Marko Wild

14. Kapitel – Victor

I

Platsch! Ich fuhr hoch. Wasser klatschte gegen die Scheibe. Victor stand auf der Wiese und spritzte mit einem Gartenschlauch ans Fenster. Ich öffnete es einen Spalt und rief ein verschlafenes: „aaah? Victor?“

„Marko, bist du wach?“

„Jaja, ich komme …“

Besonders fit war ich nicht. Um ehrlich zu sein: ich fühlte mich elend, verschwitzt und verklebt, der Kopf hämmerte. Nun ja…

Draußen war es warm und sonnig. „Guten Morgen!“ begrüßte Victor mich und hielt mir eine Bermuda-Short hin. „Komm, schwimmen! Wir gehen zum Ob.“

Mir war alles andere, als nach Schwimmen zumute. Aber ich wollte Victor nicht enttäuschen. Er sollte nicht glauben, ich sei eine Memme, die sich nach einem Abend, wie dem gestrigen, am liebsten krank schreiben lassen würde. Der Tag würde heiß werden. Vielleicht keine schlechte Idee, ihn mit einem Sprung ins Kühle zu beginnen.

„Hier, schau mal …“ Auch Badelatschen bekam ich von ihm. Victors Schäferhündin lag vor dem Haus. Mit dem Kopf auf den Vorderpfoten verfolgten uns traurige Augen.

„Bjerta, komm! Schwimmen“, rief Victor. Berta machte einen freudigen Sprung, lief sogleich voraus und verschwand im Gebüsch. Wir gingen ein paar Meter den Weg, den ich mit Ralph gekommen war, bis zu einer Gabelung. Von dort war es nur noch ein Steinwurf runter zum Ob. Victor schlug einen zügigen Schritt an. Er rief seine Hündin, die brach von irgendwo seitlich aus den Brennesseln, umschwänzelte Victor einmal und lief wieder davon. Offenbar konnte sie den Fluss genauso wenig erwarten, wie ihr Herr.

„Ich brauche das“, sagte Victor und schritt aus, als ginge es um etwas. „Jeden Morgen schwimmen. Danach fühlst du dich wie neue Mensch.“

Ich versuchte, stark zu klingen: „Hmm.“

Das Wasser sah braun aus. Ich hoffte, es wäre vom Eisenerz. Möglichst beiläufig fragte ich: „Ist das Wasser sauber?“

„Ja, Wasser ist gut. Nicht zum Trinken. Aber schwimmen – kein Problem.“

Victor lief in den Ob. Berta war schon drin. Ich wollte mir keine Blöße geben und folgte den beiden tapfer. Victor prustete lustvoll, schwamm ein paar Meter quer zur Strömung und ließ sich dann treiben. Ich tat es ihm gleich. Welch eine Kraft dieses gemächlich fließende Wasser hatte! Schon nach wenigen Sekunden befanden wir uns hundert Meter stromabwärts. Victor schwamm wieder zum Ufer. Die ganze Aktion dauerte nicht einmal vier Minuten. Das also war „Schwimmen“. Barfuß humpelten wir das steinige Ufer zurück zu unseren Badelatschen. Und das würden wir jeden Morgen machen? Erfrischend war es gewesen. Aber nicht die Art, wie ich narmalerweis in den Tag startete.

Frühstück. Victor fragte, was ich essen wolle. Und trinken. Kaffee oder Tee? Ich sagte, dass ich alles essen würde und es mir egal wäre. Aber gerne einen Kaffee hätte. Victor verschwand in der Hütte und machte Rührei. Ich deckte den Tisch, holte meinen Proviant aus dem Bus und tat alles mit dazu. Frühstück gab es draußen, in der Sonne, auf einer klapperigen Campinggarnitur aus hellblauem Plastik. Victor meinte:

„Ich liebe das. Hier sitzen, essen. Das ist schöne Leben.“

Ich konnte ihm nur beipflichten.

