Judenverfolgungen im historischen Zusammenhang mit der Kreuzigung des Jesus von Nazareth. Ein Gastbeitrag von Herwig Schafberg

„So legt er alle Sünden des Volkes dem Bock auf den Kopf und läßt dann das Tier… in die Wüste jagen. Der Bock trägt alle diese Sünden weg und bringt sie in eine unbewohnte Gegend“ (3. Buch Mose / Levitikus 16)

Ostern feiern Christen die Auferstehung Jesu Christi nach der Kreuzigung, der zwei Tage zuvor gedacht wird. Das ist in diesem Jahr am 14. April und so zehn Tage vor dem Tag des Gedenkens der Schoah – der Ermordung von Millionen europäischer Juden durch die Nationalsozialisten. Inwieweit zwischen der Verfolgung von Juden und der Kreuzigung Jesu ein Zusammenhang besteht, stelle ich im folgenden Essay dar, in dem es also weniger um die Klärung theologischer Fragen als viel mehr um das Verständnis historischer Entwicklungen geht.

Nach biblischer Überlieferung war Jesus von Nazareth am Tag seiner Kreuzigung früh am Morgen von der jüdischen Obrigkeit verhört, noch im Laufe desselben Tages der römischen Besatzungsmacht zur Aburteilung überstellt und – rechtzeitig vor Beginn der Sabbathruhe – ans Kreuz geschlagen worden. Es war ein kurzer Prozeß, der jedoch so verheerende Auswirkungen hatte wie kein anderer Gerichtsprozeß der Weltgeschichte, heißt es in Schalom Ben-Chorins Buch über „Bruder Jesus. Der Nazarener in jüdischer Sicht“.

Zu den Auswirkungen gehörte die Verfolgung von Juden, denen in toto die Schuld an der Kreuzigung Jesu` angelastet wurde.

Es war letzten Endes in der Logik dieser Schuldzuweisung, daß einige Christen beim israelischen Obergericht eine Revision des rund zweitausend Jahre zurückliegenden Prozesses gegen Jesus beantragten, nachdem mit der Gründung des Staates Israel das Judentum zum ersten Mal seit der vorrömischen Zeit eine eigenstaatliche Gerichtsbarkeit erhalten hatte (1948). Den Anträgen wurde aber nicht stattgegeben, da es keine Prozeßunterlagen gab und die biblisch überlieferten Evangelien der drei Synoptiker (Lukas, Markus, Matthäus) sowie des Johannes und weitere Überlieferungen kaum für Juristen, sondern eher für christliche Theologen und Religions- sowie Geschichtswissenschaftler als Quellen interessant sind.

Nicht erst seit der Entdeckung der essenischen Schriftrollen von Qumran wissen wir, daß in Erwartung des Messias sowie des Gottesreiches auf Erden um die Deutung der biblischen Schriften sowie um ein gottgefälliges Verhalten am Ende der Zeit schon lange heftig gestritten wurde, bevor die ersten Juden auftraten, die sich zu Jesus als Messias bekannten.

Wie es in einem Evangelium heißt, verkündete Jesus von Nazareth: „Die Zeit ist erfüllt; das Reich Gottes ist nahe“ (Markus 1, 15). Und er sah es als seine Aufgabe an, die Menschen auf dieses Reich vorzubereiten, das unter Führung des Messias geschaffen werden sollte.

Die Frage, ob er sich selbst für den Messias (griechisch: Christos bzw. Christus) hielt, ist umstritten. Wilhelm Nestle beispielsweise bezweifelt das in seinem Buch über „Die Krisis des Christentums, ihre Ursachen, ihr Werden und ihre Bedeutung“. Er schreibt, daß besonders das „Messiasgeheimnis“ im Markusevangelium dagegen spräche (Markus 3, 12). Damit gemeint ist, daß Jesus seinen Jüngern untersagt hätte, ihn als Messias zu propagieren.

Nachdem er einige Zeit durch Galiläa gezogen war und dabei Jünger sowie weitere Anhänger um sich geschart hatte, zog es ihn nach Jerusalem. Wir wissen nicht, ob es nur als Wallfahrt zum Tempel, dem zentralen Heiligtum der Juden, oder auch als Bewährungsprobe gedacht war; denn dort bekam er es mit gewichtigen Vertretern religiöser Deutungshoheit sowie politischer Entscheidungsmacht zu tun.

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Einzug Jesu in Jerusalem – von Giotto di Bondone, via Wikimedia Commons

Spätestens nachdem Einwohner der Stadt ihn Hosianna singend und mit Palmenzweigen winkend begrüßt hatten, wurde die Obrigkeit auf diesen Wanderprediger aus Galiläa aufmerksam. Vielleicht hatte sich bis in ihre Reihen das Gerücht verbreitet, daß zu Jesu` Gefolge nicht bloß friedfertige Jünger gehörten, die in geduldiger Erwartung des Gottesreiches waren, sondern auch militante Eiferer aus den Reihen der Zeloten, die den Römern feindselig gegenüberstanden. Wer war dieser Jesus von Nazareth, wollte man in Jerusalem wissen – und was sahen seine Anhänger in ihm: Einen radikalen Rabbiner, einen neuen Propheten oder gar den Messias?

Unter dem Eindruck der hundertjährigen Bürgerkriege im Römischen Reich und dessen Kriege gegen die Staaten des Orients (133 – 30 v. Chr.) gab es viele Menschen im Mittelmeerraum, die sich wie die Juden nach einem „Erretter“, einem gottbegnadeten Friedensfürsten sehnten – und erblickten diesen in Augustus, dem neuen Caesar (Kaiser).

Griechische Städte in Anatolien beschlossen, den Tag der Geburt dieses Caesaren im Jahre 62 v. Chr. als Ausgangsdatum für eine neue Zeitrechnung zu betrachten, und begrüßten die Gesetze, mit denen er das Imperium Romanum neu ordnen ließ, als Evangelien (frohe Botschaften) – so wie später auch die Berichte über das Wirken Jesu genannt wurden.

