Aus dem „kranken Mann am Bosporus“, wie man die Türkei vor 100 Jahren nannte, wurde unter Erdogan ein gekränkter Mann, der wild um sich schlägt. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr. Daß es aber nicht bloß feindselig, sondern auch freundschaftlich zwischen Deutschen und Türken zugehen kann, wenn man erst der Dummdreistigkeit von Massenmenschen entkommen ist, wird weiter unten im Text erzählt. Ein Gastbeitrag von Herwig Schafberg

Es ist Wahlkampf und es geht hoch her – nicht so sehr auf der Seite deutscher Parteien vor den anstehenden Landtagswahlen, sondern viel mehr auf türkischer sowie auf niederländischer Seite. Und dabei geht es inzwischen scharf zugespitzt um die Frage, ob Minister aus der Türkei einen Anspruch darauf haben, nach eigenem Belieben in Europa um Stimmen hier lebender Türken für ein „Ermächtigungsgesetz“ zu Gunsten von Präsident Erdogan zu werben, der sich von seinen Anhängern schon längst als „größter Führer der Welt“ feiern läßt.

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Karikatur von Gustav Brandt: Ein deutscher Ausbilder bringt dem kranken Mann am Bosporus den Stechschritt bei (Januar 1914) (c) Gustav Brandt/ Wikimedia Commons

Während die Regierungen der Niederlande und Österreichs innertürkischen Wahlkampf auf dem Territorium ihrer Staaten für unerwünscht erklärten, mochte die deutsche Bundesregierung sich nicht zu solch einer klaren Ablehnung durchringen, so daß es lokalen Behörden in einigen Bundesländern überlassen blieb, türkischen Aufmärschen in ihren Gemeinden Hürden in den Weg zu stellen – nicht etwa mit einem Redeverbot für türkische Minister, sondern lediglich mit einer Einschränkung der Versammlungsfreiheit unter bestimmten Umständen.

„Wir können überall hingehen,“ empörte sich der türkische Außenminister Cavusoglu und fügte an die Adresse deutscher Politiker trotzig hinzu: „Keiner von euch kann uns daran hindern.“

Kaum hatte er das gesagt, verbot eine Hamburger Behörde eine Veranstaltung, zu der dieser türkische Trotzkopf erwartet wurde. Zur Begründung wurde angegeben, daß die Brandschutzanlage am Versammlungsort nicht in Ordnung wäre. Aber auch wenn diese funktioniert hätte, sollte man solch einen geistigen Brandstifter nicht ins Haus lassen. Cavusoglu konnte dann allerdings im türkischen Generalkonsulat auftreten.

So weit wollten es die Niederlande nicht kommen lassen, verweigerten dem Flugzeug, mit dem der Außenminister zu einem Wahlkampfauftritt vor dem Generalkonsulat in Rotterdam anreisen wollte, die Landeerlaubnis und stoppten ferner den Wagen der türkischen Familienministerin, die auf dem Landweg die Wünsche des niederländischen Gastlandes umgehen wollte.

Mit Cavasoglu und seiner Kollegin Kaya empörten sich weitere Mitglieder derselben Regierung, die im letzten Jahr deutschen Bundestagsabgeordneten den Besuch deutscher Soldaten auf einem NATO-Stützpunkt in der Türkei untersagt hatte.

Schon allein deswegen war es ziemlich unverfroren, daß die Minister sich nun empörten und sich nicht einmal entblödeten, erst der Bundesrepublik Deutschland und dann auch den Niederlanden Mangel an Demokratie sowie Rechtstaatlichkeit und sogar Faschismus vorzuwerfen, als wollten sie den Spieß umdrehen, der ihnen seit langer Zeit entgegen gehalten wird – vor allem, seitdem ihr Land im Ausnahmezustand ist.

Die EU hat Erdogans Regierung ab 2007 weit über 600 Millionen Euro pro Jahr zur Förderung von Demokratie sowie Rechtsstaatlichkeit zur Verfügung gestellt und damit letzten Endes nichts anderes als den Bock zum Gärtner gemacht.

