I

Dienstag, 30. Juni, 19 Grad, bedeckt. Kilometerstand: 3185,0

Als ich am nächsten Morgen aus dem Zelt kroch, erwartete mich ein trüber, bleigrauer Himmel. Ich hatte keine Ahnung, wie spät es war. In der Nacht musste leichter Regen gefallen sein; im staubigen Boden des Getreidefeldes, an dessen Rand nichts wuchs, hatte er Abdrücke hinterlassen – winzige, lockere Krater. Ich sog die Morgenluft ein. Dann erblickte ich Sima. Er lief im Jogging-Anzug hin und her und kämpfte einen aussichtslosen Kampf: Wie ein Lasso wirbelte sein Handtuch herum, um die Mücken zu vertreiben. Ob er schon lange auf war, sagte er nicht. Es hätte alles so friedlich sein können… Auch von mir hatten sie Witterung bekommen und setzten ihre Geschwader in Bewegung. Die ersten hatten mich schon erreicht. Welch eine ungeheuere Plage. Hier zu frühstücken, war ausgeschlossen. Es gab nur eines: Flucht! Rette sich, wer kann. Wir packten unsere Sachen zusammen. Nie habe ich ein Zelt hastiger abgebaut. Dann gaben wir Fersengeld. Als ich an die Straße kam, sah ich kurz den Franzosen von gestern. Auch er hatte hier genächtigt, hinter einem Hain auf der anderen Seite der Straße. Nun stand er im fahlen, morgendlichen Grün, faltete etwas zusammen und schickte sich vermutlich ebenfalls gerade an, aufzubrechen. Wieder deutlich entspannter als wir.

So einfach gestaltete sich unsere Flucht vor den Mücken allerdings nicht. Auch im Bus schwirrten sie umher. Sie saßen an den Scheiben oder unterm Kabinendach und schienen gerade munter zu werden. Man sah förmlich, wie sie sich langsam die Nachtruhe aus den Gliedern streiften, wie Beinchen und Flügelchen kurz erzitterten… Ein furchterregender Anblick. Die Mücken bekamen Hunger und wir sollten ihr Frühstück sein, unser Blut! Zuerst versuchten wir es mit Totschlagen. Zwecklos. Es waren zu viele. Dann kam mir der Gedanke, sie hinauszublasen. Ich öffnete alle Fenster und die Heckklappe und fuhr einige hundert Meter mit hohem Tempo – hoffend, nichts Wichtiges dabei zu verlieren. Es funktionierte. Sima sprang raus, schleuderte die Heckklappe zu, rannte zurück, kletterte wieder rein und ab ging die Post. Die letzten paar verbliebenen Mücken konnten wir töten. Dann hatten wir unsere Ruhe.

Wie war deine Nacht“, fragte ich Sima.

Ich nur eine Stunde geschlafen“, knurrte er.

Wir näherten uns Kazan von Westen. Laut Atlas bog die M7 kurz vor der Stadt nach links, also Norden, überquerte die Wolga, wandte sich anschließend wieder nach rechts, also nach Osten, und führte dann in einem flachen Bogen nördlich um Kazan herum. Ich wollte die M7 etwa auf der Hälfte dieser Strecke verlassen und von Norden kommend bis ins Zentrum Kazans fahren. In der Stadt selbst hoffte ich, ein Internetcafé zu finden; meine Familie sollte endlich erfahren, wie es mir bisher ergangen war. Vielleicht würde sich das auch mit einem Frühstück verbinden lassen: tatarischer Kaffee und süßes Gebäck. Um schnell wieder auf die M7 zu gelangen und möglichst wenig Umweg zu fahren, würden wir Kazan in Richtung Osten verlassen und einfach immer geradeaus fahren müssen. Nicht sonderlich kompliziert.

Die M7, unsere wunderschöne tatarische Allee, führte uns hügelauf- und hügelab, bis sie in einer langgezogen-bergabgehenden Linkskurve zur Autobahn wurde. Und da lagen sie vor uns: die Wolga und die Brücke darüber.

Ich schaute auf den Tageszähler. Dann hoben wir ab. Über ein Meer, zweigeteilt, von Sandbänken unterbrochen, mit Schilfkolonien, Booten und am rechten Horizont die Schlote der Kazaner Industrie. Drei Minuten lang fuhren wir über den Fluss. Über die Flüssin, die Flussfürstin, die Bolschaja Flussowa – denn männlich war die Wolga für mich nicht. Sie war eine Sie, ein prächtiges Weib, voller Biegungen und Rundungen, 3.8 Kilometer breit und – vom Ozean abgesehen – erhaben, wie kein anderes Wasser, das ich bis dahin gesehen hatte.