Für die Juden, deren Land in den Kriegen von Rom abhängig geworden war (63 v. Chr.) und dann dessen unmittelbarer Herrschaft unterstellt wurde (6 n. Chr.), kam aber ein römischer Kaiser als der ihnen prophezeite „Erretter“ nicht in Frage. Prophezeit war ihnen, daß der Messias ein König vom Stamme Davids sein und den Gesetzen Gottes auf Erden Geltung verschaffen würde, nicht denen des römischen Senats.

Daß die Juden einen Gott anbeteten, der „keine anderen Götter“ neben sich duldete, und in erster Linie nach den Gesetzen dieses Gottes leben wollten (5. Buch Mose 5 und 12-28), hatte im Laufe ihrer Geschichte manches Mal Zweifel an ihrer Loyalität aufkommen lassen, Haß erzeugt und Verfolgungen ausgelöst, wenn sie unter fremder Herrschaft waren.

Die Perser hatten zwar auf ihren Kriegszügen Juden aus der babylonischen Gefangenschaft befreit; doch auch in ihren Reihen gab es Judenfeindlichkeit. Es war im besonderen Haman, der zu Beginn des 5. Jahrhunderts v. Chr. Berater des persischen Königs Ahasveros (Xerxes) war und seinen König vor den Juden gewarnt haben soll: „Ihr Gesetz ist anders als das aller Völker, und sie befolgen nicht die Gesetze des Königs. Es ist dem König nicht angemessen, sie gewähren zu lassen. Gefällt es dem König, so werde geschrieben, dass man sie ausrotte“ (Buch Esther 3-9). Wie es in der Bibel weiter heißt, verhinderte Esther, die jüdische Frau des Ahasveros, daß Hamans Pläne zur Ausrottung aller Juden im Persischen Reich sowie zur Konfiszierung von deren Hab und Gut ausgeführt wurden.

Das Schicksal, das die Juden durch das Regime der deutschen Nationalsozialisten erlitten, blieb ihnen also unter König Ahasveros im Persischen Großreich ebenso erspart wie später unter König Antiochus im seleukidischen Nachfolgereich Alexanders des Großen.

Antiochus hatte zu Beginn des 2. Jahrhunderts v. Chr. Jerusalem erobert, verzichtete aber auf die Ausrottung der Juden, zu der ihm – nach einem Bericht des altgriechischen Historikers Diodor – Gefolgsleute geraten hatten. Begründet hatten diese ihren Rat damit, daß die Juden sich nicht mit anderen Völkern vermischen wollten und mit ihrem Eigenleben den Zusammenhalt des Reiches bedrohen würden.

Im allgemeinen harmonierten die antiken Kulte unter dem Einfluß des Hellenismus, der sich nach dem Sieg Alexanders des Großen über die Perser im 4. Jahrhundert v. Chr. von Griechenland (Hellas) bis an den Nil sowie an den Indus verbreitet hatte und später unter römischer Herrschaft im gesamten Mittelmeerraum weiter wirkte. Bezeichnenderweise ließen die Römer für die Götter der von ihnen unterworfenen Städte und Länder in Rom Kultstätten zu.

Soweit Juden sich nicht vom Hellenismus beeinflussen ließen, mochten sie jedoch „ihren“ Gott nicht als einen unter vielen in der Götterreihe des antiken Pantheon wissen und galten als hochmütig. Mit ihrem monotheistischen Eigensinn und ihrer ethnokulturellen Absonderung gerieten sie immer wieder in Konflikt mit dem Anspruch auf Akzeptanz anderer Kulte sowie Loyalität gegenüber den Gesetzen der Herrschenden.

Die Unzufriedenheit vieler Juden mit der römischen Herrschaft hatte neben ideellen aber auch materielle Gründe, die in den hohen Lasten an Steuern, Zöllen sowie weiteren Abgaben lagen.

Unter diesen Voraussetzungen kam es sowohl zur Verstärkung messianischer Bewegungen mit Heilserwartungen im Hinblick auf das „Reich Gottes“ als auch zu Aufständen gegen die irdischen Mächte. Sie wurden zum größten Teil von Zeloten geschürt und fanden vor allem in Galiläa statt, das damit gewissermaßen zum Synonym für „Aufstand“ wurde, wie Ingrid Weckert in ihrem Essay über „Jesus bar Josef“ hervorhebt. Schon allein deswegen war es möglicherweise aus Sicht der Obrigkeit besorgniserregend, daß Jesus und seine Jünger von dort stammten.

Kaiphas, der Oberpriester, wie auch die anderen Priester und Schriftgelehrten kannten wahrscheinlich die biblischen Geschichten von der Unterdrückung der Israeliten in Ägypten, der babylonischen Gefangenschaft, der Ausrottungsgefahr in Persien sowie andere Entwicklungen, in deren Verlauf die Stämme Israels bis auf die Juden und einen anderen Stamm aus der Geschichte verschwunden waren.

Es war ihnen wohl ebenso in Erinnerung, daß es im Laufe der jüngst vergangenen Jahrzehnte einige blutig niedergeschlagene Aufstände gegeben hatte und erst kurz zuvor eine galiläische Pilgergruppe auf Befehl des Präfekten Pontius Pilatus niedergemacht worden war, weil sie gegen die Ausstellung römischer Hoheitszeichen im Tempel von Jerusalem protestiert hatte.

Die gelehrten Herren waren daher möglicherweise besorgt, daß Jesus nicht bloß ihre Autorität anfechten, sondern größere Unruhe stiften und den Präfekten zu weiteren Repressalien gegen Juden veranlassen könnte.

Wie geschrieben steht, kündigte Jesus in einer Predigt den Abriß des Tempels, also des Gotteshauses, und die Erschaffung eines nicht von Menschenhand gebauten Tempels an, mit dem er wahrscheinlich das eschatologisch erwartete „Reich Gottes“ meinte.