„Versuche das mal“, sagte ich, „die hat meine Frau gemacht. Musst du hier drauf streichen.“ Ich reichte ihm die Marmelade und den Hefezopf und hoffte, ihm damit eine Freude zu bereiten. Schweigend schnitt Victor eine Scheibe ab, bestrich sie mit Butter und Marmelade, aß, nickte, erklärte, dass es gut schmecke – und nahm davon nie wieder. Er hatte mir einen Gefallen getan. Später bekannte er, Süßes zum Frühstück sei nicht so seines. Von da an gab es jeden Morgen Rührei, und Victor fragte auch nicht wieder, ob ich etwas anderes wolle. Eine süße Sache allerdings mochte er sehr: Twarok (das ist ein körniger Frischkäse), gemischt mit Semtana (eine dicke Sahne) und Erdbeeren aus seinem Gärtchen. Victor stellte es jeden Tag auf den Tisch. Gesüßt wurde das ganze mit Würfelzucker, den wir in den Händen zerbröselten. „Jemand hat mir gesagt, Russen süßen nur mit Honig…“, merkte ich an. „Quatsch“, Victor hob den Kopf und sah mich an. „Wer sagt denn sowas?“

Berta lag wieder vorm Haus. Victor hatte ihr eine Schüssel mit Hühnerklein hingestellt, doch sie rührte es nicht an. „Bjerta ist bisschen traurig“, meinte er.

„Hat vor ein paar Tagen ihre Welpen verloren. Am Anfang sie hat sie gesucht, immer gesucht. Jetzt geht es schon bisschen besser. Aber sie vermisst sie immer noch. Ist noch sehr traurig. Naja, das wird wieder. Hoffe ich.“ Victor erzählte, dass die Welpen sehr schön gewesen wären und er deshalb mehrere Anfragen bekommen habe. Einen Welpen hatte er Berta genommen und weggegeben. Daraufhin hätte sich ein zweiter Interessent gemeldet. Doch der zweite Welpe – der schönere von beiden – sei überraschend gestorben. Den habe er unten am Ob ins Gebüsch geworfen. Nun wären alle enttäuscht: Berta, weil die ihre Kinder verloren hatte, der zweite Interessent, weil er Victor verdächtigte, den Welpen einem anderen verkauft zu haben, und Victor, weil er zu unrecht beschuldigt worden war, kein Geld bekommen hatte und Berta so traurig herum liegen sehen musste. Erst, als er dem zweiten Interessenten den Kadaver gezeigt habe, hätte dieser sich beruhigt. Berta jedoch habe er den Kadaver nicht gezeigt. „Vielleicht ich hätte das doch tun sollen.“ Dann wechselte er das Thema. „Ralph hat mir erzählt, du willst Russland kennen lernen. Das richtige Russland. Ja? Gut. Ich zeige dir richtige Russland. Wir fahren heute in Stadt. Ich muss auf Amt, in meine Firma und auf die Bank. Du kommst mit. Gut?“

„Ja, ich habe keine Pläne für heute. Kennst du eine Bank, bei der ich Rubel zu einem guten Kurs tauschen kann?“

„Ja. Bei mir.“

Ich lächelte fragend. Er sagte: „Ich brauche viele Euro. Für meine Schiff. Ich sammele Euro. Wenn ich kaufen Euro hier, ich muss bezahlen viele Gebühren. Kannst du von mir Rubel tauschen. Wir schauen nach und ich gebe dir besten Kurs.“ Das hörte sich gut an. Ich ging zum Bus, holte mein langes Flight-Case aus dem Laderaum, hielt es hoch und rief Victor zu: „Mein Geldkoffer!“ Er lachte. Dann meinte er: „Komm, spazier!“

Wir machten einen Rundgang, raus auf den Sandweg, an den anderen Häuschen vorbei, Richtung eines Frachthafens, der hinter einem Wall, Bäumen und Gebüsch lag. Alte Schiffe ankerten ungenutzt und rosteten vor sich hin. Victor erzählte mir von seinem Traum: einer eigenen Jacht. Keiner großen. Irgendetwas kleines. Mit Gruppen von 4 bis 6 Leuten würde er dann exklusive Kreuzfahren auf dem Mittelmeer machen.

„Wie bist du denn auf diese Idee gekommen?“ Mehr Landratte, als aus dem tiefsten Innerasien zu stammen, war ja fast nicht möglich.

„Meer für mich ist Sehnsucht, ist Freiheit. Ich muss raus. Bald will ich machen.“ Er erzählte, dass er wegen einer Schwarzgeldsache im Gefängnis gewesen wäre und nie wieder dahin zurück wolle. Er blieb stehen, beugte sich zu einer fast mannshohen Distel, die am Weg wuchs und zog mit einer überaus zärtlichen Geste ihre stachelige Blüte behutsam an seine Nase.

