Ein Gastkommenbeitrag von Marko Wild

Otto Warmbier ist also tot. Der 22-jährige Student, der aussah wie ein 32-jähriger Amish-Bauer aus den 1950ern bei seinem ersten Besuch in der Stadt, der Mann mit dem Vornamen eines deutschen Kaisers und dem Nachnamen eines deutsch-jüdischen Irgendwas (warmes Bier, mmh, da kommt Appetit auf), dieser Mann wurde also von den Nordkoreanern potenziell zu Tode gefoltert. Seine Eltern hätten die traurige Pflicht, ließen sie vermelden, den endgültigen Heimgang ihres Sohnes mitzuteilen. Die politische Entourage war sich diesmal trotz Trump einig: warmes Mitgefühl für die Familie;

Kampfansage Richtung Reich des Bösen: brutal, menschenverachtend, dieses Nordkorea. Man wird eine adäquate Antwort finden.

Wie hätte er das aber auch wissen sollen, der „Student Otto Warmbier“, dass Nordkorea ein problematisches Territorium ist? Hat man als US-Bürger bestimmt noch nie nichts davon gehört. (Soll ja welche geben, die „Hofbräuhaus“ für die Hauptstadt von Germany halten.) Ein kleiner Semesterferientrip in einen der letzten noch nicht mit demokratischen Bomben zivilisierten Mitgliedsstaaten der „Axis of evil“? Ja warum eigentlich nicht. Aber dann der Fauxpas: oh weh oh weh, nimmt er da einfach ein „Propagandabanner“ vom ihm mit diktatorischer Endgültigkeit zugedachten Platz. Asso wöörklich, Otto, macht man doch nicht. 15 Jahre Arbeitslager. Folter. Pressetermin. Verweintes Gesicht. Gebückter Gang. Zu groß geratenes Sakko. Sieht er gleich noch hilfloser aus, unser „Student Otto Warmbier“, seines Zeichens ahnungsloser Propagandabannerabnehmer.

Selten dämlich auch Nordkorea. Ein kleines Fleckchen Erde, kaum größer als die DDR gewesen ist, angeblich im Besitz von Atomwaffen, legt sich mit den Vereinigten Staaten an und foltert einen ihrer Staatsbürger justament dann ins Wachkoma, als der atomare Streit schon kaum mehr schwelend zu nennen ist. Und dann liegt dieses Land strategisch auch noch so ungünstig – so hinten unten dran an Russland. So dort ungefähr, wo die Amis noch keine richtigen Militärbasen haben. Meine Güte aber auch…

Es kam wie es kommen musste. Der „Student Otto Warmbier“ kehrte als Nord-Korea-Versehrter vorzeitig in die Heimat zurück. Apathisch, wankend, beidseitig gestützt. Eltern. Große Gefühle. Und dann: Tod. Nord Korea überlebt man nicht. Das Böse schlechthin, der nordkoreanische Tod, hatte gehaucht, und Otto Warmbier, Student aus Cincinnati, hauchte aus.

Was nun? Da bleibt wohl nur noch eines: endlich das zu tun, was schon lange getan werden muss: Diktator Kim dorthin befördern, wohin auch schon Diktator Saddam, Oberschlawiener Osama und Diktator Muammar befördert wurden. Und wohin Diktator Baschar auch bald befördert werden soll.

Die Medien sind voller Otto Warmbier. Doch nein, halt: Westliche Medien! Zwar angeblich auch nordkoreanische. Jedoch nur, wenn sie ihren Sitz in Sydney/Australien haben. (Eye-Blink-Smiley) Sucht man bei echten nordkoreanischen, etwa dem laut wikipedia offiziellen Regierungsmedium, wird man erst mal gar nicht so einfach vorgelassen. Diese Seite, heißt es, könnte ihren Computer schon nach wenigen Sekunden mit einer Malware infizieren. Klickt man auf „ignorieren“, erscheint ein zweites Warnfeld mit gelb hinterlegtem Ausrufezeichen: wollen Sie die Seite wirklich öffnen?

Ja, wollen wir.

Und dann geschah es – das Unvorstellbare: Es öffnete sich eine Seite voller koreanischer Schriftzeichen und einiger Bilder. Bilder von Büchern und Broschüren. Keine Bilder von Menschen. Keine Bilder von The-One-and-Only-Kim. Und ganz bestimmt keine Bilder von „Student Otto Warmbier“, dessen Tod doch das Land in eine äußerst prekäre Lage gebracht, es im Prinzip in die Nähe der Auslöschung gerückt hat.

Gut, schauen wir bei einem Medium der Mitte – bei „The China Times“. Kein Otto Warmbier. Auch nicht unter Breaking News. Mit einem Wort:

Otto Warmbier ist bislang ein Phänomen der westlichen Medien. Da allerdings ganz massiv. Videos, in denen „Student Otto Warmbier“ von nordkoreanischen Tellermützen-Uniformträgern unter Blitzlichtgewitter von Pontius zu Pilatus gebracht wird. Otto Warmbier weint. Otto Warmbier fleht. Otto Warmbier kann selbst keine Fingerabdrücke mehr abgeben. Sein Daumen wird von Dritten aufs Stempelkissen gedrückt.

Das können natürlich unmöglich gestellte Szenen sein. Dafür sind die United States of Hollywood viel zu anständig.

Ihre Wirkung indes verfehlen die Bilder ebenso wenig, wie die tränenerstickte UN-Rede eines Mädchens über getötete Brutkastenbabies in Kuweit: Nordkorea muss endlich dran glauben. Justice for Otto! Wikipedia ist unverzüglich angepasst worden. Die mediale Rhetorik schaukelt sich hoch: Mord! In Fachforen werden Off-Topic-Threads eröffnet: Otto Warmbier. Sollten wir Norkorea bombardieren?

Es ist so traurig. Es ist so geistlos.