Das kam Kaiphas und den Seinen vermutlich wie eine Gotteslästerung sowie ein Aufruf zum Sturz der bestehenden Ordnung vor. Vielleicht um Jesus auf die Schliche zu kommen und herauszufinden, wie es um dessen Loyalität gegenüber Rom bestellt wäre, schickten sie eigene Jünger zu ihm, von denen einer Jesus gefragt haben soll, ob der es für legitim hielte, einem nichtjüdischen Herrscher Steuern zu zahlen. Die Frage soll Jesus mit den häufig zitierten Worten beantwortet haben: „Gebt dem Caesar, was des Caesars ist, und Gott, was Gottes ist“ (Lukas 20, 25).

Mit dieser Antwort wurde insofern Geschichte geschrieben, als sie abstrakt zur Begründung des Dualismus zwischen weltlicher und geistlicher Herrschaft im christlichen Abendland, letzten Endes sogar zur Säkularisierung in Europa und darüber hinaus in Amerika beitrug.

Konkret konnte Jesus damit freilich nicht dem Schicksal entgehen, das ihm drohte; denn es war für Kaiphas anscheinend eine so gut wie beschlossene Sache, diesen mutmaßlichen Gotteslästerer und potentiellen Aufrührer unschädlich zu machen. Er wird in dem Kontext mit den Worten zitiert: „Es ist uns besser, ein Mensch sterbe für das Volk, denn daß das ganze Volk verderbe“ (Johannes 11, 50).

Der Überlieferung nach ahnte Jesus, was ihm bevorstand, und flehte in der Nacht vor der Kreuzigung Gott an: „Mein Vater, ist`s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber“ (Matthäus 26, 39). Anders als mancher spätere Märtyrer hatte Jesus keinen Drang zu Selbstbeschädigungen, wie sie Wilhelm Reich in seinem Buch über „Massenpsychologie des Faschismus“ religiösen Fanatikern zuschreibt.

Doch Jesus wollte erdulden, was für ihn bestimmt schien, und wandte sich weder zur Flucht noch setzte er sich zur Wehr, als er im Garten Gethsemane festgenommen werden sollte.

Während die anderen Jünger fluchtartig das Weite suchten, hatte Judas Ischariot keinen Grund zur Furcht vor den römischen Schergen und deren jüdischen Handlangern; denn er soll sie in den Garten zu Jesus geführt und diesen zur Identifizierung mit den Worten begrüßt haben: „Friede mit Dir, mein Rabbi“ (Matthäus 26, 49).

Einerlei, ob dieser „Verrat“ zum göttlichen „Heilsplan“ im christlichen Sinne gehörte, bleibt die Frage nach Judas` Motiven offen. Wollte er eine Situation herbeiführen, in der Jesus sich endlich als Messias bekennen sollte, wenn er es denn war? Hatte Judas sich in Jesus getäuscht und fühlte sich daher selbst verraten? Ging es ihm um die 30 Silberstücke, die man ihm für die Denunzierung Jesu` geboten haben soll? Wie es heißt, warf Judas das „Blutgeld“ reumütig in den Tempel und erhängte sich, nachdem Jesus widerstandslos abgeführt worden war.

Was er auch im Sinn gehabt haben mochte, stand der Name dieses „Verräters“ für die Juden, Jesus dagegen wurde mit der Erhebung zum gottgleichen Christus ebenso „entjudet“ wie Maria als „Mutter Gottes“ und auch die Apostel.

Als der Morgen graute, versammelten sich die Ältesten, Priester und Gesetzesgelehrte der Juden unter Kaiphas` Leitung zur Anhörung von Jesus. Der schwieg zu den Zeugenaussagen, denenzufolge er den Tempel abreißen wollte, und zu anderen Vorwürfen ebenfalls.

Erst als er gefragt wurde, ob er der prophezeite Messias wäre, gab er zur Antwort: „Ihr sagt es: Ich bin`s“, wie es im Lukas-Evangelium heißt (Lukas 22, 70). Er beantwortete die Frage damit ebenso ausweichend wie eine ähnliche des Pontius Pilatus, dem er später zur strafrechtlichen Verfolgung vorgeführt wurde.

Der Präfekt hatte an der Ahndung von Verletzungen jüdischer Religionsgesetze eigentlich nur dann ein Interesse, wenn die bestehende Ordnung in Gefahr schien. Und ob Jesus sich für den Messias hielt, brauchte ihn lediglich im Zusammenhang mit der politischen Frage zu interessieren, ob dieser für sich in Anspruch nahm, als Messias König der Juden zu sein. Diese Frage wird in den Evangelien aller drei Synoptiker von Jesus mit den Worten beantwortet: „Du sagst es“ (Lukas 23, 3).

Das war eine Antwort, mit der Jesus sich ebenso wenig bekannte wie zuvor. Und Pontius Pilatus hatte anscheinend Zweifel, ob eine Verurteilung zum Tode gerechtfertigt wäre. Doch weil das Passahfest bevorstand und bei der Gelegenheit Begnadigungen üblich waren, fragte er das vor seinem Amtssitz versammelte Volk, ob er Jesus freilassen sollte oder lieber Barabbas, der des Aufruhrs und des Mordes bezichtigt war, wie es in den Evangelien heißt. Angeblich forderten die im Hof Versammelten die Freilassung von Barabbas, der aus der Sicht vieler Juden ein Freiheitskämpfer war, und verlangten, an dessen Stelle Jesus kreuzigen zu lassen.

Als wollten die Evangelisten den Anhängern Jesu Christi weiteren Ärger mit der römischen Staatsmacht ersparen, legten sie großen Wert darauf, die Verantwortung für die Verurteilung Jesu nicht den herrschenden Römern anzulasten, sondern einer Handvoll aufgeputschter Juden.

Wie demgemäß überliefert ist, gab Pontius Pilatus dem Verlangen des erregten Volkes nach, wusch sich zum Zeichen der Unschuld die Hände, mit dem er das erste überlieferte Beispiel eines politischen Amtsträgers gab, der eine wichtige Entscheidung traf, für die er nicht die Verantwortung übernehmen wollte, und rief der Volksmenge zu: „Ich habe keine Schuld am Tod dieses Mannes. Das habt Ihr zu verantworten“ (Matthäus 27, 24).