Ob diese Mittel effizient eingesetzt wurden, brauchte man gar nicht erst zu evaluieren, nachdem Erdogan den gescheiterten Militärputsch im Juli letzten Jahres ausgenutzt hatte, um Offiziere, Beamte, Dozenten und Richter zu Zehntausenden aus dem Dienst zu entfernen, sie teilweise ebenso in Haft nehmen zu lassen wie Tausende Vertreter der Opposition und der Presse. In diesem Zusammenhang ließ er sowohl die Unabhängigkeit der Gerichte als auch die Versammlungs- sowie Pressefreiheit weiter einschränken und will nun ähnlich wie seinerzeit Louis Napoleon Bonaparte seinen Staatsstreich en miniature durch einen Volksentscheid legitimieren und sich Vollmachten geben lassen, mit denen er nach eigenem Gutdünken etwa das Parlament auflösen sowie Richter bestellen könnte.

Die Verfolgung aller, die diesem türkischen Bonaparte-Verschnitt kritisch oder sogar ablehnend gegenüber stehen könnten, war und ist zur Stimmungsmache gegen die Verfolgten propagandistisch begleitet von üblen Verunglimpfungen sowie wüsten Verdächtigungen: Dementsprechend wird dem einen Verbindung zur sogenannten Gülen-Bewegung, dem anderen zur PKK, manchem sogar zur einen wie zur anderen Organisation und allen zusammen Terrorismus vorgeworfen.

Zu den Verdächtigen gehört auch der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel, der vor einigen Wochen verhaftet und von Erdogan auch noch bezichtigt wurde, Agent der Bundesrepublik Deutschland zu sein, als wäre diese eine feindliche Macht.

Aus der Sicht dieses Potentaten und seiner Gefolgsleute haben sich die Bundesrepublik Deutschland und die Niederlande tatsächlich feindlich verhalten, als deren Behörden jene Veranstaltungen untersagten, auf denen die fünfte Kolonne Erdogans unter den  Türken dieser Länder in die Propagandaschlacht für den bonapartistischen Staatsstreich ziehen wollte.

Zur Untermalung des Feindbildes Deutschland gehört die bösartige Unterstellung, die Veranstaltungsverbote wären dafür bezeichnend, daß Deutschland keine Demokratie hätte und hier immer noch Verhältnisse wie im Dritten Reich herrschten. Das behauptete Erdogan in den letzten Tagen wiederholt auf öffentlichen Veranstaltungen in der Türkei und kritisierte im gleichen Sinne die Niederlande, die bekanntlich Opfer des deutschen Faschismus im 2. Weltkrieg waren. Aber so differenziert will man es auf türkischer Seite wohl nicht wissen.

Als hätte Erdogan die Backen nicht schon genug aufgeblasen, verstieg er sich auch noch zu der Drohung, die Welt gegen Deutschland aufzuwiegeln, falls man ihn nicht ins Land ließe, und drohte „schwerste“ Sanktionen gegen die Niederlande an.

Wir kennen derartige Agitation aus Zeiten, in denen tatsächlich Nazimethoden bei uns angewandt und von höchster Stelle gegen bestimmte Gruppen sowie Länder gehetzt wurde. Doch die Zeiten und Verhältnisse sind bei uns – anders als in der Türkei – längst vorbei. Der „größte Führer der Welt“ hat allerdings einen langen Arm, der bis nach Deutschland sowie in die Niederlande reicht und seine fünfte Kolonne dort zu Protesten gegen die Staatsmacht der Wirtsvölker mobilisieren kann.

Während Türken in Istanbul mit „Allahu Akbar“-Rufen die Fahne vom belagerten Konsulatsgebäude der Niederlande holten, warfen türkische Demonstranten in Rotterdam unisono mit dem „größten Führer der Welt“ den Behörden „Islamhaß“ vor, nachdem ihr verbotener Protestzug von der Polizei aufgelöst worden war. Daß der Bürgermeister, der für den Polizeieinsatz verantwortlich war, marokkanischer Herkunft und islamischen Glaubens ist, hatten sie wohl nicht bedacht.

Das einzig Beeindruckende an Agitatoren wie Louis Napoleon Bonaparte, Adolf Hitler und Recep Erdogan ist ihre Fähigkeit zur restlosen Mobilisierung der menschlichen Dummdreistigkeit.

