Ein Gastbeitrag von Jens Schmidt

Ende letzten Jahres sind wir aus dem Raum Bonn in die USA gezogen. Dies hatte mehrere Gründe. Einer war endlich leichteren Zugang zu einer umfangreichen jüdischen Infrastruktur zu haben und diese dann auch offen nutzen zu können.

Meine Frau ist Jüdin und wir wollen unseren Kindern auch die jüdischen Traditionen aktiv näher bringen, indem sie in einer Gemeinde mit vielen Kindern eingebunden sind.

Durch den zunehmenden Antisemitismus in Deutschland wurde dies aber in Kindergarten und Schule zunehmend schwieriger. Dies war einer der Hauptgründe für uns letztendlich ein Neuanfang in den USA anzugehen. 

Wir sind mittlerweile gut in einer jüdischen Gemeinde in North Carolina angekommen und auch ich als Christ wurde herzlich integriert.

Vor einigen Tagen war Holocaust Memorial Day und die Juden haben hier spezielle Gottesdienste und Veranstaltungen abgehalten. Das war für mich ein ganz außergewöhnliches, emotionales Erlebnis. Ich war davon völlig überrollt, da ich das so nicht erwartet habe, noch habe ich es je erlebt.

Der Freitags-Sabbat-Gottesdienst war diesmal deutlich besser besucht. Nur einige waren durch den Holocaust direkt betroffen und hatten Verwandte in KZs verloren, niemand hat ihn selbst erlebt. Trotzdem waren alle mit diesem Thema sehr emotional verbunden.

Julia versuchte mir das schon immer zu verdeutlichen, dass Deutschland und der Holocaust in jedem Juden eine emotionale Reaktion auslöst, ich habe es nie wirklich verstanden. Diese Emotion habe ich am Freitag hautnah erlebt.

Die Lieder wurden plötzlich trauernd und melancholisch gesungen, man konnte die Atmosphäre fast sehen. Ich war der einzige Repräsentant der „anderen Seite“ im Raum, ich denke, dass dies keinem bewusst war. Ich jedoch spürte eine enorme Last auf meinen Schultern. Eingebildet?

Vielleicht, ich war jedenfalls sehr bewegt und wusste nicht wirklich, was hier mit mir geschah. Diese Ergriffenheit, diese Trauer und die Tränen der Anwesenden, die „persönlich nicht betroffen“ sind, habe ich bisher noch nicht erlebt. Es war sehr beeindruckend.

Mir wurde klar, dass wir diese Erfahrung in Deutschland nur selten machen können, dass es diese Gelegenheiten einfach nicht gibt. Es gibt keine Holocaust-Veranstaltungen, bei denen überwiegend Juden anwesend sind. Wir Deutschen sind angesichts von Erzählungen und Fotos betroffen, aber die Emotionen sind doch lange nicht so tief wie die der Juden selbst. Wir veranstalten diese Memorial Days immer unter uns selbst.

Gerade komme ich von einer Gedenkveranstaltung zurück. Dort habe ich meine ersten beiden Holocaust-Überlebenden kennen gelernt.

Diese haben mittels einem Vortrag und einem Film ihre Geschichte erlebt. Die beiden Mädchen, Cousinen, wurden mit ihren Müttern von Nicht-Juden in der heutigen Ukraine versteckt. Sie saßen über 20 Monate in einem Heuschuppen versteckt und lebten dort völlig verlaust im eigenen Dreck, den sie sich mit Ratten teilten. Die anderen Familienangehörigen sind alle getötet worden.

Auch dies war ein unglaubliches Erlebnis, diesen heute alten Damen in die Augen zu schauen. Nach dem Krieg ging die eine mit ihrer Mutter über die amerikanische Armee in Deutschland in die USA, die andere blieb in der Region und ging später nach St. Petersburg. Über einen zufälligen Kontakt in Israel kamen beiden in den 1960er Jahren wieder zusammen und 1980 trafen sich beide in den USA wieder. Was für eine Geschichte.

Ich musste dann auch daran denken, dass mein eigener Großvater als junger Mann zur ähnlichen Zeit ebenfalls in der heutigen Ukraine an der Front gefallen ist. Meine Mutter hat ihn nie kennen gelernt. 

Ebenfalls dramatisch und für die betroffene Familie schlimm, aber eben auf der anderen Seite. Auch er wurde in diese Situation gezwungen. Komisches Gefühl dabei zu sitzen, mit diesem Wissen, mit dieser deutschen Zerrissenheit, diesmal aber ganz alleine, weit weg von Deutschland, als einziger Nicht-Jude.

Diese Veranstaltungen sind so wichtig. Es ist wichtig, dass uns immer wieder Details erzählt werden. Diese Brutalität, diese Unmenschlichkeit ist schlicht unvorstellbar und mit nichts vergleichbar.

Es ist für viele Deutsche wahrscheinlich nicht bekannt und vorstellbar, wie tief der Schmerz bei den Juden noch ist.

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Ilonka
Gast
Ilonka

Danke für den Artikel und den Kommentar von Marianne Jädick.

„Es ist für viele Deutsche wahrscheinlich nicht bekannt und vorstellbar, wie tief der Schmerz bei den Juden noch ist.“

Doch!!!

Ich bin Deutsch (Ostdeutsch), blond und blauäugig…und ich fühle sehr sehr mit, nicht aus verordnetem Schuldkomplex, sondern aus tiefsten Respekt!

