… oder: ESC à la Orwell – Monotony means Diversity. Ein Gastbeitrag von Marko Wild

„Celebrate Diversity“ lautete das Motto des diesjährigen ESC – feiert die Vielfalt. Gewonnen hat dann am Ende tatsächlich ein Titel, der den Löwenanteil dazu beitrug, dass der ESC nicht in vollkommen stumpfsinniger Monotonie ersoff.

Der portugiesische Siegertitel war in nahezu allen musikalischen Kategorien eine erfreuliche Ausnahmeerscheinung. Man darf getrost behaupten: er war einer der würdigsten Siegersongs des jüngeren ESC und eines des schönsten Stücke beim ESC überhaupt.

Wie außergewöhnlich der portugiesische Beitrag war, soll folgende kurze Analyse zeigen:

Von den 26 Finalbeiträgen standen 19 in einer Moll-Tonart. Moll lässt sich durchaus auf vielerlei Weise verarbeiten – oder anders gesagt: auch mit Moll ist Diversity möglich. Normalerweise. In der Popmusik hat sich jedoch seit den frühen 1980ern zunehmend eine Akkordfolge etabliert, deren spannungsreichster Akkordschritt nicht in dem von Grundakkord zur Quinte (oder Dominante) besteht, sondern in dem vom Grundakkord zum Tonikagegenklang. Das ist derjenige Akkord, der als Durakkord zwei Ganztöne unter dem Grundakkord gespielt wird, A-Moll zu F oder E-Moll zu C.

Die Verbindung aus Moll-Grundakkord und Dur-Gegenklang wird als äußerst kraftvoll und dramatisch empfunden. In der Popmusik der 1960 Jahre war sie noch selten zu finden und stach deshalb heraus. Eleanor Rigby etwa ist ein Beispiel für diese Akkordverbindung. Seit den frühen 1980ern wurde sie mit Hits wie „It’s raining men“, „I’m so excited“, „Ain’t Nobody“ oder Michael Jacksons „Dirty Diana“ zunehmend populär.

Heute kommt sie in gefühlt jedem zweiten Song zur Anwendung, wenn auch lange nicht mehr in der unverbrauchten Qualität vergangener Jahrzehnte. Dabei ist der musikalische Baukasten um so vieles reicher. Beim diesjährigen ESC spielten 13 der 26 Titel mit jenem als „machtvoll“ empfundenen Akkordschritt. Exemplarisch im bulgarischen Titel zu hören.

Der portugiesische Siegertitel aber war in F-Dur. Seine Akkordfolge war nicht die einer – wie immer wieder geschrieben wird – „Jazzballade“. Sondern schlicht die Ausnutzung nahezu sämtlicher in F-Dur zur Verfügung stehenden tonleitereigenen Akkorde (eine typische Jazzballade reduziert viel mehr). Wobei die zweite Stufe, der G-Akkord, manchmal Dur, und manchmal Moll-7 erklang, was die Erwartungen dezent, ja liebevoll aufbrach und jeweils harmonisch für kleine, Überraschungsmomente sorgte.

25 von 26 Titeln standen entweder im 4/4 Takt oder einer anderen geradzahligen Variation davon, bspw. einer Art Polkarhythmus (Weißrussland) oder 2/2 (Kroatien).
Allein der portugiesische Siegertitel drehte sich in einem langsamen Walzertakt.
Bei den Tempi war das Spektrum ebenfalls nicht besonders groß. Den Hauptteil bildeten ein tanzbares schnelleres Tempo (moderat bis allegro, 12 von 26 Titeln) und etwas, was man im Pop Midtempo nennt, in der Klassik „andante“, also grob der Bereich zwischen 76 und 100 bpm. 4 Stücke hatten ein langsames, das schnellere Tanztempo etwa halbierendes balladeskes Tempo.

Auch hierin stach das portugiesische Lied wieder auf zweifache Weise heraus. Zum einen verhält es sich im 3/4-Takt mit dem empfundenen Tempo anders, als in geradzahligen Takten: er kann nämlich sowohl langsam empfunden werden, wenn man nur die Eins zählt, als auch schnell, wenn man jede Viertel zählt. Zum anderen war es aber auch das einzige Lied, dessen Tempo sich nur ungefähr an eine Tempoangabe hielt, in besonderen Momenten aber frei war, Pausen verlängerte oder das Tempo herunter nahm.

Man bekam also Musik dargeboten, die den Eindruck erweckt, sie würde im Hintergrund von einem Menschen dirigiert, wogegen die anderen Stücke fest an die programmierten Tempi gebunden blieben.

Kommen wir zu einer letzten Kategorie unserer Betrachtung – der Songstruktur. In dieser Beziehung lieferte das portugiesische Lied wohl den ungewöhnlichsten Beitrag überhaupt. 24 von 26 Stücken klammerten sich an das Grundschema Strophe / Refrain, garniert mit Überleitungsteilen. 17 von 26 Liedern trieben es noch weiter und stiegen mit einem stereotyp-erwartbaren und deshalb sofort jegliches Interesse misshandelnden, ruhigen Intro ein, meist sphärische Keyboardklänge unterlegt von ersten Andeutungen eines später dominierenden Rhythmus. Ekelhaft monoton.

Das portugiesische Lied aber hatte ein wirkliches, melodiöses Streicherintro und zudem überhaupt keinen Refrain, sondern nur einen A- und einen B-Teil. Noch dazu stieg es mit B-Teil ein, was Spannung aufbaute und einen superben Kontrast zur ersten Strophe setzte.