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Photo of Mustafa Kemal Atatürk, October 29, 1923 (c) CC Wikimedia

Mit dem genannten Bonaparte ist übrigens nicht der große Napoleon gemeint, der auf seinen Kriegszügen den Menschen in Europa bürgerliche Rechte brachte und für Hegel den „Weltgeist zu Pferde“ verkörperte. Gemeint ist der Neffe, dessen Herrschaftsstil aus Demagogie und Autorität, sozialen Wohltaten für die einen sowie Unterdrückung anderer bestand und in der marxistischen Terminologie zum Inbegriff des Bonapartismus wurde. Mit seinem Onkel, dem großen Napoleon, auf eine Stufe gestellt zu werden, wäre eine Ehre, die gewiß nicht Hitler und Erdogan zuteil werden dürfte, sondern bestenfalls Kemal Atatürk – einem der bedeutendsten Staatsmänner des 20. Jahrhunderts, obwohl der von ihm betriebene Exodus der Griechen aus Anatolien zu den Tragödien der Weltgeschichte gehört.

Welche Folgen die Mobilisierung massenmenschlicher Dummdreistigkeit haben kann, mußten auch Horst Stasius und sein Reisegefährte erfahren, als sie während ihrer „Weltreise mit dem Tandem“ nach Istanbul kamen und in das Spannungsfeld eines griechisch-türkischen Konflikts gerieten.

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Herwig Schafberg hat die Erfahrungen der beiden in seinem neuen Buch über eine „Weltreise auf den Spuren von Entdeckern, Einwanderern und Eroberern“ festgehalten.

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Er läßt in dem Kontext Horst Stasius erzählen, wie dieser sowie sein Freund Heinz Kaulmann vor rund sechzig Jahren (1955) dem fremdenfeindlichen Straßenpöbel in Istanbul zur Zielscheibe von Anwürfen wurden. Daß die beiden letzten Endes ungeschoren weiter kamen, verdankten sie Kemal Atatürk, den sie sinnbildlich als Schutzpatron bei sich hatten, aber auch zwei türkischen Offizieren, die für jene kemalistische Elite standen, die in der Zwischenzeit von Erdogan entmachtet wurde:

„Wir fuhren am Marmarameer entlang. In der Ferne ragten schlanke Finger in den blauen Himmel: die Minarette von Istanbul, der Stadt am Goldenen Horn. ´Wie friedlich sie da liegt!` sagte Heinz. Er konnte ebenso wenig wie ich ahnen, was für ein Hexenkessel uns erwartete.

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Konstantinopel um 1910 – (c) CC Wikimedia

 
Als wir in die Vororte kamen, meinte Heinz: ´Hier stimmt etwas nicht.` Ich hatte das gleiche Gefühl. Alle Schaufenster waren verrammelt und zunächst keine Menschen in den Straßen zu sehen. Aber plötzlich doch! Aus einer Seitengasse wälzte sich eine wutheulende Menschenmenge. Wir traten kräftig in die Pedale. Jemand warf einen Stein nach uns. Donnerwetter! Das war unheimlich. ´Cipris türk türk! Cipris türk türk!` heulte die wütende Menge. Je näher wir der Innenstadt kamen, desto mehr Menschen begegneten wir. Sie johlten bei unserem Anblick und schrien: ´Cipris türk türk!` 

Bald waren wir von einer Menschenmenge eingekeilt und mußten das Tandem schieben. Mißtrauische, sogar haßerfüllte Blicke trafen uns. Wir ließen uns treiben. Manchmal kamen junge, grimmig aussehende Türken uns näher, als uns lieb war. Es sah fast aus, als ob sie uns verprügeln wollten. Aber sie stutzten, wenn sie unser seltsames Doppelfahrrad mit dem vielen Gepäck und den drei Wimpeln (Deutschland, Österreich und Jugoslawien) sahen. Der griechische Wimpel, den uns Christopherus geschenkt hatte, war noch nicht am Rad befestigt.
 
Etwa hundert Meter vor uns erhob sich ein Riesengebrüll. Glas klirrte, Balken krachten. Eine Menschenmenge zerstörte und plünderte ein großes Geschäft. ´Cipris türk türk!` schrien die Leute. Das scheint der Schlachtruf der siegreichen Partei zu sein. Es ist gut, wenn man sich die Worte merkt: ´Cipris türk türk!`

Immer näher wurden wir zum Geschäftshaus hingedrängt. Da zeigte jemand auf uns und rief ein einziges Wort. Ich fühlte, wie ich blaß wurde, denn das Wort kannte ich schon. ´Ungläubige!` hatte der Türke gerufen. Alle Türken drehten sich nach uns um. Einige bückten sich und warfen auf uns. Wo sollten wir hin? Wir waren von allen Seiten eingeschlossen. Wir hatten jedoch Glück im Unglück; denn das geplünderte Geschäft war ein Obstladen und die Wurfgeschosse bestanden aus Bananen sowie Apfelsinen. Heller Jubel, wenn wir eine matschige Frucht an den Kopf bekamen. Aber dann bedrängten sie uns, rissen uns die Wimpel vom Rad und zerrten am Gepäck.