„Wenn er unschuldig ist, dann komme die Strafe für seinen Tod über uns und unsere Kinder“, soll die Menge entgegnet haben (Matthäus 27, 25), als wäre eine Massenhysterie ausgebrochen und hätte den Selbsterhaltungstrieb kollektiv außer Kraft gesetzt.

Diese unheimlichen Worte wirkten sich auf lange Sicht verhängnisvoll für die Juden aus; denn die angebliche Selbstverfluchung lieferte Christen später eine weitere biblisch begründete Rechtfertigung zur Verfolgung der Juden als „Mörder Christi“.

Auf Befehl des Pontius Pilatus wurde Jesus vor seiner Kreuzigung ausgepeitscht. Dann setzten die römischen Schergen dem Geschundenen eine Dornenkrone auf den Kopf und verhöhnten ihn als „König der Juden“, bespuckten und schlugen ihn. Anschließend bürdeten sie ihm das Holzkreuz auf, das zu seiner Hinrichtung bestimmt war und auf Anordnung des Präfekten die Inschrift I.N.R.I. trug, als wollten die Römer ihn bis in den Tod hinein verhöhnen; denn diese Abkürzung steht für „Jesus Nazarenus Rex Judaeorum“ („Jesus von Nazareth König der Juden“).

Nach diesen Peinigungen trieben sie ihn hinauf nach Golgatha, der Hinrichtungsstätte, wo mit der Kreuzigung Jesu die Passionsgeschichte ihren Höhe- und Schlußpunkt fand.

„Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Mit diesen Worten tiefer Verzweiflung soll der Gekreuzigte nach mehreren Stunden qualvoll verendet sein (Markus 15, 34 und Matthäus 27, 45). Im Evangelium eines anderen Synoptikers klang es jedoch vergleichsweise ergeben, aber zugleich zuversichtlich: „Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist“ (Lukas 23, 46). Und nach Johannes beendete Jesus sein Leben mit den Worten: „Es ist vollbracht“ (Johannes 19, 30), als wäre mit seinem Tod am Kreuz eine Mission erfüllt.

Nach den evangelischen Überlieferungen soll er am dritten Tag von den Toten auferstanden sein, was von seinen Anhängern, den Christen, bis heute zu Ostern gefeiert und als Beweis seines göttlichen Wesens gewertet wird.

In der Folgezeit soll er einige Male wie ein kosmisches Wesen erschienen sein – den verbliebenen Jüngern und einem Mann namens Saulus, der unter dem Eindruck dieser Erscheinung zum Paulus wurde und die Gestalt des jüdischen Predigers Jesus von Nazareth in die des gottgleichen Christus umdeutete. Mit seinen Deutungen beeinflußte er möglicherweise auch die Wahrnehmungen der Evangelisten, die erst nach Paulus` Bekehrung über das Wirken Jesu von Nazareth schrieben.

Daß Jesus durch Adoption und insofern durch einen Willensakt Gottes zum Messias erhöht war, ist „die älteste Lehre über Christus, die wir haben,“ schreibt Erich Fromm in seinem Essay über „das Christusdogma“.

An den Gedanken, daß Jesus Christus Gottes Sohn wäre, knüpfte auch Paulus an; für ihn war Christus aber von Anfang an ein gottgleiches Wesen, das in aller Ewigkeit existiert und zeitweise in der Gestalt Jesu` auf Erden wirkte, um mit seinem Sühnetod am Kreuz zumindest die Menschen zu erlösen, die an ihn glauben.

Daher ist es zu verstehen, daß die Christen „ein Folter- und Hinrichtungsinstrument zum heiligen Symbol“ ihres Glaubens machten, schreibt Richard Dawkins in seinem „Gotteswahn“ und zitiert Lenny Bruce mit den Worten: „Wäre Jesus vor zwanzig Jahren getötet worden, dann würden die katholischen Schulkinder heute kein Kreuz, sondern einen kleinen elektrischen Stuhl um den Hals tragen.“

Doch die Römer verwendeten für Hinrichtungen gewöhnlich Kreuze, an denen nach Jesus noch Tausende seiner Anhänger während der Christenverfolgungen ihr Leben ließen.

Die ersten Hinrichtungen von Anhängern Jesu Christi – Stephanus und Jakobus – fanden allerdings auf Betreiben „gesetzestreuer“ Juden statt. Sie waren daher Opfer innerjüdischer Konflikte, auch wenn insbesondere Stephanus zu den Hellenisierten gehörte, deren Einfluß auf die religiöse Richtung der Gemeinde Christi ständig zunahm. Bezeichnenderweise wurden die Evangelien in griechischer Sprache verfaßt.

Zu Verfolgungen durch die Römer kam es erst unter Kaiser Nero: Nicht in Judäa, sondern in Rom, wo es inzwischen ebenfalls Anhänger Jesu Christi gab. Im Focus standen hier nicht einzelne Personen, sondern die ganze Gemeinde, der kollektiv die Schuld am Brand von Rom (64 p. C.) zur Last gelegt wurde. Zu denen, die damals am Kreuz starben, gehörte der Legende nach auch Petrus, den Jesus als Gründer seiner Kirche ausersehen haben soll und der erster Bischof von Rom war.

Handelte es sich hier wie anderswo um lokale Ereignisse, kam es mit der netzwerkartigen Verbreitung des Christentums im 3. Jahrhundert n. Chr. unter Kaiser Valerian zur allgemeinen Verfolgung von Christen im Römischen Reich.