Helene
Gast
Helene

Mit unsinnigen Beitrag haben Sie mich als Leserin verloren. Mit freundlichen grüßen.

caruso
Gast

Liebe Marianne, Du hast nichts zu danken. Ich bin nicht großzügig, sondern versuche nur halbwegs normal zu denken. — Was folgt, geht weniger an Dich als an einen anderen Kommentator. -Es geht nicht darum, wer bestialischer ermordet wurde. Für mich geht es darum, daß in der Mitte des 20. Jh.s die Regierung eines der entwickeltesten Länder der Erde sich entschließt einer Menschengruppe das Menschsein abzusprechen und die Mitglieder der Gruppe bis zum letzten Glied auszumerzen. Diese Endgültigkeitder Vernichtung betraf ausschließlich für die Gruppe der Juden. Obwohl ich davon betroffen wae, interessiert es mich viel mehr wie das Volk der „Dichter… Mehr lesen »

caruso
Gast

Ich bin jüdisch. War nie in einem Lager.“Nur“ den gelben Stern getragen , dann versteckt in einem Roten Kreuz-Haus, danach in einem Keller mit anderen ca 2000 Juden. Zionistische Gruppen machten dies möglich. Von meiner engsten Familie blieben alle am Leben. „Nur“ 2 Onkel, meine Lieblingstante samt Mann & 3jährigem Kind wurden ermordet. Letztere, zusammen mir der ganzen Gemeinde, in Auschwitz am Tag der Ankunft. – Doch, wer nicht zur Gruppe der Täter gehört (von der niedrigsten bis zur höchsten Position) hat keine Schuld. Sie ist individuell und nicht vererbbar. Was die Nicht-Tätergruppe und ihre Nachfolger haben ist Verantwortung. Wie… Mehr lesen »

schwebchen
Gast
schwebchen

„Diese Brutalität, diese Unmenschlichkeit ist schlicht unvorstellbar und mit nichts vergleichbar.“ – Mit nichts vergleichbar? – Haben Sie mal das autobiographische Büchlein von Vann Nath, einem Überlebenden aus dem Tuol Sleng gelesen oder hat ihnen eine Überlebende aus Ruanda ihre Geschichte erzählt? Auch der Film „Soviet Story“ mit Bildern und Berichten über den Holodomor unter Stalin ist sehr erhellend. Homo homini lupus – der Mensch ist der Wolf des Menschen. War immer schon so, wird immer so sein. Die Fokussierung auf den einen Genozid, die erwünscht und erlaubt ist (in unserer westlichen Welt und vor allem in Deutschland) ist eine… Mehr lesen »

Luther
Gast
Luther

Ich verstehe ehrlich nicht,dass sie diese Trauer noch nie erlebt haben ,als sie noch in Deutschland gelebt haben. Ich bin mit dem schuldkult aufgewachsen,In unserer Nähe war ein KZ und ich hab mich schon als Kind und Jugendlicher immer wieder damit auseinander gesetzt. Vielleicht war die Bildung im Osten zu diesem Thema anders,als im Westen.ich hatte schon in der 1.klasse ein Treffen mit einem Holocaustüberlebenden,später lasen wir das Anne Frank Tagebuch,legten Kränze nieder im KZ usw .Ich besuchte Israel,war in Yad Waschem -und ich finde es gab einen politisch inszenierten schuldkult und eine Verdrängung der Geschichte der deutschen Menschen dieser… Mehr lesen »

Jürg Rückert
Gast
Jürg Rückert

Ein junger deutscher Philosoph begab sich auf Bildungsreise nach Atlanta. Dort begegnete er, ein Täter-Enkel, richtigen Opfer-Enkeln, also jungen Juden. Er konnte den unausgesprochenen Vorwurf in deren Blicken nicht ertragen. Nicht einmal wie der reuige Sünder am Eingang zum Tempel konnte er bestehen. Er floss förmlich aus gleich einem zerbrochener Gefäß: Er lehne jede billige Gnade ab! Das gefiel dem Redakteur von „Christ in der Gegenwart“: „Kann man solchen (offenkundig vererbbaren!) Verbrechen vergeben?“ , titelte er. (Christ in der Gegenwart, Nr. 8/01, S. 60). Das gilt als gutes Christentum. So ist man wohl gesonnen. Bloß keinen aufrechten Gang. Ironischerweise in… Mehr lesen »

Jupp
Gast
Jupp

Die Deutschen haben sich nicht geändert. Nur die Methoden und die Opfer sind andere – Mobbing.

Marianne Jädick
Gast
Marianne Jädick

Danke, Herr Schmidt, für diese tiefgehenden, aufwühlenden und wunderschönen Worte, die Sie für Ihre Erlebnisse gefunden haben und versuchen, mit uns zu teilen. Wir alle werden es nicht genauso nachvollziehen können wie Sie, aber trotzdem möchte ich Ihnen sagen, dass mir doch die Tränen gekommen sind. ich gehöre zur Nachkriegsgeneration (Jahrgang 1946), mit Eltern und Großeltern, die den Krieg noch in der Blüte ihrer Jahre mitmachen mussten: Großeltern in Berlin (wobei beide – mütterlicher- und väterlicherseits – auch noch den 1. Weltkrieg gut in Erinnerung hatten). Vater mit seinen 4 Brüdern war mit allen an den verschiedenen Fronten, wobei 1… Mehr lesen »