Ein Gastbeitrag von Marko Wild

Björn Höcke hat wieder einmal etwas gesagt. Ein Denkmal der Schande hätte sich Deutschland ins Herz seiner Hauptstadt gepflanzt. Schon am darauf folgenden Tag wurde er dafür von einem Linken und einer SPD-Frau wegen Volksverhetzung angezeigt. Auf der thüringer AfD-Seite erklärte er sich zu seiner Aussage. Er verwies auf Martin Walser – der nicht gerade im Verdacht steht, ein Rechter zu sein – und auf Peter Eisenmann, den Architekten des Berliner Holocaust-Mahnmals. Eisenmann, ein Jude, und Walser. Beide zweifelten an der positiven Wirkung des Mahnmals. Walser sogar in ähnlichen Worten wie Höcke. Walser sprach 1998, anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, von einer „Monumentalisierung der Schande“. Eisenmann verband mit seinem Entwurf „ohne Schuldzuweisung“ die Hoffnung, Deutschland möge über die Schuld hinwegkommen. „Man kann nicht mit Schuld leben. Wenn Deutschland das täte, müsste das ganze Volk zum Therapeuten gehen.“

Man kann also nicht mit Schuld leben? Irrt Eisenmann hier nicht? Kann, ja muss man nicht manchmal mit Schuld leben? Führt daran nicht oftmals gar kein Weg vorbei? Die Antwort lautet – je nach Betonung – Ja und Nein. Man kann zwar  m i t  S c h u l d  leben. Aber man kann nur schwer mit Schuld  l e b e n.

Psychologisch führt Schuld (zumal eine solche) entweder in die Verdrängung bzw. in die Schizophrenie oder in die Verzweiflung. Verdrängung und Schizophrenie, wenn der schuldige Teil vom Rest abgespalten wird und man nur mit dem, was übrig bleibt, weiter zu leben versucht. Verzweiflung, wenn die Schuld weder verdrängt noch abgespalten werden kann, sondern stets präsent ist und als Subtext alles Denken und Handeln als permanente Anklage mitbestimmt.

Sozial führt Schuld in Entfremdung und Ausgestoßensein. Theologisch wiederum führt sie in die Verdammnis. Wirklich  l e b e n  im Sinne von wünschen, entdecken, gestalten, hervorbringen, lieben, Gegenüber in Beziehungen sein, geliebt werden und angenommen sein mit all den daraus resultierenden Folgen, ein solches  L e b e n  ist mit einer omnipräsenten, in ihrer Dimension geradezu als monströs zu bezeichnenden Schuld nicht möglich.

Nun ist es nicht so, dass sich die etwa 60 bis 64 Millionen Nachkommen deutscher Vorfahren, die gegenwärtig in Deutschland leben, permanent schuldig fühlen würden.

Allein, es wird ihnen nicht gegönnt, sich dieser psychologischen Geißel endlich zu entledigen. Weshalb man wohl auch all jene oben kurz angeführten Symptome im heutigen Deutschland stärker findet als es logisch (den Deutschen geht es ja angeblich so gut wie nie) nachvollziehbar wäre.

Zweifellos sind die Deutschen als Volk heute schizophren. Das „zutiefst gespaltene Volk“ ist mittlerweile medial zum geflügelten Wort geworden. Und selbstverständlich sind die Deutschen ein Volk, das die Verdrängung nicht nur zu einem praktikablen Mittel der Gegenwartsbewältigung erkoren, sondern diese sogar – ganz deutsch eben – gesetzlich manifestiert hat. Stichwort Holocaustleugnung oder §86 StGB. Sie meinen, das sei keine Verdrängung, weil Deutschland ja angeblich seine Vergangenheit „besser“ (Klassenbester in der Aufarbeitung!) aufgearbeitet hat, als alle anderen Völker die ihre? So kann man sich täuschen!

Natürlich ist Verdrängung ein Handlungsmotiv, wenn Dinge, Infragestellungen oder Symbole tabuisiert werden. Erst dadurch wird etwas zum Heiligen. Davor kommt ein Vorhang, den nur die Hohenpriester hinterschreiten dürfen. Der Inhalt erfährt gerade durch sein Verhüllung, durch das Tabu (Tabu kommt aus dem polynesischen und bedeutet „heilig“ bzw. „unverletzlich“), eine quasireligiöse Aufladung und verlangt irgendwann, angebetet zu werden. Um das Unsichtbare für das Volk zu verdinglichen, hantiert die Priesterschaft mit Monstranzen (dem „Herzeigbaren“). In unserem Falle die deutsche Politik mit dem Berliner Holocaustmahnmal.

Wo aber das Negative, das Böse in den Stand des Heiligen, des Unhinterfragbaren erhoben wird, handelt es sich in Wahrheit um eine Art moderne Teufelsanbetung – um politischen Satanismus.