Ich versuchte, alles mitzunehmen, mit den Augen aufzusaugen. Wie gerne hätte ich einmal angehalten. Was war dagegen die Donau bei Straubing? Ein Bächlein. Drüben ging es leicht bergan, auf die Kazan umgebenden Hügel hinauf. Die Autobahn wurde gerade gebaut. Jeglicher Verkehr verlief auf einer Fahrspur. Nach 25 Kilometern hatten wir die Hälfte der Umgehung geschafft. Mit etwas Mühe – beim ersten Mal hatte ich sie leider verpasst und war zum Umkehren gezwungen – fand ich die richtige Ausfahrt. Nun also hinein nach Kazan. Mit 1,2 Millionen Einwohnern die sechstgrößte Stadt Russlands, nach St. Petersburg heimliche „dritte Hauptstadt“, Zentrum des russischen Islam und bis zur Eroberung durch Iwan IV. Mitte des 16. Jahrhunderts Regierungssitz des Khanats Kazan – einem der letzten Nachfolgestaaten des Goldenen Horde genannten mongolischen Feudalreiches, dessen Gründer Dschengis Khan Anfang des 13. Jahrhunderts ausgezogen war, um sich die Welt zu unterwerfen.

Kazans Stadtrand sah anders aus, als ich erwartet hatte. Keine Trabantensiedlungen, Gewerbegebiete oder Plattenbauten, sondern blaugestrichene Holzhäuschen mit weißgestrichenen Zierbordüren unter dem Dach und um die Fenster. Hübsch, aber dörflich. Die Straße war nicht sehr breit und hatte unbefestigte Ränder. Das unspektakuläre Ortseingangsschild kündigte uns mit tristem Understatement den Beginn der Millionenstadt an. Es hing – einfache schwarze Buchstaben auf weißem Grund – an einem rostigen Stahlträger, der quer über die Straße ging. Man unterquerte ihn, als würde man in das Werksgelände eines Schrottplatzes einfahren. Rechts und links wucherten Buschwerk und Bäume, dann wieder ein paar Holzhäuschen. Hinter maroden Bürgersteigen dienten halb eingefallene Bretterzäune als Sichtblenden. Sandwege. Niedrige Stromleitungen an windschiefen Masten. So ging es ein paar Kurven weiter, bis zur ersten, größeren Querstraße. Dann begann völlig unvermittelt die Stadt. Ich sah Reklame in Kyrillisch, die aber einzelne Buchstaben enthielt, welche ich nicht entziffern konnte. „Ist das Tatarisch?“, fragte ich Sima.

Ja.“

Verstehst du das?“

Verstehen schon. Aber nicht sprechen.“

An einer Bushaltestelle warteten Menschen. Da weder Sima noch ich wussten, wie spät es eigentlich war, bat ich ihn, jemanden nach der Uhrzeit zu fragen. Man antwortete uns, es sei 5:30 Uhr. So zeitig? Wie das? Es war seit mindestens zwei Stunden Tag. Bewölkt und trüb, aber hell. Waren wir schon um Vier Uhr wach geworden? Wie dem auch sein mochte, kein Geschäft würde vor acht Uhr öffnen. Auch kein Internetcafé. Dieses Vorhaben hatte sich also erledigt. Denn so lange konnten und wollten wir nicht warten. Ich beschloss, nur schnell bis ins Zentrum zu fahren. Um diese Stunde gab es wenig Verkehr. Als wir an eine T-Kreuzung kamen, folgte ich meinem Instinkt und bog nach rechts ab. Spuren und Verkehr nahmen zu. Schon bald standen wir an einer Ampel. Links sah ich eine große Brücke, die über Wasser führte. Auf der anderen Seite ragten Türme und Kuppeln, rot, blau und gold, in den Himmel. Das musste es sein, was ich sehen wollte.

Zum zweiten Mal an diesem Morgen überquerten wir die Wolga. Besser gesagt: die Mündung der Kazanka in die Wolga. An der langen Biegung des Flussufers standen sowohl spiegelverglaste Hochhäuser, als auch deren immer gleiches Plattenbau-Pendant.