Hativ Öges Rede zu den Dorfbewohnern hatte Zauberei bewirkt. Warum? Warum? Ich erinnere mich an drei Worte aus seiner Ansprache und schrie sie heraus: ´Bicikletle! Alman! Turisti!` Ein großer stämmiger Bursche drehte sich dem Mob zu und rief: ´Iki Alman turisti!` Alle schwiegen. Einige lächelten. Aber die meisten blickten noch immer wütend, als ob sie sich ein anderes Ergebnis der Begegnung mit uns wünschten.
 
Doch mit einem Schlag änderte sich alles zu unseren Gunsten. Heinz hatte die richtigen Worte gefunden. Laut rief er: ´Cipris türk türk!` Brausende Hurrarufe waren die Antwort. Begeistert klatschte der Mob in die Hände. Unsere zerfetzten Wimpel wurden aus dem Schmutz aufgehoben und uns zusammen mit Geldscheinen, die vermutlich als Schadenersatz gedacht waren, zurückgegeben.

Jemand hängte uns ein großes Bild an unseren Lenker. ´Cipris türk türk`, sagte er dabei. Das Bild zeigte einen ernst blickenden Mann im dunklen Anzug, dessen Gesicht mir bekannt vorkam. ´Cipris türk türk`, antworteten wir und schoben unser Rad von dannen.
 
In einem großen Park fanden wir einen ruhigen Platz. Unter einigen hohen Bäumen schlugen wir unser Zelt auf. ´Morgen müssen wir das deutsche Konsulat finden. Dort wird man uns beraten und erzählen, was hier überhaupt gespielt wird`, hörte ich Heinz noch sagen; dann war ich eingeschlafen.

Als der Morgen dämmerte, packten wir unsere Sachen zusammen und fuhren los. Die Stadt prangte im Schmuck von tausenden roten Fahnen mit Halbmond und Stern. Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett patrouillierten und Panzer rasselten durch die Straßen.
 
Wir kamen an großen Moscheen vorbei zu einer Brücke, die über das ´Goldene Horn` führte. In dem Stadtviertel auf der anderen Seite des Wassers sah es wüst aus, fast wie nach einem Bombenangriff. Hunderte von Schaufensterscheiben waren eingeschlagen, zerrissene Stoffballen lagen beschmutzt in der Gosse, die Kadaver von Kälbern sowie Hammeln vor Fleischerläden und fingen in der Hitze an zu verwesen. Heinz hielt sich die Nase zu.

Immer noch zogen erregte Volksmassen durch die Gassen. Sie zertraten Melonen, Trauben und Tomaten mitsamt den Kisten. Millionen Fliegen summten. Das Bild, das an unserem Tandem prangte, schien uns vor Belästigungen zu schützen. Die gleiche Aufnahme sahen wir auch in allen heil gebliebenen Schaufenstern. An Hauswände war mit Kreide oder Farbe geschmiert: Kibris türktür! ´Ach, so schreibt man das`, stellte ich fest.
 
Bald trafen wir zwei junge Offiziere. Ich hielt sie an und fragte: ´Pardon, parlez-vous francais?` ´No`, war ihre Antwort, ´but I speak English,` sagte der eine. Auch gut, dachte ich und wollte wissen: ´Where is the German consulate?` ´Sind Sie Deutsche?` fragte einer der beiden auf Deutsch. Und dann erklärten sie sich bereit, uns dorthin zu begleiten. Mit ihnen kamen wir durch sämtliche Militärabsperrungen.

Sie zeigten auf eine Schlange von Menschen, die sich vor einer zerstörten Bäckerei drängten. ´Ekmek, ekmek, lütfen ekmek`, riefen die Leute. ´Sie schreien nach Brot. Die Toren haben ihre eigenen Nahrungsquellen zugeschüttet,` erklärte einer der beiden Offiziere.
 
´Warum eigentlich das alles?` fragte Heinz. Der Offizier sah uns erstaunt an. ´Kommen Sie vom Mond? Wissen Sie nicht, was geschehen ist?` Wir bedauerten, aber wir wußten nichts. Da erzählte er uns: ´Sicher kennen Sie die Insel Zypern im Mittelmeer?` ´Ja, natürlich.` Jetzt ging mir ein Licht auf. Kypros hatte Christopherus einmal die Insel genannt und gefordert, daß die Engländer dort abziehen und die Insel den Griechen übergeben. Kibris war zweifellos die türkische Bezeichnung.

