryjlis – vermutlich „wir haben geöffnet“. Vor dem Supermarkt parkte ein alter LandCruiser, auf dessen Dach die Russlandflagge wehte, wie auf einer Staatslimousine: klein, mit goldenem Doppelkopf-Adler-Wappen. Man mochte sein Land und zeigte es. Beneidenswert.

Wir – das heißt: hauptsächlich ich – deckten uns mit Lebensmitteln für die nächsten Tage ein. Zur Feier des Tages kaufte ich auch eine Flasche billigen Sekt. In der Bank gab es einen Terminal, um Mobiltelefone aufzuladen. Auch den nutzte ich. Dann Kriegsrat: eigentlich hatte ich heute bis Taschanta, an die mongolische Grenze, fahren wollen. Doch es war schon nach um Vier. Ich schlug vor, die unbekannte Straße in die Berge zu nehmen, und irgendwo da oben zu übernachten. Und morgen dann weiter nach Taschanta. Sascha war einverstanden. Es schien allerdings mehr ein Nachgeben zu sein, ein Sich-den-Umständen-fügen.

V

Aktasch war schon jetzt „meine“ Stadt im Altai. Noch eine Nacht in ihrer Nähe zu bleiben, schien mir passend. Auf einer Karte waren kleine Seen nördlich der Stadt verzeichnet. Dort wollte ich hin. Die Asphalt-Decke der Straße, welche in die Berge führte, reichte leider nur bis kurz nach Ortsausgang. Ohne Vorwarnung begann eine Schotterpiste. Das von der Planierraupe übergebliebene Kettenprofil malträtierte die Stoßdämpfer wie ein Presslufthammer. Ich litt mit dem Bus. Er war dafür einfach nicht gemacht. Wir kamen durch ein enges, hohes Tor aus rotem Felsgestein, ein sicher berühmter Anblick, den ich wegen der schlechten Straße leider kein bisschen würdigen konnte. Meine Uuuhs und Aaahs und Ooohs übertrugen sich auf Sascha. Bald verzog auch sie das Gesicht, saugte die Luft durch die Zähne und hielt den Atem an. Als ich sie darauf ansprach, meinte sie, sie könne nichts dagegen tun. Mittlerweile empfinde sie mit mir für das Auto.

Da brausten urplötzlich zwei Motorradfahrer von hinten heran und an uns vorbei. Burschen, ohne Sturzhelm, in schwarzen Lederjacken und Tarnhosen. Ihre Maschinen waren schwere, antike Eisenschweine, mit dicken Satteltaschen aus Leder und mächtigen Schutzblechen, wie aus einem der alten Schwarz-Weiß-Videos von Depeche Mode. Sie überholten uns in einer für mich völlig unverständlichen Geschwindigkeit. Die Motorräder hüpften über Bodenwellen, dabei legten sich ihre Fahrer sogar noch in die Kurve. Es staubte, es spritzte – ein Wahnsinn. Vielleicht fuhren sie zur Jagd in die Berge. Wilde, mutige Draufgänger. Welt, was hast du zu bieten? Wir kommen und nehmen es uns! Aus dem Weg!