Links, bevor die Brücke begann, ein Bauwerk oder Monument, genau konnte es ich nicht erkennen, wie eine überdimensionale Feuerschale auf einem hohen Sockel. Rechts, schon über die Brücke drüber, ein riesiges UFO. Der Zirkus. Ihm gegenüber, auf einer grünen Anhöhe, thronte der Kazaner Kreml. Hier also residierten, geschützt von einem mächtigen weißen Steinwall, die tatarischen Hoheiten. In mint, altrosa und sandgelb gestrichenen Regierungsgebäuden mit weißen Fenstergewänden, Simsen und Balustraden, ornamentiert, ein bisschen Klassizismus, ein bisschen Rokkoko, auf deren Dächern groß und einträchtig die Flaggen Russlands und Tatarstans nebeneinander wehten. Sehr ansehnlich. Es geht die Legende, Sujumbike, die letzte Herrscherin des Khanats Kazan, sei so schön und zugleich klug gewesen, dass Zar Ivan der IV. – der „Schreckliche“ (besser: der Ehrfurchtgebietende / der Gewaltige) – die Stadt nur ihretwegen eroberte. Als er um Sujumbikes Hand anhielt, willigte sie ein unter der Bedingung, dass er ihr in sieben Tagen den größten Turm der Stadt erbauen müsse. Nach sieben Tagen stand der Turm. Sujumbike erbat sich, vor der Hochzeit hinauf steigen und sich als Herrscherin von der Stadt und ihrem Volk verabschieden zu dürfen. Von der Spitze des Turmes soll sie sich dann in den Tod gestürzt haben.

Tatsächlich wurde Sujumbike nach Moskau gebracht, wo sie 1554 starb. Doch der von Ivan erbaute, stufenförmige Turm aus roten Ziegeln steht noch heute im Kreml und ist eines der Wahrzeichen Kazans. Viel prachtvoller als er aber waren die orthodoxe Kathedrale und die Moschee des Kazaner Kreml. Beide weiß, mit hellblauen beziehungsweise türkisen Kuppeln, Minarettspitzen und Zwiebeltürmen. Das Dach des Hauptturmes der Kirche war vergoldet. Fünf orthodoxe Kreuze demonstrierten den einen Wahrheitsanspruch; sechs goldene Halbmonde taten es ihnen gleich und griffen mit ihren Sicheln in den Himmel.

Die Kremlanhöhe war weit und offen. Nichts störte den Blick. Wahrlich, hier wussten Fürsten, sich fürstlich zu repräsentieren. Auch Sima war beeindruckt. Was ich daran merkte, dass er mir, ohne dass ich ihn darum gebeten hatte, beim Fotografieren half: er lenkte das Auto vom Beifahrersitz, während ich mich aus dem Fenster beugte und Fotos schoss. Dann wendeten wir und fuhren über die Brücke zurück. Ich hielt mich nach Osten. „Na“, stichelte ich, „da muss erst ich kommen, dass du auch einmal Kazan siehst, oder?“ Sein Gesicht verriet nicht, was er dachte. Aber ich wusste, dass es ihm gefallen hatte. Aus der Stadt fanden wir leicht hinaus. Um 6:20 Uhr reihten wir uns wieder in den Fernverkehr auf der M7 ein.

II

Wenig später frühstückten wir. Der Boden des Rastplatzes war sandig und staubig, aber unsere Hoffnung, hier von Mücken verschont zu bleiben, wurde erfüllt. Ich kochte Kaffee in einem kleinen Kupfertöpfchen, das ich extra für diese Reise gekauft hatte. Das rote Metall und Russland schienen mir irgendwie zusammen zu gehören. Sima aß halb abseits, mehr oder weniger für sich und war viel eher fertig als ich. Nach dem Essen wusch ich mich obenrum in einem Blechbecken vor einem Zaun, das in seinem früheren Leben vielleicht einmal eine Kuhtränke gewesen sein mochte. Der Wind blies kühl. Mit feuchtem Haar, erfrischt und gestärkt ging es weiter. Sima übernahm.

Der nächste Etappenort hieß Nabereschni Tschelni, die zweitgrößte Stadt Tatarstans, 525.000 Einwohner, 200 Kilometer weiter östlich am Ufer der Kama gelegen. Ich hatte diesen Namen noch niemals gehört und konnte ihn kaum aussprechen. „Naber-was?“ Egal, dort musste ich unbedingt eine E-Mail an meine Familie schreiben. Wir würden also auch in diese Stadt fahren. Die letzte, das versprach ich Sima.