Zypern hatte jahrhundertelang zum Osmanischen Reich gehört. Nach dem bulgarischen Aufstand gegen die Osmanen (1876) und der russischen Intervention zugunsten der Bulgaren hatten die europäischen Großmächte auf dem Berliner Kongreß die politischen Verhältnisse in Südosteuropa neu geordnet (1878). Bei der Gelegenheit erhielten die Briten das Recht zur Besetzung sowie Verwaltung der Insel Zypern, die für sie zur Kontrolle der Schifffahrt durch den Suezkanal strategisch wichtig war.

Die Mehrheit der Inselbewohner bestand aus Griechen. Unter denen gab es eine wachsende Bewegung für einen Anschluß der Insel an Griechenland, die dort breite Unterstützung fand. Dagegen begehrte man in der türkischen Minderheit mit Rückendeckung aus der Türkei auf.

´In Istanbul wohnen einige hunderttausend Griechen,` fuhr der Offizier fort, ´und diese Griechen sind fast ausnahmslos Geschäftsleute. Fast der ganze Handel der Stadt liegt in ihren Händen. Ich persönlich habe nichts gegen sie; denn die meisten von ihnen leben schon seit Generationen hier und sind vielleicht ebenso gute Türken wie wir. Aber als man in Athen die Insel verlangte, lenkte sich die Volkswut gegen sie, weil auch die Türkei Ansprüche auf Zypern erhebt. Und da die Griechen sogenannte Ungläubige sind, wandte sich der Mob rasch gegen alle Nicht-Muselmanen.`

´Die griechischen Zypern-Forderungen sind doch alt,` sagte Heinz, ´wie konnte es denn jetzt so plötzlich zu gewaltsamen Ausschreitungen kommen?`
 
´Die Griechen gaben den Anlaß. In Saloniki steht das Geburtshaus des Mannes, dessen Bildnis ich an Ihrem Tandem sehe.` Ach so, Kemal Pascha war unser Schutzpatron… ´des Mannes,` sprach der Offizier weiter, ´der aus dem ´kranken Mann am Bosporus` eine moderne Türkei gemacht hat: Kemal Atatürk, der Vater aller Türken. –  Und in dessen Geburtshaus in Saloniki haben die Griechen gestern morgen eine Bombe geworfen.` ´Was?` schrien Heinz und ich zugleich. Wir dachten beide mit Schrecken an Christopherus und dessen schöne Frau Helena, deren Haus dem Geburtshaus Kemal Paschas gegenüber stand. Ich beschloß, den beiden so schnell wie möglich zu schreiben, um zu erfahren, ob ihnen etwas zugestoßen war.

Der Aufstieg Kemal Paschas zu Atatürk begann nach der Niederlage des Osmanischen Reiches im 1. Weltkrieg. Als Folge des Krieges war dem Reich neben Istanbul mit seinem Hinterland lediglich Anatolien geblieben. Im Osten sollten die Armenier einen unabhängigen Staat und die Kurden immerhin Autonomie erhalten; im Westen und Süden gab es je eine griechische, italienische sowie französische Besatzungszone. Doch dagegen erhob sich in der Türkei Widerstand unter der Führung von Mustafa Kemal Pascha, der für seinen erfolgreichen Kampf später den Ehrennamen Atatürk erhielt.

Er ließ eine Nationalversammlung einberufen, die ihn zum Vorsitzenden sowie zum Oberbefehlshaber einer Befreiungsarmee ernannte (1921). Mit dieser Armee trieb er die griechischen Besatzungstruppen aus dem Land und wirkte darauf hin, daß im Friedens-vertrag von Lausanne die Türkei in ihren bis heute bestehenden Grenzen völkerrechtlich anerkannt wurde (1923).

In diesen Grenzen gab es weder Platz für ein unabhängiges Armenien noch für kurdische Autonomie. Mit den griechischen Truppen mußten die einheimischen Griechen das Land verlassen. Und mit diesem Ende der dreitausendjährigen Geschichte des Griechentums in Anatolien fand die türkische Landnahme in dieser Region ihren Abschluß.

Mit der Abschaffung des Sultanats sowie des Kalifats wandelte Kemal Pascha das Osmanische Reich in einen säkularisierten Nationalstaat der Türkei mit einer republikanischen Verfassung um und regierte das Land vom zentral gelegenen Ankara aus, das unter ihm zur Hauptstadt geworden war (1923).