„Riech!“, sagte er, und blickte mich glückselig an. „Im Gefängnis es gibt keine Düfte. Jede Distel war für uns wie eine Rose …“

II

Victor zog sich um: graues Polo-Shirt und helle Jeans, Shirt in der Hose, Hose mit schmalem Ledergütel. Ich schlüpfte in mein blau-weiß-gestreiftes Businesshemd. Ärmel hochgekrempelt. Gegen Zehn Uhr fuhren wir aus dem Viertel, Richtung Stadt. Victor hatte einen Lexus RX 400 in lindgrün metallic, den er gebraucht bekommen hatte und mit dem er sehr zufrieden war. „Perfektes Auto für mich. Irgendwann vielleicht einmal große Lexus LX. Aber immer Tayota. Mit deinem Bus schwierig in Russland. Tayota besser.“ Auch Sima hatte Toyota „Ta-yo-ta“ aus gesprochen. Auch er hätte einem Japaner den Vorzug gegeben.

„Warum Toyota?“

„Weil es gibt für deutsche Autos keine gebrauchten Ersatzteile. Nur neue. Und neue sehr teuer. Für Tayota überall gibt’s gebrauchte Ersatzteile. Kein Problem – egal wo. Über Nacht – fertig. Aber deutsche Auto nicht. Kannst du Geschäft machen in Russland, wenn du kannst bringen gebrauchte Ersatzteile für VW.“

Victor dachte häufig in der Kategorie „Geschäft“. Das war mir schon aufgefallen.

„Was machst du eigentlich, was für eine Firma hast Du?“

„Treibstoff. Ich habe Tankstelle“, antwortete er.

„Und da fahren wir jetzt hin?“

„Nein. Ich muss erst auf Amt. Wegen meine Grundstück.“ Victor erklärte mir, wie es läuft. Die einzige Berechtigung, ein Grundstück vom Staat zu kaufen, erhält man, wenn ein Haus darauf steht. (Ich erinnerte mich an Krischans Ausführungen über Liegenschaften in russischem Staatsbesitz.) Das Haus ist dann quasi der Bedürfnisnachweis zum Erwerb des Grundstückes. Also hatte Victor – wie alle – schwarz gebaut: seine Hütte am Ob. Deshalb war sie auch so klein und spartanisch – ein Provisorium. Würde er irgendwann das Grundstück besitzen, würde er selbstverständlich etwas Größeres und Besseres darauf bauen. Das er dann teuer weiterverkaufen könnte – der eigentliche Zweck: ein Geschäft machen. Denn die Lage war freilich optimal, im Grünen, gegenüber der Skyline von Nowosibirsk. Nun stand er aber schon länger mit den Behörden im Streit, die sich weigerten, ihm das Grundstück zu verkaufen. Warum sie das denn nicht täten, fragte ich.

„Weil sie nicht wollen. Sie wollen nicht. Aber sie muss. Ich habe das Recht dazu. Mein Haus steht darauf. Jetzt habe ich das Recht, zu kaufen. Das hat mir ein Richter bestätigt. Heute ist letzte Anhörung auf Amt. Wenn sie nicht Ja sagen, dann ich gehe vor Gericht. Sie wollen mich warten lassen. Sie zögern es schon ganz lange hinaus. Das ist ihre Methode. Macht mich auch krank. Aber ich gebe nicht auf. Das Gesetz ist auf meiner Seite.“

Wir fuhren an der Fernwärmeleitung vorbei. Victor erzählte von den anarchischen Dämmwolle-Beschaffungsmaßnahmen. An der nächsten Kreuzung bog ein russischer PKW – ein alter Wolga – ein, dessen Kühlerhaube durch eine leere Plastikflasche eine Hand breit offen gehalten wurde. „Hast du gesehen?“, fragte Victor. Ich nickte. „Zu heiß. Kühler schafft nicht Motor zu kühlen im Sommer. Viele machen so. Russische Auto Schrott!“

Auf der Obbrücke spürte ich wieder, wie elend mir vom gestrigen Abend noch zumute war. Der Kopf hämmerte. Am liebsten hätte ich mich ins Bett verkrochen. Wenn ich nur ans Essen dachte, wurde mir schon übel. Vor allem die Vorstellung von Schnaps ließ es mir fast hochkommen. Just in diesem Augenblick fragte Victor:

„Magst du ausländische Essen? Ja? Wir gehen dann in kleines Restaurant. Ist usbekisch. Sehr einfach, aber sehr lecker. Will ich dir zeigen. Ja?“

Ich riss mich zusammen. „Im Moment ist mir noch nicht so danach.“

„Ja, im Moment. Ich meine dann, zu Mittag, in einer Stunde.“

Victor parkte auf einem zweispurigen Mittelstreifen und hieß mich im Auto warten und schauen, dass keiner käme und die Parkscheine kontrolliere. In der Zwischenzeit klärte er irgendetwas auf seiner Bank. Als er wiederkam und ich ihm keine besonderen Vorfälle vermelden konnte, meinte er, falls ich mal mit meinem Bus parken sollte, brauche ich mir keine Gedanken zu machen. Auch im Straßenverkehr. Wenn die Leute mein Kennzeichen sähen, hätten sie sofort großen Respekt. „Russe ist dummes Mensch.“ Mit extrovertierten Armbewegungen äffte er seine Landsleute nach: „Mensch aus andere Land ist immer Große und Bessere. Und Russe denkt: ah, ich bin so schlecht. Andere hat Recht. Besonders bei Deutsche. Und extra bei große deutsche Auto.“

Auf die Behörde sollte ich mitkommen. Im Erdgeschoss befand sich ein eine Art großer Kiosk; in verglasten Geschäften zu beiden Seiten des Flurs gab es bunte Magazine, Zigaretten, Deos, Sonnenbrillen und sonstigen Klimbim. Wir fuhren mit dem Fahrstuhl eine Etage nach oben und stiegen im Flur eines sauberen, sehr modernen Bürokomplexes aus, in dem eine endlose Warteschlange stand. Victor beachtete sie gar nicht, ging – heute humpelte er ein bisschen; war es die Hitze? die Anspannung? – an der Schlange vorbei, sagte „warte hier“ und betrat mit großem Selbstbewusstsein irgendein Zimmer. Kurz darauf kam er wieder heraus und meinte, der Mann wäre heute nicht da; wir müssten in eine höhere Etage.

Wieder Fahrstuhl. In der nächsten Etage war es deutlich ruhiger. Der Boden des Flurs war mit einem lindgrünen Teppich ausgelegt, die Wände waren grau. Nur wenige Leute saßen auf Stühlen und warteten. Auch wir setzten uns. Victor traute sich nicht, einfach – wie unten – irgendeinen Raum zu betreten. Und wenn er sprach, dämpfte er seine Stimme. Fast in einen Flüsterton deutete auf eine Tür deutete und sagte: „Die Unterschrift dieses Mannes kostete immer 80.000 Rubel. Jetzt kostet sie 100.000 Rubel. Ich habe aber keine Lust, 100.000 zu bezahlen.“

Er stand auf, und klopfte vorsichtig an der Tür. Dann steckte er den Kopf hinein, verschwand kurz, erschien aber gleich wieder.

„Müssen noch bisschen warten.“ Dann fuhr er im gedämpften Ton fort: „Diese Mann ein Jude. Deshalb so schwer für mich. 90 Prazent aller Leiter in Behörden sind Juden. Auch politische Führer sehr viele Juden. Stellen nur ihre eigenen Leute ein. Russen haben keine Chance. Russe wird immer wie Schrott behandelt. Deshalb ich kann Juden nicht leiden. Deshalb ich leihe auch kein Geld an Juden. Jude immer verlangt viel dafür. Wenn ich Geld leihe, ich verlange nichts. Nur was ich gegeben habe.“

Ich fragte, ob das denn ich ganz Russland so sei oder ob er das nur für Nowosibirsk sagen würde. „Ist überall.“ Ich fragte, woher er denn wisse, ob jemand Jude sei oder nicht. Victor meinte, dass er das einfach sehen und spüren würde. Das bekomme er ziemlich schnell mit.

An diesem Tag hatte Victor keinen Erfolg. Was seine Laune nur kurz trübte. Denn es schien ihm zu gefallen, mir sein Russland zeigen zu können. Als wir wieder im Auto die Hauptstraße entlang fuhren, meinte er: „Da, diese Frau … Prostituierte.“ Sie sah wie eine ganz normale Russin und nicht besonders „nuttig“ aus. Wir fuhren kreuz und quer durch Nowosibirsk, so dass ich längst die Orientierung verloren hatte. Victor telefonierte, bog kurz darauf in eine Straße, hielt an und begrüßte eine Dame, die ein paar Jahre jünger als er sein mochte, lange dunkelblonde Haare, eine attraktive Figur hatte und gerade etwas in ihren mittelgroßen SUV einlud. Die beiden unterhielten sich, als wären sie gut bekannt. Victor gab ihr etwas in einem Beutel. Ich stellte keine Fragen. Dann ging es weiter, wieder auf die andere Seite des Ob, zum Usbekenmarkt. Mittag essen. Ich fühlte mich schon fast bereit dazu.