Es klarte auf. Die Morgensonne tauchte den Äther in ein heiteres Licht. Ich weiß nicht warum, aber Tatarstan sah aus, wie andere Landstriche durch einen warmen Gelbfilter. In Erinnerung behalte ich dieses Land als besonders reizend und dem Auge schmeichelnd. Der Toskana oder Umbrien nicht unähnlich. Oder meiner Heimat, dem Vogtland. Nur war eben alles viel ausladender – jeder kleine Hügel gefühlte zehn Kilometer breit. Der Abschnitt zwischen Kazan und Nabereschni Tschelni stimmte mit keiner meiner Vorstellungen von Russland überein. Wie ein eigens angelegter Landschaftspark, der dem Reisenden zeigen sollte, dass Russland nicht gleichförmig, flach und eintönig ist. Tatarstan… Wie skeptisch hatte ich dieser Region entgegen geschaut. Und wie sehr gefiel sie mir jetzt!

Was denkst du?“, fragte Sima, als wir eine dieser offenen, unglaublich langgezogenen Erhebungen hinan fuhren und einen weiten Blick über das Land hatten.

Was sich Gott wohl dabei gedacht haben mochte, als er Russland erschuf …“

Und? Was hat er sich dabei gedacht?“

Vielleicht: Jetzt habe ich alle Länder, alle Landschaften im Kleinformat gemacht, jetzt mache ich noch mal alles zehnmal so groß.“

Sima grinste. Meine Interpretation gefiel ihm.

Wir überquerten die Wjatka. Wieder so ein herrlicher Fluss, eingebettet in grüne Hügel. Warum gibt es die nicht in Deutschland? Ich konnte mich nicht satt sehen daran. Ich glaube, hier war es, wo mir zum ersten Mal auffiel, dass jeder russische Fluss, jedes Flüsschen, jeder Bach, jedes noch so winziges Rinnsal, mit einem ordentlichen, kleinen Schild versehen war, welches Art und Name des Objekts benannte: Река Вятка – Fluss Wjatka. Eine richtige Legende. Wie in Deutschland, dachte ich. Viele Male noch musste ich diese Schilder sehen, musste erst eine russische Universität besuchen und Gespräche führen, ehe ich verstand, dass die geografische Erschließung Russlands maßgeblich das Werk von Deutschen ist, dass Schilder, wie Река Вятка die Folge weit in der Vergangenheit liegender, deutsch-russischer Kooperationen waren. Ich sah Река Вятка und spürte eine seltsam traurige Verbundenheit, eine Art Sehnsucht nach diesem Land, obwohl ich schon da war.

Mögen die Russen, wie einige meinen, in manchen Dingen nachlässig sein – in der Kartographie, in geografischer Genauigkeit, sind sie es nicht. So werden beispielsweise Entfernungsangaben unter zehn Kilometer auf Straßenschildern in 0.1 Kilometer-Schritten angegeben. Geht selbst in der totalen Wildnis ein Sandweg von der Straße ab und führt zu einem Örtchen mit vielleicht nur fünf Häusern im tiefsten Wald – die Strecke bis dahin beträgt dann eben exakt 7.8 Kilometer. Nicht mehr und nicht weniger. Das ist wahre Leidenschaft für das Vermessungswesen. Auch die Landkarten … Sowjetische Generalstabskarten gehören zu den genauesten und detailreichsten kartografischen Darstellungen überhaupt. Bis heute sind sie bei Weltenbummlern und Expeditionsleitern begehrt. Auf meinen russischen Autoatlas war stets Verlass. Gelernt – das heißt von Deutschen übernommen und angeeignet – ist eben gelernt. Ein Wissens- und Organisationsimport, der unter Katharina der Großen begonnen hatte und bis zur Zeit der letzten Zaren aufrecht erhalten worden war. Wie auch später in anderen Zusammenhängen, schien mir hier eine Verwandtschaft zwischen der russischen und der deutschen „Seele“ zu bestehen. Mich beeindruckte das.

Ein Volk, welches so viel Wert auf derartige Feinheiten legte, konnte kein grobschlächtiges, dumpfes, ungebildetes sein. Es musste einen Sinn für Logik und Metaphysik haben. Wie Adam, dem Gott einst die Tiere eines nach dem anderen brachte, damit er ihnen Namen gebe, nahm Russland das, was ihm gegeben worden war, bezeichnete es und versah es liebevoll mit den offiziellen Insignien. Mochte die ökonomische Situation auch noch so erschütternd gewesen sein, den Stolz, jedes Flüsschen mit seinem eigenen Schildchen zu versehen, hat sich dieses Land nie nehmen lassen. Darin drückt sich nicht nur Freude aus, Dinge zu exakt zu benennen, sondern auch eine Liebe zum Land selbst. Kein Fluss so egal, dass er nicht seines eigenen Schildchens wert wäre. Das gefiel mir. Es waren diese Kleinigkeiten, deretwegen ich etwas in Russland zu erkennen vermeinte, das sich mit Falschheit nicht verträgt.