Staat und Religion wurden voneinander getrennt und die islamische Schariajustiz durch ein Rechtssystem nach europäischen Vorbildern ersetzt. Polygamie wurde ebenso verboten wie Verschleierung von Frauen. Letztere wurden mit Männern vor dem Gesetz gleichgestellt und in der Schule die Koedukation von Jungen sowie Mädchen eingeführt. Das lateinische Alphabet wurde an die Stelle des arabischen gesetzt und die islamische Zeitrechnung durch die christliche abgelöst. Seine Reformideen wurden zu Leitgedanken der kemalistischen Staatsordnung, zu deren Wahrung sich in allererster Linie das Offizierskorps der türkischen Streitkräfte berufen sah.

´Hier ist das Konsulat,` sagte der Offizier. Er und sein Kamerad verabschiedeten sich von uns. ´Heute abend ist ab 8 Uhr Polizeistunde. Schlafen Sie also nicht draußen und gehen Sie nicht aus in dieser Nacht. Es wird geschossen. Auf Wiedersehen.`
 
Das Konsulat war geschlossen. Was nun? Wir könnten Hativ Öge aufsuchen und ihn um Rat fragen. Stundenlang irrten wir durch die Stadt, bis wir endlich seine Straße fanden. Vor Hativ Öges Haus stand eine Wache und verwehrte uns den Zutritt. ´Zeig ihm die Visitenkarte,` schlug Heinz vor. Der Wachhabende warf einen Blick auf den Namen und ließ uns dann ins Haus.

Wenig später stand Hativ Öge vor uns. ´Ich habe mir Sorgen um Euch gemacht,` begrüßte er uns. ´Es ist schade, daß Ihr in Istanbul so einen schlechten Empfang hattet. Und ich schäme mich für die unüberlegte Zerstörungswut meiner Landsleute.`
 
Herr Öge unterbrach sich: ´Welch ein schlechter Gastgeber bin ich. Sicherlich seid Ihr ausgehungert! Kommt!` Wenige Minuten später saßen wir im Dachgartenrestaurant des gleichen Gebäudes. Hativ Öge gab dem Kellner ausführliche Aufträge und sagte zu uns: ´Leider muß ich noch einige Stunden arbeiten. Ihr müßt deswegen allein essen.
 
Anschließend könnt Ihr Euch noch etwas die Stadt ansehen. Ich werde Euch eine Bescheinigung heraufschicken, mit denen sich alle Schwierigkeiten beseitigen lassen. Ihr könnt ja über die Galatabrücke gehen und Euch an der anderen Seite die Süleimanije ansehen. Dort ist es ruhig.`
 
Wir zogen nach dem Essen los und standen bald vor einem Bauwerk, das die Stürme von fast einundeinhalbtausend Jahren überdauert hatte. Es war die Hagia Sophia, ein kreuz-förmiger Tempel, der von einer auf vier Pfeilern ruhenden Kuppel überspannt wird, zu der sich viele kleine Kuppeln gesellen. Zu diesem Bauwerk hatten anfangs keine Türme gehört; die vier Minarette sind spätere Zutaten der Türken. Ich hatte einige Bücher gelesen, die von der Zeit des byzantinischen Kaisers Justinians I. handelten. Daher wußte ich, daß die Hagia Sophia ursprünglich keine Moschee gewesen, sondern die erste christliche Kathedrale und im Jahre 326 im Auftrag von Kaiser Konstantin erbaut worden war. Nach einem Brand und einem Erdbeben ließ Kaiser Justinian sie in den Jahren 532-537 neu aufbauen. Die Türken wandelten sie später in eine Moschee um.

Das geschah nach der Eroberung von Konstantinopel durch die Osmanen, mit der Byzanz zu Fall gebracht wurde (1453). Der Niedergang der Byzantiner hatte bereits begonnen, als sie im 7. Jahrhundert von den Arabern aus der Levante sowie Ägypten vertrieben worden waren, und hatte sich ein halbes Jahrtausend später fortgesetzt, als sie von den Türken zunächst aus Anatolien gedrängt und zum Schluß in Konstantinopel eingekesselt wurden.