Ich zuckelte weiter niedertourig im dritten Gang, manchmal im zweiten, manchmal im Kriechtempo die Piste hinauf. Unverhofft ein asphaltierter Abschnitt. Doch bald ging es weiter wie zuvor. Nach vierzig Minuten – wir mochten an die 17 Kilometer geschafft haben – erreichten wir eine karge, baumlose Hochebene: das Gebiet der kleinen Seen. Nirgends Zeichen menschlichen Lebens. Ich spielte mit dem Gedanken, wieder umzukehren. Zu schlecht war die Straße, jedenfalls für eine Fahrt ins Ungewisse. Bei einem konkreten Ziel sieht das ganz anders aus. Einmal holte ich das Rad aus dem Kofferraum und erkundete einen Seitenweg. Doch auch in dieser Richtung kam meilenweit nichts. Ein Auto kam uns entgegen. Seine Staubwolke hatte es angekündigt, wie Rauchzeichen aus der Ferne. Es gab also doch Leben hier oben. Ich durfte die Hoffnung noch aufgeben. Da tauchte, hinter einer Steigung, ein Holzhäuschen auf. Hier oder nirgends würden wir bleiben. „Finito, keine 100 Meter mehr“, sagte ich zu Sascha. Mit diesen Worten bog ich auf den Hof. Doch was war das? Hier gab es nicht nur eine Hütte, sondern derer gleich drei oder vier, die wegen des abschüssigen Geländes nicht zu sehen gewesen waren. Es schien ein richtiger Treffpunkt für Weltenbummler zu sein. Der Besitzer hatte allerlei ehemaliges Militärgerät auf dem Gelände deponiert – mehr zur Dekoration, als dass es eine Funktion erfüllte. Mindestens ein halbes Dutzend Menschen saßen oder liefen herum, nebst Hühnern, Tauben, Ziegen und einem schwarzen Hängebauchschwein in einer Koppel. Ein Pferd stand angebunden irgendwo an der Seite. Zwischen zwei Nadelbäumen war ein Seil gespannt, auf dem zwei Sattel zum Auslüften hingen. Der Ort gefiel mir.

Ein etwa 50-jähriger Mann in kurzen, blauen Turnhosen, sommerlicher Armeejacke und einem Militär-Käppi kam auf mich zu. Er trug einen dicken Schnauzer und schaute freundlich drein. Anscheinend der Chef. Ich fragte, ob wir hier irgendwo schlafen könnten. Selbstverständlich, gestikulierte er. Alles stünde uns zur Verfügung – die Hütten, die offenen Plätze; er habe eine Sauna, was auch immer wir wollten. Ich sagte, wir würden einfach hier oben gern unser Zelt aufschlagen. Kein Problem meinte er. Die Übernachtung kostete 100 Rubel, die sollten wir einfach in eine Blechbüchse stecken, die er an einem Balken angebracht hatte. Ich bezahlte für Sascha und mich.

Dann hörte ich ihn laut schimpfen: Er stauchte seinen Hund zusammen, eine schwarz-weiße Laika, die ihm fortan nicht mehr von der Seite wich. Dann kam noch einmal zurück, zeigte auf mich und sagte:

„Germanija?“

„Da.“

Oh ja, er kenne Deutschland auch, tippte er sich mit den Fingern mitten auf’s Schlüsselbein.

„Tuji bjil Soldat?“, fragte ich in meinem fragmentarischen Russisch.

„Da, Soldat.“ Stationiert in einer kleinen Stadt im Süden der DDR. „W gorodje Plauen.“

Wie bitte? Plauen? Plauen lag gerade einmal 30 Kilometer von meiner Heimatstadt entfernt. Ich versuchte ihm das mitzuteilen, sagte „Plauen trizatjch Kilometer do maja goroda! Trizatjch Kilometer!“

Er verstand. „Valentin“, hielt er mir seine Hand hin.

Ich ergriff sie und nannte meinen Namen. Dann winkte er mir, „Einladung! Meine Gast!“ Er sprach noch ein wenig Deutsch. Ich sollte mitkommen. Er wollte zuerst mit mir trinken und dann noch für Sascha und mich kochen. Die Erinnerungen übermannten ihn. Immer wieder schwärmte er von einer „Gastschtätt Victoria“, in die er und seine Kameraden in Plauen regelmäßig eingekehrt waren. Und wie wunderschön es da gewesen sei. Ich wollte ihn nicht beleidigen und setzte mich an seinen Campingtisch, wie er es wünschte, während er in einer der Hütten verschwand und Tee aufsetzte.