Zur Verdeutlichung:

ein klassicher Popsong (und die meisten des ESC) ist etwa so aufgebaut:
Strophe-(Bridge)-Refrain-Strophe-(Bridge)-Refrain-(Break)-Refrain, oder
A-(B)-C-A-(B)-C-(D)-C.

Mit weitaus weniger „Material“ erreichte das portugiesische Lied indes viel, viel mehr. Das heißt, hier waren wirkliche Künstler am Werk, Liebhaber der Musik. Sein Aufbau sieht mit B-A-B-B-B-A-B zwar geradezu schlicht aus; bei genauem Hinhören aber ist die Struktur geradezu sensationell gut. Der dritte B-Teil wird halb als Instrumental, halb als Gesangsteil vorgetragen, der letzte A-Teil wird schon nach der Hälfte musikalisch elegant mit dem ebenfalls halben, letzten B-Teil zusammen gefügt. Das ist in dieser Form und dem gebotenen Rahmen ganz große Kunst.

Nach all diesem theoretischen Stoff ist weder etwas zur Qualität der gesanglichen Darbietung gesagt, noch zu dem Umstand, ob die Musik eine gefühlsmäßige Assoziation zum Land selbst herzustellen vermochte, was zwar in erster Linie über die Sprache geschieht, doch auch andere Faktoren wie landestypische Klänge und die Performance spielen da hinein. Auch in diesen Kategorien konnte Salvador Sobral mit „Amar Pelod Dios“ punkten.

Alles in allem – ich wiederhole mich – hat dieses Jahr ein ganz wunderbares Stück Musik gewonnen. Gerade aber dieses Stück hat durch seine Ausnahmestellung in quasi jeder Hinsicht das Motto des Wettbewerbes, „Celebrate Diversity“ als das genaue Gegenteil des Behaupteten vorgeführt.

Der deutsche Beitrag übrigens war bei Weitem nicht so schlecht, wie seine Platzierung nahelegt. Die „Ingenieure“ dieses Stückes jedenfalls haben die vom Veranstalter vorgegebenen 3:00 min Gesamtlänge, an die sich jeder Teilnehmer zu halten hatte, aus Mainstream-Sicht hervorragend umgesetzt. Die Bridge bspw. auf dem erwähnten Tonikagegenklang einsetzen zu lassen ist durchaus eine smarte und sehr hörgefällige Idee. So spricht man Emotionen an. Das Stück wirkte nicht zu übertrieben pathetisch, noch war die Rhythmuseinheit penetrant laut. Die Melodie schmeichelte sich im Gegensatz zu der vieler anderer Beiträge schnell ins Ohr. Levinas „Perfect Live“ hätte also ebenso gut unter den ersten zehn landen können. Vielleicht sogar müssen.

Es gäbe noch viel zu schreiben zum diesjährigen ESC. Zu den ausgeschiedenen Liedern, zum (in Phrasierung, Vibrato, Aussprache etc.) ganz offensichtlich dominierenden US-Gesangsstil, v.a. bei den weiblichen Interpreten, zum Spiel mit freimaurerischer Symbolik usw.

Dieser Artikel jedoch ist dem portugiesischen Siegersong gewidmet. Lassen wir es deshalb mit einer letzten Würdigung bewenden: es hat das mit Abstand beste Lied gewonnen. Und das erfreut einen Musiker von Herzen.

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Zum Autor: Marko Wild ist ein 1975 geborener Sachse. Er wuchs bis zu seinem 15. Lebensjahr in der DDR auf, wo er nicht nur die verglichen mit heute sehr gute humanistische Bildung des damaligen Schulsystems, sondern auch eine nicht minder gute christliche Lehre der lutherischen Theologie erfahren durfte, welche ihn bisher durch alle Unbilden einer ebenso schönen wie wahnsinnigen Welt getragen hat.

Seine Eltern waren der Ansicht, dass man einen Beruf zu erlernen hätte. So wurde er zunächst zum Technischen Zeichner ausgebildet. Danach absolvierte er das Fachabitur, weigerte sich jedoch, anschließend das ihm dringend nahegelegte Bauingenieurwesen zu studieren. Statt dessen schlug er den Weg eines Musikers und Journalisten ein.

Heute lebt er mit seiner Familie in einer ländlichen Gegend im östlichen Bayern. Eines vielleicht gar nicht so fernen Tages wird er sicher wieder nach Sachsen zurück ziehen.

Marko Wild war Gebirgsjäger, Taxifahrer und Außendienstler. Er schrieb für ein lokales Printmedium und diverse Blogs. Er jobbte in der Geödäsie und schraubte Schiffsdiesel auseinander. Er fuhr mit dem Auto quer durch Russland bis in die Mongolei, bestieg den Kilimanjaro und wanderte durch das Rif-Gebirge.

Er studierte Journalismus und Kulturwissenschaften in Leipzig. Er komponiert, textet und arrangiert. Er ist Abenteurer und Künstler, Philosoph und Beobachter, Sänger, Gitarrist und Autor, Querdenker und als manifestiertes Nein fast immer dort anzutreffen, wo alle Ja sagen. Nicht aus Prinzip, aber um bestimmter Prinzipien Willen.

Marko Wild hat vier Kinder in die Welt gesetzt, drei CDs aufgenommen, zwei Romane geschrieben, eine Frau geheiratet und null Sympathie für die gegenwärtige Richtung der Bundesregierung sowie ihrer zeitgeistgeschwängerten Helfer und Klone in Politik, Medien und der Antifa.