Wie unter den arabischen Kalifen genossen die Christen unter den osmanischen Sultanen Kultusfreiheit und hatten in ihren Millet-Organisationen Selbstverwaltungs-rechte sowie eine eigene Rechtsprechung, solange nicht Muslime in Rechtsstreitigkeiten verwickelt waren. Ansonsten waren die Christen als „Schutzbefohlene“ (Rajah) zu der für alle Nichtmuslime obligatorischen „Kopfsteuer“ und zu einer Abgabe in Gestalt der „Knabenlese“ (devsirme) verpflichtet. Demgemäß hatten die Christen auf dem Balkan den Osmanen regelmäßig eine bestimmte Anzahl Knaben auszuliefern, die zum Islam übertreten mußten und für den Verwaltungs- sowie den Militärdienst rekrutiert wurden.

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Mustafa Kemal Atatürk in der Paradeuniform der Janitscharen in Sofia (c) Turkish Armed Forces Photograph Archive [Public domain], via Wikimedia Commons

Aus den Reihen dieser Knaben wurden die Janitscharen gebildet, mit denen Sultan Mehmed Konstantinopel, das letzte große Bollwerk des christlichen Abendlandes, angreifen und sturmreif schießen ließ. Voller Verzweiflung stellten die Byzantiner in die Mauerbreschen Heiligenbilder, die naturgemäß nichts gegen die Kanonen der Osmanen ausrichten konnten. Die Aufrüstung von Armeen mit schwerer Artillerie führte übrigens dazu, daß Stadtmauern allmählich überflüssig wurden und Städte sich darüber hinaus ausdehnen konnten.

Nachdem die byzantinische Hauptstadt erstürmt war, verlegte Mehmed der Eroberer seine Residenz dorthin, die neben Konstantinopel den Namen Stambul (später Istanbul) erhielt. Zur Konsolidierung der Herrschaftsordnung gewährte Mehmed der griechisch-orthodoxen Kirche mit dem Patriarchen von Konstantinopel an der Spitze einen autonomen Status, ließ aber die Hagia Sophia in eine Moschee umwidmen.

Wir verließen die Hagia Sophia und gingen zur Süleimanije, die als schönste Moschee von Istanbul gilt. Leider hatten wir beide keine Ahnung von ihrer Entstehungsgeschichte. Um darüber Auskunft zu bekommen, fragte ich einen Türken: ´Do you speak English?` ´Yolk,`sagte er und schüttelte verneinend den Kopf. ´Schade,` sagte ich und zeigte ihm den Schein, den Hativ Öge uns während der Mahlzeit durch einen Diener hatte schicken lassen. Zunächst abweisend, aber dann interessiert las er, was auf dem Papier stand: ´Natürlich spreche ich Englisch, natürlich!` rief er freudig aus. ´Und warum vorher nicht?` fragte Heinz. ´Beim Barte des Propheten!` antwortete der Türke; ´ich habe geschworen, nicht eher wieder ein Wort mit einem englischen Touristen zu wechseln, bis die Zypernfrage zu unseren Gunsten geklärt ist. Die Insel Zypern gehört der Türkei!`
 
Wir nickten zustimmend. Wir hatten bei den Griechen ebenfalls zustimmend genickt, wenn sie die Insel für sich beanspruchten. Und in England würden wir denen zustimmen, die Zypern weiter unter britischer Krone sehen wollten.

Zypern blieb zwar nicht unter britischer Herrschaft, wurde jedoch auch nicht an Griechenland oder die Türkei abgetreten, sondern ein unabhängiger Staat (1960). Doch nachdem radikale Verfechter des Anschlusses an Griechenland die Macht auf Zypern an sich gerissen hatten, besetzte die Türkei den vorwiegend von Türken besiedelten Nordteil der Insel (1974), vertrieb die dort ansässigen Griechen, denen seither das Recht auf Rückkehr verwehrt wird, siedelte stattdessen zehntausende Türken aus Anatolien dort an und tat mit ihrer bis jetzt andauernden Besatzungspolitik im wesentlichen nichts anderes als das, was sie den Israelis in Palästina vorwirft.