Sein angekündigtes Programm mit Suppe kochen und so weiter war mir denn allerdings doch etwas zuviel des Guten. Ein anderer Mann saß bereits am Tisch. Sein gewaltiger, bulliger Körper lehnte entspannt in einem Campingstuhl. Olivgrünes Hemd, Safarishorts, modisches Tarnkäppi. Er schien auf Valentin zu warten. Ihr Gespräch war offenbar durch unsere Ankunft unterbrochen worden. Zu Leuten, die ein so freundliches Gesicht mit solch wachen, grauen Augen haben, setzt man sich gerne an den Tisch. Auf Englisch stellte er sich mir als Sergej vor, geboren in Lugansk, Ukraine, dem jetzigen Bürgerkriegsgebiet. Heute lebte er in der Nähe von Vladimir – jener ersten größeren Stadt nach Moskau, die ich mit Sima durchfahren hatte. Sergej war mit dem Rad unterwegs und wollte ebenfalls bis Taschanta, an die mongolische Grenze. Gestartet war er in Gorno Altaisk. Während Valentin Tee aufsetzte fragte ich Sergej, ob er nicht ein wenig Sonnencreme hätte, denn ich hatte mich heftig verbrannt. Du bist doch nicht etwa ohne Sonnenschutz unterwegs, erwiderte sein Blick mit einem scherzhaften Tadel. Er ging in die Hütte neben jener, in der Valentin mit Teemachen beschäftigt war, kramte kurz in einem Rucksack und kam dann mit einer Tube zurück. „Das hier ist sehr gut. Aus Moskau“, sagte er auf Englisch. „Fettcreme für Babys. Hilft besser bei verbrannter Haut.“ Dann cremte dieser 1,95 Meter große Bär von einem Mann mir eigenhändig den Rücken ein und schenkte mir anschließend die noch halbvolle Tube. Er besäße noch eine zweite neue. Da er sich heute auch ein wenig verbrannt hätte, wisse er, wie lästig das sei, zwinkerte er mir zu.

Valentin brachte den Tee in einem Samowar und winkte auch Sascha mit heran. Dann gab es einen Wodka. Nicht für Sascha, die den Kopf schüttelte. Valentin stellte eine Schüssel auf den Tisch und wollte Gemüse putzen und Kartoffeln schälen. Für unsere Suppe. Bitte – nein, lehnte ich dankend ab, keine Umstände. Wir hätten noch ein paar Lebensmittel, die unbedingt weg müssten. Das stimmte zwar nicht ganz. Doch ich brauchte dringend Ruhe. Der Tag war anstrengend gewesen. Außerdem sah Valentins Gesicht schon etwas angerötet aus, und ich nahm an, die Farbe hatte es nicht von der Sonne.

Man ließ uns ziehen. Sascha war froh.

VI

Als ich Essen machen wollte, fand ich mein Taschenmesser nicht mehr. Wie ärgerlich! Wahrscheinlich hatte ich es heute auf der Bergwanderung verloren. Vielleicht als wir im Gras lagen. Die Hosentasche war einfach zu klein gewesen. Ich hätte es wissen müssen. Der Verlust des Messers schmerzte mich ungeheuer. Denn das war kein Gegenstand, den ich jederzeit wieder nachkaufen konnte. Die Klinge war geschwungen und 7.5 cm lang; sein Griff bestand aus lappländischer Birke – Maserbirke – und war in meinen Augen ganz herrlich und einzigartig gemasert gewesen. Eine Seite eng geflammt, wobei man die „Flammen“ sogar im Relief spüren konnte, die andere Seite mit einem mehr gekräuselten Muster. Ich hatte es geliebt, mit diesem Messer einfach nur in der Hand zu spielen. Es hatte mich beruhigt und war stets ein schönes Gefühl gewesen. Es war von mir regelmäßig geschliffen worden und der Griff war unter meiner Ölbehandlung nachgedunkelt, was die Flammenzeichnung noch besser hervorgehoben hatte. So ein Messer würde ich nie wieder finden. Ich versuchte, mich mit einem Gedanken zu trösten: wenn es im großen Plan so vorgesehen war, dass ich dieses Taschenmesser eines Tages verlieren sollte – dieses wunderbare Messerchen, das mich seit acht Jahren täglich begleitet hatte – wenn es also so vorherbestimmt gewesen sein sollte, dann gab es dafür wohl keinen besseren Ort, als Aktasch. Etwas von mir, etwas, das ich geliebt hatte, würde hier zurückbleiben. Besser hier, als irgendwo sonst. Und dennoch: Warum gerade dieses Messer?! Das, wovon ich Sascha immer gesagt hatte, ohne das ginge es überhaupt nicht. Mehrfach hatte ich mit ihr Auseinandersetzungen darum gehabt. Sie hatte kein Taschenmesser dabei. Wollte auch partout keines dabei haben und hatte sich sogar geweigert, meines überhaupt nur einmal in die Hand zu nehmen! Als wäre es ein unsittlicher Gegenstand oder ein Mordinstrument. Aber wie willst du dir ein Brot schmieren? – Ich esse kein Brot. So argumentierte sie. Und jetzt war es weg. Schlimm. Nicht, dass dies mein einziges Schneidewerkzeug gewesen wäre. Ich hatte noch:

ein Bundeswehr-Taschenmesser von Victorinox

mein großes Outdoor-Messer

ein billiges Mora-Messer, das immer in der Seitentür lag

mein altes Armee-Besteck

ein Victorinox Multitool

eine Klappsäge

zwei Scheren

ein Handbeil

sowie eine große Forstaxt dabei.

Außerdem einen Spaten, ein Nageleisen und so weiter. Falls ich in der Taiga überleben müsste. Trotzdem – das kleinste von allen war mir am meisten ans Herz gewachsen. Jetzt, da es weg war, wusste ich es plötzlich.

Nachdem mein Zelt stand, aßen wir. Im Kupfertöpchen erwärmte ich Pelmeni, die ich mir in Aktasch gekauft hatte. Sascha grinste ironisch: Pelmeni wären so ein richtiges Männeressen – man brauche bei der Zubereitung überhaupt nichts zu beachten. Ich lächelte zu dieser kleinen Stichelei und erwiderte nichts, denn ich fand Pelmeni mit Semtana, Pfeffer und Salz einfach köstlich. Was sie dagegen essen musste, hätte mein vollstes Bedauern gefunden, wenn ich nicht schon längst akzeptiert hätte, dass sie es genau so haben wollte. Auch für Sascha war heute offenbar Festmahl, es gab noch einmal schlabberiges Seegras aus der Konservendose. Zum Spaß lud ich sie auf einen Becher billigen Sekt ein, wohlwissend, dass es aussichtslos war. Das Mädchen gab mir Rätsel auf. Mehrere Wochen trampte sie allein durch Russland. Ohne Angst. Ohne Ausrüstung. Ohne exakten Plan. Und ihre Ernährung …

„Wieviel Geld hast du eigentlich dabei?“, erkundigte ich mich.

„Oh“, machte sie, als sei das nicht so einfach zu erklären. „Ich hatte ein bisschen gespart. Nicht so viel. Ungefähr 2000 Rubel. Naja. Als ich sagte, dass ich in den Altai trampen wollte, war meine Mutter nicht begeistert.“

„Verständlich. Und dein Vater?“

„Meinen Vater gibt es nicht mehr.“

„Ist er gestorben?“

„Ja, vor zwei Jahren. Er hatte einen Tumor im Kopf. Sie haben ihn operiert und gesagt er ist geheilt. Doch nach einem Jahr oder so kam der Tumor wieder. Und dann ging es ganz schnell.“

Ich hatte es geahnt. Das Mädchen war nicht ohne Grund so hart.