Der Grund dafür war aber nicht ihr Glaube an den Gott, den sie für einzig hielten, sowie an Jesus Christus als Gottes Sohn. Dieser Glaube wurde ihnen nur dann zum Verhängnis, wenn sie sich weigerten, auch den Bildern der offiziell anerkannten Götter sowie des Kaisers mit Opfergaben die – für alle Bewohner des Reiches – obligatorische Ehrerbietung zu erweisen und sich damit als loyale Untertanen zu zeigen. Zu dem Zweck ließ Kaiser Diokletian alle Männer, Frauen und Kinder unter Androhung der Todesstrafe auf öffentlichen Plätzen versammeln und die Opfergaben erbringen.

Da die „Pax Romana“ mit der „Pax deorum“ gleichgesetzt wurde, wurden Christen mit ihrem Monotheismus ebenso als potentielle Gefahr für den inneren Frieden des Reiches angesehen wie nichtchristliche Juden, auch wenn Letztere aufgrund langer historischer Erfahrungen etwas mehr Anpassungsbereitschaft gelernt hatten.

Noch bevor unter Kaiser Nero mit der blutigen Verfolgung von Christen in Rom begonnen wurde, hatte sein Vorgänger Claudius das sogenannte Judenedikt erlassen, demzufolge die Nazarener insgesamt, von den anderen Juden dagegen nur die Anführer aus der Hauptstadt verbannt wurden (48/49 n. Chr.).

Das geschah in einer Zeit, als die Anhänger Jesu von Nazareth – Nazarener – noch allgemein dem Judentum zugerechnet wurden und das auch noch ihrem Selbstverständnis entsprach. Mit dem andauernden Streit um die Bedeutung Jesu Christi, der für die einen Gottes Sohn, für die anderen Juden hingegen ein Gotteslästerer war, entfernten sie sich zunehmend von einander.

Der innerjüdische Streit führte zur Trennung, als die Wahrer des alten Glaubens sich nach der Zerstörung des Tempels von Jerusalem – ihres Kultzentrums – als „Buchreligion“ neu konstituierten, in den achtziger Jahren die Anhänger Christi aus der Glaubensgemeinschaft ausschlossen und ihnen demgemäß den Zugang zu den Synagogen untersagten.

Die Zerstörung des Tempels erfolgte nach dem Sieg der Römer im Jüdischen Krieg (70 n. Chr.). Begonnen hatte er durch eine Erhebung der Juden, nachdem der römische Statthalter in Jerusalem den Tempelschatz geplündert hatte. Und diese Erhebung gegen Rom war von blutigen Zusammenstößen zwischen Juden und Griechen (Hellenen) in Caesarea, dem römischen Verwaltungszentrum in der Region, begleitet.

Hatten die Römer gehofft, mit der Zerstörung dieses einzigen jüdischen Heiligtums die Wurzel ausgerottet zu haben, der die Zweige des Judentums inklusive der Nazarener entstammten, so wurden sie durch eine weitere Erhebung, den Bar Kochba-Aufstand, eines Besseren belehrt und wollten den Juden gewissermaßen den Boden entziehen. Insofern verbot Kaiser Hadrian ihnen nach der Eroberung sowie Zerstörung Jerusalems durch die Römer (135 n. Chr.) die Rückkehr in die Stadt, an deren Stelle Aelia Capitolina entstehen sollte. Außerdem ließ er den Landesnamen Judäa gewissermaßen von der Landkarte radieren und durch Palästina ersetzen.

„Allein der Hadrianische Krieg vernichtete in Judäa außer Jerusalem fünfzig befestigte Orte und 985 Dörfer; im Kampfe fielen 580 000 Juden, und dazu kommen noch die unermeßlichen Verluste durch Hunger, Krankheit und Feuer,“ schreibt Hans Lietzmann in seiner „Geschichte der alten Kirche“.

Die Zahlenangaben mögen aus einer Siegermeldung und demgemäß übertrieben sein, geben jedoch einen Eindruck von den verheerenden Folgen des Krieges, der mehr als die vorherigen dazu beitrug, daß durch Völkermord und Vertreibung „der Volksbestand der orientalischen Juden katastrophal gemindert“ wurde.

Der Bar Kochba-Aufstand gegen Rom war – so ähnlich wie fast 300 Jahre zuvor die Erhebung der Makkabäer gegen die Seleukiden – durch das Verbot von Beschneidungen ausgelöst worden. Dieses Verbot widersprach nach jüdischer Auffassung einem Gebot Gottes. Dementsprechend gehörte die Beschneidung von Knaben zu den unerläßlichen Initiationsriten des Judentums und sollte gerade deswegen unterbunden werden. Das Verbot wurde zwar unter Kaiser Antoninus Pius mit Rücksicht auf die Juden zurückgenommen, blieb jedoch für Nichtjuden und damit auch für Christen in Kraft. Diese hatten freilich schon unter dem maßgeblichen Einfluß von Paulus auf die Beschneidung der Nichtjuden verzichtet, die sich zu Christus bekannten, und es schon allein deswegen einfacher als Juden bei der Gewinnung von Proselyten.

Während die Juden auch in der Diaspora ihre Traditionen wahrten und für sich blieben, waren die Christen über die jüdischen Kultustraditionen hinausgegangen, priesen sich als ein „neues Israel“ und hatten mit dem Wort Christi – dem Evangelium – eine Religion geschaffen, die alle Völker lehren sollte, das Heil im Glauben an Jesus Christus zu suchen.

Die Christenverfolgungen im 3. Jahrhundert hatten zwar zur Folge, daß viele Gläubige sich vom Christentum abwandten, um der Hinrichtung zu entgehen; die Verfolgungen konnten aber auf Dauer nicht verhindern, daß die neue Religion vor allem im Osten des Reiches weiter Zulauf hatten – zum großen Teil von Frauen, Sklaven und anderen, denen christliche „Heilserwartungen“ verlockender erschienen als das, was ihnen im realen Leben widerfuhr.

Jesus Christus hatte zwar das nahe „Reich Gottes“ verkündet; doch was kam, war die Kirche und mit ihr die Fiktion, daß mit Kaiser Konstantins Herrschaft „das Königreich Jesu“ errichtet wäre, wie Eusebios, der Bischof von Caesarea, lehrte.