III

Nach der Brücke fuhren wir durch den gleichen Kreisverkehr, in welchem am Tag unserer Ankunft die Schwarzarbeiter auf Sima und mich zugelaufen waren. Auch heute saßen wieder zahlreiche Männer im Schatten der Bäume und warteten darauf, von irgendjemandem angeheuert zu werden. Ich deutete auf die ärmlich gekleideten Gestalten und erzählte von unserem Erlebnis. Victor reagierte harsch. „Usbeken unitelligente Leute“, sagte er. „Aber fanatische Kämpfer. Schlachten Menschen wie Schafe. Gibt’s viele Schwarzarbeiter hier. Ganze Brigaden kommen.“ Ich fragte, was ein Schwarzarbeiter verdient.

„Früher 800 Rubel am Tag. Heute 1000.“ Nach dem damaligen Kurs also ungefähr 16 Euro pro Tag.

Der Usbekenmarkt heißt in Wirklichkeit Chilokskij Ryjnok. Wahrscheinlich, weil er an der Chilokskaja Uliza liegt, im äußersten Südwesten der Stadt. Victor fuhr langsam in das Areal ein und man sah augenblicklich, dass es hier „anders“ zuging – wilder, anarchischer . . . irgendwie „zentralasiatscher“. Der Usbekenmarkt war Einkaufszentrum für alles und besonders ein Großhandel für Gemüse und Früchte. Schwarzhaarige, braunhäutige Männer lungerten grüppchenweise auf Bordsteinkanten, schauten uns herausfordernd an, maßen uns ab und verfolgten uns mit ihren Blicken. Manchen waren wir auch gleichgültig. Ich sah in rotunterlaufene Augen, strenge, finstere, aber auch umgängliche Gesichter und versuchte, einige zu fotografieren. Eine befremdliche Erfahrung, denn ich spürte, dass kein einziger der Männer von mir fotografiert werden wollte. Es kam mir vor, als könnte meine Fotografiererei mich in Gefahr bringen. Möglicherweise hielten sie uns für Zivil-Fahnder einer russischen Behörde. Zum Glück saßen wir im Auto.

Victor fuhr um ein langes Gebäude herum und hielt auf dessen Rückseite. Das usbekische Restaurant – oder besser: Kafe – war ein breiter und noch viel längerer, überdachter Betonsockel. Mit Tischen, an denen nur wenige Männer saßen. Vielleicht war es noch zu früh für Hochbetrieb. Gelbgestrichene Sichtblenden als Geländer überspannte ein auf Holzsäulen ruhendes Pavillondach aus glänzenden, roten Ziegeln. Es sah neu und ordentlich aus. Vermutlich war hier der zentrale Anlaufpunkt für alle, die auf dem Markt Geschäfte machten und was Anständiges essen wollten. An der Stirnseite befand sich eine dunkle Theke mit Essensausgabe und Schnapsregal. Victor und ich reihten uns in die Warteschlange ein. Während wir langsam weiter rückten, erklärte er mir die Karte. Ich bestellte eine Suppe mit Lammfleisch und dazu Teigtaschen mit Rinderhack und Feta. Ähnlich, wie Sima und ich es unterwegs gegessen hatten. Nur eben auf usbekische Art.

Auf jedem Tisch stand eine viereckige Glasflasche mit Essig, eingelegten Paprikastreifen und Kräutern. Davon machte ich reichlich Gebrauch. Ich trank eine Limonade und Victor erkundigte sich mindestens zwei mal, ob es mir schmecke. Er bezahlte alles, wir wuschen uns die Hände auf einer ebenfalls sauberen, ja fast luxuriösen Toilette und ich dachte, nun ginge es zu seiner Tankstelle. Doch Victor hatte sich etwas vorgenommen – nämlich mir Russland zu zeigen. Und das tat er.