„Jedenfalls“, fuhr sie fort, „war meine Mutter nicht begeistert und sagte, sie gibt mir nichts zu diesem Urlaub, wenn ich das wirklich machen würde. Ich sagte, das ist mir egal. Ich mache das – ganz gleich, ob sie mir etwas dazu gibt oder nicht. Und ich habe zu ihr gesagt, ich brauche auch nichts, ich habe genug. Denn meine Oma hatte mir 5000 Rubel gegeben. Als meine Mutter dann sah, dass ich mich nicht davon abbringen lasse, wollte sie mir doch etwas geben, aber weil ich gesagt hatte, ich brauche nichts, ich habe schon genug, hat sie es wohl wieder vergessen. Auch meine Oma wollte mir noch mehr geben, wenn ich noch etwas brauchen würde. Aber ich habe nicht noch einmal gefragt.“

„Das heißt, du hast für vier Wochen nur 7000 Rubel (rund 110 Euro) dabei?“

„Ja. Aber das genügt. Ich komme schon hin.“

„Schätze mal, wieviel ich dabei habe.“

Sascha überlegte eine Weile. Dann sagte sie: „80.000 Rubel?“

„Ich bin mit 57.000 Rubel aufgebrochen.“

„Das ist aber schon wenig“, meinte sie. Richtig. Die 850 Euro Reserve in bar hatte ich ja nicht erwähnt. Und dann war da noch ein kleines Geheimnis, an das zu denken ich mir selbst untersagte. Nur im äußersten Notfall sollte es gestattet sein.

„War es schwer für dich, als dein Vater gestorben ist?“

Sascha legte ihre Lebensphilosophie dar. „Man darf sich weder über Schönes zu sehr freuen, noch sich über Schlechtes zu sehr grämen. Ich will auch gar nicht denken, dass irgendetwas „schlecht“ ist. Dinge geschehen einfach. Sie sind einfach. Ob sie gut oder schlecht sind, hängt nur davon ab, ob und wie man sie annimmt. Man muss alles nehmen, wie es kommt. Ich jedenfalls versuche das.“

Und es klang, als würde sie ungesagt hinterher schicken: Und dir würde ich das auch empfehlen. Dies aus dem Munde einer 20-Jährigen. Sascha klang in solchen Momenten wie eine 80-Jährige, die auf ein Leben voller Erfahrungen und Erkenntnisse zurück blickt. Nicht gespielt. Dazu war sie viel zu ernsthaft.

„Die Menschen halten sich viel zu sehr mit den falschen Dingen auf“, setze sie mir weiter auseinander. „Meine Kommilitoninnen zum Beispiel. Da geht es nur um Schminke und Schuhe und Klamotten und gut aussehen. Und wie man an einen Typen herankommt. Ich denke dann immer, ihr studiert, wie könnt ihr so sein? Ich kann da nicht mitmachen. Ich muss dann immer gehen.“

Sie hatte einfach andere Ansprüche. Oder Menschen mussten sie sehr enttäuscht haben. Deshalb also suchte dieses Mädchen die Einsamkeit, wie einen Geliebten. Auch das hatte ich irgendwie geahnt.

„Ist eure Familie orthodox?“

„Meine Oma glaubt an Gott und geht auch in die Kirche. Meine Mutter glaubt vielleicht noch ein bisschen. Aber ich glaube nicht. Ich gehe auch nicht in die Kirche.“

Valentin schaute noch einmal vorbei. Morgen würden sie mit ein paar Jeeps eine Tour machen, meinte er. Nach Norden, ungefähr 80 Kilometer von hier. Zu einem Wasserfall. Sehr schön sei es da. Es gebe noch zwei freie Plätze. Wenn wir wollten könnten wir mitkommen. 3000 Rubel pro Person für die gesamte Tagestour inklusive Verpflegung. Das klang reizvoll. Ich hatte keine Ahnung, dass es sich bei Valentins sehr schönem Wasserfall um den wahrscheinlich schönsten im ganzen Altai handelte. Wäre Sascha jetzt Feuer und Flamme gewesen, ja, hätte sie wenigstens mit einem Seufzer angedeutet, dass sie das interessiere, hätte ich die Tour für uns beide gebucht und auch gezahlt. Doch mein geheimnisvolles Mädchen aus Orel blieb seltsam gleichgültig. Ich teilte Valentin mit, wir würden es uns überlegen.