Konstantin hatte das kurz zuvor erlassene Toleranzedikt zugunsten der Christen bestätigt und erklärte das Christentum zur „religio licita“ (312 p. Chr.). Er wollte die „Pax Romana“ im Innern des Reiches mit der „Pax Christiana“ gleichsetzen und darüber hinaus den universalen Geltungsanspruch des Christentums für Roms imperiale Pläne nutzen. Daher kam es ihm gelegen, daß Eusebios ihn als rechtmäßigen Herrscher aller Christen im Römischen Reich und darüber hinaus in Persien pries.

Doch wie es „Im Namen Gottes“ von Karen Armstrong heißt, war es einfacher, „den Glauben zu imperialisieren, als das Imperium zu christianisieren.“

Das lag nicht bloß am Einfluß rivalisierender Religionen, sondern auch an Rivalitäten innerhalb der Kirche. Einige Bischöfe mißbrauchten die Machtbefugnisse, die Konstantin ihnen verliehen hatte, und gingen in die Geschichtsschreibung als „Tyrannenbischöfe“ ein.

Doch wichtiger als der Kampf um Pfründe war der Streit zwischen eifersüchtigen Bischöfen um die Deutungshoheit im Hinblick auf das Wesen Jesu Christi. Kaiser Konstantin nahm für sich in Anspruch, „von Gott als Aufseher über die äußeren Angelegenheiten der Kirche eingesetzt“ zu sein, und wollte den Streit zwischen Athanasianern und Arianern über das Wesen Christi beenden.

Also setzte Konstantin auf dem Konzil von Nicäa zugunsten der Athanasianer den Beschluß durch, daß Jesus als Gottes „Sohn eines Wesens mit dem Vater“ wäre (325 p. Chr.).

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Statue des Apostels Paulus auf dem Petersplatz in Rom (c) :AngMoKio (Eigenes Werk (Originaltext: selfmade photo)) CC BY-SA 2.5, via Wikimedia Commons

Inwieweit dieser Beschluß über die Deutungen von Paulus sowie der Synoptiker hinausging und eher dem entsprach, was der Evangelist Johannes unter Jesus als Gottes Fleisch gewordenes „Wort“ (logos) verstand, mag eine Frage sein, die Theologen beschäftigt.

Für Historiker ist interessanter, wie die Entwicklung weiter ging. Dazu gehört, daß Kaiser Theodosius das in den Reihen der Christen höchst umstrittene Dogma von Nicäa bestätigte und das Christentum auf dieser dogmatischen Grundlage zur Staatsreligion erhob. Er betrachtete offenbar Häresie nicht bloß als Problem der Dogmatik, sondern auch der Politik und untersagte die Verkündung davon abweichender Lehren (381 n. Chr.).

Als nächstes kam das Verbot nichtchristlicher Kulte (388 n. Chr.). Damit gab Theodosius fanatischen Christen quasi freie Hand, Kultstätten Andersgläubiger zu schänden und Götterbilder zu zerstören. Es waren vor allem Mönche, die aktiv beteiligt waren an den Zerstörungen, unter denen Alexandria und viele andere Orte im Orient besonders schwer zu leiden hatten.

Hundert Jahre nach dem Ende der Christenverfolgungen waren es von nun an Christen, die im Namen des Kreuzes Andersgläubige verfolgten und vor Greueltaten nicht zurück schreckten.

Wo heute Raqua ist und der Islamische Staat seine Kämpfer zum Dschihad gegen Nichtmuslime sowie zur Zerstörung von deren Kultstätten antreibt, lag einst Callinicum, das zu Theodosius` Zeiten ein Schauplatz judenfeindlicher Pogrome war. In deren Verlauf brannten christliche Fanatiker unter der Führung des Ortsbischofs die dortige Synagoge nieder. Als der Kaiser die Schuldigen bestrafen und die Synagoge wieder aufbauen lassen wollte, drohte Ambrosius, der hoch angesehene Bischof von Mailand, ihn von der Teilnahme am Abendmahl auszuschließen, und bedauerte, daß er die in Mailand ebenfalls abgebrannte Synagoge nicht eigenhändig in Brand gesetzt hätte.

„Die Flammen hatten durch Gottes eigenen Ratschluß bereits begonnen, sie anzugreifen; ich hatte gar nichts mehr zu tun.,“ schrieb der fromme Kirchenführer dem Kaiser und mahnte: „Das Niederbrennen eines einzigen Gebäudes rechtfertigt keine so weit reichende Aufregung wie die Bestrafung eines Volkes (der Christen in Callinicum), um so weniger, als das eine Synagoge war, die verbrannt wurde, ein Ort des Unglaubens, eine Heimstätte der Gottlosigkeit, ein Schlupfwinkel des Wahnsinns, von Gott selbst verdammt.“

Ambrosius war ein Verächter der Juden, denen er die Schuld an der Kreuzigung Jesu zuwies, und damit nicht der erste unter den Kirchenlehrern.

„Diese haben schon Jesus, den Herrn, getötet,“ hatte der jüdischstämmige Apostel Paulus im erstem Brief an die Gemeinde in Thessalonich geschrieben (Thessalonicher 2, 15). „Auch uns haben sie verfolgt. Sie gefallen Gott nicht“, heißt es dort vermutlich in Anspielung darauf, daß die den älteren Überlieferungen treu gebliebenen Juden das Wort Jesu Christi nicht annehmen und sich insofern nicht dem Willen Gottes beugen wollten.

Deren Ablehnung der apostolischen Glaubenslehre wirkte bis in die Zeit des Nationalsozialismus nach, als mit kirchlicher Druckerlaubnis ein Buch über die „Heilige deutsche Heimat“ herauskam, in dem den Juden vorgeworfen wurde, Paulus verleumdet, verwünscht und verfolgt zu haben und dieser „wie ein Aussätziger oder Pestbehafteter aus den Synagogen“ vertrieben worden wäre. Und es gab zudem Christen im Dritten Reich, die von Paulus und dessen Mitstreitern als „SA Jesu Christi“ schwärmten.