Er fuhr mit mir dahin, wo der Wahrenumschlag stattfand. Ein großer, asphaltierter Platz, auf dem momentan vor allem Wassermelonen aus 40-Tonnern auf 7,5- oder 12-Tonner umgeladen wurden. Die kleineren, japanischen LKW – Mitsubishi Fuso oder Hino Ranger – erinnerten mit all dem Chrom um den Kühler an die 1980er. In ihren angerosteten lilafarbenen Metallic-Lackierungen sahen sie aus, als wären sie einer TV-Dokumentation über Kaschmir und Pakistan entsprungen. Die Anhänger der 40-Tonner waren ebenfalls rostig und schienen allesamt ausrangierte Vehikel aus Europa, besonders aus Deutschand, zu sein. Die alten Embleme, Schriftzüge und Logos hatte keiner entfernt. Ich sah die EU- und die Deutschlandflagge.

Leeren Bananenkisten waren zu meterhohen Pyramiden gestapelt; andere, volle, wurden gerade aus- und umgeladen. Wer von den Arbeitern herumstand, rauchte und unterhielt sich, gab Zeichen quer über den Platz oder wartete – worauf auch immer. Man trug Jeans oder Trainingshosen mit dazugehörigen Adidas-Blousons, ausgetretene Schuhe, heraushängende T-Shirts und alte, bunt geringelte Pullover. Die meisten Körper waren dürr. Alte standen mit Alten, Jugendliche mit ihrersgleichen zusammen. Viele hatten die Hände in den Hosentaschen. Hie und da bückte sich jemand oder trug eine Melone auf der Schulter. Leere Handkarren wurden hin- und hergeschoben, Holzpaletten gestapelt. Besonders viel Stress herrschte nicht. Vielleicht waren die arbeitsintensiven Zeiten eher morgens und am Nachmittag. Auf manchen wettergegerbten Köpfen saß eine Strickmütze. Wahrscheinlich war es in Usbekistan noch viel heißer. Oder es hatte etwas mit der Religion zu tun. Victor fuhr langsam zwei Runden über den Platz, um mir genügend Zeit zum fotografieren zu verschaffen. Dann ging es nach Süden, hinaus aus der Stadt, in ein altes, heruntergekommenes, ehemaliges Kolchosengebiet. Dort hatte Victor seine Tankstelle.

IIII

Auf einem Asphaltplatz voller Risse und Pfützen, der groß genug war, dass LKW mit Anhänger dort wenden konnten, standen zwei ältere Zapfsäulen aus grauem und türkisfarbenem Blech. An einer tankte gerade ein Scania-Truck mit Tankauflieger. Was drin war, konnte man nicht sagen, da auch dieser Anhänger ein ausrangiertes europäisches Teil war und als Schriftzug noch die frühere, westliche Internetadresse trug. Die Skala der Zapfsäule sah aus wie eine Bahnhofsuhr. 12 Uhr waren einhundert Litryj. Tankte man mehr, musste man zählen, wie oft der Zeiger herum gegangen war.

Teil 22.2

Äußerlich tarnte diese Tankstelle perfekt Victors ungeheuere Gewitzheit in geschäftlichen Dingen. Denn keiner würde auf die Idee kommen, dass hier Geld verdient wurde. Hinter dem asphaltierten Tankplatz lag ein sandiger Hof mit gut einem Dutzend oberirdischen Kraftstoff-Tanks, der jedoch von der Straße aus nicht einsehbar war, weil sich zwischen Hof und Tankplatz ein Flachbau befand, dessen Ansicht am ehesten die Bezeichnug „Bruchbude“ gerecht wurde. Unverputze Wände aus hellgrauen Ziegeln, Fenstersturze aus Eisen, von denen der Rost schon ins umliegende Mauerwerk gekrochen war, ein totes Holzrahmenfenster und eine ebenso tote Tür, die mit zerlumpter LKW-Plane zugeheftet war. Obendrauf Wellblechdach und eine rostige Dachrinne. Der Eingang lag auf der Hinterseite des Flachbaus, also im Hof mit den Kraftstofftanks. Im Inneren war die Baracke hatte sich Victor ein gemütliches Büro eingerichtet, mit Ledersofa und zwei Arbeitsplätzen mit Flachbildschirmen. Auf dem Tisch stand ein Kopierer mit Faxgerät, an der Decke drehte sich ein Ventilator und die Drehstühle sahen aus wie Chefsessel. An der hinteren Wand hing ein holzgerahmtes, ganz in gold, blau und weiß gehaltenes Heiligenbild: Maria mit dem Jesuskindlein.