Einer meiner Kontakte aus Nowosibirsk hatte mich gewarnt, die Beschilderung in Russland sei schlecht, ich solle stets wachsam sein, weil man sich leicht verfahren könne. Bisher traf eher das Gegenteil zu. Vielleicht würde es hinter dem Ural anders werden? Tatarstan jedenfalls wartete mit einer Infrastruktur auf, die auch jedem mitteleuropäischen Land angemessen gewesen wäre. Makellose Fernstraßen, gut ausgebaut und beschildert. Überhaupt schien es der Republik glänzed zu gehen. Sie strahlte vor Sauberkeit und hinterließ beim Durchfahren den Eindruck, als sei hier der Lebensstandard ein, zwei Stufen höher, als in anderen Teilen Russlands. Hier unterschied sich einiges. So sah ich in ganz Tatarstan beispielsweise keine einzige Gazprom-Tankstelle. Bis Tatarstan waren Gazprom-Tankstellen alle paar Kilometer gekommen. Hier dominierten die Anbieter Tatneft, Baschkneft, Lukoil und АЗС. Ich nahm das nur nebenbei wahr, wunderte mich aber. Erst auf der Heimreise sollte ich den Grund dafür erfahren.

Vor Nabereschni Tschelni fuhren wir über die Kama. Danach führte eine breite Hauptstraße mehrere Kilometer schnurgeradeaus in die Stadt hinein, die ganz offensichtlich auf dem Reißbrett entstanden war. Als die ersten Glastempel auftauchten – drei Autohäuser von BMW, Renault und Hyundai – bat ich Sima, den großen Parkplatz davor anzusteuern. Im Hintergrund, auf einem zweiten Gelände, befanden sich ein offener Markt und daneben eine Garagensiedlung kleiner Autowerkstätten, in denen für wenig Geld aufgebockt und herumgeschraubt wurde. In einem der gläsernen Autohäuser sollte es endlich gelingen, eine E-Mail zu schreiben, ein Lebenszeichen von mir zu geben und einen Kurzbericht meiner Moskau-Durchquerung nach Hause zu schicken.

Bei BMW gab man sich reserviert. Das junge Fotomodel am Empfang hatte keine Lust, mit mir besonders viele Worte zu wechseln. Gut, ich sah auch nicht aus wie einer, der ein Auto kaufen wollte, sondern mit Cargohose in Wüstentarn eher wie jemand, der einen Tag Fronturlaub bekommen hatte. Doch ich insistierte, wollte mich nicht so leicht abwimmeln lassen. Sie telefonierte ihren Vorgesetzten herbei, der mir in besserem Englisch erklärte, dass es nicht möglich sei, eine Mail zu schreiben, weil die Computer im Autohaus nicht … und so weiter und so fort. Ich verstand, bedankte mich und ging hinüber zu Renault. Auch dort hatte ich keinen Erfolg. Sima wartete im Auto und musste schon ungeduldig sein. Ich gab ihm kurz Bescheid, dass ich es noch bei Hyundai versuchen wolle. Er blieb erstaunlich gelassen. „Jaja, mach nur.“ War alles in Ordnung mit ihm?

Bei Hyundai verstand man zuerst nicht, führte mich dann aber ein Stockwerk höher in den Gästebereich, an einen freien Computerplatz. Und tatsächlich, es gab Internet! Ein Angestellter stellte mir die Tastatur auf lateinische Buchstaben um, brachte mir einen Kaffee und ich konnte endlich – endlich! – nach Hause schreiben. Zum ersten Mal, am vierten Tag meiner Reise. Die Erleichterung darüber, dass mir dies gelungen war, ließ mich richtig aufleben. Hyundai, Nabereschni Tschelni, dachte ich, da werden sie geholfen. Ich prüfte im Postfach, ob die Mail auch tatsächlich angekommen war. Sie war. Als glücklicher Mensch spazierte ich aus dem Autohaus. Bei АЗС gleich noch voll getankt, dann konnte es weiter gehen Richtung Ufa und anschließend in den Ural, unserem heutigen Etappenziel.

Wie schnell das gegangen war: schon jetzt nahm die Stadt eine Sonderstellung unter meinen bisherigen Russlanderfahrungen ein. Flexibel und freundlich. Nabereschni Tschelni, Tatarstan – die Problemlöserstadt. Hätte ich geahnt, dass ich genau diesen Parkplatz vor Renault, BMW und Hyundai unter ganz anderen Umständen wieder sehen und dass mir dort erneut Hilfe zuteil werden sollte, dann aber in weit größerer Not…