Der Kirchenlehrer Justinus war der erste identifizierbare Geistliche, der die Juden als Mörder Christi anklagte.

Er war Zeitzeuge des Hadrianischen Krieges und wie andere Christen erfreut über die Verwüstungen der Römer in Judäa: „Dies geschieht euch ganz recht: Ihr habt nämlich den Gerechten getötet,“ heißt es im „Dialog mit dem Juden Tryphon“. „Auch jetzt verwerft ihr die, welche ihre Hoffnung auf ihn setzen und auf den, der ihn gesandt hat, den allmächtigen Gott.“ Als hätte Justinus im Sinn gehabt, Julius Streicher eine Vorlage für dessen antisemitische Propaganda zu liefern, warf er den Juden die Verfolgung der Christen vor und erklärte: „Deshalb seid ihr nicht nur Ursache eurer eigenen Ungerechtigkeit, sondern der Ungerechtigkeit schlichtweg aller anderen Völker.“

Streicher war Herausgeber des nationalsozialistischen Hetzblattes „Der Stürmer“. Und in Schaukästen des Blattes war zu lesen, daß die Juden „den Teufel zum Vater“ hätten, wie es Cyprian, im dritten Jahrhundert n. Chr. Bischof in Karthago, gelehrt hatte.

Zur christlichen Religion gehört nicht bloß der Glaube an Gott, sondern auch an den Teufel – den Antichristen, der die Menschen vom Glauben an Gott abbringen will und nach einem alten Vorurteil der Christen auch und besonders in den Juden steckt.

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Johannes Chrysostomos: Malerei aus einem alten Codex

Johannes Chrysostomus – im 4./5. Jahrhundert n. Chr. Bischof von Konstantinopel und einer der meistgelesenen Kirchenväter – hielt sie ebenfalls für teuflisch. Er warf ihnen in seinen „Predigten gegen die Juden“ vor, im Laufe der Geschichte mehrere Male vom Glauben an Gott abgefallen zu sein: „Habt ihr nicht fortwährend gegen Gott gelästert? Seid ihr nicht in die Mysterien des Beelphegor eingeweiht worden? Habt ihr nicht für die Dämonen eure Söhne und Töchter geschlachtet?“

Den Vorwurf des Kindermordes mußte er zwar widerrufen, blieb aber dabei, daß Gott den Juden immer wieder verziehen, sich dann aber endgültig von ihnen abgewandt hätte. „Weil ihr Christus getötet habt, weil ihr sein wertvolles Blut vergossen habt, gibt es für euch keine Gelegenheit mehr zur Wiedergutmachung, keine Gnade mehr,“ als hätten die Juden wegen der Mitwirkung einiger an der Kreuzigung Christi eine Erbschuld auf sich geladen, von der es auch für ihre Nachkommen keine Entsühnung gab.

Dem Vorbild Gottes nacheifernd sollten Christen sich von den Juden „wie von der Pest und von einer Seuche des Menschengeschlechts“ abwenden und „lieber sterben“ als sich einem jüdischen Arzt anzuvertrauen. Die Hetze dieses Johannes mit dem Beinamen Goldmund (Chrysostomus) war von Streicher sowie anderen Antisemiten des nationalsozialistischen Regimes kaum noch zu überbieten.

Es waren zwar nicht Rassen-, sondern religiöse Lehren, von denen die Gesetzgebung nach der Christianisierung des Römischen Reiches bestimmt waren; doch in ihrer Auswirkung kamen sie für die Juden denen der Rassengesetze im nationalsozialistischen Deutschland nahezu gleich.

Schon die Synode von Elvira hatte den Christen verboten, Felder nach jüdischem Ritus segnen zu lassen, ferner unter Androhung der Kommunionsverweigerung jeden Umgang mit Juden und insofern auch Mischehen mit ihnen untersagt (306 n. Chr.). Das wurde unter Konstantin gesetzlich sanktioniert und außerdem die Bekehrung zum Judentum als Kapitalverbrechen gewertet (315 n. Chr.).

Wie Karlheinz Deschners „Kriminalgeschichte des Christentums“ in Band 1 ferner zu entnehmen ist, konnten die Juden im weiteren Verlauf des 4. Jahrhunderts in ihren testamentarischen Befugnissen eingeschränkt und ihr Vermögen eingezogen werden. Es gab für sie gesonderte Geldbußen sowie andere Strafen. Und daß sie auch von Staatsämtern sowie vom Militär ausgeschlossen wurden, gehörte zu den Bestimmungen, die später von anderen christlichen Ländern übernommen und bis ins 19. Jahrhundert in Kraft blieben, in Deutschland nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten allerdings wieder eingeführt wurden.

Zusammengestellt wurden diese und andere Gesetze im Codex Theodosianus – einer von Kaiser Theodosius in Auftrag gegebenen Gesetzessammlung, die nach dem Untergang des Weströmischen Reiches in germanischen Nachfolgereichen in Kraft blieb und die Juden als „Irrgläubige“ festschrieb.

Auch für Aurelius Augustinus waren sie ebenso wie christliche Häretiker „Irrgläubige“, wie er in seinem „Tractatus adversus Iudaeos“ an die Adresse der Juden schreibt: „Wenn ihr wahrheitsgemäß sagen wollt: ´Wir sind es`, so sagt es dort, wo ihr hört: ´Für die Sünden meines Volkes ist er zum Tode geführt worden`. Das ist nämlich von Christus gesagt, den ihr in euren Eltern zum Tode geführt habt und der wie ein Lamm zur Opferung geführt wurde…“

Augustinus – einer der einflußreichsten Kirchenlehrer der Spätantike – fand es gerecht, daß die Juden zur Strafe für ihre Sünden entwurzelt „und durch alle Länder verstreut“ wurden, trat aber nicht für die ungestrafte Verfolgung von Juden ein und unterschied sich damit beispielsweise von Ambrosius, der ihn getauft hatte.