Teil 22.3.JPG

Daneben baumelte ein Fliegenband, an dem mindestens 100 tote Fliegen klebten. Den Tankplatz überwachte Victor mit Kameras, was von außen keiner saß, und die Tankmenge wurde selbstverständlich nicht nur vom Zeiger an der Zapfsäule gezählt. Victor hatte zwei Mitarbeiter – zwei Jungs, Dmitri und Sascha, Mitte Zwanzig und Anfang Dreißig – die den Laden schmissen, wenn Victor nicht da war: sie kassierten, erstellten Angebote, verglichen Preise, handelten Aufträge am Telefon aus und führten Buch. Keiner von beiden hatte etwas in der Richtung gelernt. Besonders mit Sascha war Victor hochzufrieden. Auch mir machte der junge Mann mit den glatten, dunkelbraunen Haaren und den braunen Augen einen ziemlich aufgeweckten Eindruck. Sein Gesicht lachte permanent und verbreitete einen gutmütigen Schalk. Bevor er zu Victor gekommen war, hatte er als Kellner gearbeitet, dann aber seinen Job verloren. Saschas Mutter hatte Victor gebeten, ihrem Jungen doch eine Chance zu geben. Ein Volltreffer. Victor zahlte gut – die beiden bekamen monatlich ungefähr 1000 Euro – und arbeitete sie gezielt darauf ein, dass sie die Tankstelle übernehmen konnten, wenn Victor sich mit seiner Jacht auf’s Meer verabschieden würde. Dann wäre er nur noch Senior Partner. Als Teilhaber hatte er sie schon eingeschrieben. Freimütig legte Victor mir offen, was auch immer ich erfragte. Monatlicher Umsatz der Tankstelle: durchschnittlich 24 Millionen Rubel. Monatlicher Verdienst Victor: durchschnittlich 1.5 Millionen Rubel – etwa 24.000 Euro. Die Zapfsäulen hatte er für 5000 Rubel pro Monat vom Kolchosen-Chef gemietet; dieser hatte keine Ahnung, wieviel Geld Victor mit der Tankstelle verdiente.

Teil 22.4

Und das ging so: Victor kaufte von Raffinerien wie er es nannte „Abfallprodukte“ und machte daraus Diesel und Benzin. Benzin kaufte er mit 80 Oktan auf und machte daraus 92er und 95er. Das sei üblich. Jeder in Russland würde irgendwie panschen. „Es gibt keine puren Produkte in Russland. Nicht einmal Butter“, meinte er. Die Kunst sei, einen Weg zu finden, kostengünstig 92 oder 95 Oktan zu erreichen. Dabei sei jeder seines eigenen Glückes Schmied. Obwohl er natürlich weiter expermentiere und sich ständig verbessern wolle, sei er mit seiner momentanen Lösung ganz zufrieden: Victor benutzte irgendwelche hochgiftigen Flüssigkeiten „aus der Raumfahrt“, die er, nun ja, von irgendwoher „bezog“. „Funkzaniert“, sagte er grinsend. Was diese Flüssigkeiten genau seien, davon hatte er keine Ahnung. Man habe ihn aber vor ihnen gewarnt. Die Flüssigkeiten oder, wie Victor sie nannte, das Gift, standen in braunen, spärlich etikettierten Chemielabor-Flaschen auf einem Holzbrett in einem Schuppen. Sascha hatte sich unter dem Holzbrett mit dem „Gift“ eine Drückbank eingerichtet. Ein paar Hanteln lagen daneben. Außerdem gab es in dem Schuppen eine Klimmzugstange und ein Laufband. Ich konnte mir das Grinsen nicht verkneifen: diese Sicherheitsvorkehrungen – wenn da mal ein deutsche Behördenbeauftragter drüber schauen würde, der würde vermutlich einen Herzinfarkt bekommen… Victor zog mich sanft von den Flaschen weg. Man dürfe nicht daran riechen; das Zeug könne das Hirn schädigen. Er hätte es schon einmal ganz vorsichtig getan. Danach sei ihm stundenlang schwummerig gewesen und seine Stimme hätte ganz rauh und heißer geklungen.