Deutschland ist in dieser Hinsicht weit hinter die Aufklärung zurückgefallen und wieder im Heidentum angekommen. Denn es hofft, durch die Ehrerbietung böser Geister, durch das unablässige Opfern dem Bösen gegenüber, nämliche Kräfte zu besänftigen. Nichts als der Erfolg solchen Tuns könnte unmöglicher sein.

Wie sehr Deutschland vom Bösen verschont bleibt, zeigt sich denn aktuell auch deutlicher als je zu bundesrepublikanischer Zeit: Deutschland bleibt nicht nur nicht verschont – Deutschland zieht geradezu magnetisch sämtlichen Irrwitz und alle (besonders ideologischen) Übel dieser Welt an. Quasireligiöser Wahn, Ausgegrenztsein, Verzweiflung und Verdammung – exakt das kennzeichnet die bundesdeutsche Gegenwartsrealität.

Sozial (auf politischer Ebene) ist Deutschland wieder einmal so verlassen, wie schon zwei Mal im letzten Jahrhundert, weil es sich durch die schier unendliche Blasiertheit deutscher Politik (oder war es Kalkül?) sowohl mit den Visegrad-Staaten, als auch mit Russland, sowohl mit Großbritannien und Südeuropa, als auch mit den USA überworfen hat. Nicht nur einen (politischen) Zwei- , sondern einen Vielfrontenkrieg führt Deutschland diesmal. Die Hoffnung auf den Endsieg dürfte wieder unberechtigt sein.

Derweil verzweifelt das Volk. Es verzweifelt an der Zurechnungsfähigkeit seiner ihn Beherrschenden. Es verzweifelt an Ungerechtigkeit, am Messen mit mehrerlei Maß, an steigenden Abgabenlasten, an der fortschreitenden Einschränkung bürgerlicher Freiheiten, an Terror und Kulturverlust, am zwanghaften Niederwirtschaften ganzer Industriezweige. Es verzweifelt an Empathielosigkeit, die ihm von den Eliten widerfährt, an Medienhetze und Diffamierung, an unerträglicher Demütigung und einer Aufkündigung des Rechts ebenfalls durch die Eliten.

Theologisch beschreitet unser Land schon länger den Weg in die Verdammnis. Also in einen Zustand ohne Hoffnung auf Erlösung. Einen Zustand der endlosen Qual. Weiter oben bezeichnete ich die sogenannte Aufarbeitung der deutschen Schuld als politischen Satanismus. Um diesen Gedanken noch einmal aufzugreifen:

Satan bedeutet übersetzt Ankläger. Oder Staatsanwalt. Gemäß der christlichen Theologie ist Satan derjenige, der die Menschen ohne Unterlass bei Gott, dem Richter, verklagt.

Christlich – und Deutschland behauptete ja immer, christlich zu sein – christlich nun wäre folgende Haltung: ein Volk er- und bekennt seine Schuld, sucht aber gleichzeitig Hilfe beim Verteidiger. Etwas, das jeder Angeklagte (übrigens auch unsere sogenannten Eliten) im realen Leben bei realen Verfehlungen ganz selbstverständlich tut.

Wo allerdings ein Volk die Verteidigung – mithin die Hoffnung auf Erlösung von dieser Schuld (und sei es die Hoffnung auf Begnadigung, wie sie sogar RAF-Terrorist Christian Klar nie aufgibt) – wo ein Volk diese Hoffnung schon fahren gelassen hat, wie beispielsweise Ex-Bundespräsident Wulff es im Januar 2011 tat, als er von Deutschlands „ewiger Verantwortung“ sprach, das Volk also bannspruchartig für immer an diese Schuld kettete, da hat sich dieses Volk bereits der Verdammnis überantwortet. Christlich, ich wiederhole es, christlich wäre die Betonung auf Erlösung aus der Schuld. Nicht das ewige Zelebrieren derselben.

Das zeitigt mittlerweile ganz praktische Folgen. Sollte nämlich die Islamisierung Deutschlands gelingen, dann werden nicht nur bunte Kleider und kurze Röcke, Gleichberechtigung und eine sehr angenehme Freiheit für jeden der Vergangenheit angehören – dann wird auch die christliche Erlösungslehre unter verbotenem Gedankengut gehandelt werden. Insofern ist die Eroberung durch eine Ideologie ohne Erlöungsgedanken im Grunde die folgerichtige Begleiterscheinung einer Politik und Denkweise, die sich des ewigen Gedächtnisses des Bösen und damit der Verdammung überschrieben hat.

Höcke hat also vollkommen Recht, wenn er eine Abkehr von der bisherigen Aufarbeitungspolitik verlangt.