Die von Ambrosius begrüßten Übergriffe in Syrien waren gewissermaßen im Vorgriff auf weitere Pogrome geschehen, denen die über viele Länder verstreut lebenden Juden bis zur jüngsten Neuzeit vor allem in Notzeiten zum Opfer fielen.

Die Menschen mögen sich erfahrungsgemäß nicht mit Ursachen für Geschehenes begnügen, sondern brauchen Verursacher oder – wie Nietzsche sagte – Täter für etwas Geschehenes. In grauer Vorzeit hatten die Menschen noch völlig arglos das Wirken von Göttern vermutet, wenn die Erde bebte, wenn es blitzte und donnerte, wenn es stürmte oder wenn der Regen ausblieb und das Gras verdorrte. Doch mit der Arglosigkeit war es spätestens vorbei, als Priester manch einer Religion auf die Idee kamen, darin göttliches Wirken – mit oder ohne teuflische Verwicklung – als Strafe für menschliche Sünden auszugeben.

Mit den Sünden kam die Schuld in die Welt, mit der Deuter des „göttlichen“ Willens seit Urzeiten Gläubigen sowie Ungläubigen das Leben schwer machen.

In dem Zusammenhang ist auch der eingangs erwähnte „Sündenbock“ zu sehen, der am Tage des hebräischen Versöhnungsfestes nach alter Tradition mit den Sünden des Volkes Israel beladen und in die Wüste gejagt wurde, als ob das Volk dadurch seiner Schuld entledigt werden könnte.

So einfach wollten Christen von der Spätantike bis zur Neuzeit es den jüdischen Nachkommen des Volkes Israel sowie anderen „Sündern“ nicht machen. Verdorrte oder verfaulte die Ernte irgendwo in Europa, hatten „Hexen“ das bewirkt. Und bebte die Erde oder brach die Pest aus, lastete man es den Juden an, die wie „Hexen“ im Bunde mit dem Teufel zu sein schienen und im Zweifelsfalle – bis heute – an allem schuld sind, was die Menschen plagt. Dafür wollte man sie immer wieder büßen lassen und stürmte die Ghettos, in denen sie abgesondert von den Christen leben mußten, setzte ihre Synagogen in Brand, plünderte ihre Häuser und vertrieb sie als „Sündenböcke“, soweit man sie mit dem Leben davon kommen ließ.

Synagoge Budapest
Größte noch erhaltene Synagoge Europas in Budapest (Ungarn)

Daß in vielen Fällen Bischöfe verfolgte Juden unter ihren Schutz stellten, ändert nichts daran, daß die Jahrhunderte lange Verteufelung der „Mörder Christi“ von der Kanzel herab in vielen Christen antijüdische Ressentiments erzeugt hatte. Und die waren mittlerweile so tief verwurzelt, daß sie das Zeitalter der Aufklärung mit der Emanzipation der Juden überdauerten und sich fortpflanzten unter dem Boden des Rassismus, unter dem der alte Antijudaismus zu neuartigem Antisemitismus mutierte.

Hatten die Kirchen den Juden Versöhnung angeboten, wenn sie Jesus als Christus, ihren Herrn, (an)erkennen würden, schützte es selbst Juden, die schon seit Generationen dazu bekehrt waren, nicht vor der Verfolgung und Vernichtung durch die deutschen Nationalsozialisten.

Nach deren kruder Rassenideologie trugen die Juden „das Böse“ nicht in ihrem „Irrglauben“ mit sich, sondern sie waren gewissermaßen von Natur aus und insofern unveränderlich „böse“. Daß so viele Juden – allen Verfolgungen trotzend – ihre Eigenarten bewahrt hatten, schien dieses Vorurteil zu bestätigen. Und daß Juden sich nicht für die erlittenen Verfolgungen rächen würden, wenn man sie ließe, war für viele ihrer Feinde unvorstellbar. Zu denen gehörte der für die Judenmorde im Dritten Reich mitverantwortliche Reichsführer SS, Heinrich Himmler, der sämtliche Juden – auch ihre Kinder – ausrotten lassen wollte, damit niemand übrig bliebe, der Rache nehmen könnte.

Es war übrigens in der Logik ihrer Ressentiments, daß die Nationalsozialisten ihre Kritik am Christentum hauptsächlich auf die jüdischen Wurzeln diese Religion richteten.

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Hebräische Inschrift an der römischen Kirche San Gregorio (c) Fl.schmitt (Own work) CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons (s.u.)

Auch und gerade deswegen war es nicht das erste, aber ein nichtsdestoweniger bedeutendes Wort, als Papst Benedikt XVI. die Juden als „unsere älteren Brüder“ ansprach und in diesem Sinne an die gemeinsamen Wurzeln erinnerte. Und daß er nicht zum ersten Mal, jedoch schon bald nach seiner Amtseinführung als Papst eine Synagoge besuchte, war ein großer Schritt für ihn nicht bloß als deutscher Landsmann nationalsozialistischer Judenmörder, sondern auch und vor allem als Nachfolger von Bischöfen auf dem Stuhle Petri, unter deren Herrschaft die römischen Juden sich Jahrhunderte lang wöchentlich in der am Rande ihres Ghetto gelegenen Kirche San Gregorio a Quattro Capi christliche Predigten anhören mußten (1278 – 1847).

Über dem Portal dieser Kirche, die als Station der Judenmission am Rande des Ghetto ausersehen war, ist noch heute auf Hebräisch sowie Latein der Spruch zu lesen: „Ich streckte meine Hände aus den ganzen Tag nach einem ungehorsamen Volk, das nach seinen eigenen Gedanken wandelt auf einem Wege, der nicht gut ist (Jesaja 65,2).

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schafbergZum Autor: Herwig Schafberg ist Historiker, war im Laufe seines beruflichen Werdegangs sowohl in der Balkanforschung als auch im Archiv- und Museumswesen des Landes Berlin tätig, arbeitet seit dem Eintritt in den Ruhestand als freier Autor ist und ist besonders an historischen sowie politischen Themen interessiert.