Hativ Öge hatte ein Haus in einem vornehmen Villenvorort von Istanbul. Er bat uns, wenigstens drei Monate seine Gäste zu bleiben. Doch wir bepackten nach mehr als einer Woche unseren Drahtesel, machten uns auf den Weg in das Innere Anatoliens…
 
´Bald müßten wir die Hauptstadt erreichen,` sagte Heinz eines Abends, als wir müde unser Tandem einen Berg hinaufschoben. Dunkle Wolken zogen über den Himmel. In der Dunkelheit verwischten sich die Kurven der Hügel. Um so eindrucksvoller war der Anblick, der uns plötzlich hinter einem Hügel erwartete. Am Hang in der Ferne glänzte es wie ein vom Himmel gefallenes Sternenmeer: Ankara! Auch hier öffnete uns die weit reichende Hand Hativ Öges Türen. Wir wurden Gäste auf einem staatlichen Landgut, von dem aus wir los zogen, um die Stadt kennenzulernen…
 
Schnell gewannen wir auch hier in Ankara Freunde. Es waren zumeist Studenten, die uns aufsuchten, nachdem sie in den Zeitungen von uns gelesen hatten. Einige lernten wir auch durch unsere Vorträge in Schulen kennen: Alaeddin, Hassan, Sükrö, Yilderim und andere.
 
Manche von ihnen führten uns durch das alte und neue Ankara. Die Altstadt hatte winkelige Gassen mit kleinen Häusern sowie bescheidenen Läden, die von einer Festung überragt waren. Der neue Stadtteil dagegen ähnelte einer modernen europäischen Stadt. ´Ankara wächst in die Zukunft hinein,` erklärte uns Yilderim.
 
Als eine alte Frau uns entgegen kam und uns Fremde sah, zog sie sich ihren Schal vor das Gesicht. ´Das ist das Symbol der Türkei von gestern,` sagte Yilderim. ´Schleier und Fez hat die Regierung verboten, aber immer noch verdecken alte Landfrauen ihre Gesichter. – Und das ist das Symbol der Türkei von heute.` Mit den Worten wies Yilderim auf eine Gruppe junger westlich gekleideter Türkinnen mit pechschwarzem Haar hin, die uns völlig ungeniert in fröhlicher Unterhaltung entgegenkamen.

Im Zuge seiner Reformen hatte Mustafa Kemal Pascha mit seiner Autorität als Vater der Türken – Atatürk – das Tragen des Fez, einer traditionellen Kopfbedeckung für Männer, und auch des im islamischen Kulturkreis üblichen Kopftuches für Frauen in öffentlichen Gebäuden ebenso verboten wie religiöse Bruderschaften und Orden. Für ihn war der Islam „ein stinkender Kadaver“, der den Staat „verseucht“ hätte und durch eine Säkularisierung des Staates sowie dessen Modernisierung nach westlichem Vorbild unschädlich gemacht werden müßte, wenn die Türkei sich weiter entwickeln und zu Europa aufschließen wollte. Deshalb wurde die Religionsausübung unter staatliche Aufsicht gestellt. Und die Türkei übernahm etliche Gesetze aus Westeuropa, aber nicht das, was Montesqieu den “Geist der Gesetze“ nannte. Daher blieb die Öffnung des Landes nach Europa oberflächlich.

Religion sowie Tradition hielten sich auch ohne Fez und Schleier in zahlreichen Köpfen des Landes. Unter der Führung von Ministerpräsident Receb Tayyib Erdogan wurden zwar nach dem Beginn der Verhandlungen über einen EU-Beitritt der Türkei (2005) weitere Reformen zur Demokratisierung des Staates nach europäischem Vorbild durchgeführt; zugleich nutzten Erdogan und seine konservativ-islamische Partei (AKP) jedoch die damit einhergehende Entmachtung der kemalistischen Elite – in erster Linie des Militärs – zur schleichenden Reislamisierung der Türkei.

Es ist noch nicht lange her, daß die Ehefrauen politischer Verantwortungsträger mit Kopftuch zu einem Parlamentsempfang erschienen und Erdogan diesen offensichtlichen Verstoß gegen die gesetzlich vorgeschriebene Kleiderordnung mit den Worten kommentierte, die Zeiten hätten sich geändert. Für die Kemalisten war das ein weiteres Indiz dafür, daß die laizistische Verfassung der Republik durch den Islamismus bedroht ist.“
 

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schafbergZum Autor: Herwig Schafberg ist Historiker, war im Laufe seines beruflichen Werdegangs sowohl in der Balkanforschung als auch im Archiv- und Museumswesen des Landes Berlin tätig, arbeitet seit dem Eintritt in den Ruhestand als freier Autor und ist besonders an historischen sowie politischen Themen interessiert.

Sein letztes Buch erschien bei BoD unter dem Titel „Weltreise auf den Spuren von Entdeckern, Einwanderern und Eroberern“ (ISBN 978-3-7412-4491-9)
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