Diesel und Benzin bot Victor immer 4 Rubel je Liter günstiger an als Gazprom. Den Diesel – der war für mich interessant – derzeit also für 30 Rubel pro Liter, rund 48 Cent. Weil sein Sprit eine gute Qualität hatte, mangelte es Victor nicht an Kundschaft. Viele LKW-Fahrer, erzählte er, bekämen jeden Monat ein festes Tank-Budget von ihren Chefs. Günstige, schlechte Kraftstoffe gab es an jeder Ecke. Deshalb suchten alle einen günstigen, aber guten Kraftstoff, weil sie mit gutem Kraftstoff eine höhere Reichweite hätten und so am Monatsende vielleicht ein paar Rubel vom Tankbudget für sie selbst hängen blieben. Victors Tankstelle war ein Geheimtipp unter den Fahrern. Dass sie so florierte, lag vermutlich auch daran, dass er jede Möglichkeit ausschöpfte – auch die weniger tugendhaften. Am Ende meiner Reise schenkte er mir eine ganze Tankfüllung. Ich zapfte bei ihm in meinen restlos leergefahrenen Tank 92 Liter, obwohl dieser nur 85 Liter fasst und ich noch niemals mehr als 84 kommanochwas Liter getankt hatte. Im Endeffekt also kostete Victors Sprit nur unwesentlich weniger, als der von Gazprom.

Im Hof stand ein weißer DAF XF mit orangem Tankanhänger. „Mein neuer Truck. Heute gekommen.“ Victor war sichtlich stolz. Er erkundigte sich, ob die Maschine gut lief und war zufrieden, als sein Fahrer den Truck lobte. Der DAF hatte schon eine dreiviertel Million Kilometer runter. Victor hatte ihn für rund 30.000 Euro gekauft.

Da Victor nun ein wenig arbeiten musste – sprich: herumtelefonieren – vertrieb ich mir die Zeit mit einem kleinen Rundgang. Auf einer Wiese neben dem Tankplatz hatte jemand einen jungen Bullen angepflockt, ihm aber zusätzlich zur Stahlkette um den Hals einen Spanngurt über die Hörner und quer übers Gesicht gebunden. Der Bulle schien von dem Gurt unendlich genervt.

Teil 22.5.JPG

Ich schoss ein paar Fotos, dann leistete ich den Jungs im Büro Gesellschaft. Dort gab es ein bolschoi Problem: Dmitri hatte heute seinen 24 Geburtstag und war überdies seit gerade zehn Tagen verheiratet. Weshalb einen ausgab. Der blauäugige Junge mit dem blonden Topfschnitt und dem blau-weiß-geringelten Matrosenhemd hatte sich nicht lumpen lassen und einiges vorbereitet: Kartoffelsalat, Pfannkuchen, Ölsardinen mit sauren Gurken und Hähnchen mit Ananas und Ei überbacken. Dazu gab es Cognac aus Dagestan. Und dann natürlich noch Kaffe bzw. Tee und Kuchen. So sehr ich mich drücken wollte (ich wich sogar, was ich sonst nie tue, auf Cola aus) – ich musste. Zwei Cognac waren Pflicht. Und von jeder Speise mindestens einmal kosten. Schlagartig übermannte mich wieder Übelkeit. Der gestrige Abend war immer noch nicht auskuriert. Zudem hatten wir ja gerade erst beim Usbeken gegessen! Also verabschiedete ich mich, nachdem ich der Höflichkeit Genüge getan hatte, erneut auf einen Spaziergang nach draußen, begab mich hinter einen Schuppen und stecke mir ein kleines Ästchen in den Rachen. Danach legte ich mich ein wenig aufs Ohr – in eben jenem kleinen Schuppen. Dort gab es eine Liegefläche, unter der Filzstiefel standen; an der Wand hing eine Thermokluft in Tarndruck. Sascha war Entenjäger.

Als ich gegen halb Drei bereit war, wieder am Leben teilzunehmen, klingelte mein Handy. Valerija vom Deutschen Haus nannte mir den Preis für das Bild mit den Vogelbeeren: 15.000 Rubel. Eventuell gäbe es noch ein wenig Verhandlungsspielraum. Ich machte ein Gegenangebot: 10.000 Rubel. Und erkundigte mich, ob sie heute Nachmittag da wäre. Ja, wäre sie. Bis dahin könne sie auch etwas zum Preis sagen. Ich schaute ins Büro. Victor hatte sein Pensum erfüllt. Wir brauchen auf.