Es war Abend geworden. Eine angenehme Kühle zog auf. Ich fragte Sascha, ob sie nicht Lust auf einen Spaziergang hätte. Sie nickte. Die ersten Minuten gingen wir schweigsam nebeneinander her. Richtung Nordosten, in die unbekannte Richtung. Unsere Schritte knirschten auf der staubigen Kiespiste. Ab und zu kam ein einsames Auto. Zum ersten Mal fiel mir auf, wie wahnsinnig schön es hier oben war. Von jeher liebte ich spärlich bewachsene Hochebenen. Sie haben stets etwas Karges, Abgeschiedenes, aber auch etwas Weites und Offenes. Da ist kein Abgrund, wie er neben Berggipfeln gähnt, sondern der Boden ist einem nah und dennoch ist man hoch oben. Das Auge kann ungehindert schweifen und der Geist – meiner zumindest – findet Frieden und eine unerklärliche Geborgenheit. Laut Karte waren wir etwa 2000 bis 2050 Meter hoch. Wir sahen die kleinen Seen unterhalb von Valentins Stützpunkt. Am Ufer des einen schien sogar Schilf zu wachsen. Dahinter, mehrere Kilometer Luftlinie entfernt, erhoben sich die Berge bis über 3000 Meter. Viel näher zu uns, links der Straße, ragte ein sanfter Rücken an die 100 Meter auf. Darüber spielten Wolkenfetzen gerade den langsamen Farbwechsel der sinkenden Sonne nach. „Schau mal“, sagte Sascha, „diese Wolke sieht aus wie ein Drachen.“ Ich wusste sofort, was sie meinte. „Und diese wie ein Kamel!“, führte ich ihren Gedanken fort. Sie lächelte – ein Lächeln, das sagte: Schau an, schau an, da habe ich mich also doch nicht in dir getäuscht.

„Ich mag es, aus Wolken solche Figuren heraus zu lesen“, meinte sie.

Wie zwei Verliebte, die sich noch nicht getraut hatten, es einander zu gestehen, spazierten wir die Straße entlang, stets den nötigen Abstand wahrend.

„Hat dein Auto einen Namen?“, fragte sie.

„Wie meinst du das?“

„Mein Opa hat immer gesagt, ein Auto muss einen Namen haben. Er nannte seines immer Lastotschka.“

Ich dachte darüber nach, wie ich den Bus nennen würde. Schwalbe kam mir als erstes in den Sinn. Warum, wusste ich auch nicht genau. Vielleicht wegen „Die Schwalbe fliegt über den Eiresee / Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee…“ – eine Ballade, die wir in der Schule lernen mussten. Der Bus war ja mein Schiff. Nicht wahr, Victor?

„Und: welchen Namen würdest du deinem Auto geben?“ Es schien ihr wichtig zu sein. Ich antwortete, dass ich Autos normalerweise keine Namen gebe.

Es mochten fast zwei Kilometer gewesen sein, die wir in den Abend hineinspaziert waren. Nicht mehr weit, dann müsste eine Passhöhe kommen, auf der Karte durch ein X in der Straße gekennzeichnet. Die Hochebene war fast zu Ende. An den Straßenrändern und dahinter wuchs schon wieder Strauchwerk und dahinter niedriges Nadelwalddickicht. „Was würdest du machen, wenn jetzt ein Bär aus dem Gebüsch käme“, fragte ich Sascha. „Weiß ich auch nicht. Es kommt aber kein Bär“, erwiderte sie trocken. Genau, dachte ich. Wo sie Recht hat, hat sie Recht. „Lass uns noch bis zu dem Schild da vorne gehen und dann umkehren.“

„Warum bis zu dem Schild?“

„Keine Ahnung. Weil’s ein bestimmter Punkt ist?“

„Okay.“

Nachdem wir wieder zurück waren fragte ich Sascha: „Wie hat dein Großvater sein Auto noch mal genannt?“

Sie sagte es mir. Ich schlug Lastotschka im little translator nach.

Es hieß:

„Schwälbchen“

Die Wunder nahmen kein Ende.